Ausgabe 
13.7.1926
 
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Er suchte die Einöden auf. Aber der Wind trug es an sein Ohr wie Todesrücheln, und die niederfallenden Tautränen erinnerten ihn an andere Tropfen van einem schwereren Gewicht. An allen Aben­den goß die Sonne Blut in die Wolken, und in jeder Nacht, im Traume, wiederholte sich sein Elternmord.

Er fertigte 'sich ein Büßerhemd mit eisernen Stacheln. Auf den Knien erklomm er alle Hügel, die eine Kapelle trugen. Aber die un­erbittliche Erinnerung verdunkelte den Glanz der Tabernakel und marterte ihn noch inmitten seiner Bnßerqualen.

Er lehnte sich nicht gegen Gott aus, der ihm diese Tat auferlegt hatte, und verzweifelte dennoch darüber, daß er sie hatte begehen können. Seine eigene Person flößte ihm einen solchen Abscheu ein, daß er, in der Hoffnug, sich ihrer zu entledigen, Gefahren suchte. Er rettete Gelähmte aus Feuersbrünsten und Kinder aus den Tiefen der Klüfte. Der Abgrund warf ihn wieder aus, die Flammen ver­mieden ihn. .

Die Zeit linderte nicht feine Qual. Sie wurde unerträglich. Er be­schloß zu sterben.

Und eines Tages, da er sich am Rande einer Quelle befand und sich hinüberbeugte, um die Tiefe des Wassers zu prüfen, sah er einen abgezehrten Greis mit weißem Bart und so jammervollem Aussehen sich gegenüber auftauchen, daß ihm unmöglich war, seine Tränen zurückzuhalten. Auch der andere weinte. Ohne sein Abbild zu er­kennen, erinnerte sich Julian dunkel eines Antlitzes, das diesem da ähnelte. Er stieß einen Schrei aus, es war sein Vater, und er dachte nicht mehr daran, sich zu töten.

Solcherweise die Last seiner Erinnerung tragend, durchwanderte er viele Länder, und er gelangte an einen Fluß, dessen Ueberfahrt gefährlich mar wegen seiner reißenden Strömung und weil an seinen Ufern große Schlammflächen lagen. Seit lange wagte es niemand mehr, ihn zu überqueren.

Ein altes, halbvergrabenes Boot streckte seinen Bug aus dem Schilf hervor. Als Julian es untersuchte, entdeckte er ein Paar Ruder darin, und der Gedanke kam ihm, sein Dasein im Dienste anderer Menschen zu verwenden.

Er begann auf der Böschung eine Art Dammweg herzustellen, welcher es ermöglichte, bis an das Fahrwasser herunter zu gelan­gen, und er zerbrach sich beim Rollen der mächtigen Steine die Nägel, lehnte sie gegen seinen Leib, um sie zu tragen, glitt in den Schlamm, versank darin sind geriet mehrere Male in Gefahr, um­zukommen.

Dann besserte er das Boot mit angeschwemmten Schiffsresten aus und fertigte sich eine Hütte aus Lehmerde und Baumstrünken.

Sobald die Fährte bekannt geworden war, stellten sich die Rei­senden ein. Sie riefen ihn vom anderen Ufer ans herbei, indem sie Fahnen schwenkten, und Julian sprang eiligst in seine Barke. Sie war sehr schwer, und man überlud sie mit allen Arten von Gepäck und Lasten, ohne die Saumtiere zu zählen, welche vor Furcht aus­schlugen und die Gepferchtheit noch vergrößerten. Er verlangte nichts für seine Mühe, einige gaben ihm Reste von Lebensmitteln, die sie aus ihren Quersäcken nahmen, oder abgenützte Kleidungsstücke, die sie nicht mehr wollten. Rohe Burschen stießen manchmal Schmähun­gen aus. Julian vermahnte sie mit Sanftmut, und sie antworteten mit Beschimpfungen. Er begnügte sich damit, sie zu segnen.

Ein kleiner Tisch, ein Schemel, ein Bett aus trockenen Blättern und drei Tonschüsseln, das war seine ganze Ausstattung. Zwei Löcher in der Mauer dienten als Fenster. Auf einer Seite erstreckten sich bis ins Unabsehbare unfruchtbare Ebenen, hie und da fahle Teiche auf ihrer Fläche, und vor ihm wälzte der große Strom seine grün­lichen Fluten. Im Frühling hatte das feuchte Erdreich einen Moder­geruch. Dann blies ein dürrer Wind den Staub in Wirbeln in die Luft. Er drang überall ein, verschlämmte das Wasser und knirschte zwischen den Zähnen. Etwas später kamen Wolken von Mücken, deren Surren und Stiche weder tags noch nachts aufhörten. Dann brach furchtbarer Frost herein, welcher die Dinge hart wie Stein machte und ein rasendes Bedürfnis, Fleisch zu essen, eingab.

Monate verstrichen, ohne daß Julian einen Menschen sah. Oft schloß er die Augen mit dem Streben, durch das Gedächtnis in feine Jugend zurückzukehren und der Hof eines Schlosses tauchte auf mit Jagdhunden auf einer Rampe, Knappen im Waffensaal, und unter einer Rebenlaube sah er einen Jüngling mit blonden Haaren neben einem Greise, der in Pelze gekleidet war, und neben einer Dame mit großer Haube; mit einem Schlage lagen bann die beiden Leichname vor ihm. Er warf sich platt auf sein Bett und wiederholte schluchzend:O armer Vater, arme Mutter, arme Mutter" und verfiel in ein Schlafwachen, in dem die düsteren Ge­sichte fortbauerten.

Eines Nachts, da er schlief, glaubte er jemanben nach sich rufen zu hören. Er reckte bas Ohr und vernahm nichts als das Branden der Wellen. Aber dieselbe Stimme Hub wieder an:

Julianus."

Sie kam vom anderen Ufer, was ihm in Anbetracht der Breite des Stromes außerordentUch erschien.

Ein drittes Mal rief es:

Julianus."

Und diese hohe Stimme hatte den Klang einer Kirchenglocke.

Nachdem er feine Laterne angezündet hatte, verließ er seine Hütte. Ein wütender Sturm erfüllte die Nacht. Die Finsternis war tief und hier und da zerrissen von der Weiße der schäumenden Wogen.

Nach einer Minute Zögerns löste Julian das Tau. Das Wasser

wurde sofort ruhig, die Barke glitt hinüber und legte sich an bat andere Ufer, wo ein Mann wartete.

Er war in eine zerfetzte Leinwand gehüllt, sein Antlitz glich einer Gipsmaske, und seine beiden Augen waren röter als Kohlen. Als Julian ihm feine Laterne nahe brachte, gewahrte er, baß ihn ein scheußlicher Aussatz bedeckte, aber dennoch hatte er in feiner Haltung etwas wie Majestät eines Königs.

Sobald er die Barke betrat, sank sie, niedergezwungen von seinem Gewicht, tief in die Flut; ein Stoß trieb sie wieder herauf, und Julian fing an zu rudern.

Bei jedem Ruderschlag hob der Ansturm der Wellen das Vorder­teil hoch in die Luft. Das Wasser, das schwärzer als Tinte war, raste wütend zu beiden Seiten am Rande vorbei. Es wühlte Abgründe auf, es türmte Berge, und das Boot sprang herüber und verfank bann in Tiefen, wo es vom Winde gepackt kreiste.

Julian beugte seinen Körper vor, reckte seine Arme, und warf sich, die Füße anstemmend, mit einer Drehung seines Rumpfes nach hinten über, um mehr Kraft zu haben. Der Hagel peitschte seine Hände, der Regen riefelte seinen Rücken herunter, die Wut der Luft benahm ihm den Atem, und er hielt ein. Da wurde das Boot vorn Sturm fortgerissen. Aber begreifend, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handle,' um einen Befehl, dem man nicht ungehorsam fein dürfe, ergriff er feine Ruder wieder, und das Knarren der Dollen unterbrach das Heulen des Sturmes.

Die kleine Laterne brannte vor ihm. Flatternde Vögel verdun­kelten sie von Zeit zu Zeit. Immer aber sah er die Augen des Aus­sätzigen, der hinten unbeweglich wie eine Säule aufrecht stand! Und das dauerte lange, sehr lange!

Als sie in der Hütte angelangt waren, schloß Julian die Tür, und er sah ihn nun vor sich auf dem Schemel sitzen. Das Leichentuch, welches ihn umhüllte, war bis auf seine Hüften herabgefallen, und seine Schultern, seine Brust, seine mageren Arme verschwanden un­ter Schilden schuppiger Pusteln. Ungeheure Risse zerfurchten seine Stirn. Wie ein Skelett hatte er an der Stelle der Nase ein Loch, und seine bläulichen Lippen strömten einen Atem aus, der dick wie ein Nebel und ekelerregend war.

Mich hungert!" sagte er.

Julian gab ihm, was er besaß, ein altes Stück Speck und die Krusten eines Brotes.

Nachdem er es verschlungen hatte, trugen der Tisch, der Napf und der Stiel des Messers die gleichen Flecken, die man aus seinem Körper sah. Darauf sagte er:Mich dürstet."

Julian holte seinen Krug, und als er ihn aufhob, strömte ihm ein würziger Duft entgegen, der fein Herz und seine Nüstern weitete. Es war ein Wein, welch ein Fund! . . . aber der Aussätzige streckte seinen Arm aus, und mit einem Zug leerte er den ganzen Krug.

Dann sagte er:Mich friert."

Julian entzündete mit feinem Talglicht ein Bündel Farnkraut inmitten der Hütte.

Der Ausfätzige wärmte sich daran und bebte, auf den Fersen kauernd, an allen Gliedern, und seine Kräfte vergingen; seine Augen glänzten nicht mehr, seine Geschwüre liefen, und mit fast erstorbener Stimme murmelte er:

Dein Bett."

Julian half ihm behutsam, sich dorthin zu schleppen, und breitete sogar, um ihn zu bedecken, die Leinwand seines Bootes über ihn aus.

Der Aussätzige ächzte. Seine Mundwinkel legten die Zähne bloß, ein fliegendes Röcheln schüttelte seine Brust, und fein Bauch höhlte sich bei jedem Atemzuge bis auf die Wirbelknochen.

Dann schloß er die Augen.

Wie Eis liegt es in meinem Gebein! Komm neben mich!" Und Julian hob die Leinwand und legte sich auf die trockenen Blätter neben ihn, Seite an Seite.

Der Aussätzige wandte den Kopf.

Entkleide dich, auf daß ich die Wärme deines Körpers habe!" Julian tat feine Kleider ab, dann legte er sich, nackt wie am Tage feiner Geburt, in das Bett zurück, und er fühlte an feinem Schenkel die Haut des Ausfätzigen, welche kälter als eine Schlange und rauh wie eine Raspel war.

Er versuchte ihm Mut einzusprechen, und der andere antwortete keuchend:

Ach, ich werde sterben! . . . Komm näher, wärme mich! Nicht mit den Händen! Nein! Gib deinen ganzen Leib!"

Und Julian breitete sich vollständig über ihn, Mund an Mund, Brust an Brust.

Da umschlang ihn der Aussätzige, und seine Augen erfüllten sich mit Sternenklarheit, seine Haare verlängerten sich wie Sonnen­strahlen, der Hauch seiner Nüstern bekam die Süßigkeit von Rosen, eine Weihrauchwolke erhob sich vom Herd, und die Wellen draußen fangen. Währenddessen drang ein Strom von Wonnen, eine über­irdische Glückseligkeit wie schwellende Flut in die Seele des Julian, und der, dessen Arme ihn immer noch umschlangen, wuchs, bis daß fein Haupt und seine Füße die beiden Wände der Hütte berührten. Das Dach verschwand, die Himmelswölbung breitete sich über ihnen---und Julian schwebte in die blauen Räume hinauf,

von Angesicht zu Angesicht mit unserem Herren Jesus Christus, der ihn in den Himmel trug.

Und das ist die Geschichte von Sankt Julianus dem (Saftfreien, ungefähr so, wie man sie auf einem Kirchenfenster in meiner Heimat findet.

Schtiftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Sange. Druck und Verlag bet Btühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.