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Von

Das Domkind.

Nikolaus Schwarzkopf.

kräftige Mädchen und findet Gegenliebe. Obwohl ihre Liebe lange bleibt, so bleiben beide sich treu auch über Kilians Wüttarzeit, die er bei den Dragonern in Darmstadt abdient. Maria schlagt deshalb die Werbung des Schullehrers aus. Bei einer Hoch- zeit auf einem Nachbardorfe verloben sich beide, aber der Vater Weigand stemmt sich dagegen, daß die arme Handwerkerstochter Hof- vauerin werden solle. Maria findet, da nunmehr nicht länger ihres Bleibens auf dem Weigandhofe ist, bei dem Pfarrer eine Stelle. Als Rliians Vater, der Beharrlichkeit des Sohnes nachgebend, eben in die Heirat eingewilligt hat, stirbt er, und das Trauerjahr schiebt die Heirat hinaus. In diesem Jahre stirbt aber Marias Mutter infolge der Geburt eines Kindes und läßt sich auf dem Totenbette von ihr versprechen, daß sie Vater und Brüder nicht verlassen werde. Sie «Sru» ui f° notwendig, daß sie, auf ihr eignes Glück verzichtend, Cin c^orL Zurück gibt, der nach zwei Jahren vergeblichen Wartens auf die Aenderung ihrer Gesinnung des Hofes wegen eine andere heiratet. Maria führt den väterlichen Haushalt, bis der älteste Frau ins Haus bringt. Sie wird nun Diakonissin.

>eht Kitian erst im Feldlazarett in Nesle wieder und pflegt den Schwerverwundeten bis zum Tode.

Grasens nächstes erzählendes Werk sollteDer Heimwanderer" Autelt sein und schildert, wie ein junger Offizier, der um des Kriegsausganges willen den Glauben an Gott, und um der Revo­lution willen den Glauben an fein Vaterland verliert, nach Nord­amerika auswandert und dort den Heimweg zu Gott und dem 'Vaterland findet.

rhkn nod> der in Gonzenheim entstandenen erbau- lichen Werke gedacht Es sind außer der kurzen BetrachtungCha- 'Akter (Herborn 1919), der Jahrgang PredigtenIm Frieden Gottes (Stuttgart 1924) und das Andachtsbuch für alle Tage des JahresEwigkeit in die Zeit" (Stuttgart 1925).

JBis an die Schwelle des Greisenalters hatte sich Gros' Geist und Körper jung erhalten, und nur die schneeweißen Haare waren die einzigen Anzeichen des Alters an ihm. Seine Predigten, Andachten und seine Erzählungen atmen eine kernige Jugendlichkeit. Der Pre- diger war m ihm mit dem Dichter gepaart, seine erbaulichen Schriften iinn f... i > .... ei. .... r. x..... . z hlenden Werke, sind

sittlichem Ernst durchgluht, vermeiden aber mit sicherem Takt- gesuhl die schon vielen verhängnisvoll gewordene Klippe der Lehr­haftigkeit und vermitteln ein lebendiges Stück Volkskunde.

zürnte srau ntrohschnitter und nahm sich vor, selber auf» SnÄn5nt8oUt®e^ unl,ie 1?0te ihr Kind dabei im Arm tragen! ^ch o 'nte sie sich nicht aufraf enl Sie versuchte, vorerst einmal unauffällig den Domdekan zu sprechen.

TinAauf ,*^1'ls er Samstags aus dem Beichtstuhl kam. Doch wie er sie auf sich zukommen sieht, will er ausweichen und setzt ein verschmitztes Lächeln in die Mundwinkel, wie geistliche Herren es gegen Frauen gern zur Schau tragen, und was vielleicht

Wen sollen: Na, Flitterwochen schon zu End? Warum so Ml die Turmerin läßt ihn nicht vorbei und spricht ihm !>e-lJnp. bartlose Antlitz:Ich sterbe da oben, und mein Kind gedeiht nicht, Herr Domdekan l

Er behält das Lächeln. Frau Strohschnitter liest darin: Freilich sterben Sie da oben! Wo denn sonst?I und er sagt: ,Äaben Sie denn schon eine andere Wohnung?"

Nein, gewiß nicht," versetzte die Frau,aber ich denke: der Dom hat eine Wohnung für unsl"

Wie Sie denken, gute Frau!"

.... So sagt der Dekan und läßt die Türmerin stehen, steckt die Hande in die breiten Spitzen der Aermel und schlurft davon.

Weinend kam sie oben an, und der Mann sagte:Warum weinst du, Mutter?"

Sie sind einig gegen uns," erwiderte sie,sie haben sich gegen uns verschworen; vielleicht hat ihnen unser Taufkaffee nicht ge­schmeckt! Aber an jenem Tag sind sie Freunde geworden, und sie waren zuvor Feinde, und das ist also nicht anders wie bei unserm lieben Herrn und Heiland auch!"

Wieso?" fragte der Mann und goß dunkelbraunes Oel aus einer riesigen Kanne in eine Flasche.

Wie? Du wüßtest das nicht, daß Herodes und Pilatus mit dem Tod Jesu ihre neue Freundschaft verkittet haben?"

Die Zeiten sind schlimm, und sie werden noch schlimmer," ver­setzter der Türmer,und wenn wir etwas durchfechten wollen, muffen wir uns beeilen!"

Und wie wär's. Liebster, wenn du dich. nach einem andern Beruf umsehen würdest?"

Was kann ich viel beginnen mit meiner zerschossenen Hand," erwiderte er,jetzt, wo soviel Krieger ohne jede Arbeit sind, kann ich die meine nicht preisgeben!"

Die Türmerin entfloh oftmals ihrem hohen Käfig, überant­wortete ihr Kind seinem Vater und eilte hinab in die Stadt unter Menschen. Wenn sie nur im Gewühl der Straßen gehen durfte, wenn sie nur das Leben und Treiben sah, Menschen reden hörte, war sie schon beglückt. Wenn sie zwei Menschen an einem Schau­fenster stehen sah, schlich sie sich heran, zu belauschen, was die so eifrig zu besprechen hatten, und sie freute sich an allem, was sie hörte.

Wenn sie spät gegen Abend erst heim kam, stand jeweils der Gloriaengel am Domportal und wollte gerade zuschließen. Ost trieb sie sich ziellos in der Stadt umher, besah sich von jeder Stra­ßenecke ihregesunde" Wohnung da oben, von der sie freilich nirgends ein Fenster erblicken konnte, Und einmal begegnete ihr der Domdekan, als die ersten Lichter schon brannten. Da sah sie dem glatten Gesicht an, daß nicht die besten Gedanken hinter den freundlichen Zügen weilten. Der alte Tippenkucker aber klimperte vorm Portal auf und ab, pnd ohne ein Wort zu sagen, schloß er hinter der Türmerin zu. Sie sah ihn im grünlichen Gaslicht von der Seite an, und dabei kam ihr ein absonderlicher Gedanke . . . Sie konnte den Gedanken nicht für sich behalten, rannte in den Turm und keuchte hinan, und ihr Mann kam ihr entgegen und trug sie auf den Armen wie am Tag der Hochzeit und küßte sie immer wieder.

Wir werden ausharren müssen!" sagte er, aber sie darauf: Paulus befiehlt uns anders!"

Was befiehlt Paulus?"

Komm, nimm mich auf deinen Schoß," erwiderte sie,daß keins von uns umfällt vor Schreck! Der Domdekan ist mir be­gegnet; er hat sicher gedacht: wo treibt sich die Türmerin so spät noch umher? Und der Gloriaengel hat dasselbe gedacht!"

Der Gloriaengel denkt überhaupt nicht!" versetzte der Türmer, und die Türmerin fuhr fort:

Ich aber denke so: ich lasse mich jetzt jeden Abend spät von den Herren erwischen, bis sie in ihrer Art überzeugt sind, daß deine Türmerin ein leichtsinniges Leben führt . . . und dann werfen sie uns aus dem Turm hinaus ... Ja, und es soll mir nichts ausmachen!!"

Die Türmersleute lachten sich an, umarmten sich und wollten es anscheinend doch nicht so weit kommen lassen!

3.'

Indessen wuchs das Domkind heran, ward stark und fröhlich wie die jungen Falken, die unweit feiner Wiege ihr« Nester hatten, und gedieh bester als das Pälmchen. Dor dem Fenster, wo fein Dettchen stand, ragte eine Kreuzblume ins Blaue. Wenn das Kind unter Mittag schlief, so warf die Sonne den Schatten dieser Blume auf das Dettchen, und er strich gemach über die weiße Decke, bis das Schläfchen beendet war. Die kleinen Turmfalken kamen auf die Brüstung des Rundganges geflogen und klebten sich wie Tauben an die schmalen Holzgesimse, schnäbelten, hüpften auf die Kreuzblume und stießen ihren weidmannsmäßig kurzen Ruf freudig in den Tag, der allen Straßenlärm leicht überschrie. Wenn die Luft nicht stürmte und die Sonne schien mitt), so schob die Mutter das Kind in dem Wagen heraus in den Rundgang und ließ es da

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(Fortsetzung.)

Als die Türmerin zum erstenmal herab in den Dom kam, sich vom Pfarrer aussegnen zu lassen, wie das so Sitte ist, eilte aus einer Seitenkapelle der Domdekan auf sie zu, lüstete die Spitzen- üecke des Kindes, das von der Amme getragen wurde, und lächelte lchelmisch und sprach:Das ist das Geheimnis der Ehe: daß man jetne Flitterwochen auszudehnen vermag ins weite Leben!"

Sie lächelte zwar auch zu diesen Worten, ober eigentlich wollte fte ihm antworten, daß Zigeunervolk besser dran sei als sie! Denn Frau Strohschnitter hatte während der ersten Wochen ihrer Ehe die letzten Fliegerangriffe der Feinde mitgemacht und ward seitdem von erschreckenden Träumen heimgesucht. Sie träumte, ihr Bett stehe außen im Rundgang, und die Granaten schwirrten um sie her; sie träumte, die Turmfalken kämen und pickten ihr an den Fuß- Zehen; sie träumte, ihr Bett hänge schräg außen an den Dachfirsten und begänne hinunterzurutschen in die Tiefe! Die Türme des Domes sah sie wanken und durcheinanderpurzeln, die alten Risse breiter werden, die Gipsverklebungen, die Veränderungen der Risse an­zeigen sollten, sah sie entsetzlich klaffen! Jene Nacht, da sie mit 'hrem jungen Mann unter den drei Steinkuppeln des Hauptturmes saß, war nicht so schlimm gewesen wie diese nachfolgenden Träume. Und dabei schoß das fieberhaft erregte Blut durch das winzige Ge­bilde unter ihrem Herzen! Monatelang war sie sozusagen nicht unter Menschen, und außer dem König Saul kam selten jemand herauf: hie und da ein Fremder, der die Aussicht betrachten wollte, hie und da einer ober eine aus dem Bereich der Zosephsgarde, und die hätten auch ganz gut fortbleiben können! Oft setzte die Türmerin vorm Spiegel am Kuchenschrank das Hütchen auf, das noch die Spuren der Mode trug, ging stundenlang so in ihrer Arbeit umher und fang dazu die Lieder der Gassenbuben! Dann setzte sie es wieder ab und meinte und sprach zu ihrem Mann:Ich sterbe hier oben!" Ober wenn der Mann irgenbroie beschäftigt war, sprach sie zu ihrem Kinb:Wir sterben noch ba oben, Paulus Slogantius Nikolausius! Unb bctne vornehmen Paten übertaffen uns unferm Elend!"

Einmal schickte sie ihren Mann ins Stadthaus, daß er sich beim Bürgermeister erkundige, wie weit der Voranschlag gediehen sei!

Der Türmer kam zurück; er hatte sich in einem Vorzimmer ab- fpeifen lassen, und da hieß es: Elektrisches Läutewerk? Feuermel­dung? Liebe Zeit, wir haben eben andere Sorgen! Da sehen Sie, Herr Türmer: die Besatzungstruppen und die Besatzungszivilisten, da sehen Sie: Ausgewiesene, Kriegsfürsorge, Hinterbliebene, Ar­beitslose, Schul», Krankenhäuser, Narrenhäuser, Zuchthäuser, . . . um Gottes willen, bleiben Sie uns vorn Hals mit Ihren Ge­schichten! Oder wenden Sie sich doch am besten an den Dom!