Ausgabe 
13.2.1926
 
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Ich hatte ihm gewünscht, daß er die paar Fahre seine- luf­tigen und freien Vogellebens furchtlos und unbeschwert »erleben Lunte, und daß ich ihn eines Herbstes gefunden hätte als ein totes und steifes Bündelchen, zusammengedrückt in «irrer Ecke unseres Gartens, da er die Kraft nicht mehr hatte, den Flug über die Riesenmauer der Alpen in die südlichen Täler und an trte südlic^n warmen Meere zu wagen.

Ich hätte ihm gewünscht, daß ihn ein Sperber auf der Jagd nach Nahrung niedergestoßen und ihn mit scharfen Fanghieben -ersetzt hätte.

Aber sein erster Flug, zu den ihn das Geheimnis der Natur zwang, seine erste große Reise in die Welt, die ihn vor winter- llcher Hungersnot, bitterer Kälte und tiefem Schnee bewahren sollte, trieb ihn in den grausamsten, ländlichsten und unnot­wendigsten Tod, im den Tod durch den Menschen, der über jede Kreatur als Freund, Wohltäter und Vater gesetzt sein sollte.

Armes, lleines Rotkehlchen, wundervolle beseeltes Kehlchen aus Süße und Schmelz, himmelansteigende unscheinbare Lerche mit dem Schnäbelchen voll Inbrunst und Gntzündetsein, schwer­mütig schluchzende Drossel, die in die Traumumsponnenheit meines Morgenschlafes fang, hier fand ich euch im traurigsten Wieder­sehn. das Federkleid gerötet, das Köpfchen umgedveht und blutig, das Hirnschälchen eingedrückt und zersplittert, das kohlenhaft ezende Auge tot und erblindet, hier im Lande des Heiligen iz voit Asfissi, der einst mit euch in brüderlicher Liebe und mit brüderlicher Zunge redete...

Aber seine Nachfolger werden in den Herbst- und Winter- mvnaten, wenn die großen Vogelwolken des Nordens sich über die Täler und Landschaften des Südens senken, mit Leimruten und Lockeule, mit Flinte und Fangnetz zu Verderbern und Ver­nichtern kleiner, grammleichter, unermüdlich zwitschernder und zierlicher Kreaturen. Was bietet so ein wippendes, knochenhaftes Dogelding für eine Nahrung? Zu Dutzenden zerhackt und zer­schnitten werden sie zu einer dicken breiigen Suppe gekocht, die nicht einmal ein Leckerbissen ist.

Anauslöschlich wird mir der gebrochene Leib eines Buch- stnken im Gedächtnis bleiben, der in dem Bündel hing und der über den Krällchen einen drahtdünnen, metallenen, weißen Ring trug. In die blinkende Spange waren winzige Worte und Zeichen eingeritzt. Vielleicht hatte der Vater eines Mädchens bt Deutsch­land oder in Schweden diesen aus dem Reste genommen und wieder hineingesetzten Vogel zum Glücksvogel für fein Kind ge­macht. Vielleicht stand darauf: Kehre wieder!

Gr wird nicht iviederkehren, er wird nicht mehr im Früh­ling auf den blühenden Birnbaumost seinen Lockruf schmettern und sein kleines Vogellied fingen. Vater und Kind werden den Vogel mit dem Ring am Krällchen vergeblich erwarten. Der Mensch hat ihn gemordet.

Wetterkataftrophen und ihre Ursachen.

Von Prof. Dr. Ludwig Weickmann, Direktor des Geophys. Instituts der Universität Leipzig.

Es ist uns im allgemeinen und zu normalen Zeiten kaum be- wriht, daß sich unser menschliches Leben abspielt in einem Raume, in dem fortgesetzt gewaltige Gnergieumwandlungen vor sich gehen, daß wir auf Schritt und Tritt umgeben sind von ungeheuren Kräften, die ein ehernes Gesetz in ruhigen Bahnen hält, Dahnen befruchtender Arbeit sowohl wie langsamer Zerstörung. Wenn wir uns in einem sausenden Kraftwagen befinden, oder im rasenden V-Zug, so kommt es uns wohl in den Sinn, über die Wucht der dabei bewegten Massen nachzudenken, und wir ver­stehen, daß Anheil kommen muh, wenn diese Bewegung plötzlich gehennnt wird.

Daß sich jedoch in den Bewegungen der Luft, die wir als Wind tagtäglich spüren und beobachten können, oder im Strome der Gewässer u. il. Energien verbergen, deren ungeregelte Ent­ladung von den gewaltigsten Katastrophen begleitet wäre, das drängt sich uns nur auf, wenn Abweichungen vom normalen Verlauf, Sturm, Orkan, Hochwasser, Lawinen, Taufluten u. a. hereinbrechen und als deutliche Zeichen der Macht Bahnen der Zerstörung über die Gefilde menschlicher Arbeit ziehen.

3n Ländern, die von der lebendigen Kraft der von Berges­höhen fließenden Gewässer, von den aufgefpeicherten Energieoor- räten hochgelegener Seen und von der «weißen Kohle" leben und den Kraftbedarf ihres industriellen Lebens daraus decken, sind diese Fragen geläufiger. Es ist auch ein eindrucksvoller Vorgang, zu beobachten, wie die Sommer trrti) Winter in feinster Vertellung, Tropfen um Tropfen, Schneeflocke um Schneeflocke abgelagerte Energie sich schließlich zusammen in Staubdecken und Gerinnen als gewaltige Triebkraft bewährt. Voraussetzung aber für die einwandfreie Betätigung aller dieser Kraftquellen ist immer, daß die atmosphärische Maschine ordentlich funktioniert, daß in ihr keine bedenklichen Störungen eintreten Kleinere Störungen sind fast immer vorhanden, sie werden aber durch wirksame Regulatoren alsbald unschädlich gemacht.

In der Atmosphäre sind mm eine ganze Reihe kleiner und großer Maschinen ständig im Gange, und letzten Endes kann man die ganze Atmosphäre als eine einzige große Maschine ansprechen. Die Hauptstellen der Wärmezufuhr sind die äquatorialen Breiten. Die dort erhitzten Luftmasfen steigen in die Höhe, wobei sich der mitgenommene Wafserdampf kondensiert in Form von Wolken

und Regen. Die Kondensatimrswärme wird der aufsteigenden Luftmasse zugeführt, die, angeregt durch die Erdrotation, sich schließlich polwärts sendet, und in den bekannten Passatwinden zum Aequator zurückkehrt, nachdem sie durch Ausstrahlung und Wärmeleitung die ausgesammelte Wärmemenge wieder größten­teils verloren hat. Es umgibt also die Erde zu beiden Seiten des Aequators eine solche tropische Zirkulation, Nord-Ost, be­züglich Süd-Ost, Passat und Antipassat genannt, die wir als einen ersten Teil der Thermodhuamischen Maschine der Atmo­sphäre ansprechen können, als Erhitzer und Kondensor, And wenn wir nur jenen Teil der Maschine ins Auge fassen, der auf das sür unser Gebiet von Europa besonders wichtige Stück des At- lantischeu Ozeans zwischen den Kap-Verdischen Inseln und Mexiko fällt, so können wir die Leistung dieser Maschine berechnen, die wir als den Hauptbetrieb fast aller atmosphärischen Bewegungen betrachten müssen, von dem wir Europäer abhängen. Hat man doch direkte Zusammenhänge der Lufttemperatur in Mitteleuropa, insbesondere für die Wintermonate mit der mehr oder minder lebhaften Zirkulation des Pasfatwirbels nachweisen können, und viele andere ähnliche Beziehungen, zur Eisgrenze, Getreide­ernte usw.

Der Nutzeffekt oder der Wirkungsgrad der.Passatmaschine", die von der freien Attnosphäre im Bereiche unserer Nord-Ost- Passate gebildet wird, ergibt sich, wenn man die Temperaturen bei der Wärmezufuhr mit den Temperafirren bei der Wärme­entziehung vergleicht, oder wenn man die durch die Wärmezufuhr aufgewendete Arbeit mit der geleisteten in Verbindung bringt. Dabei zeigt sich, daß die Maschine nur einen Wirkungsgrad von 3 Prozent hat, der größte Teil der zugeführten Wärmemenge geht durch Ausstrahlung wieder verloren. Aber mit diesem Wir­kungsgrade von nur 3 Prozent ergibt sich trotzdem eine Leistung der Pafsatzirkulation als thermodynamische Maschine von rund 100 Milliarden Pferdestärken.

Ein Teil dieses gewaltigen Betrages wird dazu verwendet, den bekannten Golfstrom quer über den Atlantischen Ozean in Gang zu halten, außerdem aber entspringen dieser Maschine jene warmen äquatorialen Luftmafsen, die insbesondere im Winter die europäischen Küstenländer bespülen, und die dafür sorgen, daß in diesen Ländern strenge Winter fast ganz unbekannt sind, so­weit rächt durch die Höhenlage dem Winter eine Stätte bereitet wird, wie im skandinavischen Hochlande.

Diese Passatzirkulation löst nämlich einen zweiten Kreislauf der Atmosphäre aus, oder steht doch im engsten Zusammenhänge mit ihm, das ist die Zirkulafion der Westwinde mittlerer Breite, der auch für unser Gebietnormalen" Winde. And nun liegen die Beziehungen zwischen dem ordnungsmäßigen Lauf der Ma­schine und gefährlichen Störungen ziemlich klar vor uns.

Freilich kommen noch eine Reihe sekundärer Einflüsse dabei zur Geltung, vor allem der wechselnde Einfluß der Riesenkon­tinente, die im Zusammenspiel mit den Ozeanen ihrerseits wieder Zirkulationen erzeugen, die bekannten Monsune, und noch kleinere thermodynamische Maschinen sind am Werke; die Land- und Seewinde, sowie die Berg- und Talwinde. Aber diese letzteren können das große Bild der beherrschenden Zirkulationen nicht wesentlich Beemfluffen, jedenfalls nur lokal verändern.

Wenn sich in einem normal einsetzenden Winter, wie z. D. im November und Anfang Dezember des vergangenen Jahres mit reichlichen Schneemassen plötzlich eine gewaltige Störung des Taktes der Maschine einstellt, und der Pasfatwirbel gewaltige Massen warmer Luft über die Lande schleudert, so muh eine der­artige unzeitgemäße Erwärmung eine schnelle Schmelze der Schneemassen herbeiführen. Es muß zu Taufluten größeren Stiles kommen, die um so bedenklicher sein werden, wo etwa gefrorener Boden ein rasches Versickern der Schmelzwassermengen verhindert.

So haben wir die allenthalben auf dem europäischen Fest­lande in der letzten Zeit aufgetretenen Hochwafierkatastrophen in Verbindung mit Sturmschäden, Staufluten usw. einer der­artigen Störung der atmosphärischen Zirkulafion zuzuschreiben, deren Kehrseite die über Nordamerika herrschenden Kältsein- brüche sind. Denn sie sind auf ein und dieselbe atlantische Zirku» latton zurückzuführen, die auf ihrer Vordersette warme äquato­riale Luftmafsen aus Süden herangeschafst, auf ihrer Rückseite mit kalten Nord- und Süd-Ostwinden gleichzeitig polare Lust­massen über Amerika ausgebreitet hat.

Die emsige Arbeit der Forscher geht dahin, Anhaltspunkte für die Beurteilung des Ganges der besprochenen gewaltigen Maschine zu finden, von deren Richfigkeit und Ordmmg Wohl und Wehe der Menschen abhängt.

Geographie.

Don Fritz Müller, Portenkirchvi.

Wenn ich an meine Geographiestunden in der Mittelschule zurückdenke, dann wird mir, ich weiß nicht wie.

Heute kommen wir zu bem Städten am Rhein", sagte der Geographieprofessor und strich sich seinen Bart, um daS erste Gähnen zu verbergen. Dann kam eine Pause. Darauf fing er wieder an:

Also zu den Städten am Rhein kommen wir heute." Wieder eine Pause.

Also was der Rhein ist, das wissen wir ja schon Welzel, was ist der Rhein?"