Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, den (4. Dezember Hummer (00

Wrntertage.

Äon Erika v. Watzdorf-Bachoff.

Ich lerne langsam deine Ferne tragen

Und weiß nur dich. Mein ganzes Herz sagt: du.

Die Sehnsucht wächst aus weißen Wintertagen Wie Tannengrün den grauen Himmeln zu. Wird sie vielleicht in dunklen Trauerkränzen Dein Leid bewachen und sich selbst verstehn? Wird sie als Weihnachtstanne für dich glänzen, Um dann in Staub und Alltag zu vergehn? Ich will nicht fragen, fordern oder klagen, Geweihte Nacht ist nah, die selig macht Und Sehnsucht wächst aus weißen Wintertagen Doch einmal sternenhoch in blaue Nacht.

Erwin (Bros, der Pfarrer und Dichter.

Von Prof. Dr. jur. et phil. Kari Esselborn.

Der im folgenden wiedergegebene Artikel, der uns bereits seit längerer Zeit vorlag, bisher aber aus äußeren Gründen zurückgestellt werden mußt«, ist, obwohl ursprünglich als eine Würdigung des mitten im Leben Stehenden gedacht, auch wohl dazu angetan, dem Gedächtnis des am 2. Dezember im Alter von 61 Jahren Verstorbenen gewidmet zu werden.

Die bekanntesten deutschen Volkserzähler hat der Pfarrerstand gestellt, das beweisen Männer wie Albert B i tz i u s (17971854), bekannt unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf, Wilhelm Derlei (17981867), bekannt als W. D. von Horn, Rudolf D e s e r, der unter dem Decknamen D. Glaubrecht schrieb, Karl Heinrich Caspari (18151861), Heinrich Hansjakob (18371910) und Ludwig Frohnhäuser (18401912) oder, wie er sich aus den Titelblät- tem seiner Erzählungen nennt, Konrad Fron. Die Reihe der Namen könnten noch vermehrt werden, doch mögen dies« genügen, um zu zeigen, daß die zwischen dem Berufe als Pfarrer und als Volks­dichter obwaltenden Beziehungen keine zufälligen sein können. Die auffallende Erscheinung findet ihre einfache Erklärung darin, daß niemand tiefere Einblicke in die verborgensten Falten des Volks­lebens zu tun vermag als der Geistliche, wofern er nur zu beobachten versteht. Unter den jetzt lebenden deutschen Volkserzählern nahm Erwin Gros, der ebenfalls feines Zeichens Pfarrer war, eine der ersten Stellen ein.

Erwin Gros nennt den Taunus seine Heimat. Sein Vater, Hein­rich Gros, geboren am 2. März 1833 zu Idstein, gestorben am 26. No­vember 1910 zu Westerburg, war Lehrer, ebenso sein mütterlicher Großvater, Anton Steinhäuser, geboren 1803 zu Nassau a. d. L., ge­storben 1886 zu Okriftel a.M. Er selbst erblickte am 13. April 1865 zu Niederems im Taunus das Licht der Welt. Seinen ersten Unter­richt erhielt er in der Schule des Vaters zu Katzenelnbogen, dann wurde er von verschiedenen Pfarrern unterrichtet und besuchte hierauf ein Jahr lang das Gymnasium zu Hadamar; nach der Versetzung seines Vaters nach Okriftel kam er auf eine Privatschuie nach Biebrich, wo er die Einjährigenprüfung ablegte. Seine drei letzten Schuljahre, 1881 bis 1884, verbrachte er auf dem Ludwig-Georg- Gynmasium zu Darmstadt, das er auf Ostern 1884 mit dem Zeugnis der Reife verließ.

Schon als Primaner verfaßte er eine sehr blutige fünfaktige TragödieDie Curiatier" und arbeitete den Plan eines Dramas aus," das mit Goethes Egmont eine fatale Aehnlichkeit hatte. Dieser erste dichterische Versuch ist verschollen, und der zweite gedieh nicht über den Entwurf hinaus, da der Verfasser jene Aehnlichkeit recht­zeitig erkannt hatte.

Zu Beginn des Sommersemesters 1884 bezog Gros die Universität Leipzig, um nach dem Wunsche seines Vaters Theologie zu studieren; obwohl seiner Neigung die Germanistik mehr entsprochen hätte. In seinen beiden ersten Semestern befaßte er sich denn auch mehr mit Literatur und Geschichte als mit seinem Fachstudium, und in den beiden folgenden genügte er seiner Militärpflicht. Dann siedelte er nach Marburg über, wo ihm Adolf H a r n a ck und Wilhelm Herr­mann die bisher entbehrte inner« Beziehung zu der the »logischen Wissenschaft gaben. Im siebenten Semester, toommer 1887, legte er in Herborn die Prüfung ab, daran schloß sich der einjährige Besuch des dortigen Vredigerseminars. Nach Ablauf des Kandidatenjahrs war er zwei Monate vertretungsweise an der evangelischen Schicke des oberen Rheingaues zu Erbach, die von dem Prinzen Albrecht

von Preußen zum großen Teil unterhalten und von dem Pfarrer Adolf D e i ß m a n n , dem Vater des Berliner Theologen gleichen Namens, geleitet wurde. Bei dem geistig lebendigen, von. religiöser Leidenschaft durchpulsten Manne von hinreißender, volkstümlicher Beredtsamkeit lernte er viel. Gleichzeitig erledigte er seine vier Ar­beiten für die zweite Prüfung. Als er sie im Juli 1888 bestanden hatte, kam er als Staatsvikar nach Kroppach in den Westerwald zu Dekan Kaspar Naumann, einem geborenen Hessen aus Bleichen­bach bei Büdingen.

Die erste selbständige Wirksamkeit im Pfarvdienste übte Gros in Frohnhausen bei Dattenberg aus, wohin er im September 1889 ge­kommen war. Trotz seiner nur einjährigen Amtstätigkeit daselbst faßte er dort festen Fuß. Ein Jahr danach wurde er aus seinen Wunsch nach Hartenrod in dem 1866 von Hessen an Preußen ab­getretenen Hinterland versetzt. Hier galt es, in dem neun Dörfer umfafsenden Kirchspiel das kirchliche Leben, das unter einem der Ausgabe nicht mehr gewachsenen alten Pfarrer arg darniedergelegen hatte, wieder zu heben. Aber nicht nur kirchliche Arbeit harrte seiner, auch dem in erschreckender Weise sein grausames Handwerk treibenden Wucher mußte er begegnen. Die vielen Hofoerkäufe hatten den Grund und Boden entwertet und durch den infolgedessen eingetretenen Niedergang des Bodenkredits waren die Bauern in die Hände von Wucherern getrieben worden. Es war nichts Seltenes, daß früher wohlhabend gewesene Bauern kaum noch eine Kuh im Stalle hatten. Um diesen Mißständen abzuhelfen, gründete Gros im Jahre 1891 in dem Kreise Biedenkopf den ersten Raisfeisenverein. Seine atemlose und vielseitige Arbeit in seiner Gemeind« erwarb ihm Vertrauen: der verschlossene Bauer tat ihm sein Herz auf. Die glückliche Harten- roder Zeit, in deren Anfang die Gründung seines Hausstandes mit Hermine Woeke (November 1890) fällt, endete im Jahr« 1897 durch eine Strafversetzung nach dem nassauischen Sibirien, Höchstenbach im hohen Westerwald, weil er aus der Kreissynode die Psingstjägerei des Regierungspräsidenten gerügt hatte. Seine Hartenroder Abschieds­und seine dortige AntrittspredigtEin' fest« Burg ist unser Gott" erschienen 1898 bei Vandenhoek und Rupprecht in Göttingen und bilden seine erste Verössentlichung.

Nach einem Jahr der Verbannung wurde er durch Gemeindewahl nach Esch bei Idstein im Taunus berufen. Dort sollte ihm eine oin- undzwanzigjährige Wirksamkeit beschieden fein. Der verhältnismäßig geringe Umfang dieser Pfarrei gab ihm Muße zu schriftstellerischer Betätigung. Diese hing von Anfang an aufs engste mit seinem geist­lichen Berufe zusammen. Durch die Andachten Friedrich Nau­manns, mit dem er lange Jahre als Rationalsozialer zusammen­gearbeitet hatte, erhielt er die Einsicht in die Notwendigkeit,nicht nur die religiöse Vorstellungswelt des Bauern kennen zu lernen, sondern auch in seiner Sprache zu ihm zu sprechen", und dadurch mittelbar die Anregung zu einer Sammlung religiöser Betrachtungen A u s d e r D o r f k a n z e l". Die in SohnreysDeutscher Dorf- zeitung" zuerst erschienenen Andachten kamen fast gleichzeitig mit Gustav FrensfensDorfpredigten" heraus, waren aber von diesen gänzlich unbeeinflußt. Im Mai 1900 erschien der erste Band in Buch­form, dem bis 1913 noch sieben weitere folgten, alle seitdem wie der erste wiederholt aufgelegt.

In dem Kampf gegen die die Volksseele vergiftende Schundliteratur erblickte Gros von Anhang an einen Zweig seiner seelsorgerischen Tätig­keit. Er führt« diesen Kampf vor allem dadurch, daß er selbst echte Volksschristen verfaßte. Seine ErzählungDer Lehrer von Harten- Hausen" (1903, 7. und 8. Aufl. 1921) ist sein erster und gleich glänzend gelungener Versuch auf diesem Gebiet. Hinter Hartenhausen verbirgt sich Hartenrod, und die Erzählung ist im Grunde nichts anderes als derKriegsbericht" seines dortigen Kampfes gegen den Wucher.

Acht teils ernste, teils heitere Geschichten vereinigt das BuchVon schlichten Leuten". Bon den darin enthaltenen ernsten Geschichten verdient die erschütternde ErzählungTrotzige Herzen hervorgehoben zu werden. Sie zeigt den Kampf, den der rauhe, aber in seiner trotzigen Kernhaftigkeit sympathische Bürgermeister Daniel Schädler, ein Bauer von echtem Schrot und Korn, gegen die in sein Dorfeingedrungene In- dustrie führt. Altererbter Bauernstolz und Bauerntrotz, der besfere und mildere Regungen des Herzens unterdrückt, um sich ja nichts zu ver­geben, ist auch in der ErzählungLinsemanns Knecht" die Ursache schwerer Geschicke. Der köstliche Humor ober ist entfaltet in der kleinen GeschichteDas ungeduldige Herrchen" sowie in den Humo­reskenDer Gipfel der Bosheit" undWie Winkelhude Luftkurort wurde". Durch bfe Winkelhuder Schilderungen fühlten sich mehrere Städtchen betroffen, die Gros niemals gesehen hatte, ja kaum dem Namen nach kannte, und beschwerte sich entrüstet über dieGemein­heit", ihr Städtchen und seine ehrsame Bürgerschaft so zubla­mieren". Gewiß ein schöner Beweis von des Verfassers lebenswahrer Darstellung!