Jst's denn wahr, Berthell Ja, ist's denn wirklich wahr!"

Die Mondsichel blitzte in den Waldbäumen, die Bäche rauschten, und wie die Bäche so voll und stark strömte das Blut in den Adern der beiden Menschen.

Eine Stunde später bewegte sich ein Krankenwagen die Höhe herauf, und Anneliese half den Bruder die Treppe hinauf in die Kammer tragen.

Ja, Mutter, du hast doch recht gehabt damals. Es war eine Mohrin, die ich in Biskra entführt hab«. In einem Frauenburnus haben wir ihn aus der Oasenstadt geschmuggelt."

So erzählte Berthold Nokk den aufhorchenden Frauen, während der Forstmeister am Krankenbett saß und starr in das abgemagerte, wächserne Gesicht seines Sohnes blickte, der mit Morphium in Schlaf versenkt worden war.

Sein Zorn war erloschen, auch der grimme Schmerz stumpf ge­worden, er suchte in den verwüsteten Zügen die Mutter. Zum offenen Fenster herein quoll der Duft der schwarzen Wälder. Der kleine Totenvogel klagte in den Tannen, daß es wie schluchzendes Lachen durch die silberne Nacht klang.

Im Forsthaus erfuhren sie bald, daß der Hans nicht mehr der alte war.

Das war der Meltzer Hans nicht mehr, sondern ein Gespenst, das in fremden Masken umging. Er fluchte französisch und spanisch, er war llnfähig, ein ernstes Gespräch zu führen, er hatte keinen Sinn mehr für das, was ihn umgab, und kein Herz mehr für feine An­gehörigen.

Annelies stand dem Bruder fremd gegenüber unb schauderte bald vor jeder Berührung mit ihm zurück.

Aber mit eiserner Entschlossenheit zwang der alte Meltzer sich, dem Sterbenden, der Zoll für Zoll vom Tod ereilt würde, die letzten Tage leicht zu machen.

Er rief die Tochter und den künftigen Schwiegersohn in sein Arbeitszimmer und sprach:

Ihr sollt heiraten. Ich will's. Es hat jeder seinen Kopf durch­gesetzt. Nur ich nicht. Jetzt komm i ch dran. Ihr macht auf den Oktober Hochzeit. Er lebt nicht viel länger. Er soll jetzt keine Ruten­streiche und keine Bußpredigten mehr bekommen. Und wenn er nur noch fluchen kann, Gott's Donner, so fluch' ich mit. Wenn er den roten Wein trinken will, trink' ich mit. Wenn er lügt und Wunder- geschichten aus der Legion erzählt, lüg' ich mit. Wenn er Karten spielen will, spiel' ich mit. Er ist keine Predigt und kein Leben mehr wert, er ist ein verkommener, ausgefaulter Mensch, aber er ist mein Bub, und wir zwei, er nnb ich, bleiben beisammen und warten auf den Tod. Und wenn der Tod kommt, so will ich ihm die Tür auf­machen und ruhig sagen: .Gottlob, daß du kommst!"'

Vater!" bat die Annelies. Abwehrend hob er die Hand.

Du hast mich gemeistert, als ich noch mit Zorn und Jammer hinter ihm her war und dich und alles vergessen habe. Heute meisterst du mich nicht mehr. Du und der da neben dir steht, ihr seid ge­wachsen an dem Hans, und so ist er doch noch zu etwas gut gewesen. Das kreidet ihm der Herrgott wohl noch an. Du machst Hochzeit, Annelies. Wenn ich ihn dann begraben habe, so könnt ihr mich ja fragen, wo ich bleiben will."

Und tagaus, tagein faß er, fortan bei dem Sohn, der an schönen Tagen in einem Feldbett auf der Veranda und zuweilen sogar auf einem Krankenstuhl unter den fünf Tannen lag und sich fiebernd und hustend verzehrte, wie der Docht einer ausbrennenden Lampe.

Sie spielten Karten, und der Forstmeister lernte auf seine alten Tage noch Piquet und Landsknecht spielen und die Würfel schütteln. Von Heimweh sprach der Sohn kein Wort mehr. Seine Erinne­rungen waren in einem seltsamen Rausch befangen, der ihm das Höllenleben in der Legion zu wilden Phantasien verklärte und alles andere verschluckt hatte.

Ohne uns hätten sie Biskra nie gesehen. Dreiundzwanzig Deut­sche, fünf Schweizer, drei Polen und ein Ungar waren in unserer Kompagnie. Sacre nom de pipe, das war ein Leben!"

Mit wilden Gebärden summte er den Legionürmarsch und träumte von den Tänzerinnen int Heiligengähchen von Biskra und von den glühenden Sonnenuntergängen der Wüste.

Für Berthold hatte er kein Wort der Dankbarkeit mehr. Auch die Erinnerung an seine Flucht aus dem Lazarett hatte sich getrübt. Er war entflohen, als es gelungen war, ein paar Tänzerinnen hinein­zuschmuggeln, die in der Wachtstube auftraten. Berthold hatte sie mit einer Handvoll Silberfranken und verzuckerter Früchte bestochen. Hans mar verständigt worden, hüllte sich in die Schleier und Mäntel, die ihm zugeworfen wurden, und verließ zwischen vermummten Mädchen unerkannt das Lazarett. Acht Tage lang lag er im fenster­losen Hinterstübchen der Heiligengasse versteckt, 'bann schaffte Ber­thold ihn mit einer Araberfamilie, die von Biskra an die Küste zurückzog, nach Algier. Aber von all dem schien Hans nichts mehr zu wissen. Er lebte ein sonderbares Traumleben, aus dem er nur auf­schreckte, um fluchend die Karten zu mischen. Ans Sterben dachte er nicht.

Als es Oktober wurde, ging es mit ihm zu Ende.

Eilt euch," sagte der Forstmeister zu den Verlobten,er hat sich oufgezehrt, und ich weiß nicht, wieviel Tage er noch lebt."

Da setzten sie den Tag fest und hielten stille Hochzeit. < Meltzer weigerte sich, ihr beizuwohnen, Annelies siedelte zu Bertholds Mutter über, damit der Tag dort begangen werde.

Dem Sterbenden hatten sie nichts gesagt.

Als das Brautpaar in die Pfarrkirche ging, stand die Sonne am Himmel, und Matthias Meltzer faß neben seinem Sohne unter den Tannen vor dem Hause. Würzige Waldluft strich von den Bergen. In den Weingärten leuchteten die ersten roten Blätter.

Hans Meltzer war eingeschlummert. Ein zerblättertes Kartenspiel lag auf der Decke des Feldbettes. Der Vater hielt die Augen auf den kleinen Hochzeitszug geheftet, der schwarz auf der weißen Siraße emhergmg. Ein dunkles Trüpplein, weit weg, so weit, als ginge es den Forstmeister gar nichts an.

fester Ergebung in das Schicksal hielt Meltzer bei seinem Sohne Wache. Zorn und Schmerz waren zur Rühe gekommen. Selbst die eigene Krankheit hatte er mit eiserner Zucht überwunden. Geh hin, Annelies, sprach er in Gedanken, du hast es verdient, das Leben frisch zu fassen und festzuhalten. Du bist kerzengrad auf­geschossen und wächst wie ein Baum, der vollsäftig in Kraft schießt. Alles Glück wünsch' ich dir und nicht mehr Leid, als nötig ist, dir das Leben recht zu mischen.

Da gewahrte er plötzlich, daß der Kranke mit offenen Augen lag und unverwandt ins Tal starrte, als sähe er das alles zum ersten­mal! Es war ein anderer Ausdruck in feinem Gesicht, der rohe Zug weggewischt; die Spuren des Verfalls schienen einer seltsamen klaren Blässe gewichen, und in seinen Augen stand ein Helles Licht. Jetzt drehte er mühsam den Kopf und lächelte. Es war ein ergreifendes kindliches Lächeln, das in dem mageren, von einem häßlichen Leiden entstellten Gesicht Erinnerungen an vergangene Zeiten aufleben ließ.

Ein« kalte, unsichere Hand, die nur noch wie ein Wunder zu- fcimmengehalten wurde, suchte tastend den Weg zum Vater.

Salut, petit creve rief der Forstmeister mit gemachter Lustigkeit.

Aber diesmal freute sich der Sohn nicht über den Gruß, den er dem Vater beigebracht hatte. Ein tiefes Erschrecken spannte alle Fibern seines Wesens. Der Anruf hatte ihm eine körperliche Qual bereitet, die ihn aufschaudern ließ. Krampfhaft zuckte er an der wollenen Decke und starrte den Vater an.

Da überlies es Meltzer kalt, und auf einmal wußte er, daß der Sohn wirklich erwacht war. Wirklich erwacht!

Hans, Bub, grüß dich Gott! Sie halten Hochzeit, der Berthel und die Annelies, und wir zwei, wir sitzen an der Sonne."

Er hatte ihm irgend etwas Liebes sagen wallen, und es war ihm nichts Besseres eingefallen.

Die farblosen Lippen des Kranken zuckten. Das Licht in feinen Augen stieg bis in die innersten Tiefen. Seine Stimme hatte nicht mehr den heiseren, rohen Klang, sondern war mehr ein geheimnis­volles Flüstern, als er antwortete:

Ei ja doch, Vater! Und das ist' der Schwarzwald. Sag', ist's wirtlich der Schwarzwald?"

Ja, Hans, das ist der Schwarzwald. Lieg' still, ganz still, nein, sag' nichts, ich weiß alles. Bist daheim, Bub, bei mir, bei uns. Ein braver Bub, ei freilich, einer, der alles in Ordnung gebracht hat. Bleib liegen, richt' dich nicht auf!"

Aber der Kranke klammerte sich an ihn und zog sich an ihm in die Höhe. Da stützte ihn der Vater und wunderte sich, daß er nichts mehr in den Armen hielt als ein Häuflein Knochen.

Jetzt bin ich daheim. Ich hab' aber auch geschrieben, weiht du, Vater"

Ei freilich, alles weiß ich, Wort für Wort, ,auf allen vieren1 hast du geschrieben. Aber siehst du, nun hat die Qual ein Ende."

Ein heftiger Husten, ein Atemziehen. Eine rostrote Blutblase zer­platzte auf seinen farblosen Lippen. Hintenüber sank der Kopf des Hans und rollte an die Brust des Vaters, als wäre er plötzlich vom Rumpf getrennt worden.

Der Meltzer spürte, daß er den Kitzel im Hals und das Schluchzen in der Brust nicht mehr meistern konnte, aber er sprach dem Ster­benden ins Ohr:

Der Berthel hat dich heimgeholt. Aber du bist schon vorher ge­kommen. In dem Brief, Hans, da bist du zu uns gekommen. So wie du jetzt vor mir liegst, so wie ich dich jetzt"

Er brach ab. Die aderstrotzende Hand des alten. Mannes strich zaghaft über das versteinerte Gesicht des Sohnes, und ein rauhes Äuffchluchzen erschreckte die webende Stille, in der die Mücklein unter den Tannen tanzten.

Als die jungen Eheleute allein, ohne Geleite aus der Kirche kamen und zu dem einsamen Haus emporftiegen, erhob sich der Forstmeister leise, deckte den Toten bis ans Kinn und blieb aufrecht neben ihm stehen.

Jetzt waren sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt.

Da hob er die Hand und sagte mit ruhiger Stimme, so ruhig, daß sie nichts Persönliches mehr hatte und wie aus weiter Ferne zu kommen schien:

Der Hans ist heimgekehrt. Und daß ihr's wißt, kehrt ein jeder heim, ob er den Weg findet oder draußen liegt. Ein jeder kehrt einmal h e i m."

*

Die Novelle erschien in der gleichnamigen Sammlung der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart in Buchform.

Schrtstleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Bruhl'schen Llnlv.-Buch- und Steindruckeretz R. Lange, Gieße«.