Ausgabe 
14.9.1926
 
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In Norwegen Eisenbahnen anzulegen, ist mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden. Hohe Berge sind zu durchbohren, Brücken über tiefe Klüfte zu spannen, Abhänge auszubauen, kostspielige Schutzbauten gegen Schnee und Steinlawinen anzulegen. Man muß es der Leitung der norwegischen Staatsbahnen hoch anrechnen, daß sie diese wunderbaren Hochgebirgsbahnen geschaffen hat, technische Meisterwerke, die Gegenden erschließen, die früher nur den geübten Hochtouristen zugänglich waren. Aber nicht nur dies. Mit offenen Augen dafür, daß nur das Beste gerade gut genug ist, sorgt die norwegische Regierung dafür, daß trotz her enormen Kosten das Land mit einem ausgedehnten Netz von Eisenbahnen überzogen wird, die sich in bezug auf Material und Bequemlichkeiten mit den besten Europas messen können. Durchgehende Schnellzüg mit Schlaf- und Aussichtswagen verbinden jetzt West- mit Ost-, Süd- mit Nord- Norwegen. Vom kontinentalen Auslands kann man nun leicht und bequem in Durchgangswagen in die Hochgebirge Norwegens ge­langen.

In Europa gibt es keine Eisenbahn, die eine so lange Hochgebirgs­linie aufzuweisen hat, wie die Bergensbahn, die über eis- und schnee­starrende Gebirgsketten die Verbindung zwischen Kristiania und Bergen vermittelt. Nur vier der Alpenbahnen steigen höher hinauf; sie liegen aber auch 14 gegraphische Breitengrade weiter südlich.

Die einzig schöne Bergensbahn, die der an der Westküste Nor­wegens herrlich gelegenen, alten Stadt Bergen ihren Namen ver­dankt, ist unter den Berg- und Alpenbahnen eine der interessantesten. Es können nunmehr die Touristen ohne daß es einer längeren Reife auf offener See bedarf, in eigenartiger, hochinteressanter Eisen­bahnfahrt das Land der wunderbaren Berge und Fjorde schnell und bequem erreichen. Die Bergen-Bahn bietet auf der 492 Kilometer langen Strecke von Kristiania bis Bergen eine Fülle wunderbarer Landschaftsbilder, die kaum übertroffen werden können. Während der Zug durch Täler, Wälder und Gebirge, an Seen und Fjorden entlang eilt, ziehen an dem Auge des Reifenden in bunter Ab­wechslung die lieblichsten, wie märchenhaft wildesten Bilder vorüber. Diese früher unbewohnten und nur schwierig zugänglichen Gebirgs­gegenden, die die Bergensbahn durchfährt, find mit einem Schlage ein Dorado der Touristen geworden. Bei den Stationen Gjeilo, Haugastöl, Finfe, Myrdal und Opfet hat die norwegische Staatsbahn prächtige Hotels gebaut, die die besten Ausgangspunkte für Fuß­wanderungen und Skitouren in die grandiose Hochgebirgswelt der Umgegend bilden.

Durch die großen Fenster der bequemen Aussichtswagen kann man in Muße die Landschaft betrachten, die in ihrer abwechslungsreichen und abenteuerlichen Schönheit ihresgleichen auf anderen europäi­schen Bahnen sucht. Nach den weltberühmten Fjorden West-Nor- wegens hat dis Bergensbahn den Touristen einen raschen und be­haglichen Reiseweg geöffnet. Von den einzelnen Stationen führen ausgezeichnete Chausseen an den Hardanger- und den Sogne-Fjord, von wo aus vorzügliche Schiffe dis Verbindung mit Bergen und Nord-Norwegen aufrechterhalten.

Wo noch vor vierzig Jahren nur ein Frithjof Staufen und an­dere kühne Männer sich hinaufwagten, um Skitouren durch die wilde Gebirgseinöde zu unternehmen, braust heute der Bergenexpreh mit feinen iuxuriöfen Salon-, Schlaf- und Speisewagen.

Mit Recht wird der erste Teil der Bahn, die von Bergen nach Voß führende sogenannte Voße-Bahn mit den Bahnen an der Riviera verglichen. In der Tat erinnert sie vielfach an die Schön­heiten der italienischen Mittelmeerbahn. Der Zug braust an den im nordischen Stil erbauten Villen der Bergenser reichen Handelsherren vorbei. In einem dieser Häuschen wohnte viele Jahre Edvard @rieg. Seine Asche ruht in der meerumbranbeten Klippe in der Nähe seines Heims. Laubumschlungene Seen wechseln mit moosüber­wachsener Felsenwildnis. Von Tunnel zu Tunnel eilt der Zug. Immer neue, hinreißend schöne Ausblicke öffnen sich. Von blitzendem Sonnenschein übergossen, ruhen die stillen Fjorde. Hinter Voße- roangen überschreitet die Bahn den Fluh und steigt in vielen Tun­nels' auswärts. Die Landschaft nimmt einen anderen Charakter an. Aus dem weiten Voßtal tritt der Zug in wilde, einsame Wäl­der. Nur vereinzelt stehen zwischen den steilen Felsenklippen Ge­höfte. Donnernd brausen schäumende Fälle in die tiefen Schluch­ten. An steilen Felswänden windet sich der Zug dahin. Immer mehr lichtet sich der Wald. Die Welt des Hochgebirges mit feinen zerrissenen Gipfeln und eisglitzernden Hochplateaus umfängt uns. Bei der Station Opfet beginnt der 5300 Meter lange Gravehals- Tunnel. Beim Austritt aus demselben öffnet sich bei der Station Myrdal die einzig schone Aussicht in das Flamsdal. Steil stürzen die Felswände 600 Meter tief ab. Gleich blitzenden Silberbändern rauschen die Fälle in die Schlucht. Das enge Tal durchschäumt der Fluh. In dem kurzen Zwischenräume zwischen zwei Tunnels liegt die Station Hallingskeitz. Seit alten Zeiten haben hier die Bauern des Hardanger Tales ihre Sennhütten. Zwischen den zahlreichen Tunnels blinkt immer wieder das schneebedeckte Hochgebirge auf. In der Tiefe ruhen sonnenübergossene, vom Rauschen der Gebirgs­bäche erfüllte Täler. Wie schwarze Schleier senken sich von den eisstarrenden Bergen dräuende Wolken herab. Im wilden Tanze jagt fier der Sturm heulend um die schroffen Felsenzinnen, bis sie in der Sonne zerflattern.

Immer klarer leuchtet das mächtige Massiv des Harbanger-Iökuls herab, bis der 1917 Meter hohe, wolkenuinflassene Bergesriese mit blitzenden Kuppen vor uns aufsteigt. Der Zug eilt weiter zur Station Finse, der höchsten der Bahn, 1922 Meter über dem Meere. Hier liegt die berühmteste Gebirgsstation der norwegischen Staatsbahn, ein entzückender Holzbau, inj Sommer wie im Winter

zum gesundheitsbringenden Aufenthalt in den Eis- und Schnee- regionen des Hochgebirges einladend. Oestlich von Finfe bewahrt die Landschaft noch eine Zeitlang den gleichen Charakter bis zur Sta­tion Haugastöl. Nunmehr läuft die Bahn abwärts, und die Um­gebung verliert viel von ihrer Wildheit. Ein blitzender See schließt sich an den anderen. Der Zug durchfährt das romantische Hallingdal. Zu grünen tiefen Gewässern erweitert sich der uns in munteren Spründen begleitende Hallingfluß. Am schäumenden Strome windet sich der Zug bergab. Bei Broma stürzt sich unser treuer Begleiter in wilden Stromschnellen in die Tiefe. Im Talgrund fährt der Zug durch dichten, duftenden Wald. Noch folgt Tunel auf Tunnel. Bei der Station Gulsvik erreichen wir den herrlichen Kräderen-See. Heber ihn erhebt sich der von Eiskristallen funkelnde Norefjeld. Mit einem Schlage ändert sich aus der Ostseite das Landschaftsbild.

Im Schatten stiller Waldlandschaften fahren wir dahin. Hönefosj, die einzige Stadt auf der langen Reise, ist erreicht.

Noch einmal grüßen uns abschiednehmend die schneebedeckten Berge des Balders und Hallingdal, während sich die Bahn vom Randsfjord zu dem fruchtbaren weiten Plateau hinaus arbeitet. Bon Hadeland sinkt sie durch Wälder hinab nach Roa und Erna. Hier breitet Nordmarken seine unendlichen Waldstricken bis zu den Kristiania umgebenden Hohen. Auf dem letzten Stück Wege fährt der Zug am idyllisch gelegenen Maridals-See vorbei und beschreibt ge­rade oberhalb Kristianias einen Bogen. In der Tiefe ruht im lachenden Abendfonnenschein das Akertal. Die Wolken heben sich. Im rosigen Scheine liegen die Berge. Die Sonne rüstet sich zur Neige.. Erfrischende Luft bringt durch die weitgeöffneten Fenster. Der Abend naht. Ringsum erstrahlen die Lichter von Hunderten von Gehöften, von den Bergen grüßen erleuchtete, einsame Holzhäuschen. Wie ein Kinderspielzeug jagt unser Zug in der Tiefe dahin und wirft seine Feuer in das dunkle Tal. Wie Glühwürmchen huschen auf den Bergstraßen die Autos dahin.

In bläulich schimmernde Höhenzüge gebettet, liegt Kristiania, ober wie es jetzt heißt, Oslo, am blitzenben Fjorb. Hell leuchtet von bem steilen Felsen über ben Hafen bie alte Festung Akershus. Aus bem grauen Häufernreer ragt das weihe Königsschloß. Der letzte Tunnel bei Etterstad wird passiert, und kurz darauf hält der Zug in der hellerleuchteten Halle des neuen Zentralbahnhofes von Kri­

stiania-Oslo. ~ , ,L

Schwer wird die Entscheidung fallen, in welcher Jahreszeit die Fahrt mit der Bergensbahn eigentlich am schönsten ist. Schön ist sie immer. Aber jede Jahreszeit hat ihre besonderen Reize. Lieblich ist sie im Lenz, wenn bie Frühlingsstürme sich ausgebraust haben, ber Blütenschnee auf ben Bäumen und ber Winterschnee auf ben Bergen liegt. . _

Bon berauschender Schönheit ist bie Fahrt im Sommer, wenn bie Natur ihr prächtigstes Kleid angelegt hat, und bie Bergwiesen mit buntfarbigen Blumen bestickt sinb.

Wenn mit all' seinem Zauber aus Sommertraumen ber Herbst erwacht, schlingt er um bie van ber Bergesbahn burchbrausten ©egen« ben einen Gürtel voller Farbenpracht. Jeder einzelne Baum steht bann auf einem smaragdenen Teppich. Heber die Bahn strecken sich granatfarbene Aeste, van allen Zweigen tropft es rote flüssiges Gold. Die Wipfel der Bäume leuchten in allen Farben, vom zartesten Grün bis zum tieffatten Rot. Selten klar liegen die Berge. Ihre Färbung ist einzig schon, und die Fernsicht ist wohl im Herbst von allen Jahreszeiten die beste.

Bon ergreifender Majestät ist das norwegische Hochgebirge, wenn es sein we'ihfchimmerndes Winterkleid übergeworfen hat. Wenn in den Bergen die Waldwege tief verschneit liegen, aus blitzenden Schneehängen gleich gespensterhaften Berggeistern die schwarzen Fellen lugen, wenn die Tannen mit Schneeschkeiern verhüllt und alle Slefte und Zweige mit funkelnden Edelsteinen bedeckt sind, wenn die Berge ein einzig schimmerndes Wintermärchen sind, erwachen bie Hochgebirgsplätze zu neuem Leben. Dann regiert dort ber Schneeschuh!

Blut und Eisen.

Bon Max C y t h.

(Fortsetzung.)

Hufer Programm Beinhaus nannte es unfern Schlachtplan schien sich mit schneibiger Pünktlichkeit abspielen zu wollen. Im März beginnt Shepheards Hotel sich zu leeren. Du- europäischen Wanbervögel, betten es zu heiß wirb, ziehen ihrer Heimat zu. Der große Speisesaal war nur mäßig besetzt von etwa sunfzehn Frem­den und vielleicht ebensovielen Herren ber europäischen Kolonie Kairos Dies war O'Donalds Leistung. Er war bei all seinen Be­kannten herumgeritten und hatte ihnen dringend empfohlen, heute bei Shepheard zu Mittag zu essen. Man werde beim Nachtisch etwas Ungewöhnliches erleben. Natürlich waren es meist Eng­länder: junge Kaufleute, ein paar Eisenbahnbeamte, ber Tele­graphendirektor Fred George, ein Arzt, der Stallmeister des Vtze- königs und andre: ein Kreis, wie man ihn in einer deutschen Klein­stadt nicht besser zusammenfinden kann. Jedermann kannte sich. Jedermann war äußerst neugierig auf bas von O Donalb ver­sprochene Ereignis. t ...

Es machte sich wie von selbst, bah ich Bridledrum gegenüber Platz nahm. Sieben ihm saß O'Donald unb ber dicke, gutherzige Freb George, neben mir Beinhaus und Heuglin, wir drei bie ein­zigen Deutschen am Tisch, mit Ausnahme eines kleinen schwarzen Männchens am untersten Ende ber Tafel, dessen Gesicht mir dunkel