223 —
dreißig Rosen wird ihr der Vater nicht bringen, es mühte denn fein, daß er sie ----Nein! Daran wollte sie jetzt nicht denken!
Sie wollte jetzt nicht an das denken, was vor iHr lag! Nur das Hettte durste gelten!
Einundzwanzig! Ob sich die Lehrersfrau nicht wunderte, die ihr damals nur noch fünf Lebensjahre gab?
Als der Vater vor fünfundzwanzig 'Jahren mit seiner jungen Frau m bas Pfarrhaus einzog und sie an der Hand zu dem grasbewachsenen Hügel führte, sagte er: „Hier sollen rote und weiße Rosen für dich blühen und hier 'soll eine Dank sür uns beide stehen!"... Die 'Mutter hatte es ihr an 'ihrem zwanzigsten Geburtstage, als sie nebeneinander auf der Dank faßen, erzählt und dabei wunderselig gelächelt. Die Dank war je und je von Geheimnissen umwöben. Nun wüßte sie em neues...
Damals vor zehn Jahren...
Elisabeths Gedanken gingen vom Heute zum Gestern und Ehegestern. Das Erlebnis der Morgenstunde stand klar und scharf vor ihren Augen, aber es war umwoben von bunten Bildern jener Tage, jener längst vergangenen Tage...
Damals vor zehn Jahren war sie an einem sonnigen Morgen auf der Dank gesessen. Sie wüßte noch ganz genau, wie es war. Elf Jahre war sie vor wenigen Tagen geworden. Sie faß mit geschlossenen Augen und träumte. Auf ihrem Schoß log das Märchenbuch. Die Rosen dufteten stark und süß. Da sah sie im Geiste das Schloß, in dem Dornröschen schlief. Das Schloß war von einer Mächtigen Hecke umschirmt, an der hunderttausend Rosen blühten. Lind der Königssohn nahte sich auf stolzem Rosse... Die Geschwister lärmten unter dem hohen Nußbaum, der hinter dem Hause stand. Sie vernahm die lauten Stimmen der drei jüngeren Drüber und der Schwester, die zwei Jahre älter war als sie. Sie waren alle gesund und kräftig. Ihnen tat die Drust nicht Weh, wenn sie die Dorfstratze entlang rannten oder mit den Lehrersbuben den Anger hinaüfstürmten, wo der alte Schäfer neben seinem Karren saß und Strümpfe strickte, Während der schwarze Hund die Schafherde hütete. Sie hätten gut lachen und tollen! Ihnen 'strich der Vater, bevor er am Sonntag, angetan mit dem Etzorröck, zur nahen Kirche hinüber- fing, nicht mit bekünunerter Miene über das Haar! Elisabeth atte es wohl vernommen, wie Onkel Joachim, der Arzt in der nahen Stadt war und ost zu Desuch kam, zu den Eltern sagte: „Das Kind bedarf der Schonung!" Man hört manches, was man nicht hören soll...
Elisabeth lehnte den Kops an das weihe Fensterkreuz und sah zu der Bank hinüber. Still stand die Dank und hütete das neue Geheimnis, von dem sie seit diesem Morgen wußte...
Damals, als sie 'im Geist das Dornröschenschloß und die Rosenhecke und den Prinzen sah, weckte sie der Ruf des Vaters aus ihrem Träumen. Sie ging zu ihm in die 'Studierstube. Er saß an seinem Schreibtisch und wandte ihr, als sie eintrat, sein gütiges Gesicht zu.
„Du könntest wohl dieses Schreiben zum Herrn Lehrer tragen," sagte er freundlich, „die andern sind, wie ich merke, wieder einmal sehr beschäftigt!"
Sie 'lies die 'sonnige Dor'siträhe entlang. Es war nicht weit zum Schulhause. Aber schon der kurze Weg machte sie müde. Die Sonne brannte heiß hernieder. Allein sie färbte ihre Wangen nicht braun wie die Wangen der Schwester und der Drüber.
Es war in den Heuferien. Der Lehrer sah in dem alten Lehnstuhl und rauchte aus seiner langen Pfeife. Seine Frau goß die Geranien am Fenster, die ihr besonderer Stolz waren. Die beiden schauten Elisabeth an. Sie spürte auch in ihren Blicken das Mitleid. Es war ihr immer peinlich, von den Leuten mitleidig angesehen zu werden. Schnell richtete sie den Gruß des Vaters aus und gab das Schreiben ab. Als sie sich zum Gehen wandte, kam — sie erinnerte sich genau! — durch die Türe, die weit offen stand, ein junges graues Kätzchen herein. Es hatte ein struppiges Fell und war entsetzlich mager. Mitten rm* Zimmer blieb es stehen und schrie jämmerlich mit einem fernen Stimmlein.
„Ach, du Elenderle, da armes!" sagte die Lehrersfrau, goß ein wenig Milch in eine Schale und stellte sie auf den Boden. Sofort lief,das Kätzchen hinzu und leckte die Milch begierig aus. Sie schauten ihm zu, und der Lehrer sagte:
„Es gehört dem Nachbarn. Die Leute kümmern sich aber nichts um das arme Sier. Es kommt fast jeden Tag!"
Elisabeth bückte sich und streichelte mit sanfter Hand das struppige Fell. Dann ging sie aus der Stube. Als sie an den offenen Fenstern vorüberging, hörte sie drinnen die Lehrersfrau sagen:
„Die ist auch so ein Elenderle! Ob sie nach fünf Jahren noch das Leben hat?"
Ja, man hört manches, was man nicht hören soll...
Ein scharfer Schmerz ging ihr durch und durch. Daß sie mit diesen Worten gemeint war, verstand sie sofort. Sie war auch fo ein Elenderle wie das mägere'Kätzchen! Lind in'fünf Jahren.. Ein Grauen rann Üjr über den Leib.
Das schlimme Wort, das für ihre Ohren nicht bestimmt war, verfolgte sie den ganzen Tag. Und in der Nacht konnte sie nicht schlafen. Als ihr im Morgengrauen die müden Augen zufielen, träumte sie, ein weißer Sarg werde aus dem Hause hinüber zum Kirchhof getragen. Der Vater und der Lehrer gingen vor' ihm her, die Kinder sangen, und hinter dem Sarg
schritten die Mutter und die Geschwister und alle Leute vom Dorf, sind die Lehrersfrau nickte immerzu mit dem Kopfe. In dem Sarge lag sie selbst, und auf dem Deckel sah eine kleine graue Katze. Das eiserne Tor des Kirchhofes sprang krachend auf... Mit einem lauten Schrei fuhr sie empor und starrte in das junge Licht des Tages. Die Schwester, die neben ihr lag, lallte ein paar unverständliche Worte und schlief weiter. Elisa- beth sah sie an. Sie hatte runde, rote Wangen, sie schlief so gut und fest. Hanna war kein Elenderle wi« sie! Da kroch iHv der Neid Über das zuckende Herz... Draußen fuhr ein Wagen vorüber. Aus dem Knarren der Räder klang es höhnend: „Elenderle! Elenderle!" Dann hörte sie Schritte, ein Hüsteln wurde vernehmbar... Ging der alte Totengräber vorüber?
Die Schwester stand auf, sind während sie sich anzog, fang sie, wie sie es gewohnt war, mit frischer Stimme ein Morgen? sied. Elisabeth blieb liegen. Ihre Wangen glühten. Sie hatte Fieber... Acht Tage lang mußte sie das Bett hüten.
Sn diesen acht Tagen reifte ein großer Gedanke in ihr. Sie wollte die Lehrersfrau Lügen strafen! Sie wollte kein Elenderle mehr sein, wollte das ewige Müdesein durch ihren Willen überwinden! Noch fünf Jahre gab ihr die Frau. Sie wollte aber mindestens noch zehn Jahre leben! Es war doch so schön auf der Welt, so schön bei Vater und Mutter! — —
Elisabeth umklammerte mit beiden Händen das.Fensterkreuz und atmete tief auf. Der volle Mond wanderte langsam über den Himmel. Regungslos lag der Garten in seinem Lichte. Nur in den Blättern des Nußbaumes war ein leises Flüstern.
Elf Jahre alt war sie damals. Dor wenig Tagen hatte sie ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und am frühen Morgen ihr Gesicht in die einundzwanzig Rosen gedrückt! Sie hatte ihren Willen durchgesetzt! Ob die Lehrersfrau noch an ihre Worte von damals dachte?
Merkwürdig, was der Wille vermag! Es stand ja wohl, das wußte sie jetzt, ein höherer Wille hinter chrem Willen. Gott gab ihr Kraft zum Wollen!... Sie hat das Müdesein uiedergezwungen! Sie lief mit den andern Kindern die Dorf? straße entlang, sie stürmte mit ihnen den Anger hinaus. Die andern durften es nicht sehen, wenn sie die Hände auf das klopfende Herz preßte, wenn sie die stechenden Schmerzen verbiß. Sie lauerte sich rasch hinter dem Rücken des Schäfers nieder, wenn es Hr schwarz vor "den Augen wurde und der Boden unter ihr tvansie. Sie wölkte kein Elenderle fein sie wollte nicht!
Das graue Kätzchen kam nicht mehr zu den Lehrersleuten. Es war Wohl — nein! Es war ganz gleichgültig, was mit dem Kätzchen geschehen war! Die wollte nicht mehr an das armselige Tier denken! — —
(Schluß folgt.)
Die Sage von Sankt IuNanus dem Gastfreien.
Von Gustave Flaubert.
(Schluß.)
'Jie.d) der Bestattung sah man ihn den Weg eiiifdjlacfen, der in die Berge führte. Er wandte sich zu mehreren Malen um und verschwand zuletzt.
Bettelnd zog er in die Welt!
Er streckte vor den Rittern auf den Wegen seine Hand aus, nahte sich mit gebeugten Knien den Schnittern ober harrte reglos vor den Zäunen der Höfe, und fein Gesicht war fo traurig, daß man ihm das Almosen niemals verweigerte.
Aus Demütigungssucht erzählte er seine Geschichte, und alle flohen ihn, indem sie das Zeichen des Kreuzes schlugen. In den Dörfern, durch die er schon gekommen war, schloß man die Türen, sobald man ihn erkannt hatte, rief ihm Drohungen zu und warf mit Steinen nach ihm. Die Mildherzigsten stellten eine Schüssel auf den Rand ihres Fensters, dann schlossen sie die Läden, um ihn nicht zu erblicken. Ueberall zurückgeftoßen, vermied er die Menschen und nährte sich von Wurzeln, von Kräutern, von verdorbenen Früchten und von Muscheln, die er längs den Gestaden suchte.
Manchmal, wenn er um einen Hügel bog, sah er unter sich ein Durcheinander von eng gedrängten Dächern mit steinernen Spitzen, von Brücken, Türmen und schwarzen, sich kreuzenden Gassen, aus denen ein immerwährendes dumpfes Summen bis zu ihm heraufdrang.
Das Bedürfnis, sich mit dem Dasein der anderen Menschen zu vermischen, ließ ihn in die Stadt hinuntersteigen. Aber der tierische Ausdruck der Gesichter, der Lärm der Geschäfte und die Gleichgültigkeit der Gespräche erkälteten sein Herz. An Festtagen, wenn das Läuten der Kirchenglocken von Tagesanbruch an das ganze Volk in Freude versetzte, sah er die Einwohner aus ihren Häusern treten, sah die Tänze auf den Plätzen, die Fässer mit Kräuterbier cm den Straßenecken, die Darnastzelte vor den Wohnungen der Fürsten und, wenn der Abend herabgesunken war, durch die Fenster der untersten Stockwerke die langen Familientische, an denen Großväter ihre Enkel auf den Knien hielten; Schluchzen schnürte ihm die Kehle zu, und er wandte sich wieder in das Land hinaus.
Er betrachtete mit überquellender Liebe die Füllen auf den Weiden, die Vögel in ihren Nestern, die Käfer auf den Blumen, — bei feiner Annäherung suchten alle das Weite, verbargen sich erschreckt oder flogen schnell davon.


