Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, den (5. Februar Nummer 13
Webet.
Von Gustav Falke.
Herr, laß mich hungern dann und wann, Sattsein macht stumpf und träge, und schick mir Feinde, Warm um Mann, Kampf hält die Kräfte rege.
Gib leichten Fuß zu Spiel und Tanz, Flugkraft in goldne Ferne
und häng' den Kranz, den vollen Kranz, mir höher in die Sterne.
Der Goldkäfer.
Von Edgar Allan Poe.
Hoiho! Hoiho! der Bursche tanzt wie toll Von dem Tarantelbiß in seinem Blut.
(All in the Wrong.)
Vor vielen Jahren fing ich eine intime Freundschaft mit einem gewissen Herrn William Legrand an. Er stammte aus einer Hugenottenfamilie und war einst wohlhabend gewesen; aber eine 'Reihe von Mißgeschicken hatte ihn soweit gebracht, daß er in Not geriet. Um dem ständigen Erinnertwerden an sein Unglück zu entgehen, verließ er New Orleans, die Stadt seiner Vorfahren, und nahm seinen Wohnsitz auf der Sullivans--Insel, in der Nähe von Charlestown, in South Carolina.
Diese Insel ist sehr unbedeutend. Sie besteht aus wenig mehr als etwas Deesand und ist ungefähr drei Meilen lang. Ihre Breite übersteigt an keiner Stelle eine Diertelmeile. Sie ist durch eine kaum wahrnehmbare Bucht vom Festland getrennt, die ihren Weg durch eine Wildnis von Schlamm und Dunst, einen Lieb- lingsausenthalt des Sumpfhuhns, winden muß. Di« Vegetatton ist, wie man sich denken kann., kärglich oder zumindest sehr dürftig. Bäume, die irgendwelchen Anspruch auf Größe machen könnten, findet man da nicht. In der Gegend der äußersten Westgrenze allerdings dort, lvo die Feste Woultrie steht, und wo sich einige elende Blockhäuser befinden, die denen als Zufluchtsstätte dienen, di« vor dem Fieber und Dunst in Charlestown flüchten, kann man auf einige stachelige Palmen stoßen; dagegen ist die ganze Insel — mit Ausnahnre dieses westlichen Punktes und einer harten weißen Geröllrnie an der Küste — mit dichten Gebüschen von lieblichen Myrthen bedeckt, die das Entzücken aller englischen Gärtner sind. Die einzelnen Sträucher erreichen oft eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß und bilden ein fast undurchdringliches Dickicht und erfüllen die ganze Atmosphäre mit ihrem Wohlgeruch
Im tiefsten Innern dieses Dickichts nun, nicht weit von der Ostgrenze, also auf dem etwas höher gelegenen Teil der Insel, hatte Legrand sich eine Hütte gebaut, die er damals, als ich durch einen bloßen Zufall seine Bekanntschaft machte, bewohnte. Diese erste Bekanntschaft ging bald in eine Freundschaft über, denn der Einsiedler hatte vieles an sich was Interesse und Achtung einllößen konnte. Ich fand ihn gebildet, ungewöhnlich begabt, aber ’ angekränkelt von Menschenscheu und ein Spielball abwechselnder Launen von Begeisterung bis zur Niedergeschlagen- heit. Er hatte viele Bücher mit sich genommen, sie aber fast nie benützt. Seine Hauptvergnügungen waren Jagd und Fischerei, oder aber er schlenderte an der Küste entlang und durch daS Dickicht, um nach Muscheln oder seltenen Käfern zu suchen; seine Sammlung dieser letzteren hätte den Meid jedes Forschers erwecken können. Gewöhnlich begleitete ihn auf diesen Ausflügen ein alter Neger, Jupiter geheißen, der zwar vor dem Zusammenbruch der Familie freigelassen worden war, den man aber weder durch Schläge noch durch Versprechungen bewegen konnte, von dem zu lassen, was er für sein gutes Recht hielt, nämlich über die Schritte seines jungen „Master Will" zu wachen. Es ist nicht umnöglich daß die Verwandten von Legrand, die ihn für einen unruhigen Geist hielten, diese Hartnäckigkeit in Jupiter hineinerzogen haben, um eine leichtere Kontrolle über den Ruhelosen zu bekommen.
In dem Breitengrad, wo die Sullivans-Jnsel liegt, ist der Winter niemals sehr streng, und es ist wirklich eine große Seltenheit, wenn man mal gegen Jahreswende etwas heizen muh. In der Mitte des Oktober 18.... ereignete es sich aber doch, daß ein Tag von ungewöhnlicher Frostigkeit hereinbrach Gerade vor Sonnenuntergang mühte ich mich, meinen Weg durch das Immergrün zu der Hütte meines Freundes zu finden, den ich schon seit mehreren Wochen nicht mehr besucht hatte, da ich zu dieser
Zeit mich in Charlestown aushielt, das in einer Entfernung von neun Meilen von der Insel liegt, und die damaligen Derkehrs- möglichkeiten weit hinter den Errungenschaften der Jetztzeit zurückst anden. Als ich die Hütte endlich erreichte, klopfte ich, wie dies meine Gewohnheit war, und als ich keine Antwort er» vielt, holte ich ben Schlüssel aus feinem mir bekannten Versteck, schloß auf und trat ein. Ein schönes Feuer prasselte im Kamin. Es war dies zwar eine Neuerung, aber keinesfalls eine unwillkom- niene. Ich zog meinen Mantel aus, schob einen Armsessel zu den krachenden Scheiten und erwartete geduldig meine Wirte.
Sie kamen kurz nach Einbruch der Dunkelheit und bewillkommneten mich herzlich. Jupiter grinste von einem Ohr zum anderen und kramte herum, einige Sumpfhühner für das Abendbrot zurechtzumachen. Legrand hatte einen seiner Anfälle — lote sonst sollte ich's nennen — von Begeisterung. Er hatte eine neite zweischalige Muschel, die eine ganz neue Gattung darstellte, gefunden, und, mehr noch, er hatte einen Skarabäus aufgestöbert und fing ihn auch mit Jupiters Hilfe. Gr hielt ihn für voK° kommen neuartig und wünschte am nächsten Morgen meine Meinung darüber zu hören.
„Warum nicht Beute noch?" fragte ich, während ich meine Hände über der Glut wärmte und innerlich dieses ganze Gehabe mit allen Skarabäen der Welt zum Teufel wünschte.
„Ach hätte ich nur gewußt, daß du da bist!" sagte Legrand, „es ist schon so lange her, daß ich dich sah; wie konnte ich da annehmen, daß du mich gerade heute abend besuchen würdest? Als ich hierher kam, begegnete ich dem Leutnant G.... von der Festung, und dummerweise habe ich ihm den Käfer geliehen; so ist es für dich umnöglich, ihn vor morgen noch zu sehen. Dlerbe heute nacht hier; ich will Jupiter gleich bei Sonnenaufgang darum schicken. Es ist das herrlichste Ding auf Erden."
„Was? — der Sonnenaufgang?"
„Ach, Unfinn! Nein! — der Käfer. Er ist von glänzender Goldsarbe, ungefähr in der Größe einer dicken Walnuß mit zwei pechschwarzen Tupfen cm dem einen Ende fernes Rückens, und einem etwas längeren an dem anderen. Die Fühlhörner sind..."
„Da ist gar fein Horn an ihm, Master Will, ich wiederholen es." unterbrach uns hi« Jupiter, „der Käfer sein Goldkäfer, ganz ech, jeder Zoll von ihm, in- und auswendig Gold, pures Gold, auch die Flügel, mein Lebtag hab ich kein so schweren Käfer getragen."
„Nun, gesetzt den Fall, es sei so. Jup," antwortete Legrand mit mehr Ernst, als mir für diese Sache notwendig schien, „wäre denn das ein Grund, die Vögel verbrennen zu lassen? Seine Farbe," wandte er sich hier an mich, „ist allerdings dazu angetan, Jupiter auf solche Gedatcken zu bringen. Du hast sicher noch keinen prächtigeren Metallglanz gesehen als den auf seinen Flügeln. — Aber ich vergesse, daß du darüber erst morgen urteilen kannst. Inzwischen kann ich dir einen Begriff fernes Aeußersn geben." Mit diesen Worten setzte er sich an einen kleinen Tisch, auf dem zwar Feder und Tinte, jedoch kein Papier waren. Er suchte in einer Schublade, fand aber keines.
„Macht nichts," meinte er, „das wird genügen", zog einen Fetzen Papier aus seiner Westentasche, den ich für ein schmutziges Stück Propatriapapier hielt, und warf mtt der Feder eine flüchtige Skizze darauf hin. Während er dies tat, behielt ich meinen Sitz am Feuer, da ich noch immer durchfroren war. Att er seine Zeichnung fertig hatte, reichte er sie mir herüber, ohne dabei auf» zu stehen. Ich nahm sie und sogleich hörte ich ein taute# Winseln, dem ein Kratzen an der Türe folgte. Jupiter öffnete sie, und ein großer Neufundländer, Legrands Eigentum, stürmte herein, sprang an meinen Schultern hoch und überhäufte mich mit Zärtlichkeiten; denn ich war bei meinen früheren Besuchen immer sehr nett mit ihm gewesen. Als sein erster Jubel sich etwas gelegt hatte, blickte ich auf das Papier und — die Wahrheit M gestehen — konnte nicht recht klug auS meine- Freundes! Meisterwerk werden.
„Hmk" sagte ich, nachdem ich es einige Zett betrachtet hatte, „daS ist allerdings ein sehr merkwürdiger Skarabäus, daS muß ich schon sagen, wirklich ganz neuartig für mich, ich habe noch nie so ettoaS gesehen — außer vielleicht einige Totenwpfe ober Schädel — denen er, von allem, was je mir unter die Augen! gekommen, noch am ähnlichsten ist."
„Einem Tvtenkopfk" wieder hotte Legrand, „ja — allerdings — zweifellos — so auf dem Papier hat es gewisse Aehnlichkeit damit. Die oberen zwei Tupfen sehen wie Augenhöhlen aus, nicht? Änd der untere tote em Mund — und das Ganze ist ja auch oval."
„Mööglich" sagte ich, „aber ich fürchte doch, mein lieber Legrand, du bist fein großer Künstler. Ich mach wohl tixirten,


