- 4^0 —
Deramwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck der Brühlfchen Aniversitäts.Duch. und Steinbruckerei. R. Lange. Grehen.
köstlich schlafen, und wenn ein Fremder kam, beugte er sich über das Kind und sprach: „Seine Bäckchen smü wie trngelsbackchen, kein Wunder auch: wer so nah dem blauen Himmel aufwachsen darf, der mutz wohl geraten!" _ .. h
Die Mutter schob den Wagen m den, schmalen Gang hm und her und sang dazu, und oft konnte sie unterscheiden, daß Mutter unten in den Gassen stehen blieben und heraufdeuteten mtt Sonnenschirm und bekleideter Hand. Bon Ost bis Sudwest konnte der Kinderwagen im Gang bequem hin und her geschoben werden, unweit hinter dem großen „Kaufhaus am Dom breitete sich de. Bischofs Palast in die enge Gasse und sah rmt vierundzwunzig Fenstern über eine ganze Herde armer Schieferdächer herauf, doch waren alle Fenster iinmer geschlossen, und der gnädige Herr sah sein Patenkind nie spazieren gehen! , t r
Oft trug auch der König Saul das Domkind auf den Armen, sang ihm weltliche Lieder, die er nach und nach erst wieder lernte, ließ es in die Landschaft schauen, zeigte ihm den Rhen« und hieß es auf die tiefen Signale der Schiffe lauschen, auf den Sturm, der zwar die Pappeln senseits des Flusses beugte, dem Turm aber nichts anhaben konnte, und zeigte ihm das Gebirge von Stein und Schiefer, über öeffen Abgründen es geboren war. Er brachte einen Kanarienvogel, und der schmetterte schon am ersten -ag. weil er sich in den hohen Lüften wohl fühlte.
Sie und er," sagte die Türmer,n zum König Saul, „Sie beide haben's gut hier oben! Sie sind ii, Ihrem Element, aber mir nnbcrn finb nicht für bic geboren! .. .
Bogel und Pülmchen waren so bescheidene Kostgänger und waren so dankbar! Wenn Paulus Langeweile hatte, so frng der Bogel an zu singen, und Paulus patschte mit den Händchen nach . ihm und sang mit. An warmen Abenden des ^"chlommers wollten beide nicht aus dem Rundgana weg. und einmal schlief die ganze Familie unter freiem Himmel. Auch die Turmfalken hatten ihre helle Freude an dem gelbgrünen Sänger und verzogen sich ost
W« u„b
melke sie mit Schnee und Eis, hängte ferne nebelichten Gardinen rund um den Turm, so daß man tagelang die andern Turme nicht einmal sehen konnte, kein Dach, kein Licht unten in der Stadt, und wenn der alte Gloriaengel nicht seine Glockenserle gezogen hatte, wäre man aus den Gedanken gekommen: d,e Menschen seren aus- O^An Zeinen» solchen Nebelabend aber kam zum ersten Male St. Nikolaus auf den Turm: ein ungeheurer Kerl, der, von zottigen Glockenseilen umwickelt, mit zwei ausgedienten Uhrzeigern, die er bestimmt auf dem Domspeicher gefunden hatte, Lärm schlug und einen Bart auf der Brust baumelnd trug, der ebenso aus zer- zauselten Glockenseilen zusammengekordelt war!
Das Domkind meinte, als es den Heiligen sah, "ber da riß der ^eiliae seine Lumpen ab, und aus dem verstaubten Speicherkram hob sich ein schwarzgeringelter Schopf und ein gutmutigesAnge- sicht das dem König Saul gehörte und allen Schreck verscheuchte. Da atmete das Domkind auf und jauchzte, und das Bögelchen, das sich auch schon gefürchtet hatte, hob sein Lied in die Gewölbe.
'Das war die stille Adventszeit, in der die dunklen Glocken keine Rübe baden dürfen, dann kam der Weihnachtsabend, der Ge- burlstag, und der brachte vom Bischof einen Korb Wern und von der Stadt auch einen, und die Türmersleute feierten mit dem Könia Saul bis zur Mette um Mitternacht.
Als die Sonne sich wieder in die Höhe schwang, begann Paulus im Rundgang ihr entgegenzulaufen. Er lief durchs die beiden großen Stuben hinaus in die kleine Küche, die ohne rfenfter rm Zweiten Turmgewölbe stak; er lief an dem Schurz der Mutter durch ein winziges Türchen auf den Turmspeicher allwo die Mutter morsche Bretter zerhackte fürs Küchenfeuer; er lief an der Hand des Balers die steile^Treppe hinunter zur Turmuhr und sah zu, wie die schweren Gewichte sich hoben, wie die blanken Rader sich verzacklen, und er trat pendelnd von einem Bem aufs andere, als musse er dem Uhrwerk gehen helfen. Mit dem langen Pinsel durste er die Mder ö[»n Er mußte auch die Glocken schmieren, die hinter dem Uhr- kästen hingen, und er durfte mit hinaufsteigen zu den kleineren Glocken qrad über der Küche. Wenn er mit seinen Fingerten an erzkalten Wände knöchelte, antworteten ihm die großen Glocken nicht; aber die kleinsten waren stets bereit, mit ihm zu spielen, denn 16 Aus^den schultern des Vaters durfte Paulus mit hinunter m den Dom. Da kamen allerlei freundliche Menschen, denen mußte das Domkind ein Händchen geben und mußte ihnen zeigen daß es laufen konnte. Da war auch der König Saul und trug ein weißes Spibenhemd über der Soutane, und viele Manner und Knaben standen um ihn her und sangen. Da schob ein alter Mann einen langen Stab von Bank zu Bank an den Leuten vorbeh und an dem Stab hing ein Säcklein aus Samt, und an dem Socklem bimmelte ein Sckellchen, wie es die Mutter am Bett stehen hatte. An den Wänden lehnten Menschen aus Stein. Kinder hockten da und bliesen die Flöten, aber man hörte sie kaum! Buben m farbigen Röcken durften alle zwei Minuten Ichellen, so laut sie wollten. Der alte Mann mit dem Schellchen am Stab war mit dem Vater befreundet und plauderte hiiiter einer Säule lang mit ihm, und Daulus durfte die Hand am Stab halten. Dann beugte sich der Alte zum Domkind herab und sagte: „Ich bin dein Onkel Glmm- enoel, gib mir ein Händchen!" Da gab Paulus ihm ein Händchen, und nun ritt er auf des Vaters Schulter wieder treppauf.
Das Domkind spielte am liebsten mit dem König Saul und spielte mit dem König Saul am liebsten im Dom.
Der lange Kapellmeister, dessen Reich hinterm Hochaltar bis in die hohen Chorstühle der Domherren sich erstreckte, überragte seine Süngerschar von der Schuller an. Da sah das Kind den liebreichen Mann jederzeit freundlich zu sich lächeln, indessen die überaus langen Arme umherfuchtelten und anscheinend bis zu den gemalten Sternen des Chores hinaufgriffen, als müßten sie dort erst herabholen, was die vielen weitgeöffneten Münder der Männer und Knaben fangen.
Oft aber fand das Domkind den geliebten Onkel ganz allein im Chor; da fang er, da summte er, da blätterte er in großen Büchern, die auf eichenen Pulten ausgebreitet lagen . . . und wenn dann Paulus im Wachstuchschürzchen unversehens angetrippelt kam, da verschwand der lange Schwarzrock sogleich, und Paulus mußte ihn erst wieder suchen. Aber Paulus hatte immer Glück, denn der schwarze Lockenkopf war so ungeheuer dick, daß er sich nicht leicht hinter einem geschnitzten Schaf oder in einer Bank verstecken liefe! Doch läuft das Domkind nicht schnurstracks hin und Zupft den König an der Soutane oder an der Soutanella, sondern es versteckt sich selber hinter einem geschnitzten Esel, der eine Brille trägt, ober hinter einem hölzernen Schwein, das Manschetten anhat, und es ruft: „König Saul! König Saul!" (aber das darf aufeer den Dom- schweizern und aufeer dem Gloriaengel niemand hören!) Uno bann erhebt sich bei König und stapft zu einem hölzernen Engel, der aus einem Pult hockt und in den Tag hinein lacht, und stellt sich breitspurig vor ihn und fragt: , Männeken, habt ihr nicht Paulus Moquntius gesehen, euren Gespielen?" „Nein!" anroortete ber Engel, „nein, König Saul!" Dann geht ber König zum heiligen Martinus, bem Schutzpatron des Domes und ber Diözese, ber in Stein lebensgroß auf seinem Gaul sitzt unb so tut, als wollte er über Altäre unb Menschen hinwegreiten, unb ber Heilige antwortet, ohne gefragt zu sein: „Nein, Majestät" „Hat sich ber Bursch etwa in belnen Mantel verkröchet?" spricht König Saul unb steigt am Thron bes Bischofs in die Höhe, unb bann steht plötzlich das Dom- kind da inmitten des Chores und lacht und ruft immerzu: „Korng Saul! " Da schießt ditzser der Stimme nach wie einem Woll- faben und erhascht wie einen Klüngel das Domkind, hebt's über eine Locken empor unb trägt’s einher.
Das Kind war im Dom zu Hause; es lief schließlich ganz allem die vielen Treppen herunter, trieb sich vor den Kindern umher, die doch seine Gespielen hätten sein können, und stieg allem, wieder empor. Die Domfchweizer, die in bem Glanz unb in ber Herrlichkeit vergangener Jahrhunderte einherstapften, kannten es und lleßen es gewähren; die Glöckner beauftragten es zu winzigen Handreichungen, die jungen Geistlichen nahmen es an ber Hand und zeigten' ihm immer mehr Kinder auf Bild und Stein, der Dam Pfarrer führte es in die Geheimnisse der Sakristei, und waren die Ministrantenröcke nicht gar zu groß gewesen, so hatte es gleich den Domschweizern bunt einhergehen dürfen in den weiten Raumen!
Kinder, die zum Dom beten gingen, verehrten bas Somfinb, als gehöre es auf einen Mar, und empfanden eine heilige Scheu vor ihm und viele glaubten: es sei wirklich aus einem Altarbild heruntergehüpft, weil es sich dort gelangweilt habe! Und weil es bes Bischofs Patenkind war und auch das des Oberbürgermeisters, so trauten sie sich nicht, mit ihm zu reden (was im Dom überhaupt so eine Sache war, denn die grofeen bunten Schweizer hatten Ohren wie Hechelmäuse!), unb das Domkind hätte doch so gern ein paar Freunde gehabt unter den Kindern!
Auch die Erwachsenen, die zum Dome pfarrten, sonderlich die getreuen Stammgäste, die tagtäglich kamen, gewohnten sich daran, bafe bas Domkind, des Bischofs Patenkind, frei aus- und eingehen durste im heiligen Hans, und sie tiefeen sich nicht in ihrer Andacht stören. Ja, sie freuten sich unb erbauten sich, wenn immer fie es iahen unb viele tarnen untertags nur deshalb in den Dorn, daß sie das Patenkind ihres Bischofs sehen konnten! Unb sie brachten ihm. was man Kindern bringt, fühlten sich beglückt, wenn Paullls ihnen zum Dank das Händchen reichte, unb oft sah man nachher das Kerlchen in einer der hohen Bänke sitzen und naschen.
Wiederholt führte der Bischof selber das Kind durch den Dom. wenn er nicht gerade in feierlichem Ornat einherging, und zeigte ihm die unübersehbaren Schätze von Bildern in Farbe, Stein, Holz unb Elfenbein. War bei den gewichtigen Geschichten, bie bargefteUt würben, kein Platz für solche Weltenbürger, so bürsten doch etliche von ihnen so, wie ber liebe Gott sie erschaffen hatte, in ben breiten Rahmen umherpurzeln, durften längst verstorbenen Domherren Blumenkränze halten und Rosen, durften die Schleppen der vornehmen Heiligen tragen, dursten die Krone der Gottesinuiter schwebend halten, dursten bei Gottvater selber unterm Baldachin bes Thrones himmlischen Schnickschnack treiben.
Freilich bei großen Festlichkeiten mußte das Domkmd oben bleiben in seinem Turm, wenn nicht gerade irgendein Erwachsener jifi) feiner erbarmte und es zu sich nahm.
Am Tag vor Christi Himmelfahrt kehrt die Mutter Strohschnitter mit Paulus aus der Stadt zurück, und wie sie nach der Turmtur kommen schmücken zwei Nonnen den Marienaltar, und ein ganzer Blumengarten sicht da und jubelt in die düstere Seckenkapelle wie eine Schar fromm ausgelassener Kinder. Die Nonnen sehen Mutter und Kind und fragen: ob bas nicht bas Patenkmd des feodjmurblgcn Herrn sei, und sagen: „D, lassen Sie uns doch das K'mblein em Weilchen, wir bringen es Ihnen hernach hinauf in den Turm.
iForttehung folgt.)


