Eichener Kmilienblätter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <926 Dienstag, ösn September Nummer Z4
NachMed.
Von Friedrich H e b b e l. Quellende, schwellende Nacht, voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht!
Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt.
Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis.
Der Wiederaufbau eines Limeslurmes (Burgus) bei Bad-Nauheim.
Von Paul Helmke,
Denkmalpfleger für die Bodenaltertümer in Oberhessen*).
In diesen Tagen geht ein Bauwerk seiner Vollendung entgegen, das in mehr als einer Hinsicht das Interesse der wissenschaftlich Gebildeten wie der wanderfreudigen Naturschwärmer erregen wird: es ist die Rekonstruktion eines Turmes am römischen Pfahlgraben beim Gorsthaus Winterftein, ganz in der Nähe der Kaiser grübe. Der Gauls köpf, auf dem sich der Turm erhebt, wird von der Gemarkungsgrenze der beiden Dörfer Nieder- und Ober-Mörlen überschnitten und steht auf dem Gelände des erstgenannten Ortes. Der Untergrund ist Schiefer; der Turm selbst ist aus Taunusquarzit, der in nächster Nähe gebrochen worden ist, gebaut; das Dach besteht aus Schiefer.
Es fei gestattet, auf die Entstehung und die Baugeschichte der Rekonstruktion einzugehen, da sie auf die Hilfsbereitschaft und das freudige Eintreten eines Deutschen in den Vereinigten Staaten von Amerika für sein altes Heimatland und damit auf die Heimatltebe der Deutschen im Ausland« überhaupt einen hellen Strahl wirft. Ein Vortrag im staatlichen Museum von Bad-Nauheim, den ich vor Kurgästen bald nach Beendigung des Krieges über die vorgeschichtlichen und römischen Verhältnisse der Wetterau hielt, und der in eine Klage über die durch die eingetretene Verarmung Deutschlands ins Stocken geratene archäologische Tätigkeit auslief, veranlaßte einen Zuhörer, mir für diese Aufgabe einen größeren Beitrag in Aussicht zu stellen. Das hochherzige Anerbieten, das auch durch die Dankbarkeit für die Segnungen der Heilquellen van Bad-Nauheim mit veranlaßt mar, setzte mich zunächst in den Stand, die Reste des römischen Turmes auf dem Gaulskopf am Winterstein, dessen Umfang und Form trotz wiederholter Untersuchungen in der Zeit der Tätigkeit der Reichs-Limeskommission nicht genau festgestellt worden war, freizulegen und in allen Einzelheiten zu bestimmen; Geheimrat Professor Dr. F a b r i c i u s in Freiburg i. B., der Dirigent der genannten Kommission, der die Bearbeitung und Herausgabe der gesamten Limesuntersuchungen leitet, beteiligte sich persönlich an den Arbeiten am Turm. So war es möglich, an den stellenweise noch über 1 Meter hohen Trümmern die genauesten Maße und die zuverlässigsten Aufnahmen zu gewinnen, ein um so wertvollerer Erfolg, als schon vor dem Krieg die Mittel für so umfassende Grabungen nicht ausreichten. Freilich mar der Zustand des Turmes infolge von Verwitterungsemflüfsen und der mehrfachen Untersuchungen, sowie auch der Einwirkungen von Frost, Wurzeln und Ameisen so schlimm, daß die Erhaltung der Ruine nicht mehr möglich war; die Baufälligkeit beruhte namentlich auch darauf, daß der Turm ohne Fundament direkt auf den nackten Schieferfels auf einer trockenen Rollschicht errichtet war.
Die Aehnlichkeit unseres Turmes mit den Fundamenten eines auf dem Johannisberg neben der alten Kirche stehenden, den ich in den ersten Jahren des Jahrhunderts zusammen mit Baurat Sprengel (t) aus Nauheim untersucht hatte, sowie der Unterschied beider gegenüber den anderen bekannten Formen der römischen Wachttürme in Germanien, und nicht zum wenigsten die wunderbare Lage des Gaulskopfes mit feiner umfassenden Aussicht, alles das ließ in mir den Gedanken auftauchen, ob es nicht möglich sei, an dieser Stelle den Turm als Muster eines „burgus“ und zugleich als herrlichen Aussichtspunkt wieder erstehen zu lassen. Der
*) Einige Bilder zu dem nachstehenden Aufsatz hoffen wir später in „Heimat im Bild" zu bringen.
Schwierigkeiten,, namentlich der Geldbeschaffung in dieser armen Zeit, war ich mir wohl bewußt, wenn man auch nicht ahnen konnte, daß die später einsetzende Inflation allen guten Absichten ein jähes Ende bereiten würde. Jedenfalls fand ich bei Gustav Ober- tuender, einem gebürtigen Düsseldorfer, der jedes Jahr aus Amerika herüberkommt, um sich in Nauheim gesund zu baden, ein offenes Ohr und eine willige Hand, um nach der durch ihn ermöglichten Untersuchung der römischen Ruine auch den Wiederaufbau des Turmes selbst zu unternehmen. Ebenso bereitwillig stellten sich die staatlichen Behörden in den Dienst der Sache: Das Hess! che Hochbauamt Friedberg (Oberbaurat Haag, Regierungsbaumeister Lepdhecker, Dberbauinfpettor Sui tmann) und die Hessi che Oberförsterei Nauheim (Forstrat Ohl) setzten ihre ganze Tatkraft ein, nm das Unternehmen zum glücklichen Ende zu führen; dankbaren Herzens gedenke ich auch der starken Unterstützung von feiten der Bauabteilung des Hessischen Ministeriums der Finanzen (Ministerialdirektor Dr. Kratz und Ministerialrat Wagner), der Forstabtei- lung (Geheimer Forstrat Walther) und der Badedirektion (Baddirektor von Boehmer) von Nauheim; unvergessen sei auch die Bereitwilligkeit, mit der die Gemeinde Nieder-Mörlen und ihr freundlicher Bürgermeister das Gelände zur Verfügung stellten. Die Pläne zu dem Turm, die im engen Zusammenarbeiten mit Geheimrat Fabricius entworfen waren, wurden von der Bauabteilung des Ministeriums ausgearbeitet; in anderen Fragen erfreute ich mich des Rates von Professor Dr. Herzog in Gießen. — Sv wuchs denn der Bau nach Ueberroinbung der unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten langsam «der beharrlich aus der Tiefe empor; eine unangenehme Verteuerung stellte sich dadurch heraus, daß die Baustelle von dem Basaltsteinbruch und der Wasserstelle fast eine halbe Stunde, und von der nächsten Stadt (Bad-Nauheim) über eine Stunde entfernt liegt, so daß die Heranschaffung des Materials und des Rüstzeugs bedenkliche Mehrkosten verursachte. Am schlimmsten aber wurde es mit dem Eintritt der Inflation, die unsere schönen Dollarnoten wie Butter an der Sonne schmelzen ließ, und eines Tages — der Turm war mit den Mauern neun Meter hoch geworden — war es mit dem Geld zu Ende; er versank in Dornröschenschlaf. Alle Bemühungen, beim Reich und beim Land, beim Bad und bei den benachbarten Städten Mittel fluffig zu machen, waren vergebens, und es schien, al- ob dem mit so frohem Mut begonnenen Werk bas traurige Schicksal des Unvollendetseins beschieden sein sollte. Da trat — inzwischen war das Jahr 1926 herangekommen — Gustav Oberlaender wieder in die Bresche und stellte die noch fehlenden Mittel zur Fertigstellung des Turmes und zum inneren Ausbau zur Verfügung. Heute ist der Turm vollendet; weithin leuchtet er mit feinen weißen Mauern in die Ferne und ruft den archäologisch Interessierten wie den frohen Wandersmann zu sich. Seien wir stolz darauf und dankbar dafür, daß ein Deutscher im fernen Ausland sich und uns ein so prächtiges Denkmal gesetzt hat.
lieber bie Form des Turmes ist folgenbes zu sagen: Das Bauwerk unterscheidet sich sehr von den in Lehrbüchern und Modellen bekannten Mustern; vor allem fehlt ihm die so oft erwähnte offene, umlaufende Galerie. Es sei dafür auf die (Erläuterungen und Zeichnungen verwiesen, die F a b r i c i u s in der 1926 erschienenen Limespublikation (Lief. 44 „Der Odenwaldlimes vom Main bis zum Neckar") gegeben hat. Er weist darin einwandfrei nach, daß zum mindesten die Odenwald-Limestürme die Form besessen haben, die auch unsere Rekonstruktion auf dem Gaulskopf hat; einen untrüglichen Beweis dafür bieten namentlich die zahlreichen Werkstücke der Odenwaldtürme, Säulen, Tür- und Fensterlünetten ufw., für die Fabrlrius auch außereuropäische römische Bauwerke zum Vergleich und zur Ergänzung herangezogen hat. Eins freilich darf man dabei nicht außer acht lassen: Das Sleinmaterial im Odenwald (Sandstein) ist für die Verarbeitung viel geeigneter als der spröde und harte Taunusquarzit; so kommt es, daß dort bie größere Anzahl auch ber kleinen Grenztürme in biefer Form errichtet worben ist, währenb bei uns meist bie bekannte Art bes steinernen Unterhaus mit Fachwerk-Oberbau unb Holzgalerie gewählt worben fein mag. Allerbings finb auch hier, z. B. im Friebberger Burgwalb am Winterftein, unter römischen Turmresten Bauglieder gefunben worben, bie Verwandtschaft mit den Odenwald türmen aufweisen; wir konnten und muhten also für den Gaulskopfturm, dessen Maße ihn noch dazu aus der übrigen Menge ber Grenztürme herausheben, mit gutem Gewissen bie Form ber Odenwalbtiirme zugrunbe legen.
Es Ist für bie vorliegende Beschreibung belanglos, die genauen Maße des Burgus zu geben; nur soviel sei gesagt, daß seine Seitenlänge (über 8 Meter) die ber gewöhnlichen Limes türme saft um die Hälfte übertrifft, und daß auch seine Höhe (etwa 15 Meter), die durch die Stärke des Fundaments bewiesen wirb, weit über bas gebräuchliche Maß hinausgeht. Der Unterbau, an ben vier Ecken unb


