Ausgabe 
13.4.1926
 
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Gießener Milienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, Sen (5. April Nummer 50

3m Frühling.

Hon Eduard M ö rik«.

Hier lieg ich auf dem FrühlmgShügel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Bogel fliegt mir voraus. Ach, sag' mir, alleinzige Liebe, wo du bleibst, dah ich bei dir bliebe! Doch du und die Wfte, ihr habt kein Haus. Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüt« offen, sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen.

Frühling, was bist du gewillt?

Wann wird' ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluh, es dringt der Sonne goldner Kuh mir tief bis ins Geblüt hinein; die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Diene lauschet. Ich denke dies und denke das, ich sehne mich, und weih nicht recht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage;

mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? Alte unnennbare Tage!

Hans Holms Gelübde.

Aach einer lübeckifchen Sage erzählt von Clara Prieh.

3m Jahre 1506, zu der Zeit, als die reiche und ansehnliche Stadt Lübeck ihre schweren Händel mit dem König Hans von Dänemark gar tapfer ausfocht und sich mit ihren starken Schiffen aus deutschen Meeren Ruhm und Ehre gewann, ist Hans Holm einer freien und Hansestadt getrauer Hauptmann gewesen.

Sie erzählten von ihm, dah er ein sehr verwegenes Wage­stück gegen die Dänen vollbracht habe. Zu seinen Genossen dabei erkor er sich zwei Diebe, die gehenkt werden sollten, junge G^ sellen, denen solches Sterben gar sauer wurde. Die hat er sich vom Rat ausgebeten und sie alsdami gefragt, ob sie lieber in Ehren sterben wollten als in Diebesschanden. So haben sie um einen ehrlichen Tod gebeten, und um sich den zu erwerben, gerne geschworen, dah sie dem Hauptmann treulich folgen, auch in allerlei Rot und Gefahr tapfer beistehen wollten. Ms dann hat Hans Holm bei sich selbst ein hohes und heimliches Gelübde getan: so Gott ihm helfen wolle, sein Vorhaben zu einem guten @nbe zu bringen, fo toolte er teixig bteiben itttb nichlt freien sein Leben lang. (Es hatte aber seine Liebste kurz vorher einen anderen gefreit und dem Hauptmann damit viel Verdruß und Herzweh bereitet.) . _ , _ , .. .. ,

Qlun ist in bet EhromE zu tef en, tote Haus Hl>fm mit bi cf en beiden Galgenstricken bei Rächt auf einer Schute hinausfuhr in den Oerefund, wo die ganze dänische Flotte lag, und nut aller­lei Feuerwerk heimlich den Brand hineinwarf in etliche von den größten Orlogschiffen der Dänen. So hat er den Feinden einen schlimmen Schaden angerichtet, ist darauf selbst ans Land ent­kommen und hat die beiden Diebe mit einem guten Zehrgeld laufen lassen, wohin sie wollten.

Dergleichen wohlbestandenes Abenteuer hat Ha>w Holm zu groben Ehren bei Rat und Bürgerschaft gebracht, ist ihm aber auch so zu Kopfe gestiegen, dah er immer mehr Ruhm gewinnen wollte und keine Ruhe im Lande mehr fand.

Run bat er sich von einem Rate zwei Orlogschiffe aus, fuhr damit durch den Sund in die Westsee und machte dort Jagd auf dänische Schiffe So hat der Hauptmann eines vor einem franzö­sischen Hafen weggekapert und schon nach Hause fuhren wollen. Aber die Franzosen hatten auch etliche gute Schiffe tm selbigen Hafen liegen und wollten solche Willkür nicht leiden, vielmehr lieber selber einen guten Fang tun.

Da war es mit Hans Holms Krregsgluck Ende. Sw nahmen seine Orlogschiffe weg und führten ihn selbst bei Rächt gefangen landeinwärts an ehren festen Ort in einen alten, grauen Turm. . ..,,, . x

Des Hauptmanns Haft war kerne von den gröbsten und schlimmsten. Man hat ihn nicht peinlich verhört oder sonst ge­

quält, auch mit Speis' und Trank wohl gehalten, aber di« Ein­samkeit und di« Langeweile haben ihn übel geplagt.

Sein Verlieh war zehn von seinen Schrillen lang und sieb« breit und so hoch, dah es dem Hauptmann erst als eine schier überflüssige Vorsicht erschienen ist, dah das viereckige Fensterloch oben an der Decke fo wohlverwahrt war mit Gitter- und

Drahtwerk.

Als aber ein Tag nach dem andern in solcher Trübsal dahinging, hat Hans Holm in dem groben Gestein, daraus der Turm g^chichtet war, allerlei Fugen und Riss« gefunden, weich« er künstlich und mit Geduld für seinen Fuh zurechtgemacht und erweitert hat, so dah er zuletzt an der Wand ht die Höhe klettern und an dem kleinen Gitterfenster Ausschau halten konnte. Das Fenskerlein lag nur wenige Schuh hoch über einem fletnea Garten, darin des Turmwächters Tochter etliche windzerzauste Obstbäumchen, auch Reseden und Relken zog Darüber hinaus sah man die weihen Klippen und einen Streifen duirkelblaues Meer. Da hat dem Hauptmann eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit ersaht.

Des Turmwächters Tochter war nicht schön, auch schon längst über die Jahre hinaus, wo fast jedes Weib einmal lieblich inä> rosig < anzuschauen ist. Aber Hans Holm ist sie wie ein Engel vom Himmel erschienen, als er sie zum ersten Wale in ihrem Gärtlein lustwandeln sah. Da er nun auf feinen Fahrten zu Wasser und zu Lande einiges von der französischen Sprach« erlernt hatte, sich auch allezeit»eines guten Mundwerks erfreut«, redete er die Jungfrau höflich an und klagte über seine Hot Run wartete diese Jungfrau schon feit langen Jahren in Geduld, das; die Heiligen sich ihrer erbarmen und ihr einen Freier be­scheren möchten, der sie aus der Einsamkeit ihres Lebens hier zu neuen Freuden hinwegführen sollte. So erkannte sie in ihrem hoffnungsvollem Herzen bald in dem Hauptmann den ihr be­stimmten Freiersmann und kam ihm tröstlich und liebreich ent­gegen. Da sie aber eine vorsichtige Jungfrau war. hat Han« Holm ihr ein hohes Gelübde tun müssen: wenn sie ihm be­hilflich sein wolle zu entfliehen und sodann mit ihm davonziehen, dann solle sie ihm in Lübeck als sein eheliches Weib angetraut

werden. c

Daraus hat die Jungfrau Rai gefunden durch ihre ange­borene Weiberlist, Hans Holm in dunkler Rächt zur Flucht zu verhelfen imd mit ihm auf einem Heinen Schifflein übers Meer zu entkommen. .

Auf der Reise hat der Hauptmamt stch allzeit höflich und von guten Sitten gegen seine Gefährtin bewiesen, doch langst nicht so feurig und liebesbeflifsen, wie sie erwartet hat; er ist vielmehr oft in traurigen und schwierigen Gedanken einhev- gegangen, well ihm seine beiden unterschiedlichen Gelübde da« Herz schwer machten. Denn als er die jungen Dirnen in Flandern und Deutschland sah, die Schwarzbraunen und auch bte Blonden, hat er immer deutlicher erkannt, dast seine Jungfrau gar all und garstig sei, auch mager und knochig am allen Gliedern. Er verwunderte sich manches liebe Mal, daß sie ihm damals, al« er am Kerkerfensker Ausschau hielt, fast anmutig und holdselig erschienen war tmd ihn ihr Anblick sehr erquickt hatte.

So zogen sie nach vollbrachter Reis« eines Abends mitew ander durch das Holstentor in die ehrbare Stadt Lübeck ein urd> nahmen ihren Aufenthalt in dem stattlichen Hause in der Alf- sttahe, welches Hans Holm als Erbteil seiner Eltern guge- s^Dor^haben sie etliche Tage in Ehren und Züchten mitein­ander gehaust Dann lud der Hauptmann auf einen Tag bte vornehmsten Geistlichen und Domherren sowie auch allerlei ge­lehrte und rechtsverständige Leute bei sich zu Gaste und ga» ihnen so viele Schüsseln und noch etliche mehr, als em hohe« Rat für solche Gelegenheit erlaubt und vorgesehen hatte.

Die Jungfrau aber sah auch mit zu Tische, und es haben sich die Herren in ihrer Unwissenheit heimlich verwundert, ttxirum der Hauptmann sich eine so Alte und Magere von seinen toettel Reisen mit heimgebracht hatte.

Als sie nach gehaltener Mahlzeit alle fröhlich beiemanbee tatet bat Hans Holm ihnen in Anwesenheit der Jungfrau e» öHnet, dah ihm zwei unterschiedliche Gelübde das Herz be­schwerten: wie er damals In jungen Jahren, als er mit Dal Galgenstricken aus Abenteuer aussuhr, m ferner Rot gelobt, bafi er niemals freien, sondern ledig sterben wolle. Zum anbeai aber wie er in Frankreich in Ketten und Banden gelegen, hab« et keinen anderen Weg zur Freiheit gesehen, als dieser Jung- frau zu verspvechsn, dah sie in Lübeck fern anvertrautes Ehe»