Ausgabe 
13.3.1926
 
Einzelbild herunterladen

88

Die Alterserscheinungen fittb ja jedem HundÄiebhaber bo> tarntt: Sie Siete werden träge und mürrisch, ihre Sinnesschärfe läßt überall nach, die Haare sollen aus, die Sauberkeit läßt zu vkmschen übrig, usw. Harms operierte feine Hunde (es waren neun Fälle) im Älter vmr etwa 15 Jahren im Aller von 17 Jahren gehen die Hunde meist an Altersschwäche zugrunde und formte ein fast vollkommenes Verschwinden der Alters- «scheinungen feftfteEfett Jagdhunde konnten toteber zur Jagd benutzt werden, und waren fvrtpflanzungsfähig, die Haare wuch­st« wieder, die Zähne wurden wieder fest; die Hunde waren eben wieder jung geworden. Leider aber nutzte dies alles nichts; tm Alter von 17 Jähren starben die Hunde plötzlich ohne vorher wieder zu altern. Das heißt also, eine Lebensverlängerung konnte nicht erzielt werden. Der Grund liegt, wie Harms wohl mit Recht amnimmt, darin, daß die zugrunde gegangenen Nerven­zellen nicht wieder ersetzt werden formten, was von ihnen einmal abgestorben ist, bleibt es. Sie habert im Gegensatz zu sämt­lichen übrigen Gewebezellen bereits in frühester Jugend ihre Teilungsfähigkeit verloren, das Wirbeltier mutz mit diesen Ner­venzellen sein ganzes Leben haushalten.

Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß ein Zugrundegehen der Nervenzellen bei den Hunden vermeidbar gewesen wäre, wenn man dieBerjüngungskur" früher begonnen hätte, schließ­lich mutz es ja seinen Grund haben, wenn die Nervenzellen der Ratte nur drei Jahre vorhalten, diejenigen des Papageis aber etwa 100 Jahre. Harms hat also Wohl eine Verjüngung, aber noch leine Lebensverlängerung bei seinen Hundert erzielt, doch steht auch letzteres im Bereich des Möglichen. Weiter wurde Steinach durch den in Chile arbeitenden Ö. Wilhelm in erheb­lichem Matze bestätigt, der von 34 gelungenen Derjüngungskuren an Hunden, Ratten, sogar Menschen berichtet.

Von einem ganz besonders schönen Falle berichtet Kolb in Zürich Ihm ist es gelungen, eine vierzehnjährige Ziege, die bereits seit mehreren Jahren keine Drunsterscheimrngen mehr zeigte, zu verjüngen. Sie war bereits vollkommen hinfällig, so mutzte sie vor dem Einnehmen der Nahrtmg aufgerichtet werden, da sie es allein nicht konnte. Eine Menge anderer Alterserschei- mmgeit war außerdem vorhanden.

Ihr wurden nun mehrere Eierstöcke junger Ziegen unter die Haut verpflanzt. Nach kurzer Zeit besserte sich ihr Zustand, die Brunst trat ein, und später warf sie auch noch ein vollkommen normales Junge, das sie auch ernährte.

Anders liegt die Sache beim Menschen. Auf diesem Gebiete arbeitet bekanntlich Woronow, dessen Affenexperimente erst kürz- llch viel besprochen wurden. Woronow (Paris) verpflanzte Hoden­fragmente von jungen Affen, da solche von Menschen nur schwer zu beschaffen sind. Er konnte zwar immerhin Erfolge erzielen, jedoch liegen die Verhältnisse beim Menschen, wie schon oben gesagt wurde, erheblich komplizierter; vor allem die Arteriew- verkalkung, die zu den verbreitetsten Ursachen des Alterns beim Menschen gehört, ist kaum wieder rückgängig zu machen. Ver­schleiert kann das Bild derErfolge" noch- dadurch werden, daß die Suggestion hinzukommt, die ja nach Coue-Nancy ganz Unge­heures zu leisten imstande ist.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Untersuchung der letzten fünf Jahre Steinach in vielen Purckten recht gegeben haben, besonders soweit Tiere in Frage stehen. Eine Verjüngung des alternden Organismus ist möglich, wenn auch eine eigentliche Lebensverlängerung noch nicht erwiesen worden ist.

Spiegel, das Kätzchen.

Ein Märchen von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

Diese waren jetzt sehr bedenklich und düster; so war denn die Stunde doch nahe, wo der gute Spiegel seine Hcntt lasten sollte? Und war mit aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend Keg er auf das hohe Dach dessen Firste dunkel in den schönen Herbstabendhimmel emporragten. Da ging der Mond über der Stadt auf und warf seinen Schein auf die schwarzen bemoosten

Hohlziegel des alten Daches, ein lieblicher Gesang tönte in Spie­gels Ohren und eine schneeweitze Kätzin wandelte glänzend über einen benachbarten First weg. Sogleich vergaß Spiegel die Todes­aussichten, in welchen er lebte, und ertoiöerte mit seinem schön­sten Katerliede den Lobgesang der Schönen. Er eilte ihr ent­gegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern Begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr zu, ohne an den Pineih zu denken oder im Haufe sich sehen zu lassen. Er fang wie eine Nachtigall die schönen Mondnächte hindurch, jagte hinter der weihen Geliebten her über die Dächer, durch die Gärten, und rollte mehr als einmal tm heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen über hohe Dächer hinunter und fiel auf die Straße; aber nur um sich auszuraffen, das Fell zu schütteln und die wilde Jagd seiner Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, süße Gefühle und zorniger Streit, anmutiges Zwiegespräch, witziger Gedankenaustausch, Ränke und Schwänke der Liebe und Eifersucht, Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glückes und die Leiden des Unsterns liehen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen, und als die Scheibe des Mondes voll ge­worden, war er von allen diesen Aufregungen und Leidenschaften"

so heruntergekonunen, daß er jämmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. 3m selben Augenblicke rief ihm Pineih aus einem Dachtürmchen:Spiegelchen, Spiegelchen! Wo bist du? Komin doch ein bißchen nach Haufe!"

Da schied Spiegel von der weihen Freundin, welche zusrieden und kühl miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz feinem Henker zu. Dieser stieg in die Küche hinunter, raschelte mit dein Kontrakt und sagte:Komm Spiegelchen, komm Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm und setzte sich in der Hexeickuche trotzig vor den Meister hin in all seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pineih erblickte, wie er so schmählich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in die Höhe und schrie wütend:Was seh' ich? Du Schelm, du gewissenloser Spitzbube! Was hast du mir getan? Außer sich vor Zorn griff er nach einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krümmte den schwarzen Rücken, lieh die Haare emporstarren, dah ein fahler Schein darüber knisterte, legte die Ohren zurück, prustete und hntfelte den Alten so grimmig an, daß dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt zurücksprang. Er begann zu fürchten, daß er einen Hexenmeister vor sich habe, welcher ihn foppe und mehr könne, als er felbft Ungewiß und kleinlaut sagte er:Ist der ehrsame Herr Spiegel vielleicht vorn Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in dero äußere Ge­stalt zu verkleiden, da er nach Gefallen über fein Leibliches ge­bieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm angenehm' dünkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so mager wird, wie ein Gerippe, um dein Tode zu entschlüpfen?"

Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich:Nein, ich bin kein Zauberer! Es ist allein die süße Gewalt der Leidenschaft, welche mich so heruntergebracht und zu meinem Vergnügen Euer Fett dahin genommen hat. Wenn wir übrigens jetzt unser Ge­schäft von neuem beginnen wollen, so will ich tapfer dabei sein und drein beißen! Setzt mir nur eine recht schöne und große Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschöpft und hungrig! Da packte Pineih den Spiegel wütend am Kragen, sperrte ihn in den Gänfestall, der immer leer war, und schrie:Da sieh zu, ob dir deine süße Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie stärker ist, als die Gewalt der Hexerei und meines recht­lichen Vertrages! Jetzt heißt's: Vogel friß oder stirb!" Sogleich briet er eine lange Wurst, die so lecker duftete, daß er sich nicht enthalten konnte, selbst ein bißchen an beiden Zipfeln zu schlecken, ehe er sie durch das Gitter steckte. Spiegel fraß sie von vorn bis hinten auf, und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz leckte, sagte er zu sich selber:Meiner Seel! es ist doch eine schöne Sache um die Liebe! Die hat mich für diesmal wieder aus der Schlinge gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig aus ruhen und trachten, daß ich durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernünftigen Gedanken komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein bißchen Leidenschaft, morgen ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weife gut. Dies Gefängnis ist gar nicht so übel und es läßt sich gewiß etwas Ersprießliches darin ausdenken!" Pineih aber nahm sich nun zusammen und bereitete alle Sage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und in solch reizender Abwechselung und Zuträglich­keit, daß der gefangene Spiegel denselben nicht widerstehen formte; denn Pineihens Vorrat an freiwilligem und rechtmäßigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und drohte nächstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies Hauptnuttel ein geschlagener Maim. Aber der gute Hexenmeister nährte mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommeit, wes­halb auch seine Hexerei sich hier als lückenhaft erwies.

Ws Spiegel in feinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er nicht länger, sondern stellte vor den Augen des auf­merksamen Katers alle Geschirre zurecht unb machte ein helles Feuer auf dem Herd, um den lang ersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein großes Messer, öffnete öen Kerker, zog Spiegel­chen hervor, nachdem er die Küchentüre wohl verschlossen, und sagte wohlgemut:Komm, du Sapperlöter! wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Mütze für mich geben, woran ich Ein­fältiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir erst das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?"Nein, wenn es Euch gefällig ist," sagte Spiegel demütig,lieber Zuerst den Kovf abschneiden!"Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pineiß,wir wollen dich nicht unnütz quälen! Wies was recht ist!"Dies ifft ein wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbärmlichen Seufzer und legte das Haupt ergebungsvoll auf die Seite,v hätt' ich doch jederzeit getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig unterlassen, fo könnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, beim ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Fttrcht, Sorge und Armut und zur Abwechftung einen Sturm verzehrender Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde Furcht!"Ei, welches Unecht, welche wichtige Sache?" fragte Pineiß neugierig. Ach, was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel,geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spät!"Siehst du, Sapper- menter, was für ein Sünder du bist?" sagte Pineiß,unb wie Wohl du deinen Tod verdienst? Aber was Tausend hast du denn angestellt? Hast du mir vielleicht etwas entwendete entfremdet, ver­dorben ? Hast du mir ein HimmelsHreiendes Unrecht getan, von dem ich noch gar nichts weiß, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir