Gietzener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926________________________Dienstag, -en 13. Juli________________________ Nummer 56
Toskana.
Bon Adolf Holst.
Als wär's ein (Barten, liegt hier das Gelände Und von des Abends Milde so beschenkt, Als hielte einer der sich Bettler denkt. Beschämt von Rosen rot die übervollen Hände Und stände
Nun ganz Gefühl und ganz in sich versenkt.
Wie ist das alles weich und wundersam verhängt, In Duft hinabgetrunken wie in einen See, Zu dessen Uferborden im Gedränge ,
Langsam herniedersteigen die Olivenhänge Wie filberbärtige Wächter von Gethsemane.
Von Wolken überwülkt, auf dem Gedunst der Tieft Ruhn der Gebirge saphirblaue Schalen, Bis an den Zackenrand gefüllt mit rotem Schnee. Es ist so still, als ob die Welt entschliefe. Nur über mir die todesdunklen, schmalen Zypressensteige wandeln in Sandalen Weißkuttige Mönche singend nach Fiesole.
3m Süden der Deutschen.
Bon Gustav W. E b e r l e i n , Rom.
IV*)
Wo die Welt am schönsten, ist der Deutsche am nächsten. Und die Welt ist überirdisch, ja geradezu kitschig schön zwischen den Golfen von Neapel und Salerno. Sie kennen doch diese unglaublich blau hingestrichenen Ansichtskarten mit den unschuldweißen Segeln darauf und dem tadellos vom Azur durch Rot ins füh-süße Orange verlaufenden Himmel darüber? Diesen ganz schrecklichen Kitsch? Geradeso sieht die Wirklichkeit aus. Die Deutschen haben infolgedessen die ganze Aussichtsterrasse, auf der man solches gewahr wird, besiedelt: die Straße von Sorrent bis Amalfi.
Straße! Da könnte man gerade so gut des Wolkenweges, „bebende Rast", die Wotan zur Burg der Götter hinaufdonnert, so nennen. Seine Riesen haben sie geschaffen, haben das Kap von Sorrent mit einem mythisch gewaltigen Felsenzaun umgeben, jeder Pfosten so hoch, daß er Himmel und Meer verbindet. Und dann sind die Menschen gekommen und haben, ungefähr in der Mitte, ein Band durchgezogen, durchgeflochten. Darauf trippeln nun jene Sorrentiner Pferdchen dahin, die auf der Stirne eine weiße Straußenfeder tragen. Und in den blitzblanken Wägelchen, die sie ziehen, sitzen die Deutschen und — — ja, sollten sie etwa nicht schwärmen?
Sie haben das Jahr für Jahr getan, und die Eingeborenen sind beinahe wohlhabend davon geworden. Wer irgendwie konnte, ließ seinen abschüssigen Weinberg — die Rebe wächst hier schon auf dem Fels, wenn man ihn etwas mit Sand bestreut — im Stich und ging zur Fremdenindustrie über. Ja, die Deutschen machten sich mit der Zeit sogar seßhaft, es enftanben blühende Gastkolonien. Sorrent, Amalfi und Capri waren im Sommer, wenn sich auch noch die Ferienreisenden einstellten, dermaßen deutsch, daß man die Reichsflagge mindestens so oft wie die italienische sah. Dann kam der Krieg. Dann die Inflation. Dann der Boykott, diese schmerzvolle Entsagung. Die Straße der Wunder vereinsamte.
Wo sonst Wagen auf Wagen folgte, kam uns nur — so was gibt es jetzt wieder — ein Gipsfigurenhändler entgegen. Wären die zahllosen, steil abfallenden oder steigenden, engen Pfropfenzieherkurven nicht, in denen man sich mehr am Steuerrad anklammert, als es zu lenken, wo das kleinste falsche Manöver genügt, um die senkrechte Wand hinunter ins Meer zu jagen, wo Anfänger oder nervöse Fahrer buchstäblich im Handumdrehen weiße Haare kriegen können, dann könnte man die Strecke von Sorrent bis Amalfi in einer kleinen Stunde zurücklegen. Positano, das deutsche Malernest, ist wie ausgestorben. Denn hier ist für den Engländer, der sonst so gern in die deutsche Lücke springt, nicht gut sein. Wie soll man auf einer Treppe, um nicht zu sagen einer Hühnerleiter, Gols spielen? Positano ist vertikal gebaut. Vom Meere aus gesehen: weiß gesprenkelte Steilfelsen. Die Deutschen entdeckten alle ihre Knabenseligkeiten jn diesem romantischen Nest. Und um die Wahrheit zu sagen: die paar, die jetzt hier sind, sinden es viel schöner als je. Bald werden andere die Vorzüge der Nichtüberfüllung heraus haben, und so stirbt die Abkehr von Italien.
Weiter im Pfropfenzieher. Vetiica. Praiano. 'Nester, wie von Strandvögeln gebaut. Die Spuren der großen Bergkatastrophe, die
*) Vgl. Nr. 43 vom 29. Mai. L
uor einigen Jahren die Küste heimsuchte, sind schon vernarbt wie die Wunden der Schlachtfelder. Amalfi, das damals die Reporter- Phantasie völlig in Trümmer legte, liegt unversehrt und geputzt da wie am Hochzeitstag. Die Glocken läuten, die Rosen duften und die Menschen sind voller Erwartung. Nur der Bräutigam läßt auf sich warten. Ach, käme er selbst in Wadenstrümpfen und Loden, man würde die Augen zu- und ihm die Hand drücken . . .
Im berühmten Kreuzgang des Gott sei Dank nicht trockengelegten Kapuzinerklosters sitzen jetzt lauter Amerikaner.
Very nice — dieser Whisky.
Look here, die Sonne geht unter! — O yes, sehr gut, der gelbe Capri.
Royalll! — Lurlei — Mieramaaaaar! — Paradiso! Paradies is fchööön! — Paradies is schööööön! —
Die marinai schreien, flöten, fingen ihre Hotels in wohlgesetztem Rhythmus den Fremden entgegen, die den Dampfer schon mit ihrer Neugier und Ungeduld auf die Seite gedrückt haben. Das Aus- booten in Sorrent gehört nicht immer zu den angenehmsten Steife» erinnerungen, denn so etwas wie einen Hafen gibt es nicht. Bei stürmischer See muß der Dampfer seine leidende Fracht in der nächsten Bucht ausschissen, wo die Bootsleute dann dem unglücklichen Strandgut unverschämte Preise abverlangen. Nur ja nicht vergessen, bas Mussolini zu sagen, hat mir beim Abschied meine Wirtin auf die Seele gebunden.
Nun, es booten sich wenige aus, denn es ist ja ein Runddampfer, einer, der alles an einem Tage macht. Ich will das Hauptprogramm mitmachen, den Besuch der blauen Grotte en mässe, und boote mich also ein. Schon von weitem sehe ich im Stern des Schiffes Windjacken flattern —• also Deutsche. Eine breite Seitenwelle wirft den Dampfer um, ich strande gerade vor einem Paar Hauchstrümpfe. Beg your pardon! — O. bitte. Ein deutscher Bubikopf also. Als der majestätische Doppelfels aus den Fluten austaucht — der Dichter war schlecht beraten, als er Sorrent die schimmernde Blüte der Wellen nannte, statt Capri — wachsen die Stative aus dem Deck heraus wie Pfifferlinge. Die Deutschen photographieren ihren Traum. Vier Fünftel der Passagiere sind Deutsche, wenn auch viele der Paß als Polen, Tschechen und Serben ausweist. Am wenigsten hört man österreichische Dialekte.
Nicht lange, verschwinden die Objektive mit einer gewissen Ueberstürztheit. Wir haben das Kap hinter uns, ungehindert pfeift der Wind durch beide Golfe. Die Schönheiten der Natur verlieren merklich an Interesse, gewisse Schiffsgegenden sind dauernd besetzt, mit einem unverschämt feinen Grinsen bietet ein Mensch Portwein an.
Nur um Gottes willen Haltung ^bewahren, denkt jeder und schaut dem andern fest in die Augen. Sonderbar, wie grün der wirb. Hupp — ho, hupp — ho. Hm, das Schiff rollt. Cs wird leerer auf Deck. Ich habe zu bleiben, denn bin ich nicht zur Berichterstattung da? Mein Gegenüber verschanzt sich hinter eine fingerdicke Berliner Zeitung. Er muß schon als Matrose auf die Welt gekommen sein. Seine Beine bohrt er wie Grundpfeiler ins Deck. Plötzlich, sehe ich recht, fängt auch er zu zittern an. Na, kein Wunder, wenn ihm schlecht wirb bei dieser Politik. Wer weiß, was er gerade für einen Artikel lieft.
Nachbarin, meinen Arm? Ach ja, und sie sieht, an die Reeling begleitet, tief ins Meer. Ich dem Zeitungsleser bei dieser Gelegenheit über die Schulter. (Brimbgütiger Himmel, er liest einen Arükel von mir!
Als die blaue Grotte in Sicht kommt, ist das Deck menschlich so bevölkert wie die Erde am ersten Schöpsungstag.
Aber da sitzen mir plötzlich, ohne recht zu wissen wie, im Boot und werden unter einem Mordshalloh in die blaue Grotte hineingerissen. Wer sich nicht rechtzeitig legt, wird geköpft. Drinnen stoßen sich so viele Boote herum, daß für den Fischerknaben, der laut Baedekervorschrist zu baden und damit zu zeigen hat, daß das menschliche Fleisch im Wasser zu Silber wirb, kein Platz übrigbleibt. Er friert bloß, friert wie ein junger Hund. Dann geht es im Hui wieder hinaus, und jeder versicherte, drinnen fei es tatsächlich noch blauer gewesen.
Zur Rückfahrt nach Sorrent stellte sich ein paar Tage später ein Dampfer ein, der früher einmal dem berühmten Seeräuber mit der schwarzen Flagge gehört haben muß. Lang und schmal, wie das heutige Frauenideal. Ein riesiger Klüverbaum ragte aus dem kühn geschwungenen Schnabel. Leider fuhr der „Korsar" — er kann nicht anders geheißen haben — so, daß er die langen Dünungs- wogen der ganzen eigenen Länge nach zu spüren bekam. Bald streifte die eine Reeling das Wasser, bald die andere.
Vier moderne Frauenideale umstanden uns mit ängstlichen Augen und wollten wissen, wie lange es fei nach Sorrent. Sie


