Gießener zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zmn (Siebener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, den |5. März Nummer 1\
Aus Der Kindheit her . . .
Von Hermann Hesse.
Aus der Kindheit her
Weht ein Klang mir nach.
Der mir einst die Seligkeit versprach.
Ohne ihn wär Leben viel zu schwör!
Tönt sein Zauber nicht, Steh ich ohne Acht, Sehe Angst und Dunkel rings umher.
Aber immer wieder durch das Leid, Das ich mir erwarb, Klingt der süße«Ton voll Seligkeit, Den kein Weh und keine Schuld verdarb.
Liebe Stimme du,
Licht in meinem Haus,
Lösche niemals wieder aus. Tu die Gottesaugen niemals zu — Sonst verliert die Welt
Allen holden Schein, Stern um Sternlein fällt Tlnd ich steh allein.
Samuel Heinzerliugs Sohn.
Don Richard Wagner.
Wer ist Samuel Heinzerling? — Gr ist nicht mehr, er war einmal. Aber er lebt weiter in Ernst Ecksteins bekanntester Humoreske „Der Besuch im Karzer". Samuel Heinzerling war einst Gymnasialdirektor zu Gießen. Aach Ernst Eckstein hatte Samuel Heinzerling seine eigene Sprache. Gr sprach das „i“ wie „ä", das „u" wie „o“ und das „ft“ wie „ö" aus. Er besaß zwei Töchter, wenn ich nicht irre, Thusnelda und Isolde, die keineswegs so schön und stattlich waren wie ihre Aamen, denn nach Ernst Eckstein pflegte Samuel Heinzerling zu sagen: „Hat däser ongebäldete Quattler, mein Pedell, eine Tochter, dä es an bezauberndem Läbveiz mät der schönen Helena auf nehmen könnte, während meinen Töchtern Thosnelda und Aesolde trotz meinet klassäschen Däldong jede klassäsche Anmot mangelt." — Samuel Heinzerling hatte aber auch einen Sohn, Arminius Heinzerling, der von Ernst Eckstein nicht erwähnt wird. Arminius war nicht nur das leibhaftige Ebenbild seines Vaters, sondern er sprach auch dessen eigenartige Sprache. Er war sozusagen im Gymnasium ausgewachsen, hatte unter seines Vaters Obhut in Gießen Lateinisch und Griechisch studiert und kehrte als Gymnasiallehrer wieder in das Gymnasium zurück. Sein Geist hatte die Mauern des Gymnasiums niemals überschritten, lebte nicht in Deutschland. sondern im alten Rom und in Griechenland Die lateinische und die griechische Grammatik waren seine Welt. Er steckte darin wie in einem Gefängnis, sogar lebenslänglich; denn er hat es nie verlassen.
Als ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Dünke des Gymnasiums drückte, war Dr. Arminius Heinzer« li-ng Oberlehrer am Gymnasium zu Büdingen. Trotz seinen fftnfunddveißig Jahren hatte er noch keine Lebensgefährtin gesunden. Seine Schwestern Thusnelda und Isolde führten ihm den Haushalt.
Dr. Arminius Heinzerling war, wie alle großen Geister, von kleiner Gestalt, hatte sich aber ein niedliches Bäuchlem zugelegt. um in der Breite zu ersetzen, was ihm an Länge abging. Ilm feilte zierlichen Füßchen und seine zarten, kleinen, fetten, griibigen Händchen hätten ihn die Hareinsdamen eines Sultans beneiden können, weniger um seine sonstigen Schönheiten. Sein Köpfchen, das in der appetttlichen Farbe eines speckigen Haspels strahlte, glich einer aufgequollenen großen Erbse. Zwischen kugel- Tunben ©IcrnalkicBen, bte ein wter Ärchifclvoinxitt unrragntte. sah ein winziges, kugelrundes Aäschen. Seinen kugelrunden, rosigen stets schweißprrlenden Schädel bedeckten spärliche, rotblonde Löckchen, die ihm auf der Haut klebten tote die Flaumhaare eines von der Hebamme frifchgewaschenen Säuglings. Dom Vollbart abgesehen, waren Thusnelda und Isolde des Bruders Ebenbilder, nur noch etwas kleiner, dicker und alter. Außerdem gehörte zum Haushalte ein alter, grauhaariger, zahnloser, vom Vater ererbter Pintscher, der auf den Flamen »Butz getauft war, aber von Samuel Heinzerlings Sohn „Botz gerufen wurde.
Man glaube nun aber nicht, daß ich über Dr. ArminiuS Heinzerling spotten will. 3m Gegenteil,, Arminius war ein Wustermensch und ein Musterlehrer. Er hat ganz sicher feinem Vater niemals den geringsten Kummer bereitet und wissentlich niemals die kleinste Sünde begangen. Sein Herz war auch gut und rein, sein Gerechtigkeitssinn über jeden Zweifel erhaben. Er schätzte seine Schüler nur nach Fleiß, Aufmerksamkeit und Leistungen. Jede persönliche Bevorzugung eines Schülers lag ihm fern. Jedem Abiturienten gab er beim Abschiedsbesuche die Worte mit auf den Weg: „Vergässen Sä dä grächäsche Gram- matäk nächt, sä ward Aehnen ein goter Wegweiser auf der Bahn des Lebens sein."
Aur eine einzige Schwäche sagte man Arminius Heinzerling nach. Sein Erholungsspaziergang führte ihn stets noch dem nahen Dorfe Büches, vielmehr „Boches", wie er in der väterlichen Sprache sagte. Dort leerte er mutterseelenallein eins ansehnliche Batterie Bierflaschen, um in stiller Macht einsam und allein den Heimweg anzutreten. Dabei will einst ein Gymnasiast gesehen haben, daß Arminius alle paar Schritte auf der mond- beschienenen Landstraße mit seinen kleinen Beinchen einen allerliebsten Hopser machte. Er hatte offenbar die Schatten der Ehauseebäume für Gräben gehalten, was bei seiner großen Kurzsichtigkeit leicht begreiflich war.
Nähere Bekanntschaft pflog Dr. Arminius Heinzerling in Büdingen nur mit einem einzigen Gymnasiallehrer, dem kleinen Dr. Kritz, der mich eine zeitlang in Kost und Logis hatte. Dr. Kritz schloß sich wohl nur deshalb an den schweigsamen Arminius an, weil dieser nicht viel größer war, und Dr. Arminius ließ sich die Begleitung des kleinen Kritz gerne gefallen, weil er keinen anderen erwachsenen Menschen in Büdingen gefimöen hätte, den er an Körpergröße um einige Zoll überragte.
Dr. Kritz war ein großer Gartenfreund und besaß einen herrlichen Hausgarten, in dem er von Zeit zu Zeit seinen Freund herumfuhrte, um von diesem die selbstgeziichteten Blumen, Spargel, Stachelbeeren und Weintrauben bewundern zu lassen. Dabei mußte er sich leider nur zu oft über Dr. Heinzerlings Verständnis- losigkeit ärgern; denn in der griechischen Grammatik stand nichts von Gartenbau und Blumenzucht. Einmal zeigte Dr. Kritz seinem Freunde als besondere Merkwürdigkeit einen Flieder bäum, der nur Blüten und keine Blätter trüge. Statt die Sehenswürdigkeit gebührend zu bewundern, sagte aber Dr. Arminius, den Baum einer gewissenhaften Prüfung unterziehend, mit kritischem Lächeln: „Es stämmt doch nächt ganz. Da sehe äch ein kleines Blättchen ond här noch eins." Aergerlich konnte sich Dr. Kritz der Bemerkung nicht enthalten: „Sie sind aber doch der richtige Schulmeister, wie er im Buche steht." Schlagfertig erwiderte Dr. Arminius: „Erstens sänd Sä selbst ein Scholmeister. Zweitens äst es keine Schande, sondern ein Vorzog, ein rächtäger Scholmeister zo sein. Drättens äst es dä Pftächt eines rächtägen Scholmeisters, keinen Fehler dorchgehen zv lassen." Beinahe wäre es zum Bruche zwischen den beiden kleinen Schulmeistern gekommen, zumal Dr. Arminius noch ein drittes Blättchen an dem angeblich blätterlosen Fliederbaum entdeckte. Die gefährdete Freundschaft renkte sich indessen bald wieder ein, und Dr. Heinzerling genaß auch weiterhin die große Auszeichnung, von Dr. Kritz zum Wellfleischeffen eingeladen zu werden.
Dr. Kritz schlachtete im Winter zwei Schweine. Zum Well- fleischessen erschienen nur zwei Gäste: Machbar Wertheimer, der fürstlich Blsnburgifche Hofbankier, und Dr. Arminius Heinzerling. Wertheimer war ein freiderckender und unterhaltendes Mann. Er erzählte die gewagtesten Schnurren, woimt er zwar nicht die Zöglinge des Dr. Kritz, wohl aber den keuschen Arminius aus einem Erröten ins andere trieb. Als Wertheimer gar noch meinte, er esse Wellfleisch so gern, daß er, wenn er nicht Vorsteher der israelitischen Gemeinde Ware, selbst alljährlich zwei Schweine schlachten würde, schämte sich der g«vissen- haste Arminius in seiner eigenen Seele für den gottlosen Bankier. Das hielt aber Heinzerling nicht ab, den settriefenden Bissen auo Ehre anzutun. — „Meine Relägärm erlaubt mär das, bemerkte er mit offensichtlicher Befriedigung. . „
Dr. Arminius Heinzerling besaß nicht nur ein reines Herz, sondern auch ein dankbares Gemüt. Einst stlhrte er seine Klasse durch dem wunderbaren Bftdinger Wald nach GelnhMsen„ wo er in den Ruinen der Darbarossaburg ein großes geschichtliche» Examen abhielt und sogar Moten austeilte, die er Wam tn fein Notizbuch eintrug. 3m Berggarten „Zur Hoffnung wurde dann ein solenner Frühschoppen eingenommen bei dem die KlaKe dem Pintscher „Botz", der den Ausflug mitgemacht hatte.


