Ausgabe 
13.2.1926
 
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AS Ich ihn mit eigenen Augen sehe, wenn ich mir eine Vorstellung von ihm machen soll."

Ich weih nicht," sagte er etwas gekränkt, .ich zeichne doch ganz anständig wenigstens sollte ich es tun, ich hatte ja gute Lehrer und schmeichle mir, doch kein absoluter Dummkopf zu sein"

.Dann willst du dir einen Späh mit mir machen, lieber Freund," antwortete ich ihm, .das ist ein sehr passabler, ja sogar ein ausgezeichneter Schädel, wenigstens nach den An­forderungen, die das grobe Publikum an dergleichen anatomische Abbildungen stellt und dein Käfer muh der sonderbarste Käser der Welt sein, wenn er einem Totenkopf gleicht. Wir können ja ein recht aufregendes, gruseliges Stück Olbmglauben auf ihn auf­bauen. Ich vermute, du wirst ihnSkarabäus caput hominis" oder ähnlich benennen, die Naturgeschichte ist ja reich an solchen Manien. Aber wo hat er denn seine Fühlhörner, von denen! du sprachst?"

Die Fühlhörner," sagte Legrand, der, wie mir schien, all- niählich ziemlich grundlos in Feuer geriet,die Fühlhörner mußt du doch gesehen haben, ich habe sie so deutlich hingezeichnet, wie sie an dem Tiere selbst zu sehen sind, und ich glaube, das genügt."

»Man, nun, entgegnete ich,vielleicht hast du sie gezeichnet, ich kann sie bloß nicht sehen," und gab ihm das Papier zurück, ohne weiter etwas zu sagen, da ich ihn nicht noch mehr ver­stimmen wollte. Allerdings war ich über die Wendung, die die Sache genommen hatte, sehr verwundert, denn die Aufregung meines Freundes war mir absolut unerklärlich; auf der Zeichnung waren keine Fühlhörner zu sehen, dafür glich sie aber bis ins kleinste den üblichen Abbildungen eines Tvtenkopfes.

Sehr mürrisch nahm Legrand die Zeichnung entgegen und wollte sie schon zerknittern, anscheinend um sie ins Feuer zu werfen, als ein zufällig darauf geworfener Blick seine Aufmerk» samkeit zu fesseln schien. 3m Augenblick wurde sein Gesicht glühend rot, dann wieder totenbleich. Sekundenlang betrachtete er unbeweglich die Zeichnung aufs genaueste. Endlich erhob er sich, nahm eine Kerze vom Tisch und setzte sich dann auf eine Kiste, &ie in der äußersten, Ecke des Zimmers stand. Dort begann er von neuem die Zeichnung aufs genauere zu prüfen, wobei er sie nach allen Seiten hin und her wendete. Er sagte nichts, und obwohl sein Benehmen mir höchst seltsam erschien, hielt ich es wch nicht für ratsam, seinen wachsenden Mißmut durch eine Bemerkung zu erhöhen. Auf einmal zog er ein kleines Notizbuch seiner Tasche, legte die Zeichnung sorgfältig hinein und teer» « r» fe*n Pult. Nun gewann er allmählich seins

Fassung wieder, aber mit feiner ersten Begeisterung war es vor» ber Er schien allerdings weniger verstimmt als in Gedanken versunken zu fein. 3e mehr der Abeiw vorschritt, um so mehr vergrub er sich in seine Träumereien, denen ich ihn durch keiner­lei Scherze zu entreißen vermochte. 3ch hatte eigentlich die Ab­sicht gehabt, die Macht in der Hütte zu verbringen, wie sonst, doch da ich meinen Wirt in solcher Stimmung sah, fand ich es angebracht, mich zu verabschieden. Er drängte mich auch nicht, zu bleiben, aber als ich mich verabschiedete, schüttelte er meine HEde noch viel herzlicher als gewöhnlich.

®2> mochte ungefähr ein Monat seit dieser Begebenheit ver­flossen fein, in der Zwischenzeit hatte ich nichts von Legrand gehört, als mich eines Tages sein Diener Jupiter in Charles- town aufsuchte. 3ch hatte den guten alten Neger noch nie so verzweifelt gesehen und fürchtete, daß irgendein schweres Unglück mernem Freunde zugestohen sei.

. »Da, 3up," fragte ich,was ist denn passiert, wie geht es demem Herrn?"

Master, er nicht so wohl fein, wie er fein müssen."

Nicht wohl? Das tut mir aufrichtig leid! Was fehlt ihm denn?

sein."

Das sein, ja! er über nichts klagen er doch sehr krank

Sehr krank, Jupiter? Warmn hast du daS nicht gleich ge­sagt? Liegt er zu Bett?"

Olein, er nicht liegen, er nicht wissen, wo er fein, das ist, mein Herz sehr schwer für arme Master WM."

Jupiter, ich bitte dich, nimm dich zusammen, drücke dich deutlicher aus. Du sagst, dein Herr sei krank, hat er dir nicht gesagt, was ihm fehlt?"

Nein, Massa nicht braucht unruhig fein, Master Will nie toadjagen, er sagen wird, ihm nichts fehlen; aber was machen ihm 1° desi Kopf hängen, und dann wieder stehen wie ein Soldat und weih im Gesicht wie eine Gans? Und was machen ihn immer die Hmur anstarren?"

Was anstarren? 3upiter?"

Die Haut anstarren mit den Figuren, die tollsten Figuren, die mich gesehen. Ich Angst kriegen, sagen ich Euch, ich jetzt immer scharfes Auge auf ihm haben muß. Vor paar Tagen er mir fort, ehe Sonne auf, und den ganzen Tag nicht mehr gesehen. -Kh mir geschnitten dicken Stock, ihn fest schlagen, wenn er kommt, ich aber nicht getan haben, weil er schauen so elend und krank."

bms? ach so! ja du hast recht, aber fei doch lieber nicht zu streng mit dem armen Kerl. Schlag ihn nur ja nia>t, er kann Schläge nicht gut vertragen. Aber kannst du dir denn gar nicht denken, was die Ursache dieser Krankheit, oder besser gesagt, dieser Veränderung ist? Ist denn etwas .Unan­genehmes Dorgcf alten, feit ich euch sah?" ...

Olein, Massa, nichts Unangenehmes seit damals war am selben Abend, an dem Ihr da wart."

Was meinst du?"

Ohm, ich Käfer meine das ist."

OBcn?

Der Käser. Ich sicher fein, daß Käfer ihn gebissen irgendwo am Kopf."

And welche Gründe hast du zu einer solchen Annahme, Jupiter?"

Krallen genug, Massa, und Maul auch. Ich nie gesehen solchen verdammten Käfer, er kratzen und beißen alles, was zu ihm kommen. Massa Will ihn zuerst gefangen, aber nstichtig schnell ihn wieder laufen taffen, ich sag Euch da Massa Stich bekommen haben muh. Das Maul von Biest mir nicht gefallen, ich auch nicht gewollt anfasfen mit meinen Fingern, ich Stück Papier genommen, was ich dort gefunden. Ich ihn gewickelt in Papier und ein Stück ihm gesteckt in Maul, das war recht."

(Fortsetzung folgt.)

Das Vogelbündel.

Don Anton Schnack.

Es traf mich schmerzlich und ich hatte fast die Bewegung, meine Hand vor die Augen zu halten, als ich beim Durchstreifen der italienischen Kleinstadt das erste Vogelbünde! erblickte. Es hing an der Türverschalung eines kleinen Kramladens, auf dem verräucherten und altersgrauen Holze hing das Bündel wie ein riesiger bunter Tropfen, dessen Schwerkraft und Dicke unten lagen und der nach oben sich zu einer leichten und gekräuselten! Nufgeblustertheit verdünnte. Es erschien mir zuerst als ein seltsames Gestrüpp von merkwürdigen Dlütenköpfen und hübschen Federbüscheln, ich trat näher heran und griff in das flittrige Zeug, aber dieser Griff gab mir einen Stich mitten durchs Herz: ich hatte in ein Bukett aus lauter kleinen und zierlichen Vogel­leichen gegriffen, die mit ihren gelben, blauen, grauen und roten Federchen mir wie eine sichtbare und riesige Inkarnation der Grausamkeit und der Kreaturverachtung erschienen.

Cs waren die Vögel des Nordens. Es waren die Vögel meiner Wald- und Wiesenheimat. Es waren die süßen Sänger aus Mai und Juni, es waren die Vögel, die im Teichrohr der lappländischen Moore einen kurzen feuchten Sommer genistet hatten, es waren die Vögel, die Schwedens und Norwegens kühle Wälder bevölkerten, es waren die Vögel, von den Mrken- hügeln der niederdeutschen Heiden, es waren die Vögel, deren Ölest in schwäbischen Weißdornhecken hing, es waren die Vögel von den Flußufern der Elbe, des Mains, des Rheins, des Neckars und der Weser. Norden der Erde, es waren deine Vögel, es waren die Kreaturen deines Frühlings und deiner Sommer­monate: es waren die Beflügler euerer kühlen Morgenlüfte, es waren die Nister auf Lindenbaum und Ahorn. Norden der Erde, Kinder im Norden, Freunde im Norden, die ihr den Vogel liebt, der Süden mordete sie gnadenlos!

Es waren die gewichtlosen rührenden Vogelkörper des flinken Steinschmätzer, der perlenden Nachtigal und des wippenden Rot­schwanzes; mit ihnen zusammen hing das schimmernde Blaukehl­chen aus den lappländischen Einöden, hing der farbenbunte Stieg­litz der deutschen Obstbaumgärten, hing das zarte schwellende Grau des Uferschilfsängers, ach es waren zwanzig, dreißig, fünfzig schmalbrüstige, bäumen- und singergroße, ausgezehrte, erbatmungswürdige und abgewürgte Vogelleichen.

Da hingen sie, die Sänger meines morgendlichen Schlafes in Frühlings- und Sommertagen, als ich noch an Rhein und Neckar wohnte, da hingen sie, deren Nest ich im Jasminbusch erspähte, das fünf graugrün gesprenkelte Eier mütterlich ver­barg. Da hingen sie, lebloser Plunder, hingemordet von,grau­samer Hand und grausamer Seele, vernichtet unter einem göttlich klaren und strahlenden südlichen Oktoberhimmel, da hingen sie, entseelt und jedes Flügelchen gebrochen, die ich wochenlang un­ermüdlich und rastlos mit mißtrauischem und spähendem Blick zum Neste in der Strauchgabel fliegen sah, wo fünf gelbe und aufgesperrte Vogelmäuler nach dem mütterlichen Futter sich reckten. Da hingen sie, deren erste Flugversuche ich von der um» bsuchten Gartenlaube aus beobachtete, mit glanzlosen und er­blindeten Augen. Ach, ich erinnere mich noch, wie mir eines dieser tollpatschigen Vögelchen auf die offene Handfläche geflogen kam. Wild und unermüdlich klopfte das unsichtbare und ttef er­schrockene Vogelherz. Froh ließ ich die kleine Kreatur aus Flaum, Leichtigkeit, Angst und Lebenssehnsucht wieder in den sonnigen Mvrgeüwirch fliegen, nachdem ich dem bunten, schillernden Ge­schöpf mit den Fingern leicht das kleine Dogelköpfchen getippt hatte. Ich ließ ihn fliegen, da er mir als kleiner und glücklicherer Bruder erschien, und da ich ihn beneidete um die Freiheit und Seeligkeit seines sorglosen Dogeldaseins. Und er blieb um mein Haus den ganzen Sommer. Und ich hörte vom hohen Wipfel des Birnbaumes her und aus dem dichten Versteck der Jasminhecke Morgen für Morgen und Albend für Abend die schmelzenden und schwermütigen Lieder seiner kleinen, beseelten Vogelkehle.

Schien- es mir nicht damals, daß ich in seinem weich geflöteten Lied eine kaum merffbare schmerzliche Klage spürte, eine Angst vor nahem Tod, eine Angst vor grausameni Ende.