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Im Herzen von Dalarna.
Von Fritz Löw e*).
Geht mit hinauf zum Siijansee In, Takt des Dalarmarsches! Geht mit, beschaut die Lande, Wo Kirchen stehn am Strande So glänzend wie die Lilie In ihrer weihen Pracht!
So singt der schwedische Dichter Karlseidt in seinem berühmten Dillarmarsch. Und in der Tat! Das Landschaftsidyll um den sagenumrauschten Siljansee ist von so eigenartigem Reiz, daß es mit das Schönste ifi. was Schwedens so abwechslungsreiche Natur zu bieten vermög. Mit Recht nennt man daher die Provinz Delarna das Herz und den Siljansee „das leuchtende Auge" Schwedens.
Drei Namen glänzen mit güldenen Lettern unter den vielen lachenden Plätzen am See: Rättvik, Leksand, Mora. Hier wohnt ein kernfester Boftsschlag, der die von den Altvorderen übernommenen Bräuche bis ans den heutigen Tag bewahrt har. Zahlreiche historische Erinnerungen, alte Kirchen, Holzbauten, vor allem aber der Sauber der buntfarbigen Volkstrachten, locken in jedem Jahr einen mehr und mehr anschwellenden Touristenstrom in diese freundlichen Täler. Hat doch hier jedes Kirchspiel feine eigene Tracht, von auserlesenem Farbensinn, sowie hervorragende Tüchtigkeit im Weben zeugend.
Diese Tätigkeit wird als Heimarbeit mit bewundernswertem, künstlerischem Resultat betrieben. Aber mit noch vielen anderen 'Arten von Heimarbeit beschäftigt man sich ringsum auf den Bauernhöfen. Die Frauen klöppeln, die Männer betätigen sich als Möbeltischler und Uhrmacher. Jeder Bezirk hat seine eigene Spezialität.
Die frühere Isolierung Delarnas hat, seitdem die Eisenbahnen das Land befahren, aufgehört. Diese Gegenden gehören jetzt zu den von Touristen nm häufigsten besuchten. Direkte Schnellzüge, die vorzüglichen Anschluß an die Kontinentalzüge haben und Restau- rations-, Salon- und Schlafwagen mit sich fiihren, durchschneiden setzt Dalarna nach allen Richtungen.
Einem lichten Sommernachtstraum gleicht die Fahrt durch das Land. Der bekannteste Platz, das Zentrum des Touristenlebens, ist Rättvik am 290 Quadratkilometer großen, vielbesungenen Siijansee, der von einer Erweiterung des mächtigen Dal-Elf gebildet wird. Die ruhige, harmonische Schönheit der Landschaft, die sich in Form und Farbe äußert, die weiten Perspektiven fesseln hier von» ersten 'Augenblick Auge und Sinn. Die Aussicht über Rättvik und den Silja»» ist mit Recht weit berühmt. Mit dem Reiz und der Erhabenheit der Natur stimmt das Gepräge der Wohlhabenheit, der Gesundheit, die die Gegend trägt, wohl überein. Auch der, dem die historischen Erinnerungen Mttviks unbekannt find, faßt bald Interesse für das Volk, das in feinen farbenreichen und kleidsamen Trachten — besonders an Sonn- und Feiertagen — von rein malerischem Gesichtspunkte aus dem landschaftlichen Gemälde eine wirkungsvolle Staffage verleiht.
Rättvik ist in hohen» Grade von gefchichtlicher Tradition umstrahlt. Hier lebte und wirkte der schwedische Valksheld Gustav Wasa. Hier war es, wo er in begeisterten Reden die Bauern mit sich foririh, daß sie wie eine Flutwelle über die Dünen hereinbrachen und Stockholm a»!s der Gewalt Christian des Tyrannen befreiten.
Auf schmaler, weit in den See ragender Landzunge erhebt sich die berühmte historische Kirche von Rättvik. Aus dunklem Grün leuchten ihre weißen Manern weithin. Steil über dem See ragt der Gedenkstein an Gustav Wasa auf, den Volk und König seinem Befreier und dessen Getreuen errichtete. Am Eingänge zuin Friedhos liegen eine Anzahl kleiner Holzhäuschen, die sogenannten Kirchställe, in die in früherer Zeit die von weither kommenden Bauern während des Gottesdienstes ihre Pferde einftettien.
In der Nähe der Station liegt mit prächtigster Aussiiht auf den Siljansee das bekannte Touristenhotel Rättvik. Eine Brücke von einem halben Kilometer Länge sührt von hier zu einer künstlichen Inst! in» See. Der Blick über denstlbeir ist von »vunderbarer Schönheit, am reizvollsten jedoch bei Sonnenuntergang. In weitem Bogen umschlingen »valdige Hügel den blitzenden Spiegel. Auch diese Stätte ist historisch. Seine glitzernde Fläche passierte in einer Winternacht Gustav Wasa auf der Flucht vor den Dänen, geführt und gerettet von einem treuen Dalekarier.
Bon Rättvik führt die Bah»» am Norduser des Sees entlang; bald ist die Grenze zwischen bei» Kirchspielen Rättvik und Mora erreicht. Non Mora Roret führt eine kurze Verbindungsbahn über eine stattliche Brücke nach Mora, das auf einer sandigen Landzunge gelegen ist. Sind die Rättviker Künstler, so kann man die Bewohner von Mora, die als Uhrmacher berühmt sind (Mora- Uhren), Mechaniker nennen. Sie werden von alters her auf diesem Gebiete als gewöhnliche Talente betrachtet. Mora ist einer der ältesten und angesehensten Plätze in Dalarna. Auch hier ist die Kirche das interessanteste (Bebänbe; ihr leichter, hoher Turm ist ein Werk von Nikodemus Tessin. Südlich der Kirche liegt das wegen seiner kostbaren Sammlungen von Kunstsachen und Altertümern berühmte Gut des Malers Anders Zorn. Auf dem nahen Friedhof befindet sich ein eigenartiges Grabdenkmal. Mora ist einer der historisch interessantesten Plätze am Siijansee. Außerordentlich sehensrvert ist die.Volks-Hochschule mit einer ganz her-
*) Vgl. den Aufsatz „Schwedische Reise" in Nr. tzl der F.-Bl. vom 31. Juli.
vorragenden Sammlung von Gemälden Zorns, Ankarcronas und anderer.
Aber immer wieder sehnt man sich nach Rättvik zurück. Nach diesen unfagbar schöne»» Abenden im Touristenhotel, in denen Bauart und Einrichtung das schwedische Milieu bis in die kleinsten Einzelheiten stilgetreu durchgeslihrt ist. Da fehlt auch nichts, nicht die aus den Bildern Karl Larrjons so rvohlbekannten Bauern- stuben mit ihren buntfarbigen Möbeln, nicht die riesigen Kachelöfen, nicht die vielfarbigen Blumen auf dem Fensterbrett und vieles andere. Blau und rot gehalten sind die Malereien an den Wänden. Auf den Paneelen paradieren bunte Bauernteller und geschnitzte Holzkrüge. Durch mattgelbe Scheiben fällt das Licht, den ganzen Raum magisch erhellend. Aus kunstfertig geschnitzten. Holzschalen ranken sich duftende Blumen. Wie behaglich sitzt es sich auf den buntgewebten Kissen der in der Gegend geschnitzten Bänke. Im Kamin flammen Riesenholzscheite. Im bequemen Großvaterstuhl davor läßt es sich so schön sinne»» und träumen. Lautlos gleiten junge, schlanke Schwedinnen, die in Dalarna-Tracht servieren, durch de»» Saal. Das ai» unb für sich herrliche Mahl wird durch den Anblick so vieler farbenfreudiger Jugend und Schönheit gewürzt.
An der Brücke liegt der Dampfer zur Fahrt nach Leksand bereit. Der Sonntags-Gottesdienst ist in diesem an der Südseite des Siljansee gelegenen Orte ein .Ereignis für die ganze Gegend. Von nah und fern ströme»» an diesem Tage die Touristen nach dort, um dem berühmten farbenfrohe»» Kirchgang von Leksand beizuwohnen. Ein strahlender Sonntagsmorgen ist angebrochen. In schneller Fahrt geht es über die blitzenden Wogei» des Siljan. Auf allen Haltestelle»» steige»» in Nationaltracht gekleidete Frauen, Mädchen und Kinder on Bord. Das Deck dieses Kirchschiffes bietet einen eigenartig prächtige»» Anblick; Bilder voller Lebenslust entrollen sich. Kurz vor Leksand durchfährt der Dampfer die aufgezogene Schiffsbrücke und macht am Bollwerk fest, lieber die hinter uns niedergelassene Brücke ergießt sich ein farbenprächtiger Strom. Zu Fuß, zu Auto, zu Wagen, zu Rad streben sie alle zur Kirche hin. Es leuchten die bunten Trachten um die Wette mit den flatternden blaugoldenen Fahnen.
Ich ichliehe »»»ich den» vorwärtsdrängenden Zuge an. In der langen Kirchenallee ein Leben und Treiben wie in einer füditalieni- schen Stadt. Hier treffen sich Sonntags die Angehörigen der verschiedenen Kirchspiele. Die* Farbenpracht der verschiedenartigen Trachten ist von ganz eigenartiger Wirkung. .
Da plötzlich ein Stocken in der Menge. Am Eingang des ck»»ed- hoses steht ein blumengefchmückier Sarg. Die Glocken beginnen zu läuten. Acht junge Bursche»» heben den Sarg sanft auf ihre Schultern Der Tra»»erzug setzt sich in Bewegung und durchschreitet die Pforte des Kirchhofes. Voran der alte Glöckner. Die Glocken klingen so melodisch, weithin duftet das Heu, Vögel jubilieren in den Lüften. Die Sonntagssonne seqnet mit glitzernden Strahlen das scheidende Menschenkind. Auf grünem Rasen steht der Sarg. Ilm »hn schließt sich der bunte Kreis. Klar schallen die Worte des jungen Priesters durch die Stille. Der Sarg finkt herab. Aus den roettgeöffnetei» Türen der Kirche dringen brausende Oraelklänge. In langem Zuge acht es zum Eotieshause. Weihevoll klingt der Choral der Gemeinde durch den altertümlichen Riesenraum. Kam» doch die in der für Dalarna charakteristischen blauen Farbe gehaltene Kirche 5000 Besucher fassen. Ergreifend wirkt der Gottesdienst, der noch nach den alten Sitten und in tiefer, von bei» Vätern ererbten Religiosität vor sich acht Ich sitze auf der Bank vor der Kirche, inmitten des hochge- ieaenen Friedhofes. Mi! weichen Armen umschlingt ihn der Siljansee. Seine Wogen rauschen Vergessen. Die hier schlafen, haben sicher den Frieden gefunden. Inmitten dieser ernsten Stätte küßt sich hinter mir ein junges Menschenpaar. Machtvoll rauscht die Orgel auf, der Gottesdienst ist beendet. . ■ , „
Ein unüberlehbarer Strom wälzt sich aus der Kirche. Ich lasse diele farbenfrohe Welt an mir vorüberziehen. Voran, Arm in Arm, kichernd und lachend, bildhübsche Mädels und junge Frauen. Es leuchten die blütenweißen Hauben. Darunter blitzt das blonde Haar in der Sonne wie feuriges Gold. Wie die Perlen an den Miedern funkeln! Vielfarbige Tüchlein haben sie sich wirkungsvoll um bie jungen Schultern gelegt, und in den Händen tragen sie große Sträuße von Feldblumen.
Bedächtig folgen die älteren in dunklen Rocken und bunten «-chur- W» Neben ihnen trippeln entzückende Kinder, Goldblondchen, in ihren bunten Kleidern wie süße Puppen anzuschauen. Den Schluß des langen Zuges bildet ein uraltes Paar; Philemon und Bauchs m eigener Person. Er in langem schwarzen Rock und gelbe»» Hosen. Auf dem Kopse einen großen schwarzen Hut; lang wallt unter" der breiten Krempe das schneeweiße Haar herab. Stolz und aufrecht fug-rf er das steinalte Mütterchen am Arm.
Aber nein, es find doch nicht die allerletzte»» Kirchgänger. Auf den Winter folgt noch immer der Frühling. Hmid in Hand tritt das junge Paar, das ich vorhin auf dem Friedhof überrasch!, aus der Kirchpsorte. Er ein junger Student, keck die weiße Upsalumtze mit das lockige Hgar gedrückt. Das Mädel rosig zum Anbeißen, auf goldblondem' Haar die weiße Spitzenhaube. Es blitzen die Perlen auf dem Mieder. Heller aber noch blitzen ihre Aiigen den »ungei» Burschen an. . „ .
Bor bei' Kirchpsorte halten eine Unmenge von Autos. Nach allen Richtungen flitzen sie gefüllt mit Landvolk und frohen Sommer- 9°! Bann'1'm»e ich im blühenden Garten. Auf grünem Rasen stehen unter schattigen Obstbäumen Tische und Stühle. Verführerisch hangen rotwanoiae Früchte über meinem Haupte. Aus der -Liefe Hütgt das Rauschen des Dal-Elf. Leichtfüßig springen die bedienenden jungen


