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zu zwei Mark vierzig das Pfund geliefert erhalten, gießt einige Tropfen davon in fein Schwammschälchen und wartet es dem Schmetterling auf.
Der Schmetterling, obwohl schwindlig, verängstigt und sterbensmüde, versteht die freundliche Handlung. Er rollt die Spirale seines kleinen Rüssels auseinander und kostet: es schmeckt mcht. Er taumelt, er hebt sich zackig auf, fliegt empor, leuchtet gelblich durch den Raum hin. And ist weg.
Die Apparate ticken, die Bänder laufen. Keiner achtet auf die Telegramme. Der Schmetterling wird fieberhaft gesucht, wird von dem erblaßten Sekretär Kronholler unter Benutzung seiner Dienstzeit hinter Regalen, Akten und Kanzleigewühl gesucht. Er ist weg.
Er kam um fünf Ahr zwanzig in das Postamt und verschwand um fünf Ahr dreißig. In diesen zehn Minuten wurden acht Briefe falsch frankiert, zweiundsechzig Telephonabonnenten falsch und zwölf gar nicht verbunden. Achtzehn Telegramme wurden nnt absolut konfusem Inhalt abgeliefert, und am Markenschalter stirmnte die Abrechnung nicht. Zweihundertsiebzehn Menschen aber (inklusive des Direktors des Telephonamtes selbst) gingen sonderbar ergriffen, beglückt und angerührt heim und trugen das Lächeln herum, mit dem mar: ein Wunder sieht: ungläubig, still und unbewußt...
Der Schmetterling lag die ganze Nacht auf dem Akt Nr. 8625,B und träumte gelbe Felder, Wiesen, rot und lila bestickt, und Waldränder mit blühenden Heckenrosen und Erdbeerduft.
Als die Reinemachefrau Pachulke um sechs Ahr morgens das Bureau ausfegte, hatte er die schönen Fliigel gefaltet und lag auf der Seitez aber in seinen zitternden Fühlern war noch Leben. 2iver wie Äerr Sekretär. Kronholler, der eine halbe Stunde vor Beginn der Arbeitsstunden mit einem Geraniumstöckchen kam, um, chn nochmals zu suchen, ihnf and, lag er schon tot auf dem Akt Rr. ^62o B.
„Das Kind Europas".
Von Walter Appell, Plauen.
Die Große Deutsche Polizeiausstellung hat wieder einmal das Augenmerk auf jene fast mysteriöse Erscheinung gelenkt, die wir unter dem Namen Kaspar Hauser kennen. Die Ansbacher Polizei hatte Urkunden aus der kurzen Zeit seines „offiziellen' Lebens ausgestellt. Wie sie zeigen, hat das wenig planvolle Vorgehen der damals verantwortlichen Äehörden ein gut Teil Schuld daran, daß wir eine einwandfreie Lösung des umstrittenen Problems vielleicht nie mehr erwarten dürfen.
Im Mai 1828 wurde in Nürnberg ein junger Bursche auf- gegrifsen, der körperlich wie geistig in der normalen Entwicklung gehemmt schien. Ein Brief — mit dem die damalige Zeit ungleich weniger anzusangen wußte, als es heute wohl der Fall wäre — wies ihn »an einen Nürnberger Offizier, der jedoch nichts mit der Sache zu tun haben wollte. (Sie Untersuchung scheint, wie in vielen anderen, so auch in diesem wichtigen Punkte nicht mit der gebotenen Gründlichkeit geführt worden zu sein.) Der Briefschreiber behauptete, das von der Mutter ausgesetzte Kind gefunden, „christlich erzogen", aber all die Zeit in finsterm Gewahrsam gehalten zu haben. (Diejenigen, die diese Geschichte für Schwindel halten, fragen hier — und nicht nur hier — mit Recht: warum? Genau so unsinnig erscheint die später aus Kaspar heraus-, wenn nicht in ihn hineingefragte Behauptung, daß man ihn zum Waschen und Umkleiden jedesmal mit Opium betäubt habe.) Als Geburtstag sollte die Mutter des Knaben auf einem Zettel den 30. April 1812 angegeben haben. Von der Polizei verhört, konnte der seltsame Findling weiter nicht viel sagen als seinen Namen, Kaspar Hauser, und ein paar eingetrichterte Sätze, so den Wunsch, Soldat zu werden. Das stimmte mit dem Inhalt des Briefes überein, in dem gebeten wurde, den Jungen bei einem „Schwolifche- (Chevauleger-) Regiment unterzubringen. Auch die „Erinnerungen", die er dann mühsam herausbrachte, deckten sich mit dem Inhalt des Briefes, insbesondere, was den Aufenthalt in dunklem Verließ betraf (auf den überdies organische und psychologische Eigenschaften schließen lassen konnten).
Es scheint heute müßig, den damaligen Amtsstellen Vorwürfe machen oder nachträglich Lehren erteilen zu wollen. Erwähnt sei aber doch, daß schon die erste Bekanntmachung des Nürnberger Bürgermeisters mehr geeignet war, den Fall ins Romantische zu verwirren, als ihn zu klären. So war es kein Wunder, daß sich die Sensationslust, die damals nicht geringer, sondern nur ärmer an Stoss war als heute, rasch der Angelegenheit bemächtigte. Und dem Hang der Zeit folgend, kristallisierte sich aus dem Durcheinander der Ansichten bald eine als die wahrscheinlichste heraus: aus Gerüchten, die vorher schon im Umlauf waren, aus ungefährer lieber» einstimmung der Geburtsdaten und anderen, für noch schlüssiger gehaltenen Argumenten folgerte man, daß „Kaspar Hauser" der rechtmäßige Anwärter auf den badischen Großherzogsthron sei. Ein solcher war am 1. Mai 1812 geboren worden, aber angeblich bald gestorben. Die Meinung, daß das lebenskräftige Kind gegen ein todkrankes vertauscht und beiseite gebracht worden sei, fand in dem berühmten Rechtslehrer A. v. Feuerbach — Großvater des gleichnamigen Malers — ihren überzeugtesten Verfechter. Vertieft wurde sie durch ein 1829 auf Kaspar verübtes (mißlungenes) Attentat. Der Täter konnte trotz ausgesetzter Belohnung nicht ermittelt werden.
Inzwischen hatte ein reicher Engländer den Jungen, der schwülstig „das Kind Europas" genannt wurde, adoptiert und, wie das
auch andere taten, mit auf Reisen genommen. Rach einigen Jahren solch ruhelosen, aber Aufsehen erregenden Lebens kam Kaspar auf Betreiben Feuerbachs als Gerichtsschreiber nach Ansbach. Dort arbeitete er, noch von den gleichen Rätseln umgeben wie am ersten Tage seines plötzlichen Austauchens, bis er im Dezember 1833 ein Ende fand, das seinem „Leben" entsprach: ein Unbekannter, der ebenfalls nie ermittelt werden konnte — was nach Lage gewisser Dinge heute wohl möglich fein mühte —, verletzte ihn mit einer dolchartigen Waffe so schwer, daß Kaspar wenige Tage später starb. Sein Grabstein nennt ihn, was übertriebener klingen mag als es ist, „das Rätsel seiner Zeit".
Mehrfach ist versucht worden, den Stoff dichterisch zu gestalten, am erfolgreichsten in Jakob Wassermanns Roman („Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens"), 8er den Jungen als den reinen Toren hinstellt, der die Menschen nicht versteht und den die Menschen nicht verstehen. — Daneben ist aber auch die wissenschaftliche Behandlung des Falles nie zur Ruhe gekommen. Neuen Anlaß dazu gab die vor zwei Jahren erfolgte, angebliche Entdeckung des Verließes, in dem Hauser seine Jugend verbracht haben sollte (in Schloß Pilsach. Oberfranken). Festgestellt muß. werden, daß die von der sensationellen Meldung hervorgerufene Debatte recht wenig von der Thronerben-Legende übrig gelassen hat. Gewiß beweist die Veröffentlichung der Sterbeurkunden des „echten" Thronfolgers gar nichts, gewiß konnten Nebenlinien oder sonstige Gegner ein Interesse am Aussterben der regierenden Linie haben — aber es muh wohl einleuchten, wenn Dr. E. Verend darlegt: die an der Wegschaffung des Thronerben Interessierten oder damit Beauftragten hätten kaum dümmer und ungeschickter verfahren können, als Feuerbach und seine Anhänger es ihnen zutrauten. (Nur einige Fragen: Welchen Sinn sollte es haben, den Jungen nach sechzehnjähriger Einkerkerung plötzlich freizulassen, um ihm alsbald wieder nach dem Leben zu trachten?) Außerdem mühte die Kindesvertauschung, von welcher Seite sie auch inszeniert worden sein könnte, immerhin eine beträchtliche Zahl Mitwisser gehabt haben. Sollten es die wirklich, ohne eine einzige Ausnahme, fertig gebracht haben, ihr Geheimnis mit ins Grab zu nehmen? . . .
Mel mehr hat die schon.1887 in einem umfangreichen Werk v. d. Lindes niedergelegte Meinung für sich, daß Kaspar Hauser einfach ein — Betrüger gewesen ist. Wenn auch nicht ein Betrüger aus materiellem Eigennutz.— obwohl auch der hineinspiett (vgl. die Reisen!), sondern ans psychologisch übersteigerter Eitelkeit, aus dem, wohl hysterischen, Drang, eine Rolle zu spielen. Die trotz vieler Bemühungen unaufgeklärten Attentate, selbst das tödlich verlaufene, wären dann Selbstverletzungen, wie sie in ähnlichen Fällen auch anderweit beobachtet werden. Ihr Motiv konnte sein, das vielleicht nachlassende Interesse der Oeffentlichkeit neu zu beleben. Auch mit anderen Erscheinungen in Hausers Leben ist diese Ausfassung, die allerdings dem „Rätsel des Jahrhunderts" den Nimbus raubt, unschwer in Einklang zu bringen. Kaspar würde dann wohl auch den Brief selbst geschrieben haben, ebenso einen von dem zweiten Attentäter angeblich verlorenen Zettel ähnlich geheimtuenden Inhalts. (Wieder ein Punkt, von dem man sich heute eine befriedigende Aufklärung des Falles versprechen könnte, ohne daß diese indessen nachträglich noch möglich wäre.)
Zu wenig scheint im Rahmen dieser Auffassung bisher die Frage erörtert worden zu fein: wie weit Hauser vielleicht unter dem Einfluß Dritter, ähnlich Veranlagter, gestanden und gehandelt hat. Denn es ist doch möglich, daß er wohl einen Überlegenen Schwindel größten Ausmaßes mit seiner ganzen Zeit trieb — woran dann auch sein vormaliger Wohltäter, der erwähnte Engländer', nicht zweifelte —, daß aber die Antriebe dazu nicht seinem eigenen Hirn entstammten. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen und annehmen, daß Kaspar schließlich sogar regelrecht für feine abenteuernde Rolle vorbereitet wurde, so könnte das alle Beobachtungen erklären, auf die sich die Gegner der Betrüger-Theorie berufen (Unkenntnis in einfachsten Dingen, Begriffsstutzigkeit gegenüber Glas und Feuer, gutes Sehvermögen im Dunkeln ufw.). Denn es wäre ja möglich, daß der Junge tatsächlich eine Reihe von Jahren (wenn auch nicht sechzehn) zu wohlbedachtem Zweck in dunklem Kerker gehalten wurde.
(Trotz vielem Bestechenden, das diese Ansicht für sich hat, bleibt es freilich immer noch fraglich, ob sie die letzte Lösung des Rätseld birat. Die Zeitgenossen Kaspar Hausers haben zuviel versäumt und ungenutzt gelassen, als daß wir auf eine solche überhaupt noch mit Bestimmtheit rechnen dürften.)
Port Arthur.
Von Alfons Paquet.
In der Finsternis vor dem Bahnhof gibt es nichts als ein paar trübe Wagenlaternen. Schon fährt mich der Kutscher mit fliegenden Frackschößen über eine polternde Brücke. Ich sahre auf der menschenleeren Straße am Wasser entlang» Nichts zu erkennen, als ein Licht in der Takelage eines gespenstischen Schiffes. Die hohen Korridore des Hotels sind bis in den letzten Winkel von elektrischen Birnen beleuchtet. Aber sie sind leer. Im Zimmer stehen frisch« Blumen neben der grün verhängten Lampe. Sie beruhigen nicht. Ich trete auf den Balkon. Drüben im Dunkeln liegt ein Haus, das in seiner ganzen Breite von einem Baugerüst bedeckt ist. Finstere Berghohen drohen dahinter und verkleinern den Sternhimmel. Zu ihren Fuße" schimmern bleiche Häuser einer totenstillen Stadt. Am Morgen fallt mein Blick zuerst auf jenes Haus. Seine Fensteröffnungen sind mit


