Ausgabe 
13.3.1926
 
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schöi:e Geschichten! Gut, Ml ich noch dahinter komme! Aus ber Steile beichte mir, oder ich schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du sprechen oder nicht?" »Ach nein!" sagte Spiegel, wegen Euch habe ich nrir nichts vorzuwerfen. Es betrifft di« zehntausend Goldgülden meiner 1«ligen Gebieterin aber was hilft Reden! Zwar wenn ich bedenke und Euch ansehe, so möchte eS vielleicht doch nicht ganz zu spür sein wenn ich Euch betrachte, so sehe ich, daß Ihr ein noch ganz schöner und nifttger Mann seid, in den besten Jahren sagt doch, Herr Pinerß! Habt Ihr noch nie etwa den Wunsch verspürt. Euch zu vev- ehelichen, ehrbar und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und kunstreicher Mann auf dergleichen müßige Gedanken kommen? Wie wird ein so nützlich beschäftigter Meister an törichte Weiber denken! Zwar allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas an sich was etwa nützlich fiir einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie mir halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwas weih am Leibe, sorg­fältig im Sinne, zutulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes, kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Taten, einschmei­chelnd in ihren Handlungen! Sie küßt den Mann mit ihrem -Munde und streichelt ihm den Bart, sie umschließt ihn mit ihren Armen rmd kraut ihm hinter den Ohren, wie er es wünscht, kurz, sie tut tausend Dinge, die nicht zu verwerfen sind. Sie haft sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Geschäften nachgeht, so stört sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein Lob in und außer dem Hause: denn sie läßt nichts an ihn kommen und rühmt alles, was an ihm ist! Aber das Anmutigste ist die wunderbare Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welches die Ratur so verschieden gemacht hat von unserm Wesen bei airscheinender Menschenähnlichkeit, daß es ein fortwährendes Meerwunder in einer glückhaften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurchtrieben-ste Hererei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie em Tor an der Schwelle des Todes! Wie wird ein weiser Mann auf der­gleichen Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pineih, und schneidet mir den Kopf ab!"

Pineitz aber rief heftig:Sv haft doch endlich inne, du Schwätzer! und sage nrir: Wo ist eine solche und hat sie zehn­tausend Goldgülden?"

Zehntausend Goldgülden?" sagte Spiegel.

Run ja," rief Pineitz ungeduldig,sprachest du nicht eben erst davon?"

Rein," antwortete jener,das ist eine andere Sache!

liegen vergraben an einem Orte!"

Lind was tun sie da, wem gehören sie'?' schrie Pineitz.

Riemand gehören sie, das ist eben meine Gewissensbürde, denn ich hätte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehören sie jenem, der eine solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll man drei solche Dinge zusammenb-ringenl in dieser gottlosen Stadt: zehntausend Goldgülden, eine weiß» seine und gute Hausfrau, und einen weisen rechtschaffenen Marrn? Daher ist eigentlich meine Sünde nicht allzu groß, denn 6ee Auftrag war zu schwer sirr eine arme Katze!"

Wenn du jetzt," rief Pineitz,nicht bei der Sache bleibst, und sie verständlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorläufig den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang <mr

Da Ihr es befehlt, so mutz ich die Sache wohl erzähle^" sagte Spiegel und setzte sich gelassen auf seine Hinterfuße, .ob­gleich dieser Aufschub meine Leiden nur vergrö.tzertl" Pineitz steckte das scharfe Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich neugierig auf ein Fäßchen, um zuzuhören, uad Spiegel fuhr fort:

Ihr wisset doch, Herr Pineitz, datz die brave Person, meine selige Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwider gelebt hat. Aber nicht immer war es um sie her sv still und ruhig zugegangen, und obgleich sie niemals von bösem Gemüt gewesen, so hatte sie doch einst viel Leid und Schaden angerichtet: denn in ihrer Jugend war sie das schönste Fräulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie und wollte sie durchaus heiraten. Run hatte sie wohl groß« Lust, zu heiraten und einen hübschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen, und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie stritten und einander mehr als einmal die Degen in dm Leib rannten, um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten sich kühne und verzagte, sistige und tr»v- herzige, reiche und arme Freier, solche mit einem guten uns anständigen Geschäft, und solche, welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten: dieser mit diesen, jener mit jenem Vorzügen, beredt oder schweigsam, der eine munter und liebens­würdig, und ein anderer schien es mehr in sich zu haben, wem, er auch etwas einfältig aussah: kurz, das Fräulein hatte eme so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich nur wünschen kann. Allein sie besaß außer ihrer DchönhÄt ein schönes Vermögen von vielen tausend Goldgülden und diese waren die Ursache, daß sie nie dazu kam, eine Wahl treffen

tzchriftlritung: Dr. Friedr. Wilh. Lange.

und einen Mann nehmen zu können, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und Klugheit und legte einen großen Wert auf dasselbe, und da nun der Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurteilt, so geschah es, daß sie, sobald sich ihr ein achtungswerter Freier genähert und ihr halb­wegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe begehre sie nur um ihres Gutes tollten. War einer reich, so glaubte sie, er würde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch reich wäre, und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewiß an, datz sie nur ihre Goldgülden im Auge hätten und sich daran gedächten gütlich zu tum, und das arme Fräulein, welches doch selbst so große Dinge auf den irdischen Besitz hielt, war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden, oder, wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu verzeihen. Mehrere Male war sie schon so gut wie verlobt und ihr Herz klopfte endlich stärker: aber plötzlich glaubte sie aus irgendeinem Zuge zu entnehmen, daß sie verraten sei und mau einzig an ihr Vermögen denke, und sie brach unvertoeilt die Geschichte entzwei und zog sich voll Schmerzen, aber unerbittlich zurück. Sie prüfte alte, welche ihr nicht mißfielen, auf hundert Arten, so datz eine große Gewandt­heit dazu gehörte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit einiger Hoffnung nähern konnte, als wer ein durch­aus geriebener und verstellter Mensch war, so daß schon aus diesen Gründen endlich die Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch eine unheimliche Unruhe er­wecken und die peinlichste Llngewißheit bei einer Schönen zurück- lassen, je geriebener und geschickter sie sind. Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu prüfen, war, daß sie ihre Uneigennützigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu großen Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohltätigen Handlungen veranlaßte. Aber sie mochten eS machen, wie sie wollten, so trafen sie doch nie das Rechte: denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd, gaben sie glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, ober anvertrauten ihr beträchtliche Gelder für die Armen, so sagte sie plötzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den Lachs zu fangen, oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu sagen pflegt. Und sie vergabts die Geschenke sowohl wie das anvertraute Geld an Klöster und milde Stif­tungen und spelsete die Armen: aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten sich dieselben aber zurück­haltend oder gar knauserig, so war der Stab sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und daran eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen glaubte. So kam es, daß sie, welche ein reines und nur ihrer Person hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten, listigen und eigensüchtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fühlte sie sich so mißmutig und trostlos, datz sie ihren ganzen Hof auS dem Hause wies, dasselbe zuschloß und nach Mailand verreiste, wo sie eine Base hatte. Als sie über den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre Gesinnung- so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus den Abgründen einpvrtürmte, und sie fühfte die heftigste Ver­suchung, sich von der Teufelsbrücke in die tobenden Gewässer der Reuß hinabzustürzen. Rur mit der größten Mühe gelang e8 den zwei Mägden, die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche aber nun schon lange tot sind, und dem Führer, sie zu beruhigen und von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und traurig in dem schönen S2anb Italien an, und so blau dort der Himmel war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aushellen. Aber als sie einige Sage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere Melodie ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie biS dato noch nicht viel gewußt. Denn es kam ein junger LandSmann in das Haus der Base, der ihr gleich beim ersten Anblick so wohl gefiel, daß man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum erstenmal. GS war ein schöner Jüng­ling, von guter Erziehung und edlem Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als zehntausend Gold­gulden, welche er von seinen verstorbenen Eltern ererbt und womit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in Mailand einen Handel mit Seide begründen wollte: denn er war unter- itehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche Hand, wie es unbefangene und unschuldige Leute oft haben: denn auch dies war der junge Mann: er schien, so wvhlgelehrt er war, doch so arglos und unschuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein Kaufmann war und' ein so unbefangenes Gemüt, was schon zusammen eine köstliche Seltenheit ist, so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug fern Schwert so keck zur Seite, wie nur ein geübter Kriegsmann es tragen kann. Dies alles,' sowie seine frische Schönheit und Jugend bezwangen das Herz des Fräuleins dermaßen, daß sie kaum an sich halten konnte und ihm mit großer Freundschaft begegnete.

(Fortsetzung folgt.)

Aufbetoahrungsmappen zu den Gießeirer FamilteiMättern sind zum Preis von Am. 1.50 in der Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers zu haben.

- Druck und Verlag der VM'schen Aniv.-Bvch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.