Ausgabe 
13.4.1926
 
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Schriftleitung: vr. Iriedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag Ser Brühl'ichen Anw..-Such- unö Steindruckerei. R. Lange, Dielten.

beide in die Kammer der einsamen, weißhaarigen Alten. Philipp verhängte den Käfig und Pfiff: gleich darauf lieh auch das Dom» psässlein seine Kunst Höven und pfiff das Soldatenlied nach

Die Alte schmerzte es bitterlich als der Fremde ihren biS» Herr gen Stubengenossen mitnahin. Denn jetzt ttxtr sie wieder s» einsam wie zuvor. Keine Maus im Walde ist so einsam als oft ein Mensch aus dem Altenteil in seiner Kammer.

Fast hätte Philipp auch geweint schon stand er mit Trän« in den Augen vor feiner Mutter. Aber diese erhielt vom Fremde» vier harte Guldenstücke, wofür sie ihm dann beim Meister ©dyiet* der in Lauterbach aus Hausmachertuch einen Anzug zum erste« Aachtmahl, und beim Meister Schuster noch obendrein ein Paar derbe Stiefel machen lassen konnte. Also hatte der Fremd«, der die Armut der Lisbeth kannte, sein Geld am rechten Platz« am- gebracht.

Euer kleiner Liederpfeifer sprach des Pfarrers Freund darauf zu diesem,versteht sich auf seine Kunst: er soll sie ver- werten."

Auf der Heimreise kam er durch Frankfurt. Dort machte et, ehe er mit der Postkutsche weiter fuhr, einen Vogelhändler auf Philipp aufmerksam, und traf mit ihm ein Abkommen zu gunstea des Buben. Dadurch erhielt Philipp weitere Kundschaft. Darum wurde ihm aber auch das Anlernen der Vögel zur einträgliche» Freude. .

Der Gendarm, der einen langen Bart trug und so grimmig dreinschaut«, und der rotbärtige, einäugige Revierläufer der Herrschaft, dem das andere Auge von einem Wilderer ausge» schossen worden war, kümmerten sich nicht darum, wenn der Jung» durch den Wald strich und Rester aufsuchte. Der Vogelsberg barg deren ja so viele und trug seinen schönen Namen nicht um» sonst Dompfaffen und andere Vögel gab eS in Hülle und Fülle dort.

Seine Vogelbauer baute Philipp an langen Winterabende« beim trüben Schein eines eisernen Oellämpchens selbst.

Die Angersbacher waren ihm gewogen und erlaubten ihm im Frühjahre gerne, das; er in diesem oder jenem Haufe, wo es gerade möglich war, einen Käfig aufhinq und einen rotbrüstigea Schwarzkopf das Pfeifen lehrte. Zwei Schüler nahm er niemals zusammen vor: sonst störten sie nach seiner Meinung einander. Alltäglich wanderte er von Haus zu Haus, fütterte und trän ft« seine Lieblinge und lehrte sie. Richt daß ein jeder Vogel di« gleiche Weise gelernt hätte. Rein, wohl ein Dutzend Lieder pfiff er von früh bis spät. Jeder Schüler lernte ein solches, und war er ganz gelehrig, sogar deren zwei. Bald hieß Philipv i« Angersbach und der ganzen Amgegend nur noch der LiedcheS- Pfeifer. So machte ihn die Kunst berühmt. Seine Zeit reicht« kaum noch aus, um allen Wünschen nach Gimpeln nachzukommen, die an ihn herankamen. Bald hatte er eS nicht mehr nötig, fett* Lieblinge gerade billig herzugeben.

Vier, ja fünf hessische Gulden wurden ihm für jedenSogei als Kaufpreis gerne gegeben. Das rechnete sich allmählich zu­sammen.

So war er allmählich dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Seine Mutter, die fleißig« Lisbeth, die so viel im Leben ge­schafft hatte, wurde immer blasser. Sie hustete und wurde bett­lägerig Des Pfarrers Frau und die Frau Bürgermeisterin, aber auch andere Leute schickten ihr manches, womit sie sich stärken sollte. Bald wußte man im Dorfe, daß sie die Zehrung habe. Philipp sah im Raume neben ihrem Stübchen und hört« aus die schweren Atemzüge und den Bellhusten seiner Mutter. Des Bürgermeisters Tochter, die Anna, brachte täglich unter ihrer Schürze eine Suppe, in der auch ein Stück Fleisch lag oder etliche Klöße schwammen.

And Lisbeth dantte ihr dafür, so gut sie es noch könnt«. Anna war des Bürgermeisters, des reichsten Mannes im Ort einzige Tochter. Sie war schlank gewachsen, rotwangig und guckt« mit blauen Augen froh in die Welt. Am Gericht in Lauterbach hatte es der Amtsdiener verraten, daß Anna im Gegensatz zu ihrem Vater sehr gewandt im Schreiben war. Ihr Vater war schreibfaul obgleich er einen offenen Kopf besaß. Im Stricke« und Spinnen ließ sich das Mädchen von Keiner übertreffen, und im Hausstand arbeitete sie besser als zwei Mägde. Mtt der Mutter war sie ein Herz und eine Seele. Das ist nicht in alle« Häusern so und bei allen Töchtern. Darum soll es hier mtt be­sonderem Lobe gesagt sein.

Lisbeth wurde trotz aller Pflege immer schwächer.

Wie gehts dann hiet (heut) der Modder," fragte Anna eines Mittags Philipp, wie schon sv ost zuvor.

Es könnt besser gegeh" antwortete er;siehaust" (hustet) gar ze arg."

Da traten Anna di« Tränen in die Augen. In Beiden steckte schon lange ein sttlles Verstehen. Philipp ergriff ganz leise ihre Hände und hielt sie fest.

..Wie soll ich dr's vergell'," sprach er.Anna, de kennst mich. Wenn ich ja riet gegeüber beim Dadder so e Bättlmann wär, dann wär's anners. Ich ho' ja Geld off der Kaß, äwwer iee» Acker net on kei Steck Vieh hob' ich net."

(Sortierung folgt.)

Darmstadt gebe und daß dieser im nahen Romrod ein großes Schloß habe. And des Nachbars Knecht, der mit dem schlimmen Napoleon im kalten Rußland war, ihn aber dann bei Leipzig hatte schlagen helfen und der schließlich noch mtt dem alten Vater Blücher über den breiten Rheinstrom nach Parts gegangen war ließ ihn aus den Knien reiten und brachte ihm und etlichen anderen Angersbacher Buben so etwas tote @«(^1^6 unö Länder­kunde bei Die Mutter lehrt« ihn daheim aus dem kleinen Kate- chiSmuß bern einzigen Büchil-ein, bas fle neben ihvem abgc* griffen«« Äimgbuch besaß, die zehn Gebote Gottes und betete täglich mit ihm des Morgens und des Abends:Lieber Gott, mach' mich fromm daß ich zu dir inn Himmel komm I Amem Das war fromme Einfalt und di« ist für einen kleinen Buben mehr wert als es oft lange Sprüche und Satze der Wettweishett für den Veunmalgefcheiten sind. Jedenfalls genügte das Gebetlein unseren beiden, denn sie waren glücklich dabei und das kann mancher, der den Herrgott im Himmel und den Glauben an eure onbere Welt daneben, in die Eck« gestellt hat, trotz allen Viel- wissens nicht von sich sagen. , ,

Svrach da der kleine Kerl an seinem zehnten Geburtstage, als ihn eben seine Mutter mit einem frischen Lauterbacher Salz- kuchen und einem selbstgestrickten grauen wollenen Wams gegen die" anrückende Kält« beschenkt hatte:

Modder, mer wolle wider e lieb Vogelche, e Hansche how. Schier fünf Jabre war nicht vom toten Hänschen gesprochen worden, und da "kam auf einmal wie von ungefähr und ganz un­vermutet von des Heranwachsenden Buben Lippe die klein« und todTfo inständige Bitte:Modder., nwr wolle wider e Vegelch« Howe so wie mei' Dadder eins gehabt hat.

Lisbeth ward es zu Mute, als sollte ihr zum zweiten Male das Herz brechen. Sie lachte und weinte zu gfe^er Zeit nahm ihren Geburtstagsbuben, drückte ihn fest an sich Jagte.Du kriegst' bei Vegelche, Philivpche, wart's ab, Plttl'vpche, du ktteast eins." So streifte sie im nächsten zeitigen Frnhtahr im Walde, imFranzosenkops" und imOiMenkopf . umher und suckte Gimpelnester. Trotz ihrer ungeübten Augen fand fw «ndttch ed-ss Sie entdeckte es auf einem niederen »tajtenafte. Die Jungen waren noch halb nackt und lagen fest aneinanderg^chmiegt in ihrer engen Wiege. Die Alten flogen ab und zu mA brachten Futwr Noch^war ?s nicht an der Zeit, die kleine Schar mtt- ^"sSfctb merkte sich die Neststelle genau. Am Waldrand knickte sie einen Ast, damit sie die Richtung wieder finden komtt«. Eine Woche daraus schon hob sie die halbslügge Schar aus ihrmi Neste, hälfte sie in ihr buntes KoPfttich und setzte sie daheim behutsam in den alten Käfig, in dem einst das längst vergessen geglaubte Hänschen sein Lied gelernt hatte und darin es sv einsam und elend gestorben war. Philipp ging nicht mehr von den neuen Hausgenossen fort und hegte und pflegte st«. Als er eines Morgens erwachte, saß seine Mutter unter dem Käfigs über dem wieder das Tuch hing, und pfiff dem neuen Hänschen feine Geschwister waren fortgetan das alte Liedlein vor:

Blau blüht ein Blümelein, das heißt: Vergiß nicht mein! Hab dich von Herzen lieb, das glaube mir.

Philipv sprang im Hemde aus dem Bette und bat:Modder, laß du mich pifi - ich'kann's au. And sie ließ ihn gewähren. Er pfiff so sicher, als ob er nie im Leben etwas anderes getan hätte. Bald pfiff der Gimpel die Weise nach.

Eines Tciges kam ein fremder Herr ins Angersbacher Pfarr­haus auf Besuch Der hörte vom liedkundigen Philipp und seinem befiederten Schüler, und wollte ihn gerne erstehen. Doch der Vogel war Philipp nicht feil. Aber über's Jahr sollte der Herr einen anderen haben. And dem feiitigen brachte er schon bald darauf eine zweite Melodie bei:

Wer will unter die Soldaten, der mutz haben ein Gewehr. - Das mutz er mit Pulver laden und mit einer Kugel schwer.

Dabei dachte er immer an seinen Vater und an den bösen, schlimmen Napoleon, von dem ihm des Nachbars Knecht erzählt hatte und den er gar zu gerne auch hätte besiegen wollen.

Im Frühjahr hob Philipp selbst sein erstes Gimpelnest aus, deren er auf seinen Waldgängen so viele gefunden hatte.

Niemals rührt« er die Nester anderer Vögel an. Die konnten doch keine Steher pfeifen lernen!

Mit geschickten Händen hatte er im Winter zuvor selbst einen neuen Vogelbauer verfertigt. Eine alte Auszüglerin, die einsam und verlassen in der Oberstube des Nachbarhauses bet ihrem Gebetbuche den Tod erwartete, gab dem Vogel zum Anlernen gerne bei sich Anterkunft, und so Pfiff denn Philipp in Gegenwart der Alten, die fo eine kleine Abwechselung in ihrem stillen Dasein fand, in gewohnter Weise alltäglich seinem neuen Schüler ein Siebfein vor, bis dieser es bald besser flöten konnte als sein längst gelernter Waldbruder. Als der Freund des Pfarrhauses eines Tages wieder nach A-tgersbach kam, führte ihn fein erster Gang zu Philipp.Er ist gut gelernt, berichtete dieser, und sie gingen