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GWe.
Von Hans Franck.
Sie Gäste sind im Morgengrau gegangen.
Das Haus verbirgt mir hinter grellem Wachen Sein müdes Antlitz. Der Garten schlaft. Ein Lachen, Das taumeltoll im Birnbaum sich verfangen, Schlägt roimmemb seine Falterflügel wund. War es mein Fuß, der hier im Tanz gesprungen? Und der am lautsten Lied auf Lied gesungen, Indessen wir uns drehten, warft du's, Mund?
Hab ich soweit aus mir mich fortgespielt, Dah ich als Märchen heute mir erzähle, Was gestern ich in heißen Händen hielt? Droht, Herz, noch immer dir das „Wag und wähle, i Rein, nein! Schon betet unverwirrt mein Wille Inbrünstiger denn je: „Kehr wieder, Stille!"
Hamuran überfallen worden. Es war ein scharfes Gefecht zwischen Steinen hervor und von den Palmbäumen herunter, und die Kompagnie mutzte mit dem Bajonett vor, um ans Wasser zu kommen und dem Ding ein Ende zu machen. Der Hans ist halbtoll vor Durst und taumelnd von der Sonne und der seelischen und körperlichen Erschöpfung mit den andern wie ein Wilder ins Feuer gerannt. Der Mülhäuser Sergeant, der die Kompagnie geführt hat, als die Offiziere abgeschossen waren, hat mir alles haarklein mit tausend Flüchen erzählt. Sie haben den Brunnen erobert und drei Stunden dabei- gelegen, ohne zu trinken, denn sie fürchteten, die Araber hätten ihn vergiftet. Siebzehn Mann waren gefallen. Ein Schwerverwundeter hat dann zuerst Wasser verlangt, und der Mülhäuser hat mit dem Gewehr danebengestanden, um ihm eine barmherzige Kugel zu geben, wenn das Gift sich bemerkbar machen sollte. Als er nach einer Viertelstunde noch kein Zeichen von Vergiftung gab, haben sie alle getrunken. Drei Tage hielten sie den Brunnen beseht und haben noch fünf Mann begraben, dann drang der Ersatz zu ihnen durch, und sie wurden nach El Hamuran zurückgenommen. Die Leichtblessierten kamen nach Biskra in die Ambulanz, und dort traf ich den Mul- häuser. Der Hans war zuerst in Ei Hamuran zurückgeblieben. Er hatte einen Lungenschutz. Aber glatt durchgeschlagen, offenbar aus einem ganz modernen Gewehr. Es sind heute drei Wochen her, und die Wunde ist schon vernarbt, die Lungenentzündung beinahe geheilt, so daß er bald transportfähig ist. Er liegt hier im Lazarett, sie wollen ihn nicht herausgeben, trotzdem er ausgebrannt ist wie die reinste Schlacke, aber ich holl ihn heraus. Seit er hier in Biskra auf der Krankenstation ist, bin ich meiner Sache sicher. Ich kenne Den ersten Ingenieur, der die Oasenbahn gebaut hat, von Spanien her, und ich habe mich hinter ihn gesteckt. Und geht es so nicht, dann müssen wir ihn entführen, wie eine Haremsschöne. Sag dem Vater nur, daß Hans sich zuletzt doch noch brav gehalten hat. Er ist der Verwundete gewesen, der zuerst getrunken hat."
Als Annelies diese Stelle zum zweitenmal vorgelesen hatte, warf der Forstmeister die zerkaute Zigarre fort, stand langsam auf und blickte mit seinen schwachsichtig gewordenen Augen verloren >n bte Ferne.
„Ja, beim Trinken, da mar er immer der erste", sagte er aus einmal mit einem Kitzel im Hals und strich mit der Hand über den Bart, um das Zucken der Lippen zu verbergen.
„Wenn das alles ist, was ihr auf den Brief des Berthel zu sagen roifct —" begann die Mutter zornig und erhob sich zu heftiger Gegenrede.
Da legte ihr der Forstmeister begütigend die Hand auf die Achsel.
„Zehn wie der Hans sind nicht einen Berthold wert. Eure Säge schneidet dem verlorenen Sohn des Meltzer den Sarg. Das les ich aus dem Brief. Und ich will's zufrieden sein. Aber schad ist s um die andern, die dort drüben ihren Uebermut, ihre Jugend, oder meinet«
' wegen ihre Dummheiten und Sünden büßen. Ob ich den einen verliere, der von Anfang an schwach war und verloren, das ist einerlei und gebt nur mich an. .Auf allen vieren1 hat der Bub geschrieben! Ich glaub', daß das Vaterland dort drüben in der tfrembenlegion Hunderte und Tausende unter der Fuchtel, unter der Kugel und im Fieberbrand enden sieht, das geht uns alle an. ,Aus alten vieren hat der Bub geschrieben! Ich glaub', der Berthold bringt ihn aus dem Schrägen heim!"
Satz hatte sich an Satz, Gedanke an Gedanke gereiht, und die Augen des Forstmeisters Meltzer waren dabei ins^Weite gegangen, während seine Hand schwer auf der Schulter der yrnu liegen blieb, die seinen Worten nun willig lauschte.
Erst nach einer Weile räusperte sie sich und antwortete:
In freilich, das ist alles schön und gut, aber die Hauptfach' bleibt doch, daß der Berthel und die Annelies Hochzeit machen!
Und der Annelies stieg unter ihren Tranen langsam das schönste rote Blut in die Wenigem
Doch der Juli schwand, und der August ging zur Neige, und als die Aevfel sich röteten, waren die Wangen der Annelies bleich geworden, denn aus Afrika kam keine Nachricht mehr.
Der Forstmeister vergrub sich in beharrliches Schweigen, nur die Mutter Bertholds blieb ruhig und gelassen.
Und als wieder einmal der Postbote den Weg nicht zu den fünf Tannen gefunden hatte, unter denen die Annelies am Abend sah, sagte das Mädchen zu der Rosine:
„Heute hab' ich bestimmt eine gute Nachricht erwartet. Jetzt wird mir selbst bang." ——
Die alte Magd wußte keinen Trost und ging ins Haus.
Blaue Schatten fielen von den Bergen ins Tal, hinter den Vogesen erlosch der letzte Scharlachstreif der verscheidenden Sonne.
Matthias Meltzer ging an seiner Tochter vorüber ins Städtchen hinunter. Eine Stunde verstrich. Langsam erhob sich Annettes, um zur Arbeit zurückzukehren. Sanfte bläuliche Nacht loste alle Umrisse, und als der Vater auf dem Rückweg wieder über die Matte daher- tam, erkannte sie ihn kaum. Er ging leise und behende, schlich beinahe wie ein Dieb.
Und dann erschrak die Annelies auf einmal bis ms innerste Herz, denn plötzlich wuchs die Gestalt besJBaters in eine andere. Sie schrie laut auf, und dann mar dieser Schrecken nurnoch seligste Freude, und Annliese Meltzer hing am Halse Berthold Nokks und stammelte:
Die Hsimkehe.
Don Hermann S t e g e m a n n.
(Schluß.)
So blieb alles ins Ungewisse gestellt, und der Blutenschnee verfärbte sich, das Blattgrün schoß auf warnie Regen wu,chen b>e,;lur, und in sanftem Rauschen wiegte sich wohlig der hohe Wald. Glanzende weiße Wolkenburgen wuchsen über den Vogesen cmpoi, die Sommersonne-zog ihren höchsten Bogen, und der Duft der Reben- blüte schwängerte die Lust. Bis spät m die Nacht schnargie Bandsäge und orgelte die Kreissäge in der Sägerei Nokl und füllten der Ännelies das Ohr mit Erinnerungen und das Herz mtt
Sehnsucht.
In dieser Zeit der Erwartung und inneren Erlebens wurde bte Annelies Meltzer reif und ihr Wesen geläutert und klar.
Und in dieser Zeit der letzten Aengste um den Sohn und zur Ruhe Delegier Hoffnungen wuchs der Forstmeister Meltzer immer stärker in Milde und Verzeihen hinein. Er hatte das Beit verlassen. Die Bureauarbeiten gingen ihm leicht von der Hand, nur im Revier war sein Adjunkt noch allein für ihn tätig.
„Ich weih, daß der Bub nicht mehr weit springt. Aber wenn er nur"noch den Heimweg findet!"
Sie faßen unter den Tannen, und Annelies ließ die Zeitung ruhen, aus der sie dem Vater vorgelesen hatte. Von der Nokkschen Säge klang ein schneidend heller Ton herüber. Die Kreissäge fraß sich in einen Eichenstamm.
„Sie sägen Hartholz", murmelte der Forstmeister. „Das ist der Hans nicht." m „
In der Rheinebene strichen schon die toenfen durchs Gras. Von unzähligen Grillen und Heuschrecken tönte rings bte Halde, und regungslos stand der Wald.
„Dort kommt Mutter Stoff."
Annelies war kerzengrad von der Bank gefahren und preßte die Hand aufs Herz. In ihrer Stimme war ein seltsamer Klang gewesen.
Mit zitternden Fingern strich Meltzer ein Zündholz an, um, Gelassenheit heuchelnd, eine Zigarre in Brand zu setzen.
Dann saßen sie zu dreien, unter den Tannen, und Annelies las den Brief Bertholds vor. Die Sommerfonne schien aus das Papier, im srifchen Höhenwind schifften weiße Wölkchen über den tfelbberg nach Westen.
nach Westen.
„Lies noch einmal, wie er ihn gefunden hat, sagte der Vater, lehnte den Kopf zurück und blickte still ins dunkle Geäst.
„Es war fein Glück, daß sein Fluchtversuch noch vor der Aus- stihrung mißlungen ist. Sie haben den Augsburger ms Cachot gesteckt, den Hans aber, an den Trainkarren angebunden, mitgenommen, mittags ist die Kolonne beim ersten Brunnen hinter CI
Mädchen über den blumigen Rasen. Ein bildhübsches Kind, mit einem Gesicht wie Milch und Blut, serviert mir den Kaffee und legt lachend immer wieder neues Gebäck auf. Um mich herum spielt sich das typisch schwedische Landleben mit seiner gesunden Lebensbejahung ah. Um den geschmückten Kaffeettsch sitzen die Alten. Das junge Volk eilt aus die Wiese zum Tanz. An der Spitze des farbenprächtigen Zuges ein paar famose Burschen, lustig die Fiale spielend. Hinter ihnen in bunter Reihe die frohe Schar der Tänzer und Sängerinnen. Wie alle diese blühenden jungen Mädchen und Männer in ihrer Schönheit sich im Tanze drehen, ist ein Bild voller Jugendlich und Sonnenschein und gehört auch mit zum schwedischen. Milieu; denn eine Eigenart dieses nordischen Volkes ist die stete Betonung von Lebenslust und Frohsinn. .... .. ■■ n <
Draußen auf der Landstraße rollen, geschmückt mit grünem Laub und flatternden blau-goldenen Flaggen die Autos vorbei. Graziös sitzen auf ihren blumenüberdeckten Rädern die flotten schwebten Mädels. Frohe Zurufe klingen zu mir herüber. Eine blutrote Rose fliegt auf meinen Tisch. , r _
Spät fahre ich nach Räitvik zurück. Die imtergehenbe »onne Mrft rosa Schleier über die Wolkenränber. Purpurrot wogt der Slljan, so rot wie die Rose, die ich zum Andenken an die anmutige Geberin und den unvergeßlich schönen Tag mit mir nahm.


