Gichener ZamilienbMer
__Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Mb Samstag, öen H. August ~~ Nummer 65
Fühle nur.
Von Otto Julius B i e r b a u m.
Einsam bist du? Sieh, die vielen Sterne Stehn, ein Weltenkranz, ob deinem Haupte, Und die Lindenbäume, Kconenträger, Schicken ihre Düfte dir ins Zimmer.
Fühle nur! Saug ein und gib dich wieder!
Schmähe niemand, schmäh auch dich nicht selber! Denk: du darfst auf dieser reichen Erde Durch den sonnenvollen Weltraum fliegen. Und dein Herz gehört auch zu den Sternen, Die ein bißchen Licht und Wärme strahlen.
Der „Bayreuther Gedanke".
Zum 5Sjährigen Bestehen des Festspielhauses in Bayreuth.
Von Sophie Lederer-Cben.
Alle bahnbrechende Größe in Leben, Wissenschaft und Kunst kennt nur die eigene brennende Triebkraft (ihr ureigenes Gesetz), daraus der Felsenglaube an sich selbst hindernisverachtend emporbricht. Fußt Größe auf hervorragend edlem Menschentum„«so wird dieser Glaube helfen wollen, wird er sich eine erlösende, beglückende Mission schaffen, und — „ob die Welt voll Teufel wär'" — die erlösende Tat tun müssen, leben- und todverachtend. — Solch providentieller" Gestalten, wie Heinrich Heine sie, von Luther sprechend, nennt, sind wenige. Sie erscheinen wohl alle Jahrhunderts einmal. Richard Wagner ist eine von ihnen. Er ist die echte, große „providentielle" Erscheinung, das erste Genie auf künstlerischem Gebiet seit jener Zeit um 1800, wo Schiller und Goethe, Mozart und Beethoven wirkten. Das Studium ihrer Werks von früher Jugend an verehrungsvoll hingegeben, zog er die Summe dessen, was er mit ihnen erlebt, so, wie er sie ziehen mußte: gab seinem Volke eine nationales Musikdrama. Ich sage nicht: das Musikdrama. Denn wir haben uns nun genügend von Wagners Wirken zeitlich entfernt, wir haben genügend Distanz zu ihm gewonnen, um einsehen zu können, daß nur er Genius war, um auf seinem Boden bauen zu können. Daß niemand es nach ihm tun oder ihm nachtun kann. Die restlose Unfruchtbarkeit auf musikdramatischem Gebiet nach Wagner ist schlagender Beweis! — Aber noch bedarf es auch keines neuen Genius! Nach LOjährigem Bestehen ist Bayreuth lebendiger denn je — trotz aller überstandenen Kriegsmühsalen. Trotz allen Zusammenbruchs klingt und leuchtet das Leitmotiv von Bayreuth — aufrüttelnd, leben- und taierweckend. — Das Festspielhaus — dieser schlichte, auf idyllischem Hügel in dem fränkischen Städtchen aufragende Bau, Symbol des 1870 geeinten Reiches, und doch weit mehr als nur Symbol: Kulturwerk, infolge der aus deutschem Geist empfangenen Offenbarungen, Denkmal höchsten idealen Geistes und deshalb von allgemeinster, von internationaler Wirkung. Wie um den Gral, erlösungsuchend, scharten sich die Völker um die deutsche Kunst, die hier erlebt wurde.
Das Gesamtkunstwerk, wie es sich ihm offenbarte, von Weber in seiner „Euryanthe" bereits erstrebt, ohne erreicht zu werden, diese Vereinigung der damals in sich selbst erstarrten Einzelkünste (Poesie, Musik und Plastik) erschien Wagner als der Gipfel unserer gesamten Volkskunst. Nicht aus der zerrissenen deutschen Geschichte konnte solch Werk erstehen, auch nicht aus innerer Kenntnis der Geschichte deutscher Kunst, sondern nur aus der Seele des Volkes selbst, wie sie sich am unmittelbarsten in all ihrer mystischen Innerlichkeit und Tiefe offenbart: im Mythos, in seinen Jdealgestalten, die Grundzüge germanischen Wesens bedeuten. Wagners schöne und starke Menschen sind, bei aller Blutfülle, Symbol: sie erlösen sich durch höchste Lie- beskraft zur wahren Freiheit, so wie Wagner durch die dem Werk gehörige höchste Liebeskraft sich selbst erlöste von aller Tiefqual seines Ledens. Wenn Wagners erste Oper: „Die Feen" von der italienischen, „Das Liebesverbot" von der französischen Spieloper, „Rienzi" von Meyerbecrs Prunk- und Massen-Szenen-Vorbild beeinflußt sind, so tritt doch schon im „Fliegenden Holländer" der Gedanke als Grundzug hervor, wird das Motiv angeschlagen, das zum Leitmotiv seines ganzen Werkes werden sollte: Erlösung durch h ö ch st e Liebeskraft. Ein im innersten Kern nationaler Gedanke, den in seiner Erzählung vom „Fliegenden Holländer" Heinrich Heine zutiefst und zu allererst erfühlt.
„Tannhäuser" aber hatte den ersten leidenschaftlichen Widerspruch von Publikum und Presse beschworen, und es bedurfte erst
eines begeisterten Berichtes von Liszt über die Aufführung des „Lohengrm in Weimar und dessen Erfolg, um den Schaffensdrang verkannten Meisters Brust wieder freizumachen. (Wagner nonu 184)8 Qtl öer Revolution künstlerisch, nicht politisch teilge-
Der Siegfried-Stoff hatte den Meister schon in Dresden ergriffen. Er schrieb „Siegfrieds Tod". Aber bald erweiterte sich diese Arbeit zu dem gewaltigen Werk, wie wir es jetzt kennen. Um dieses ungeheure Drama nicht „betteln gehen zu heißen", oder es von einer Provinzbuhnenmisdre in die andere fallen zu lassen (Wagner hatte die Jämmerlichkeit des Provinztheaterbetriebes zur Genüge als Kapellmeister kennengelernt), plante er für das Werk ein „Nibelungen- theater , plante er „abseits vom gemeinen Leben" ein Haus für stil- gemäße Aufführungen für die Gattung des musikalischen Dramas. Unter den denkbar schwierigsten und niederdrückendsten äußeren Verhältnissen ward der „Nibelungenring" geschrieben; sie erinnern schmerzlich an die Lage Beethovens, als er sich durch die „Missa solemnis' vom Leben zu Gott erlöste. Wagner schrieb in Not und Einsamkeit, wie er. Der Bruch mit seiner Frau Minna, geb. Planer, die nicht auch nur das schwächste Verständnis für fein lisirten und seine Mission aufzubringen vermochte, war soeben geschehen. Der „Ring" ist nicht nur Denkmal größter Schöpferpotenz, sondern auch echten menschlichen Heldentums. Denn Waq- ner schrieb das Werk in der sicheren Erwartung, von Publikum und Presse als unsinniger Phantast ausgepfiffen zu werden. — Aber — Mission hält aufrecht. Aus der tiefen, leidenschaftlichen, aber entsagungsreichen Liebe zu Mathilde Wesendonck erblüht das tonende Schweigen des Tristan. — Hans Sachs, der „lieber« wmder", — Parswal, „durch Mitleid wissend", — sie alle sind Personifikationen des Meisters auf den verschiedenen Entwicklungsstufen seines Wesens. Der junge, hingerissene, eben erst gekrönte Bayernkönig, 18jährig, nimmt sich seiner an, beruft ihn nach Manchen. Nun ist er wenigstens vor Not geschützt. Aber der Plan, in Manchen, nach Sempers Vorlagen, ein Festspielhaus zu er« richten, sind ihm selbst, diirch seine theoretischen Schriften, durch seine Polemik, immer klarer geworden. So hält er immer zäher an dem Gedanken des Festspielbaues fest. Diese Bühne soll, im Geiste Schillers, der sie zu einer moralischen Anstalt umgeschaffen wissen wollte, fein Theater werden, sondern ein Denkmal deutscher Kultur. Für die aber mußte ein neuer Boden gewonnen werden, denn die bisherigen Kultur- und Kunstzustände waren faul und überlebt. • Umwälzung! Die Kunst soll zum bestiminen- den Faktor im Leben des einzelnen, sowie des Volkes werdsn, „sie soll dort die Führung übernehmen, wo der Staatsmann verzweifelt, der Politiker die Hände sinken läßt und der Sozialist in fruchtlosen Systemen sich plagt." Sie soll die Religiion erretten, und nach Schiller, „der Welt die Richtung zain Guten geben", — soll erzieherisch wirken. In beispielloser 'Treue arbeitet der Meister im Geist an seinem Plan, arbeitet Carl Tausig an der Spitze eines „Patronatsvereins", arbeiten die Wagnervereine an der Verwirklichung des innerlich Erschauten 1848 schon schrieb Wagner einen Entwurf zur Organisation eines deutschen „Raiio- nal-Theaters". Und nun wird der Grundstein gelegt. Das Jahr 1870 kommt. „Im Gefolge jener Strömung der Gemüter glaubte ich ein gesteigertes Empfinden für alles Pflichtgefühl dem Vaterlande gegenüber erwachen zu sehen", schreibt der Meister. Als 1876 mit den ersten Vorstellungen des „Ringes" unter Hans Richter das Haus eingeweiht wird, hat ein Kulturgedanke Gestalt gewonnen. Er wurde zum Kampfsymbol, zur Fahne, um die sich die Anhänger aus allen Teilen der Welt scharten. Aber Wagner rief immer wieder nach „mitschöpferischen Freunden", — „denn das echte Kunstwerk ist lebendig dargeftellte Religion" und muß mit« erlebt werde». — 1882 folgte „Parsival" und weihte Bayreuth noch inniger zu einer „feierlichen Zusammenkunft des Volkes", zu einer Kunststätte, wo „Deutschland sein Volkstum erleben und feiern" konnte. Weltanschauung zu gestalten, war Wagners Ziel. Seine Kunst ist Gottesdienst. Und aus diesem stimmungsgeweihten, festlichen gottesdienstlichen Charakter resultiert Bayreuths Einzigkeit.
Ist die Persönlichkeit Richard Wagners, der durch ein ganze» Leben voll von Hindernissen und seelischen Schmerzen, voll von Kämpfen, für die Verwirklichung eines einheitlichen Volksbewußtseins litt und stritt, ist ein Gelingen, seine Tat, sein Bayreuth nicht ein ernster, ein eherner Mahnruf an jeden Einzelnen von uns Deutschen?! —


