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hätten nun de» Ozean.zweimal überquert, aber so ein Tanz sei noch nicht dagewesen. Beim Versuch, am Luv angeklammert, eine Zigarette anzustecken, flog ich nach Lee und einem uniformierten Menschen in die Arme. Er rieb tatsächlich ein Zündholz an, kriegte eine Lira für das Kunststück. Da stellte er mich auf die oberste Sprosse der Gefellschaftsleiter: Thank you, Mylord!
Das ist das Höchste, was ein Deutscher in Italien erreichen kann.
Seinen Homer in der Tasche, weiß der kundige Fremdling:
Hier erheben sich Klippen mit zackigem Hang und es brandet Donnern empor das Gewoge der bläulichen Amphitrite.
Und als der Dampfer gar keine Miene machte, an der blauen Grotte überhaupt nnzulegen, erstens weil kein Boot in die Grotte, und zweitens, weil keine von den 243 Halbleichen an Bord in ein Boot hineinzubringen gewesen wäre, da zitierten ahnungsbleiche Lippen:
Nimmer entrann auch ein Schiff der Sterblichen, welches hinanfuhr . . .
Aber das war gestern. Heute sieht es anders aus.
Die blaue Glasglocke über den „Jrrfeljen" ist auf Hochglanz poliert. Capri, Insel der Sirenen! Insel der Deutschen . . .
Das transparente Blau der blauen Grotte garniert jetzt Fallreep und Ruder, die schmutzigste Hand wird darin zu einer wellen- fchncnngeborenen, der Bootsmann singt und die malerischen Korallenverkäuferinnen sagen Madame und Mylady. Man wird fast gerührt. Manche setzen den Fuß wie im Traume ans Land. Manchen wird ein langgehegter Traum süßeste Wirklichkeit. Und viele, viele begrüßen die der Wunder volle Jnfel wie einen alten lieben Bekannten, den sie lange böse Jahre nicht mehr sahen.
öie setzen sich in die funicolare, und es geht durch Rosengewucher und Nelkenvorhänge hinaus, hinaus. Es ist eine wahre Himmelsleiter, diese Drahtseilbahn. Und sie führt nicht zu den wolkigen Höhen der dunkelmächtigen, germanischen, sondern in den heiteren Himmel der griechischen Mythologie.
Der erste Blick beim Aussteigcn fällt natürlich auf den Spadaro. Er sieht halb wie ein Garibaldianer, halb wie ein Fischer aus, trägt einen jDallenben Vollbart mit einer langen Gipspfeife darin, eine rote Tellermütze auf dem patriarchalischen Haupte und dient zum Photographiertwerden. Er stand schon da, als unsere Väter, Großvater und Urgroßväter nach Capri kamen. Vielleicht war er es nicht selber, sondern fein Vater, Großvater oder Urgroßvater, aber das ist ja ganz gleich. Der L-padaro vererbt sich ad infinitum. Irgend ein ungeschriebenes Gesetz verbietet jegliche Konkurrenz. Und der wackere Alte verdient das, denn er hat sich um die Verbreitung des Postkarten- und Malerkitsches schon unsterbliche Verdienste erworben. Allen Dilettanten dient er als Staffage, natürlich gegen Bezahlung. Jeder Fremde öffnet zuerst die "Kamera, dann die Börse. Dementsprechend hat er auch das Einkommen eines Schwerarbeiters.
'Ach, der «padaro ist da, na, dann ist ja alles gut!
Und in der Tat, der todjein trügt nicht. Capri will nichts von Politik wissen. Capri hat natürlich auch einen grimmigen Faseio, Liktorenbundel und Trikolore, aber Capri lebt von den Deutschen, feinen Gründern sozusagen. Hier braucht kein Fremder eine andere als die Sprache Goethes zu kennen, die undefinierbarsten Sirenen der eleganten, internationalen Welt stammen hier aus Pirna oder Graz oder Berlin. Hier hängen wie in Heidelberg ober Tübingen Schilder aus den Fenstern heraus mit der deutschen Einladung: Schönes Zimmer zu vermieten. Hier haust nach immer der „Kater Hiddigeigei" und versammelt am Abend das internationale Publikum (aus den obengenannten Gegenden) zum Foxtrott. Selbstverständlich hängen die Capresen auch immer noch die gute alte deutsche Fahne heraus, das Schwarzweißrot leuchtet von den womöglich noch blanker geputzten Wägelchen, und wenn die prallen Pferde davor auch keine Pleureufe auf der Stirne tragen wie ihre äorrentiner Kollegen, fo dafür eine ellenlange Fafanenfeder. Wie in allen Städtchen des Südens folgt auch in Capri ein heiteres reli- giöfes Fest dem andern und dann wird das Bild der Madonna ober des Lokalheiligen hochgezogen in der Straße wie eine Bogenlampe und zu beiden Seiten Wimpeln die Farben aller Nationen herab.
Aber fo etwas geht in Capri schnell vorüber. Hier gibt es nur eine Farbe: Blau.
Ich ging die lieben Gassen hinunter, und es war nur, ich schreite auf dem Blumenteppick) vor der Tür einer Braut. Viele Kinder sieht man mit hellen Augen. Silles ist auf ein Scherzo gestimmt. Die beiden Reitesel heißen Michelangelo und Raffael. Man kann zu den Ruinen des Tiberius ober bes Barbarossa hinaufreiten. Der Treiber versichert, unb wir kommen barüber in wissenschaftlichen Streit, bah tatsächlich der Barbarossa bie Burg gebaut habe. Endlich, im alle Probleme lösenden Blau dort oben, ergibt sich, baß wir beide Recht haben: bie Burg hat ein Barbarossa gebaut, nur baß es nicht der Kaiser dieses Namens, sondern ein Seeräuber war. Der Himmel lacht. —
Am dritten Tage entdeckt man mit Betrübnis, daß sich doch einiges auf Capri geändert hat. Ein Verfall heiterer Schönheit hängt ja immer mit Politik zusammen. Im Hotel Pagano durchblätterte ich das Fremdenbuch, das durch den täppischen Eintrag eines Diplo- motenpikkolos eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Dab betreffende Blatt, auf dem der hoch über der menschlichen Niederung schwebende Mond so tapfer angebellt wurde, ist herausgeriffen und seither haben sich nur noch wenige Gäste darin ein Denkmal gesetzt. Cs ist eines von jenen Büchern für geschmacklose Leute, die in schlechten Reimen eine höhere Ausdrucksform sehen. Dagegen zählte ich im
eigentlichen Gastbuch, dem polizeilichen, in den letzten drei Monaten auf 130 Fremde 73 Deutsche. Das normale Verhältnis für Capri sind 85 Prozent Deutsche. Im anderen Hotel Pagano sand ick) nur sechs. Vor dem Kriege war Capri das 6tetlbid)ein aller beutfchen gerienreifenben, sie wimmelten in solchen Massen über bie Insel, daß selbst Ställe unb Höhlen als Unterkunft begehrt waren. Auch heute ist Capri noch beutsch, aber dock) nur relativ genommen, unb man sieht es ben meisten an, daß sie — zum Leidwesen der Eingeborenen, die nur von der Fremdenindustrie (eben — mit ihrer Edelvaluta recht haushälterisch umgehen müssen.
Aber was haben sick) die wackeren Capresen auch für einen üblen Spaß geleistet! Die Villa Krupp samt der Villa ihres großzügigen Erbauers heißt jetzt Augusto. Die mit einer an Vermessenheit grenzenden Kühnheit den Steilfelsen abgetrotzte Straße mit ihren phantastische» Terrassen und hängenden Gärten, ihrem Belvedere, verfällt reihend schnell. Jedes unvorsid)tige Anlehnen an die zerbröckelnde Schutzmauer bedeutet Stürz und Tod. Für ein deutsches Herz ist der Gang schwer zu ertragen, zumal an der kleinen Marina Ruine über Ruine nie vollendeter Siedelungen sonnenhungriger Deutscher das Weh der Verlassenheit und Ohnmacht in den Himmel schreit.
Freilich, solange man steht und staunt, verblaßt hier bie Unzulänglichkeit des Irdischen vor der Gewalt der Blau in Blau verfließenden Golfe und dort, wo die ferne Rundlinie schneidet das Blau der oberen Kuppel, dort segelt die Sehnsucht hinaus, hinaus auf der leuchtenden Lockung der Welle. Zuweilen erlebt einer einmal im Leben eine solche Stunde, wo er so tief, fo fernwehtief einer schönen Frau in die Augen schaut. . . gefesselt wie Odysseus, gebunden an den Mast der Wirklichkeit, während Seele und Sinne sich einer betörenden Schönheit vermählen.
Das ist Capri. Noch immer locken bie Sirenen, unb „verklebten wir uns aud) die Ohren mit der mächtigen Scheide des Wachses" — es wirb ben Deutschen mit seiner liebhast empfinbenben Seele immer roieber nach Italien ziehen. Und einmal wird ja auch »ns wieder das Blau des Sieges strahlen.
Elsnderle.
Von Georg Türk').
Merkwürdig ist es... Die Tage enteilen, die Jahre enfc* schwinden. Vieles geschieht unb versinkt im Meer des Vergessens. Es kommen aber Stunden, deren Geschehen sich tief einprägt, die in der Erinnerung fortleben, die wie in Erz gegossene Bilder gegenwärtig bleiben...
Esiläbeth ftanb am Fenster ihres Stübchens und schaute nach der Dank am Roseichügel hinüber. Sie Bank wußte ein heunnis. Sie Bank wußte von einem Geschehen, das noch keinen Tag alt war. And dieses Geschehen war schuld, bah ein Bild in ihr aus tauchte, eine Begebenheit, die zu denen gezählt wer- ben will, die man nicht wieder vergißt.
Sie Sterne schimmerten bläß über bem schweigenden Garten. Es war schier unheimlich anzüsehen, wie deutlich die Blumen- beete, durch die der gelbe Weg schnurgerade hinlief, im Licht des vollen Mondes sich hinbreite len unb wie die Rosenbüsche die weihe Dank umbrangten. Es war fast so hell wie am Tage, und doch sah alles ganz anders aus. Ser Garten hielt den Atem an, der Garten lag im Bann des Wunderbaren. Sie Juninacht hatte ihren silbernen Schleier über ihn gelegt unb ihn verzaubert.
Elisabeth war lange nm Rande ihres Bettes gesessen. Sie konnte nicht schlafen. Sie muhte über das Geheimnis nach- sinnen, von dem die Dank am Rosenhügel wußte.
Wie träumend war sie durch bie Stunden des Tages gegangen. Run, da der Mond am Himmel stand, erwachte sie. Das große Erlebiris des Morgens trat aus der Dämmerung des Traumes in das Licht des klaren Bewuhtseins. Tlnd da es in das Licht des klaren Bewuhtseins trat, fiel von ihm aus, wie von einem Scheinwerfer, ein Heller Strahl auf jenes andere, bas vor zehn Jahren geschehen war...
Oh, es war nichts Bedeutendes gewesen... Sie Lehrersfrau hatte nur ein unbedachtes Wort gesprochen. Das war alles... Wer aber will scheiden zwischen großen und kleinen Dingen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem?
Sa Elisabeth auf ihrem Bette sah, trug der Hauch der Rächt den Dust der Rosen zu ihr herein unb umschmeichelte sie mit seiner Süße. Da muhte sie aufstehen unb ans Fenster treten unb in ben verzauberten Garten sehen...
Jahr um Jahr geschah es, daß kurz vor ihrem Geburtstag die Rosen auf blüht en. Wenn sie am Morgen erwachte, standen immer so viele Rosen auf dem Tischlein neben ihrem Bette, als sie Jahre zählte. Dieses Jahr waren es einundzwanzig gewesen... Ganz früh am Morgen, wenn sie noch schlief, trat der Vater herein unb brachte bie kostbare Vase mit ben duftenden, tauigen Blüten. Zuweilen wachte sie schon, 'stellte sich aber schlafend, um dem Vater die Freude nicht zu nehmen.
Einundzwanzig! Es blühten ungezählte Rosen auf. bem Hügel, an dessen Fuße die weiße Dank stand. Man konnte ruhig dreißig unb mehr wegnehmen, ohne dah es auffiel. Aber
*) Mit Erlaubnis des Verlags I. F. Steinkopf in Stuttgart entnommen aus Georg Türk, „Die Geschichten von den sieben weihen Kerzen". Preis 2,50 Mk. Sieben feine stille Geschichten von wundervoller Beseeltheit.


