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,.Er besitzt die Nummer 601025 d," murmelte sie dabei andnch- tin vor sich hin, „das hat der alte Klaas von Lehrer sich nich mal notiert. Aber ich schreibe es mich auf. So, hier steht es. Und nu soll mal einer kommen."
Aber siehe, es kam dennoch jemand. Und dieser war noch viel mächtiger als der Deuwel, denn es war der Vogel Phönix, der letzt in der Domstraße 24 wohnt. Er kam aber ganz eigenartig geflogen, nämlich mit der Post. Und das geschah also:
„Mutttng, Mutting!" so stürzte der lange Lehrer Kleppien an diesem Tage aufgeregt zu seiner Gattin, die gerade das Schulztmmer ein wenig säuberte, weil sie am Nachmittag Gänse darin gerupft hatte „Mutting!" rief der Lehrer und schwenkte einen großen Brief mit blauem Siegel triumphierend in der Luft, „Mutting, du sagst immer so, liebe Frau. Du behauptest, daß ich mich mit zu vielen Dingen abgäbe, die nichts einbrächten und die sich nicht miteinander vertrügen. Zum Beispiel mit meiner Bienenzucht und mit der Altertumsforschung. Und dann hätte ich noch meine Münzsammlung und die Volkszählerei und den Vorsitz in dem christlichen Lehrerverem und die Ausgabe der wandernden Bibliothek. Aber Mutting, liebes Anning, das is alles gar nichts. Aber dies hier, was ich jetzt hier Hochhalte, das wird mich zum reichen Manne machen. Und dann i« es auch was Kulturelles und was Segensreiches, was sich zu meinem Stande schickt. Kuck, Mutting, ich will mich nicht rühmen, aber cs beschleicht mich doch ein gewisses Gefühl von Stolz, wenn to dir jetzt mitteiien darf, daß der Phönix, die große Gesellschaft Phönix, mir hier für unser Börgelsund den Generalvertrieb für seine Einbruchs- und Diebstahlsverstcherung übertragen hat. Na, Mutting, was sagst du dazu? Is das nu was Nützliches und Einträgliches oder nicht?"
Allein Frau Anna Kleppien wandte nicht einmal das blonde Haupt nach dem Begeisterten. Ruhig fegte sie ihre Daunen weiter zusammen und warf nur kalt und gelassen über ihre Schulter zurück- „Und wie stand es mit der Hagelversicherung, die du im vorigen Jahr gehabt hast? Dummes Zeug. Eh' du nich einen einzigen Taler ans Haus bringst, eher sag' ich kein Wort zu diesem Schnack."
„Anning, liebes Anning!" rief der Lehrer vorwurfsvoll, „nimm es mir nicht übel, aber dir fehlt der Schwung und der so wichtige Idealismus für eine solche Frage. Das hier bedeutet ja was ganz anderes als Hagel. Eine solche Police verleiht dem Menschen, wie es in dem Prospekt heißt, die Sicherheit eines beruhigten Gemütes und befreit ihn von Mißtrauen. Und so was Großes und Schönes sollte sich nicht verwerten lassen? Nein, Anning, ich geh' nun gleich damit ins Dorf, und du sollst sehn, man wird allgemein entzückt davon sein."
„Schön," fegte Frau Anna unbekümmert fort, „aber heute abend wird die dumme Vogelgeschichte zurückgesandt."
Der Lehrer befand sich bereits unterwegs. „Lächerlich," murmelte er im Vorwärtsschreiten vor sich hin, „auch den besten Frauen scheint doch der Sinn für die mehr abstrakten Dinge zu fehlen. Diesmal werde ick es ihr schon beweisen. Aber an wen wende ich mich wohl zuerst? Laß mal sehn. Denn es ist doch klar, daß für eine olcbe Bereitwilligkeit eine gewisse Phantasie vonnöten ist. Hm, sollte Bäcker Rätz der richtige Mann sein? Aber der muß ja von Berufs wegen die ganze Nacht mit seinen Gesellen wach bleiben. Bei ihm zählt also die Gefahr des Einbruchs gleich Null. Oder sollte etwa ---?"
Als er so meditierte, wanderte er gerade an dem Laden von Ante Dauch vorüber, und siehe, Ante steckte in demselben Moment ihr faltiges Haupt zu dem kleinen, kaum fußhohen Seitenfensterchen mit den grünen Glasscheiben heraus. Wie sie jedoch des Lehrers ansichtig wurde, schien sie plötzlich eine Neigung' anzuwandeln, in die Schwärze des Ladens zurückzutauchen. Allein sie war eine höfliche Frau, sie befann sich und lächelte dem Ankömmling so lieblich entgegen, als es ihr füßsaures Antlitz irgend gestattete:
„Guten Tag, Herr Lehrer Kleppien," begann sie, „immer gut zu Weg? — Ja?"
Der Lehrer blieb stehen und wunderte sich. Merkwürdig, diese Frau hatte sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Wie rücksichtsvoll war es doch, daß sie ihm gestern zu seinem Wiegenfest gratuliert hatte. Und heute nun wieder diele höfliche Anrede. Sicherlich, Ante Dauch mußte eine Art natürlichen Wohlwollens für den Lehrer empfinden.
„Herrgott, wie wäre es —?" zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn, „wie wäre es, wenn man diese Saufmannsfrau — —?"
Ohne weitere Ueberlegung schritt er unvermutet vor das offene Fenster, und nachdem er respektvoll den Hut gelüftet, begann er mit ernsthafter Feierlichkeit: „Frau Ante Dauch, dürfte ich Sie vielleicht auf ein paar Minuten in einer für Sie sehr wichtigen Angelegenheit sprechen?"
„Wich? — Mich?" schrie Ante unvermittelt und griff an das Fensterkreuz.
„Erschrecken Sie nicht," fuhr der Lehrer, durch diese Heftigkeit einigermaßen verwirrt, zurück, „aber Sie können überzeugt sein, daß Ihnen — hm — daß Sie nach unsrer Unterredung die Sicherheit Ihres Gemütes vollkommen wiedergewonnen haben werden."
„Meine Sicherheit?" Inzwischen war Ante aschfahl geworden: „Nicht hier draußen — vor allen Leuten!" stieß sie heiser hervor. „Was Sie mir zu sagen haben, Herr Lehrer, bei mir — im Laden."
„Gewiß — gewiß, das dürfte auch viel rascher zum Ziele führen."
Und nachdem er ihr nun in dem dämmernd dunkeln, frostigen Raum gegenübersaß, überwand er das unheimliche Gefühl, das ihm Antes starre Augen verursachten, und beschloß, seinen Feind mutig in der Front anzugreifen.
„Frau Ante Dauch," fing er an, indem er feinen Hut hastig hin und wider drehte, „Sie wissen, die Ehrlichkeit ist in der Welt im Abnehmen begriffen. Können Sie sich vorstellen, daß es auch bei uns — in Vörgelsund — gewisse Existenzen gäbe, welche die Begierde nach dem Hab und Gut des Nachbarn nicht zu überwinden vermögen? Können Sie das?"
Ante Dauch faß ganz starr. Sie preßte nur die Hände vor die dürre Brust, und von ihren Augen sah man kaum noch das Weiße. „Oh, die Verführung — die Verführung!" schlich es heiser aus ihrer Kehle.
Herr Kleppien fühlte sich verstanden.
„So ist es," äußerte er sehr befriedigt, „ich wußte gleich, daß Sie eine vernünftige Frau sein und mir wenig Umstände bereiten würden."
„Ja, das rooll, aber was verlangen Sie nu von mir?"
„Bitte, folgen Sie mir nur noch einen Schritt weiter!" forderte der Lehrer, der sich mit immer steigenderer Behaglichkeit in diese schöne Sprechrolle hineinlebte. „Nehmen wir nun an, es wäre lemand so tadelnswert und bestöhle Sie um Waren im Werte von — von zweihundert Mark."
„Nein, nur hundert," wehrte Ante Dauch mit erhobenen Händen ab, „mehr nicht."
„Nun gut, auch das genügt. Würden Sie nun nicht alle Hebel in Bewegung setzen, um diese Angelegenheit wieder ins gleiche zu bringen, sie gewissermaßen ungeschehen zu machen?"
Ante Dauch riß die Augen auf und erhob die rechte Hand, als wünsche sie ein Taschentuch in die Höhe zu führen, um damit den falten Schweiß von ihrer Stirn zu entfernen. „Ungeschehen zu machen?" stammelte sie mit trockenen Lippen. „Je, je, was wollt' ich nich? Ader wie macht man das, Herr Lehrer? Oh, bitte, erklären Sie mir das."
Der Lehrer war gerührt. Ein solch liebevolles Eingehen auf sein« soziale Philosophie hätte er bei diesem sonst so kalten Weibe nicht für möglich gehalten. Enthusiasmiert erhob er sich deshalb und klopfte feiner Zuhörerin aufmunternd auf den starr gestreckten Rücken.
„Also nichts leichter als dies, meine liebe Ante Dauch", setzte er seine Belehrung hingerissen fort. „Sie unterschreiben einfach diese Police und verpflichten sich etwa für den Zeitraum von fiinf Jahren."
„Fünf — Jahre — steht daraus?" murmelte Anw, in sich zu- sammensinkend.
„Ja," schloß der Lehrer im höchsten Triumph, „und bas alles machen Sie dann mit hundert Mark ab. Sie werden zugeben, daß dies das Aeußerfte ist. was man Ihnen zu bieten vermag. Sind Sie damit einverstanden?"
„Je, je, mich bleibt ja woll nichts andres übrig. Und ich dank' sie auch vielmals, Herr Lehrer Kleppien. Und hier — ach Gott, kucken Sie — das ist dieser Hundertmarkschein. Aberst sagen Sie mich noch Himmels willen das einzigste Wort; kommt nun auch nichts mehr hintemach?"
Lehrer Kleppien faltete erst umständlich die Geldnote zusammen, bann jedoch richtete er sich stolz auf, und im vollen Bewußtsein feines soeben für den Vogel Phönix bewiesenen Wertes erwiderte er so vornehm wie möglich: „Ich bestätige Ihnen schon, liebe Frau Ante, daß hiermit diese Angelegenheit ein für alle Male erledigt fei. Für alles weitere bürgt Ihnen hoffentlich meine Persönlichkeit. Nicht wahr? Und nun danke ich Ihnen für die prompte Regulierung, Frau Ante, und versichere Ihnen noch einmal, Sie werden über die Vornehmheit des Institutes nicht zu klagen haben."
Eine Minute später sah man Lehrer Kleppien hochaufgerichtet im strahlenden Sonnenschein die Dorfftraße herunterschreiten. Ante Dauch jedoch blickte ihm durch das winzige grüne Glasfenster nach, bis sie endlich, noch von innerem Grauen geschüttelt, hervorbrachte: „Ja, ja, darin hast du recht, lieber die Vomehmigkeit haft' ich nich zu klagen. Wie nobel war doch die Art, wie man mich den verfluchten Schein wieder abgenommen hat. Es geht einmal nichts über einen studierten Mann. Aber wer is schuld an dem ganzen Kram? Wer? Meine Schwester Riksch. Und darum entzieh' ich rhr von jetzt an die Unterstützung."
„So, das is die Geschichte von dem Vogel Phönix," schloß der Obermaat Vota«, „und deshalb rat’ ich dich, gib dich nich erst mit Stehlerei ab. Denn dieser berühmte Vogel merkt es sofort. Und gegen seine Klugheit steht auch der öberfte Präsident von das Gericht als ein weißes Talglicht da. — So, bas überleg dir."
Die Erzählung ist dem Novellenbande „Die Leute von Moorluke entnommen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Bruck der Vrühl'jchen Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Stehen.


