Eichener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926

Samstag, den 13. November

Nummer 91

Reiter im Herbst.

Von Sans Benzmann.

Vier wilde Gänse schrecken scheu empor Wer reitet noch zum Abend übers Moor? Der dicke Nebel teilt sich schwer und trag ein rotbraun Nößlein klappert übern Weg.

Ein Rtttersmann! Sein Fähnlein schwimint in Tau, schwarz ist die Rüstung, und sein Auge grau blickt starr und still wie in ein weites Grab, senr Rößleln nagt am Weg die Kräuter ab.

Er reitet wie verdrossen, wie inr Traum, wohin er blickt, erschauern Busch und Baun», und was er streift mit seiner Eisenhand, Riedgras und Rohr, sinkt nieder wie verbrannt.

So taucht er langsam in das Nebelmeer Dicht fallen welke Blätter hinterher.

Das Postamt und der Schmetterling.

Von Vicki Baum.

Zwischen fünf und sechs Uhr abends. Von» Simmel schlappen feuchte Nebeltücher in die Straßen herab, die Laternen stellen trüb­gelbe Kreise in das Dunkelgraue. Streifige Autos vor dem Bahnhof, glotzende Tiere, werfen Schatten in den Nebel. Menschen gehen schnell, blaß, frierend imd übelgelaunt. Das Postamt hält feilte Linterseite dem Ostwind hin, der über den Bahndamm schneidet. Sekretär Kronholler in der Telegraphenzentrale spürt, daß er morgen Rheumatismus haben wird; die Apparate ticken, fressen Papier­bänder, spucke» Papierbänder aus. Die Beamten arbeiten lautlos. Direktor Purtwang in der Direktion des Telephonamtes, Treppe D, liegt, schiefgewickelt wie er ist, in einem Klubstuhl, findet Kaffee, Zigarre, Zeitung, Politik, Beruf, Welt: übelriechend. Am Schalter für Einschreibebriefe, Schalter drei, stehen vierunddreißig miß­gelaunte Menschen und mustern durchbohrend Lerrn Julius Koroleh und Lerrn Stropp. Julius Koroletz, junger Mann bei Essig und Seidenfaden, sechzehn Jahre alt, keine Schönheit, wartet mit vier­undzwanzig Einschreibebriefen seit einer halben Stunde. Seine Frostbeulen schmerzen; er bläst ein wenig Wärme in den Schal, der feucht um seinen Lais liegt, und betrachtet gehässig Lerrn Assistenten Stropp, der seinerseits wütende Blicke aus deut Schalter- fenster stößt; denn er leidet an Kopfneuralgte, und die Schmerzen toben rasend los, sooft die kalte Zugluft zum geöffneten Schalter­fenster hineinströmt. Es riecht nach Gas, nach feuchten Kleidern; drei große Bogenlampen schleudern stachliges Licht umher, weiß in gelbgraue Gesichter.

Zu diesem Zeitpunkt, fünfzehn Minuten nach fünf, geschieht es, daß der Ostwind einen Schmetterling über den Bahndamm treibt, welcher mit starren Flügeln an der Ecke zwischen Bahnhofs- und Poststraße landet; an jener Ecke, wo im penetranten Licht einer Karbidlainve zu schwarzen Silhouetten gewandelte Menschen sich Pferdewürstchen kaufen. Der kleine Kessel wirft ein wenig Dampf und Wärme aus sich, der Schmetterling fühlt sich dunkel hingezogen und sinkt auf einen Teller aus Pappe, dicht neben ein Kleckschen von Sens. Die schwarzen Silhouettenmenschen mit den Pferdewürstchen in den Länden schieben die Köpfe vor, sie beginnen zu lächeln; sie lachen: langsam, still verwundert, mit einem abwesenden Ausdruck in den Arbeiter- und Lastträgergesichtern.

Der Schmetterling steht mit seinen kleinen Kristallaugen nach allen Seiten, rollt einen zierlichen Rüssel aus sich heraus, riecht nach dem Senf; er zittert mit den Beinchen, streckt einen Fühler nach dem warmen Dampf der Würstchen, zieht ihn entsetzt wieder em; fliegt auf und ist weg. Solange er dasaß, war es warm, sommerlich, das Leben nicht ganz zu verwerfen, die Würstchen ziemlich schmack­haft. Nun schließt sich wieder neblige Februarkälte um die Wurst- bube; aber es bleibt das Lächeln noch in den Gesichtern, undine Wurst­frau schüttelt den Kopf und sagt ungläubig:Nu sowat! Nu sowat!

Der Schnietterling schließt sich einem Schieber an, der eine erregte Depesche, nicht eingetroffene Seifensendung betreffend, zu verschicken beabsichtigt, und gelangt so in den Schalterraum des Postamtes. Er fliegt geradewegs gegen eine Bogenlampe, er surrt und klatscht leidenschaftlich gegen das warme Glas und erzeugt ein Geräusch, das fremd aus den andern Geräuschen des Ortes herausleuchtet. Köpfe heben sich, fuchend und sonderbar getroffen.

Es wird Wärmer; es ist etwas da, wie in abendlichen, sommerlichen Wirthausgärten; es könnte ferne Musik spielen, es könnte nach Linden duften: es flattern Schmetterlinge an die Lampen. Die Gesichter lächeln, drehen sich, abgelenkt von ihren Postgeschäften, folgen gespannt dem Schmetterling, der sich dem jungen Mann, Julius Koroletz, nähert, ihn zweimal umkreist Wie eine Blume und sich dann auf sein blaues Landgelenk seht. Koroleh gibt offenen Mundes ein seliges Lächeln von sich, et ist sich bewußt, ein Aus- erwählter zu sein; die vierunddretßig Menschen vor dem Schalter sehen ihn freundlich und respettvoll an. Er hält die Land mit den vierundzwanzig Einschreibebriefen und den Frostbeulen ganz starr und ist tief innen, unterhalb des Korolehschen Bewußtseins, zärtlich angerührt. Dem Assistenten Stropp seinerseits fällt die Amtsmiene vom Gesicht herunter wie eine trockene Lülse, er steckt seinen ganzen neuralgischen Kops zum Schalter hinaus, et fühlt weder Zug noch Kälte;' er ist ein Junge, der über heiße Wiesen läuft, und er sagt, fast zitternd vor Aufregung:Ein Schwalbenschwanz, weiß Gott, ein Schwalbenschwanz! Gan^ was Seltenes. Wie schön, wie schön..." And einen Augenblick lang stockt das ganze Postgettiebe, und alles drängt und ballt sich vor Schalter drei, um den Schwalben­schwanz zu sehen, der selten ist und wunderschön. Die mißgelaunten, eiligen, gehetzten Menschen, Bankboten, Laufburschen, Schieber, Geschäftsfrauen ruhen einen Augenblick und lächeln, eigenartig ergriffen, ohne es zu wissen.

Der Schmetterling verläßt Julius Koroletz, »velchet tief aus­atmet, et macht einen Bogen um Lerrn Stropp, an dem er das Erwachen alter Iagdinstinkte zu wittern scheint, er schlüpft durch das Schalterfenster in den wärmeren Raum, wiegt sich zwischen den riechenden Gaslampen. Et hat entzückend geschwungene blaßgelbe Flügel, mit dunkelblauem Samt verbrämt, rubinrote Sprenkel, ein schillerndes Seidenmühchen am Kops. Er wiegt sich, und alle die Maschinenmenschen hinter den Schaltern erleiden einen Knacks an ihrer Mechanik, schnurren ab und verlieren, angenehm erleichtert, die Disziplin. Die Beamten machen leichtsinnige Gesichter, stempeln falsch ab, sie denken unklar: ein Schmetterling; Schönheit, Sommer, Ausflug zu zweien; Reglementswidriges. Die Lilfsbeamtinnen stoßen bei dem Anblick kleine, beglückte, mütterliche Schreie aus. Mit der jüngsten von ihnen, Fräulein Lüde, verläßt der Schmetterling stürmisck» den Raum. Er begibt sich mit ihr in das Treppenhaus D, das kalt ist, schlecht beleuchtet, und auf großen Warnungstafeln verkündet: Lier ist jeder Lärm zu vermeiden. Der Schmetterling, kühl behaucht, drängt feinen kleinen Leib an Fräulein Lildes Lals- ausschnitt, er klammert sich mit allen feinen fechs kleinen, zitternden Beinchen an ihre warme Laut, er umarmt sie, foweit seine Di­mensionen es zillassen. Fräulein Lilde, solcher Aggressivität un­gewohnt, kann nicht anders als lachen und schreien zugleich. Im zweiten Stockwerk ruft es aus aufgerissenen Türen: Was ist los? Was ist denn da los?

Ein Schmetterling! Ein Schmetterling! Ein entzückender Schmetterling!

Es ruft durch das ganze Laus. Aus allen Bureaus kommen Leute, Mädchen mit Tinte an den Fingern, Mädchen mit Gummi und Kleister an den Fingern, gelbgesichtige Beamte, Lerren in Alpakkaröcken, blaugefrorene Jungen mit dem Titel von Unterhllss- beamten. Das Treppenhaus, in dem jeder Lärm zu vermeide» ist, hallt und tobt. Der Schmetterling zickzackt irritiert empor und nieder, ihm ist kalt und unglücklich zumut. Aber die Postbeamten sehen chm sehnsüchtig zu. Lerr Direktor Pmttvang selbst, schiefgewickelt wie er Ist, erscheint ander Tür seines Bureaus, um das Vorkommnis des lärmenden Treppenhauses als unerhört zurückzuweisen. Er steht seine verwandelten Beamten, sieht den Schmetterling, gelbliches, zitterndes, edelgesckwimgenes Licht zwischen graugetünchten Wanden, er schweigt, lächelt und denkt: Lm, Lm...

Unvergleichliches Erlebnis aber war es für Sekretär Kronholler in der Telegraphenzentrale, als der Schmetterling bei ihm erschien und sich müde, oh, sehr müde, auf feinem Tintenfaß niederließ: denn Kronholler war Witwer, kinderlos, zerknittert und außer­ordentlich allein. Er fchaute den Schmetterling an, der unendlich fein und hilfsbedürftig erschien, er sah die Zeichnung, d,e zarten Adern in der Opalhaut, die Kristallaugen. Er dachte, eigentlich habe ich noch nie einen Schmetterling wirklich gesehen... Und zugleich fühlte er sich von unbekannter Warme überströmt und be- reichert um die Erkenntnis all der Dinge, die er eigentlich nre Wirklich gesehen hat: Frauen, Theater, Bilder, Berge, gewellte Felder in Sommerhitze, seewärts ziehende Kieser-nwalder am Abend...

And im Gefühl eines besondE Augenblicks nimmt Sekretär Kronholler das Einstedeglas mit Riibensirup, den die Postbeämten