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erinnerlich war. Ich hatte vor dein Essen Bridledrum auf der Veranda getroffen, im Begriff, drei Damen das abgegriffene Exemplar einer „Aegytischen Times" vorzulesen. Er unterbrach jedoch seine Unterhaltung sofort und begrüßte mich mit überströmender Höflichkeit. Bei Tisch sprach«, wir von allem möglichen, mit Ausnahme der Pflugprüfung in Schubra: vom Suezkanal, von Halims Pferden, von dem drückenden Mangel unverschleierter Frauen, von der steigenden Hiße und der Unmöglichkeit, in Aegypten nach dem ersten Marz eine Woche lang zu leben. Nur O'Donald, der angenehm auf Nadeln saß, spielte ein- oder zweimal auf die Dinge an, die uns allen schwül im Kopf herumgingen, und konnte durch einen gelegentlichen zermalmenden Blick von Beinhaus kaum im Zaum gehalten werden.
Doch der entscheidende Augenblick kam endlich heran Der Engländer hatte eine Riesenfiasche Sekt, eine Spezialität Shepheard, in Eis stellen lassen. Eine nicht ganz mißlungene Nachahmung von Plumpuding. in Kognak brennend und köstlich anzusehen in der Glut eines ägyptischen Nachmittags, war erloschen. Wir waren bei Apfelsinen und Mandeln angelangt. Beinhaus durchschnitt eine Blutorange und zeigte mir, mit seinem tiefernsten Blick und dem Messer lautlos, wie rot sie war. Ich fühlte, was er sagen wollte.
„Herr Bridledrum!" sprach ich ernst und aufstehend, während der unverbesserliche O'Donald an sein Glas klopfte, um der Sache die Weihe einer Tischrede zu geben. Dieses frivole Benehmen in einem jo feierlichen Augenblick ärgerte mich doch: der Mensch hatte auch gar fernen Takt! Etwas schärfer begann ich aufs neue:
,^Herr Bridledriim, kennen Sie diese Zeitung?"
Bridledrum warf einen schiefen Blick auf das Blatt und sagte mit leichtfertiger Gleichgültigkeit:
„Nein! — ach ja, die ,Aegyptische Times — lawohl! — Bitte, Herr George, wollen Sie mir die Mandeln heraufgeben? — Was ich erzählen wollte —" . .
„Herr Bridledrum!" unterbrach ich ihn, wahrend mit Bem- haus half, das kleine Männchen mit unfern Blicken auf den Stuhl zu nageln. „Kennen Sie diesen Artikel?" Damit hielt ich ihm das Blatt vors Gesicht.
,Einen Artikel? — Was meinen Sie — über die englische Flotte in Malta? Danke sehr, Herr George! Die Mandeln sind wirklich zu erbärmlich — darf ich nochmals bitten — Kellner, die
Nüsie!"
„Nein, nicht die englische Flotte!" -fuhr ich hartnäckig fort. „Diesen Artikel hier: über unser Pflügen in Schubra."
„Ach so", sagte Bridledrum, wie erleichtert, daß er mich endlich verstanden habe. „Jawohl, jawohl! Etwas ungeschickt —ich gebe es zu — aber ohne alle Bedeutung! Ich habe ihn kaum angesehen." r ..
„Herr Bridledrum!" — ich erhob jetzt meine Stimme, daß die ganze Tafel aushörte, Orangen zu schälen und Nüsse zu knacken: der entsetzliche O'Donald klapste trotzdem wieder an sein Gais und glänzte vor Vergnügen. „Ich bitte Sie, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie mit diesem Schandartikel nichts zu tun gehabt haben." .
Bridledrum wurde jetzt plötzlich krebsrot und fuhr von feinem
Stuhl auf. „
„Ich — Sie —" er stotterte in steigender Erregung — „ich bin nicht verpflichtet, Herr Eyth — Sie sind nicht berechtigt — der Ton, in dem Sie sich erlauben mir an öffentlicher Tafel eine Frage vorzulegen —"
„Ich bitte Sie wegen meines Tones um Entschuldigung , sagte ich mit erheuchelter Ruhe. „Aber der Artikel enthält eine so infame Entstellung von Tatsachen, an denen mir viel gelegen ist, daß ich die Fragen wiederholen, daß ich auf einer Antwort bestehen muß. Haben Sie mit diesem Artikel etwas zu tun gehabt? Haben Sie dem Redakteur Jackson das Material dazu geliefert? Ich will nicht glauben, daß Sie ihn selbst geschrieben haben. Ja oder nein?"
O'Donald schob ihm ein Glas Champagner hin, das er rasch zu sich nahm. Dann rief er mit frisch angefeuchteter, entschlossener Stimme:
„Sie haben kein Recht, Herr Eyth, mich zu examinieren. Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich antworte niemand, der mich in dieser Weise ausfragt."
„Und ich erkläre den Mann, der diesen Artikel geschrieben hat, für einen Schuft!"
„Sie haben kein Recht, zu vermuten, daß ich den Artikel geschrieben habe."
„Ich habe nicht gesagt, daß Sie ihn geschrieben haben, aber ich verlange die Versicherung, daß Sie ihn nicht geschrieben haben." „Ich weigere mich, auf eine solche impertinente Frage zu antworten!"
„Das genügt!" warf Beinhaus ein, mit einer Stimme, die Hamlets Geist Ehre gemacht hätte.
„Gsch, gsch, gsch!" zischte O'Donald, der sich nicht mehr halten konnte.
„Es ist nicht nötig, gsch, gsch, gsch zu machen!" schrie Bridledrum jetzt in ungeheucheltem Zorn. „Wenn Sie mich einen Schuft nennen, dann — dann — dann sind Sie auch einer!"
Dies war nicht gerade geistreich. Beinhaus stand auf. „Kommen Sie", sagte er mit seiner Grabesstimme. „Sie sind mit Ihren Orangen fertig: ich auch."
Wir gingen gemeßenen Schritts an der langen Tafel hinunter, an der eine Stille herrschte, daß man ein Messer hören konnte, das durch einen Apfel schnitt. Auch auf der Veranda war es still und noch leer. Die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der Palmen auf der Csbekieh, die damals noch mit ihrem undurchdringlichen Buschwerk unter mächtigen Sykomoren eher einem versumpften Urwald glich als dem eleganten Park, der heute aus ihr geworden ist. In den schwülen, schwarzen Schatten der hereinbrechenden Dämmerung flimmerten schon, wie Irrlichter, einzelne Lämpchen, und das zitternde, näselnde Kreischen eines arabischen Sängers tönte schläfrig aus derselben Richtung herüber. Unter mir in der stillen Straße saß ein verspäteter Schlangenzauberer, der, sobald er mich sah, seine glatten, zierlichen Freunde aus dem Sack holte, sie mir entgegenschüttelte und fein: „Backschisch, Backschisch, o Herr!" zischelte. Die ersten Atemzüge des Nachtwindes kühlten unsre Stirnen.
Einige Minuten später gesellte sich auch Heuglin zu uns. „Ausweichen kann er jetzt nicht mehr", sagte Beinhaus. „Wenn nicht in fünf Minuten einer seiner Freunde herauskommt, muß ich für Sie hinein und die ersten Schritte tun."
„Gehen Sie", bat ich. „Je schneller solche Torheiten abgemacht sind, um so angenehmer ist es."
Er ging. Heuglin blieb, und was ich noch nie an ihm bemerkt hatte, sah nach dem aufgehenden Mond. Auch er hatte damals seine stillen Gedanken, die mit Fräulein Zinne, seiner holländischen Araberin, und ihrem Sarazenenschloß in Mt-Kairo zusammenhingen. Doch das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher. Aber wer kann es hindern, wenn sich manchmal die Erinnerungen kreuzen wie Träume und sich verwirren, fast wie das wirkliche Leben selbst.
Mein Abgesandter schien nicht so rasch zum Ziel zu kommen, als wir erwartet hatten. Nach fünfzehn Minuten endlich kam er wieder, aber nur um Heuglin zu holen. Bridledrum habe sich in sein Zimmer zurückgezogen und die Angelegenheit seinen Freunden O'Donald und Fred George übertragen. Ein ganz korrektes Vorgehen. O'Donald sei ein Mann, mit dem sich ein Wort reden lasse. Ich wußte das. Er hatte einen Onkel gehabt, der bei Balaklawa in der Krim gefallen war, und mancherlei abenteuerliche Anverwandte und Vorfahren irischen Blutes. Dies neben dem fröhlichen Blutdurst eines leidenschaftlichen Sportsman gab ihm den erforderlichen mora- lifches Halt, wenn die Dinge ernster wurden. Fred George, der Zele« graphendtrektor, einer meiner besonderen Freunde, weil er in seinen zahllosen Freistunden wunderhübsch zeichnete, wollte dagegen schlechterdings nicht begreifen, daß die ganze Sache kein Scherz war. Wenn die ,Deutschen boxen könnten wie von Gott mit Vernunft begabte Wesen, so meinte er, so wäre die Angelegenheit im Hotelgarten in zehn Minuten geregelt und könnte im schlimmsten Fall einen Zahn und ein paar geschwollene Augen kosten. Aber mit diesen Deutschen fei eben nichts zu machen: es fehle ihnen von ©ebirrt am gesunden Menschenverstände. Bei Eyth habe er bisher geglaubt, wenigstens Spuren hiervon zu entdecken. Er müsse leider znaeben, daß er sich getäuscht habe. Pistolen! — Unsinn!
So ganz unrecht hatte Fred George vielleicht nicht. Aber wie war die Sachlage zu ändern? Wir hatten uns an der öffentlichen Gasthoftafel zwei Schufte an den Kopf geworfen. Wenn Bridledrum mich nicht ebenso öffentlich um Verzeihung bat und die Entstehung des erlogenen Zeitungsartikels so erklärte, daß ich den Redakteur Jackson an den Ohren nehmen kannte, war fein anderer Ausweg denkbar. Allerdings, totschießen konnte ich das kleine Männchen unter keinen Umständen. So weit war ich mit Fred George einverstanden. Nur durfte dies Beinhaus nicht wissen, denn vorläufig mußte zum mindesten der Schein gewahrt werden. Dies schien den Engländern gegenüber notwendig zur Ehre unseres deutschen Vaterlandes, das wir damals, im Jahr 1864, noch unter dem Herzen trugen und heißer liebten als manchmal später nach seiner Geburt.
Ich lag immer noch auf dem Geländer der Veranda, ruhiger und etwas müde werdend, und sog die köstliche Nachtluft in vollen Zügen ein. lieber mir hatte sich der ägyptische Sternenhimmel geöffnet. Unter den schwarzen Bäumen der Esbekieh irrlichterte es lebhafter. In die näselnden Zriller arabischer Musik mischte sich jetzt die pausbackigen Klänge einer böhmischen Damenkapelle aus etwas weiterer Ferne. Die stille Harmonie einer orientalischen Nacht wurde von diesen leichten Dissonanzen kaum gestört. Erst nach einer Weile bemerkte ich, daß sich ein kleiner, schwarz gekleideter Herr neben mir auf das Geländer stützte, so daß mein Arni den seinen fast berührte. Ich sah in das bleiche, weltverlorene Gesicht des Mannes, den ich vor einiger Zeit zum erstenmal vor Meyers Bierwirtschaft in der Muski bemerkt und für einen kranken Missionar gehalten hatte. Er sah auch heute noch so aus.
„Ich bin ein Landsmann von ihnen", sagte er etwas schüchtern, mir noch näher rückend. „Ich heiße Häberle."
„Sehr erfreut", erwiderte ich etwas geärgert. Der Friede und die Stille der Nacht waren mir für den Augenblick lieber als Herr. Häberle.
„Verzeihen Sie, ich bin aus Ingelfingen gebürtig", jiuhr er nach einer Pause fort und stockte wieder.
„Ich verzeihe Ihnen dies von ganzem Herzen", verfilterte ich. da er sichtlich eine Bemerkung erwartete und ich zu weich gestimmt war, um den bleichen Mann schroff abweisen zu können.
(Fortsetzung folgt.) 1
Dchristleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Berlag der Drühl'schen Llniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,


