Brettern zugenagelt. Die Straße liegt in der Morgensonne. Aber sie schweigt jetzt noch tiefer als die Nacht. Neben den halberwachsenen Bäumchen der Allee läuft ein Graben. Er ist mannstief und sorg­fältig ausgemauert. Ist das nicht sinnlos? Wofür braucht man hier einen solchen Graben! Bis zum Wasserspiegel des Hafens hinab senkt sich «ine Wiese mit Blumenbeeten und einem Musikpavillon. Große Gebäude mit verödeten Veranden, geschlossenen Fenster­läden und Rissen in den Mauern schauen aus die Bucht. Der Hügel der Kathedrale ist in der Mitte. Aber die Kathedrale ist nie gebaut worden. Die Sandhaufen und die zum Fundament bestimmten Steine liegen noch da. Der weiße italienische Marmor war schon unterwegs auf den Schiffen. Aber er ist in einen, chinesischen Hafen abgeladen worden und dort liegengeblieben.

Ein Torpedoboot und ein von Dschunken umgebener Handels­dampfer liegen in der Bucht. Mehr ist nicht. Am Ufer des Hafens rosten alte Schiffskessel, halb gesunkene Pontons und eine Menge schwerer Ankerketten. Der jenseitige langgestreckte Hügelrücken trennt die Lagune vom offenen Meer. Er trägt die Sommerhäuser und den Badestrand, den in den heißen Monaten die Japaner von Dairen und die reich gewordenen Chinesen von Mulden besuchen. Den Hintergrund bildet die einstige Neustadt mit den breiten Ge­schäftshäusern jener großen ostafiatischen Firmen, die sich einst auf Befehl des Generalgouvcrneurs Alexejeff hier niedergelassen" haben, und deren Namen längst vergessen sind. Der Wachtelberg trägt das japanische Sie^esdenkmal. Es ist ein Schintotempel von strenger und einsamer Form. Zu seinen Füßen windet sich der Weg zu den ärmlichen Häusern der Altstadt mit den Ruinen der Docks und den kleinen Läden der japanischen Drogengeschäfte, der Kohlenverkäufer und Schiffshändler. Das find Dutzende von Löchern» vollgestopft mit rostigen alten Waffen, Granathülsen und Schisfsgeräten, mit offenen Schubladen voll von Uniformknöpfen, Koppelschnallen, Nickelmantel- geschossen und kleinen, von Grünspan überzogenen Kreuzchen, die russische Soldaten einst auf ihrer Brust getragen haben. Chinesische Bauernhände haben das alles von den^ Schlachtfeldern zusammen- geiragen. Und die Hände von fremden Seeleuten und Bergnügungs- reisenden wühlen ohne Scham in diesem klirrenden Zeug.

Der Weg durch die Stadt führt in die Berge. Die Falten der Berge sind ausgezeichnete Artilleriestrahsn. Kahle Höhenzüge ver­wehren den Blick auf das Meer. Die Stadt löst sich endlich in ein paar chinesische Gehöfte auf, die in Baumgruppen eingebettet sind. Oben, auf das Meer gerichtet, liegen die Kasematten, weiß, fläch und fensterlos wie die Häuser einer arabischen Stadt. Man kommt an der von Mauern umgebenen einstigen Residenz des Generals Stössel vorüber, die jetzt der Militärgouoerneur bewohnt. Dort in der Nähe der Kasernen und der Reitbahn steht ein Schuppen, der früher der russischen Militärverwaltung diente: das Kriegsmuseum. Eine Futz- brücke, deren Geländer aus alten Kanonenrädern gemacht ist, führt zu ihrem Eingang. Ein schlanker, schwarzhaariger Japaner erscheint in der Tür, um mir die Eintrittskarte zu geben und sofort zu ver­schwinden. Innen steht gleich das ausgestopste Reitpferd Stössels mit dem prahlerischen Monogrannn auf der Schabracke. Man hat die Granatlöcher im Dach offen gelassen, der blaue Himmel scheint auf Schränke und Glaskästen. Da liegen, sorgfältig nusgebreitet und mit Nummern besteckt, Waffen und Uniformen, Schanzzeug, Tor­nister, Kochgeschirr, Winkerflaggen, Telegraphenapparate ärztliche Bestecke, die zerfetzte Hülle eines Fesselballons. An den Wänden hängen die Bilderbogen aus den Jnftruktionsftuben der Kasernen: Szene» aus dem Jahre 1812, dem Krimkrieg, dem Balkanfeldzug, dem Feldzug gegen die Turkmenen, bildliche Unterweisungen im Wachestehen und Salutieren, Abbildungen von Rangabzeichen, Orden und Chrenrnünzen, Photographien russischer Offiziere, Oelbilder ja­panischer Generäle. Hier liegt ausgebreitet, von Kugeln durchlöchert, das Unterzeug eines Soldaten, Mütze, Schaftstiefel, Seitengewehr und Heiligenbild daneben. Plötzlich ein ganz leises Geräusch im Neben­raum. Es hört sich an, als habe lich jemand, der unherschleicht, durch eine einzige Bewegung verraten; sofort ist alles wieder still. Er­staunt gehe ich in das andere Zimmer. Niemand ist da. Aber in der Ecke steht ein Käfig mit ein paar lebenden Tauben. Brieftauben aus der Zeit der Belagerung. Vielleicht auch nur ihre Abkömmlinge:

Mein Kutscher fährt mich jetzt durch ein äußerst armseliges chine­sisches Dorf und in ein tief eingeschnittenes Tal. Auf den Abhängen h den die Granaten überall ihre Riesenstapfen hinterlassen, aber auf den Feldern, die noch von unregelmäßigen Gruben durchzogen sind, brehet sich die grüne Saat in den eigentümlich gekrümmten Furchen des Ackerbaues. Dürres Gestrüpp von Zwergeichen säumt die Straße, Bauernkarren init lautschreienden Holzrädern kommen vorüber. Eine Hochzeitsgesellschaft. Auf dem von Ochsen gezogenen Wagen sitzt eine Ladung Frauen mit breitgesäumten, hellblauen, mantelartigen Kleidern, weiß umwickelten Füßen, hochrot geschminkten, birnenför­migen Gesichtern und dem Kopfputz aus Silberflitter und farbigen Emaillestücken. Neben diesen Fabelwesen gehen langsam, die Tiere antreibend, die Bauern und die Kinder.

Aus die Höhe des Bergrandes führt die in den Fels gehauene Straße des Tungkikwanschan zum Standort der unbesiegtenBat­terie B", die von den Russen am Tag der Uebergabe in die Luft gesprengt wurde. Drei durch gedeckte Gänge miteinander verbundene Forts und eine Kette von Lünetten boten da oben eine gewaltige Abwehr gegen den Angreifer, der die davor hingebreitete Talsenkung zu überschreiten hatte. Dieser Berg war Orkanen ausgesetzt, die seine äußere Form veränderten. Kein Zollbreit Boden, den der Kugel­regen verschonte. Die Steinklötze der Brustwehr sind auseinander­gerissen, die Gräben mit Splittern eingeebnet. Dünnes zähes Ge­

strüpp wuchert wie Stacheldraht auf den übereinander getürmten Trümmern. Hier klebt noch, zwischen Steine geklemmt und vom Regen verwaschen, ein Fetzen dunkles Tuch. Ein Stück Lederzeug liegt bei einem gebleichten Knochen. Bedauernd, betroffen wiege ich ihn In der Hand und lege ihn an seine Stelle zurück. In einer Mulde liegen Hunderte verrosteter Konservendosen. Aber von dem unge- heueren Hagel vop Blei und Eisenstückchen, der einst auf diese Felsen nieberging, ist nichts übriggeblieben. Die Chinesen streisen noch immer mit Stab und Säckchen umher.

Der Blick schweift landeinwärts. Täler, Mulden, breite Felder legen sich zwischen felsige, einsam stehende Hügel, deren Abhänge noch immer von Gräben umwickelt sind. Diese schweigende, heroische Landschaft enthält keine Farben als das vielfältige Braun der Erde und darüber den Himmel, das blaue, klare, unbeteiligte Element. Kein Leben regt sich auf diesen von kalter Luft umströmten Höhen. Wenn ich mich umwende, sehe ich unten einen Halbkreis, eine Arena von niederen Bergen, die di« Stadt und den zum Meere offenen, das Blau des Meeres widerspiegelnden Hafen umfchliehen. In die Tal­falte schmiegt sich eine Häusergruppe, deren Wände noch die halb verwaschenen großen Zeichen des Roten Kreuzes tragen. Und in einer ganz entfernten, kaum noch merklichen Falte des Berges liegen geschweifte graue Dächer, ragen rote, mit Mastkörüen beschwerte Stangen eines chinesischen Gehöftes.

Eine grüblerische Neugier führt mich Schritt für Schritt durch die Einöde. Aus, diesen verlassenen, unter Sand und Felsstücken be­grabenen Forts lebt kein anderer Laut als das Zwitschern der: Vögel, die in den Gräsern nisten. Gleichen nicht die kleinen schnee­weiße» Wolken dort am Himmel den geballten Wölkchen der Gra­naten? Dort drüben auf der Berghöhe von Bodai ist ein grelles Glitzern in der Mittagssonne. Es ist vielleicht nur eine armselige Glasscherbe, und doch weitreichend wie der Strahl des Spiegeltele­graphen. Ich höre das Ende eines Donners. Cs ist nur mein Wagen, der hinter mir herfährt und über eine hölzerne Brücke poltert. Einen Augenblick war es ivie das Dröhnen der Geschütze, die das Herz der Verteidiger zittern macht«. Ich steige, rutsch«, falle in das von Granaten geschlagene Loch eines Betongewölbes, dessen Eingang nicht mehr zugänglich ist. Die Außenwand gleicht einem von Pocken und Narben entstellten Antlitz. Es ist dieDritte Fortifikation". In dieser langgestreckten Höhe leitete der tapfere General Kon- bratento bie Verteidigung, bis ihn die Splitter eines japanischen Geschosses zerrissen. Durch die mit Schutt fast ausgefüllten Gräben des Nordforts bringe ich in bas Innere einer verödeten Galerie und steig« an der anderen Seite hinaus. Dann klimme ich den hohen, steilen, kegelförmigen Bodai hinan. Auf dem Gipfel haben die Ja­paner die Schiffsgeschütze stehen lassen, die dieses alles überschauende Adlernest vergeblich verteidigten. Japanische Schriftzeichen sind in bie Lafetten eingeritzt. Rings liegen Scherben von Bierflaschen und Gläsern. In ber Ferne, nach Norden gesehen, ragt der berühmte, einzelstehende 203-Meter-Hllgel. Wer erinnert sich noch, daß ber Verlust?dieses Hügels den Fall ber Festung entschied? Alles ist vor­über. Und schon so lange her.

Mit bem Abendzuge verlasse ich Port Arthur,, abgestoßen von derselben Kraft des Grauens, die mich hingezogen hatte. Kein Volk der Erde ist unberührt geblieben von den Folgen des großen Wür­felspieles, das sich in dieser öden Landschaft am äußersten Rand« des asiatischen Festlandes vollzog. Andere Erinnerungsstätten sind uns näher. Um ihr Grauen zu spüren, brauchen wir nicht mehr weit zu reisen. Der Zug hält einen Augenblick in Tschanglingtsu. Das ist die kleine Bahnstation, die einst die Operationsbasis ber Japaner biibete. Im Mondlicht schimmern die öden, knochigen Formen ber Hügel, bie kahlen, wie von ben Fluten eines Wolkenbruches zer­rissenen Abhänge. Ich bin ganz allein in bem hell beleuchteten, mit rotem Plüsch gepolsterten Pullmanwage». Aus bem Nebengleise steht eine Lokomotive. Ihr starker, blinkenber Leib sprubelt schwarzen Atem aus seinem kurzen Halse. Unb sie läutet, läutet unablässig mit gellenben, gleichmäßigen Schlägen. Mit ihrem dröhnenben Bellen heult sie ben Monb an.

Der Vogel Phönix.

Von Georg Engel.

" (Schluß.)

Der Deuwel sprang auf, fuhr mit ber Klaue unter bas Ober­deck und kniff Ante in den großen Zeh, daß sie ausschrie.Was?" schimpfte er,du willst hier noch widersprechen? Auf der Stell sagst du jetzt ja oder nein."

Ja, ja, ich will ja!" schrie Ante kläglich,aus reine Folgsam­keit will ich es tun. Bloß das Muckern in bem Zeh soll aufhören."

Das is dein Glück", beruhigte sich der Deuwel. Dann löschte er das Licht aus, soff noch etwas aus dem Spiritusfaß unb stieg endlich langsam in ben Schornstein.

Oh, bas is aber schrecklich!" wimmerte Ante hinter ihm her.

Allein ber Deuwel blieb boch ein reeller Mann. Nach zwei Tagen nämlid) saß Ante Lauch freubig erregt vor ber Schatulle ihrer Ladenkasse unb streichelte mit ihren langen Spinnenfingern zärtlich °Äder einen neuen Hundertmarkschein hinweg.