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in der Seiienmitte durch breite, aber nicht hohe Pfeilervorsprünge gegen Schiebungen gesichert, steigt senkrecht auf und hat eine Mauerstärke von fast 14 Meter; ungefähr in 1 Meter Höhe ist dann die Mauer auf der Außenseite in kleinen Stufen abgetreppt, so daß der dnraufstehende eigentliche Turm kürzere Seitenmaße aufweist. Die Tür zu dem Bau liegt etwa zwei Meter höher als der Erdboden und wird durch eine Holztreppe von außen erreicht. Zwei Stockwerke hoch steigen die Mauern senkrecht empor, ohne eine andere Unterbrechung und Gliederung der breiten Wände als durch schmale Fensterfchlitze; dadurch wird eine gewaltige Wucht und Massigkeit des in durchlaufenden Quaderreihen aufgeführten Turmbaus erzielt, die feine Aufgabe als Verteidigungswerk so recht in die Erscheinung treten läßt.
Lebhafter gegliedert ist der oberste Stock; er hebt sich für das Auge durch ein doppeltes vorspringendes Gesims heraus; die darüber stehenden Wände sind in vier meterbreite Fensteröffnungen von rund 14 Meter Höhe zerlegt; die dazwischen stehenden Pfeiler schließen oben ebenfalls mit einem profilierten und vorspringenden, den ganzen Turm umlaufenden Gesims ab. Die Pfeiler tragen die gewölbten Fensterbogen. Den Abschluß bildet das verhältnismäßig flache vierseitige Pultdach, auf dessen Mitte sich ein kurzer, verbleiter Knopf erhebt. Es würde zu weit führen, auf Einzelheiten einzugehen; hingewiesen sei nur auf die Eingangstür, die mit der Wucht ihrer massigen Größe und der Schönheit der schmiedeeisernen Beschläge von der liebevollen Gewissenhaftigkeit zeugt, mit der Regierungsbaumeister Leydhecker den andernorts gefundenen Originalen getreulich nachgegangen^ist. Zwei Wasserspeier auf der dem Pfahlgraben zugewandten beite unter dem ersten Gesims sollen das durch die offenen Fenster eindringende Regenwasser ableiten. Auch die Dachschiefer entsprechen genau den durch Funde gesicherten römischen Formen. Der in Gestalt einer Lünette über dem Eingang angebrachte Türsturz trägt folgende lateinische Inschrift:
GVSTAVVS - OBERLAENDER
NATIONE - RHENANVS - CIV1TATE ■ AMERICANUS BVRQUM ■ LIMITIS • ROMANORUM VETVSTATE • CONSVMPTVM
IMPENSA - SVA > RESTITVIT
PAVLVS • HELMKE • GIESSENSIS • FACIENDVM CVRAVIT > ANNO • P • CHR • N • MCMXXIII •
Sie besagt also, daß der durch die Länge der Zeit zusammengebrochene Bau von dem Amerikaner Gustav Oberlaender, einem geborenen Rheinländer, auf seine Kosten wieder errichtet worden ist, und daß Paul Helmke aus Gießen die Anregung zur Rekonstruktion gegeben und ihre Durchführung geleitet hat.
Das Innere des Burgus ist, den Mitteln und Zeitläuften entsprechend, einfach gehalten; der Fußboden ist mit Quarzitplatten belegt, deren Fugen mit Zement ausgegossen sind; die Böden der beiden oberen Stockwerke sind aus Dielen bzw. behauenen Stämmen gebildet, zu denen bequeme Holztreppen hinausführen. Die Wände sind rauh und unverputzt geblieben und bieten möglichst geringe Gelegenheit zum Beschmieren und Beschreiben. — Sie Aussicht von oben ist überwältigend schön. Man überblickt den ganzen Zug des Taunusrückens mit den Kastellen Kapersburg, Saalburg und 'Feldberg; zwischen dem Turm und den waldbedeckten Höhen breitet sich die weite Hochfläche von Usingen und den andern Ortschaften bis zum Weiltal aus. Nach Norden senkt sich der Blick in das „Schwarze Loch" nach Ziegenberg und schweift über Langenhain (Römerkastell) bis nach der Römerfestung Butzbach und zum Hausberg, über dem sich bei klarem Wetter in blauer Ferne das Massiv des Dünsbergs bei Gießen erhebt. Wohl am prächtigsten ist die Aussicht nach Osten, wo sich der Johannisberg, Bad-Nauheim, Münzenberg und die' ganze gesegnete nördliche Wetterau mit der reichen Fülle ihrer Dörfer, Aecker und Wiesen dem entzückten Auge darbietet. Die südliche Wetterau und Friedberg sind dem Blick durch den vorspringenden Winterstein entzogen.
Welche Bedeutung hatte der Bau in römischer Zeit? Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen fein, daß wiederholt das Wort burgus, das auch in der Bauinschrift steht, angewendet worden ist. Zu seiner Erklärung sei auf den entsprechenden Artikel von S e e ck in Pauly Wissowa, Reallexikon der klass. Altertumswissenschaften, verwiesen, wo es heißt: „. . . es bezeichnet ein ganz kleines Kastell (castellum parvulum, quem burguni vocant. Veg. IV. 10.), wie man es als detachiertes Fort in der Nähe größerer Festungen zu errichten pflegte . . . ." „Namentlich aber dienen die burgi zum Schutz der Grenzen, an welcher sie, in mäßigen Abständen errichtet, die Zwischenräume zwischen den großen Festungen ausfüllen und das Durchschleichen kleiner feindlicher Raubscharen beobachten und verhindern." Beziehen wir dies auf unseren Burgus, so erkennen wir sofort den Zusammenhang: Er liegt unmittelbar hinter dem Pfahlgraben auf einer überragenden Kuppe; 180 Meter südlich davon befindet sich das Zwischenkastell Kaisergrube und etwa zwei bis drei Kilometer nördlich das Kastell Langenhain, das den Durchbruch der Ufa durch das Gebirge bei Ziegenberg deckte. Unter diesen Umständen scheint es, als ob man noch mehr solcher burgi am Limes wird suchen müssen; ich denke z. B. an das kleine Fort nördlich von der Kapersburg im Ockstädter Wald.
Aber damit ist die Frage nach der Bedeutung dieses burgus noch nicht erschöpfend gelöst; es ist schon früher darauf hingewiesen worden, daß der Oberbau mit feinen durchbrochenen Fenstern ganz anders als bei den gebräuchlichen Limestürmen mit ihren offenen Umgängen gebildet ist. Die Deutung gibt an d-er angeführten Steile Fabricius, der mit Recht darauf hinweist, daß dort oben Geschütze
gestanden haben, die wie die modernen Maschinengewehre das Gelände beherrschten; durch die Ecken, die Pfeiler und das Dach waren die Bedienungsmannschaften gegen einschlagende feindliche Geschosse gesichert. „So entwickelte sich hier die Turmform, deren bestes Beispiel aus spüthellenistischer Zeit in der kleinasiatischen Stadt Perge erhalten ist. Wie nach oben läßt die Entwicklung dieser Turmsorm ich auch nach unten, in das Mittelalter verfolgen. Auf ihr beruht >er besonders in Italien vertretene lombardische Kirchenturm mit einer nach allen «eiten geöffneten Plattform im Dachgeschoß." Und ein anderes Beispiel aus römischer Zeit finden wir in Deutschland selbst: Die Porta nigra in Trier mit ihren mächtigen zahlreichen Fenstern, die durchaus Verteidigungszwecken dienten.
Und noch eine Frage ist zu klären; besteht ein Zusammenhang des burgus auf dem Gaulskopf mit dem auf dem Johannisberg, und welcher? Beide Bauten zeigen auffallende Aehnlichkeiteu: Die Größe der Mauerlänge, die an den Ecken vorspringenden Pfeiler, die Dicke der Mauern, die Höhenlage u. a. Andsrerfeits gibt es auch Unterschiede: Der Nauheimer Turm war mit gebrannten Ziegeln der XIV. Legion (Gemina Martia Victrix) gedeckt, der Gaulskopf mit Schiefer; auch die Fundstücke sind verschieden, denn der Jo- hannisbergturm ist schon am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts unter Domitian gebaut und dann weiter bis zum Ende der Römerherrschaft (260 n. Ehr.) benutzt worden, während der Turm am Winterstein erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts errichtet worden ist; feit dieser Zeit sind also beide gleichzeitig in Verwendung gewesen. Dazu kommt, daß sie alle zwei an Stellen stehen, die weiteste Sicht gewähren; man kann heute von dem neben der römischen Ruine stehenden Aussichtsturm auf dem Johannisberg sowohl den Gaulskopfturm als auch den Feldberg hinter ihm erkennen; ebenso sieht man den Johannisbergturm aus der Wetterau von Butzbach, Arnsburg, Inheiden, Echzell, Oberflorstadt und Friedberg (lauter römischen Kastellorten) deutlich. Da liegt es nahe, an die Benutzung der Limestürme als Signalstationen "zu denken, die bei Tage durch Rauch, bei Nacht durch Feuer Zeichen gaben. Diese zweite Aufgabe kam also dem Johannisbergburgus neben der Verteidigung bei der ersten domitianifchen Limesanlage zwischen 90 und 100 n. Ehr. zu; er vermittelte durch Zeichen den Verkehr zwischen den Kastellen des Taunus und der Wetterau. Als dann der Limes vorgeschoben wurde, wurde auf dem Kamm des Gebirges der Burgus auf dem Gaulskopf mit denselben Aufgaben errichtet; durch seine höhere Lage entsprach er der Anforderung, weithin sichtbare Zeichen zu geben, viel besser als sein älterer Nachbar auf dem Johannisberg. Doch blieb auch letzterer noch weiter für diese Aufgabe in Tätigkeit; denn wir haben ja schon früher gesehen, daß vom Gaulskopf aus die Sicht nach dem Kastell Friedberg und damit nach der südlichen Wetterau durch den vorliegenden Winterstein verdeckt ist. Wir haben uns also den Vorgang so zu denken, daß Feuerzeichen von den Taunuskastellen (z.B. dem Feldberg) von dem Burgus auf dem Gaulskopf in die nördliche Wetterau übermittelt wurden; sie wurden aber auch sofort von dem Burgus auf dem Johannisberg aufgenommen und nach dem Kastell Friedberg und den anderen Südwetteraukastellen weitergegeben. Daß der Gaulskopfturm der Aufgabe als Signalstation vor allem gedient hat, ergibt sich vielleicht neben den angeführten Gründen auch "aus der Tatsache, daß der Fußboden und die Ostfeite des Turmes hoch mit Brandschutt bedeckt waren, über dem sich aber noch eine spätere römische Schicht ausbreitete; der Turm ist also einmal ausgebrannt und dann wieder aufgebaut worden. Allerdings braucht dieser Brand nicht durch Unvorsichtigkeit beim Signalisieren entstanden zu sein, sondern kann auf Blitzschlag, feindlichen Angriff oder eine sonstige Nachlässigkeit der Mannschaften zurückgehen; immerhin aber darf er als möglich mit in den Kreis der Betrachtung einbezogen werden.
Am Limes zwischen Rhein und Main stehen heute drei Rekonstruktionen römischer Grenztürme: Eine bei Butzbach, eine bei Sayn und eine bei Bad-Nauheim. Von ihnen ist die letzte am bedeutendsten. Möchte der Turm am Winterstein das Ziel recht vieler Wanderer sein und Gelegenheit geben, sich in die alten Zeiten zu vertiefen und zugleich der 'Schönheit der Heimat zu erfreuen I Darin werden wir alle, die wir am Wiederaufbau beteiligt sind, unseren Lohn finden!
Mit dem Bergenexpretz über die norwegischen Hochgebirge.*)
Von Fritz Löwe, Kristiania.
Berge und Fjorde Norwegens werden von Jahr zu Jahr in immer größerem Maßstabe Brennpunkte des internationalen Touristenverkehrs.
Es gibt wohl wenig Gebirge, die eine ähnliche Fülle von landschaftlich schönen und imposanten Gegenden aufzuweisen haben, wo sich Komfort und Gastlichkeit bis in die bescheidensten Dörfer erstreckt. In entsprechend günstiger Weise sind die Eisenbahnverbindungen Norwegens entwickelt. Durch bequeme Anschlüsse von allen größeren Städten gelangt man rasch nach den Hauptreisezielen.
Eine Kulturtat von ganz besonderer Bedeutung hat Norwegen mit dem Bau seiner Hochgebirgsbahnen vollbracht. Sind doch die norwegischen Hochgebirge im Sommer wie im Winter das große Zukunftssanatorium für die internationale Welt.
*) Vgl. auch die Aufsätze in Nr. 61, 65 und 68 der „Familienblätter". _ .....


