Ausgabe 
12.10.1926
 
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lernen kann. Ich hab' allerlei van Ihnen gelernt, Schwester. Das geb' ich gern zu. Ich marschier' nun auf die Siebzig los und mutz jeden Tag darauf gefaßt sein, daß mich der Sensenmann holt. Ihnen kann ich's ja sagen, Schwester, ich quäl' mich mit schweren Gedanken, was es hier geben soll, wenn ich nicht mehr da bin. Unser Herr ist ein grundgescheiter Mann, hat sein Werk in der Reih', und doch bleibt er in vielen Sachen sein Leben lang in den Kinderschuhen stecken. Sie glauben nicht, was sich so das Jahr über alles an ihn herandrängt. Er ist zu weichmütig, kann nicht Nein sagen und wird von den Leuten ausgenützt. Er müßt' eins um sich haben, auf das er sich verlassen kann, das sich getraut, ihm abzureden, wenn die Strunzegänger kommen, und aus seiner Gut- heit Kapital schlagen wollen. Auf Sie hört er, Schwester, Sie taten hieher passen!" So hatte Frau Dick ihr Herz erleichtert. Die kannte ihren Herrn aus langer Beobachtung heraus. Bei all seinem Wissen, all seiner Tüchtigkeit war er ein großes Kiiid, darin stlnmite ihr Schwester Luise bei. Kein Argwohn wagte, bei ihm anzuklopfen, Güte war der Grundzug seines Wesens. Die ihm nahestanden, mußten alles daran setzen, daß ihm die Freude an der Arbeit und seine ideale Lebensauffassung unverkümmert blieben Bom Ver­trauen eines solchen Mannes getragen, auf dem Freihof schalten und walten zu dürfen, war eine Aufgabe, die einen locken konnte. Noch immer, wenn sie auf den Grund ihrer Seele schaute, entdeckte sie einen Widerschein jener Welt, der sie so lange zugezählt war. So nur konnte sie die Regungen deuten, die Dietrich, der Welt­mann, in ihr weckte, die sie vor sich selbst verbarg. Den Fall gesetzt, sie würde vor die Frage gestellt, welchen von den Brüdern sie zum Lebensgenossen wühlen sollte, sie hätte sich für den Gutsherrn erklärt.

Am letzten Tag des Jahres begann der Wind, aus Südwest zu wehen, und brachte Tauwetter, strichweise auch Regen. Die Berge im Osten und Westen schienen in unendliche Ferne gerückt. Nachmittags stiegen im Flachland die Nebel auf, flatterten hin und her, um bald in Nähe und Weite alles zu verhüllen.

Der Silvesterabend brach an. Im Arbeitsziminer des Guts­herrn faßen die Brüder und Schwester Luise in traulichem Ge­spräch beisammen. Sie hatten Verwandten uni) Freunden die üblichen Neujahrswünsche geschickt.

Wenn nur die Hälfte in Erfüllung geht," sagte Hans,werden sie zufrieden sein."

Die Menschen sind einmal so," sprach Dietrich,jeder hofft und jeder hofft für sich das Beste." Scherzend setzte er hinzu:

Was mich betrifft, bin ich nur froh, daß meine Wünsche keine Schellen tragen. Ich müßt' als alter Knabe sonst noch erröten, wenn man erfährt, wie oft sie den Beelzebub zu Gevatter bitten."

Hans und die Schwester lachten. An die Gevatterschaft wollten sie nicht glauben.

Der Gutsherr begab sich, wie immer, zeitig zur Ruhe. Dietrich und Schwester Luise beschlossen, aufzubleiben, bis das alte Jahr geschieden war und das neue seinen Lauf begann.

Im Dorf hörte man Schüsse fallen. Die Burschen weihten mit ihren Sackpuffern die Neujahrsnacht ein.

Dietrich trat ans Fenster. In schweren Tropfen schlug der Regen an die Scheiben. Der Sturm schüttelte die Linden, die sich mit ihrem kahlen Geäst wie Ungetüme vor dem Gutshof erhoben.

Sich an die Schwester wendend, sagte Dietrich:Ich hab' mir früh um sechs schon den Wagen bestellt, weil ich sonst den Acht­uhrzug nach Berlin nicht erreiche. Ich könnte ja auch um halb eins fahren, aber dann bin ich erst nach Mitternacht zu Haus. Das ist mir zu spät. Ich mutz übermorgen frisch sein."

Sie wollen in Berlin gleich Weiterreisen?" fragte Schwester Luise.

Vermutlich ja. Nach Kopenhagen. Es ist eine ewige wilde Jagd. Jedesmal, wenn ich hier fortgehe, nehm' ich mir vor, bald wiederzukommen. Es bleibt beim guten Willen. Ich bin zu sehr an mein Geschäft gebunden. Der Freihof ist ein friedsames Plätz­chen, wo man einmal stoppen und sich sammeln kann. Der Mensch braucht auch Ruhe. Sie lächeln! Sie haben recht, ganz still zu liegen, bring' ich nicht fertig. Und nun Hans! Das gerade Gegen­teil. Wie lang ist's her? Bier, fünf Jahre. Da hab' ich ihn über­redet, mit mir eine Fahrt nach Tirol zu machen. Wenn der eine wollte, wollte der andere Hott. Es gab Verdrießlichkeiten zwi­schen uns, Reibereien, die wir Brüder sonst gar nicht kennen. Wir stellten fest, daß wir nicht zusammen reisen können."

Das begreif' ich", warf Schwester Luise dazwischen.

^Jn Bozen trennten wir uns. Am selben Abend setzte sich Hans in München hin und ließ eine lange Epistel an mich los. Er meinte, er habe sich wie ein rechter Streithammel benommen. Er mache sich hintennach Vorwürfe, daß er nicht verträglicher gewesen sei. Ich dürfe darum nicht an seiner brüderlichen Liebe zweifeln. Ich sollte ihm gleich ein paar beruhigende Worte schreiben. Da haben Sie den ganzen Hans. Ich fuhr damals weiter, stand tags darauf beim Aveläuten in Mailand. Es war anfangs März, aber merkwürdig wann, förmlich schwül. Vor mir ging ein Liebespärchen auf und ab. Er, ein echter Sohn des Südens mit einem prachtvollen Kopf und tiefen dunklen Augen. Sie sehr jung, schlank und blond. Was da an mein Ohr klang, war der echte Mailänder Dialekt. Er redete leidenschaftlich auf fie' ein und begleitete seine Worte mit wunder-

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vollen Gesten. Sie schwieg, bleich und verwirrt, aber aus ihrem hübschen Gesicht sprach schon ein halbes Gewähren. Das Bild festzuhalten, wünscht' ich mir einen Maler herbei. Ich vergaß den Dom mit all seiner Herrlichkeit und schaute immer wieder auf das Pärchen hin. Mir war so wohl, ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl."

Er hielt inne, breitete die Arme aus und holte tief Atem, indes über das Gesicht der Schwester eine jähe Röte tief.

Von Mailand, erzählte er, war er an die Riviera gegangen, hatte dort ergriffen, was sich ihm an Lustbarkeiten bot. Von Zeit zu Zeit brauchte er Zerstreuungen, Erregungen, aus denen heraus er neuen Anreiz für seine Arbeit gewann. Segelbootfahrten, Kletter­partien in die Alpen, eine Blumenschlacht in Mentone, ein Fest im Kasino zu Monte Carlo, das lebensprühende Nizza, das stolz-vor­nehme Cannes, das alles hatte er mit vollen Zügen genoffen. Auf diesem gesegneten Küstenstrich entfaltete die Freude ihr Panier. Unter heiterblauem Himmel wagte ein Menschenstram hin und her, einzig von dem Wunsch getrieben, dem Augenblick sich hinzugeben und zu genießen. Wer es noch nicht wußte, dem ging hier die Er­kenntnis auf: in jedes Menschen Brust wohnte ein tiefes Verlangen nach Freude. Von Kunst hatte er allerlei erhascht, nicht eben viel, desto mehr hatte ihn die Natur erhoben. Die See mit ihrem ewig wechselnden Farbenspiel, die Türme und Zacken der Alpen, die Wälder von Palmen und Orangen, Blumen in nie gesehener Pracht, das alles floß in einem Bild von überwältigender Schönheit zu­sammen. Zumeist ober waren es die Menschen, die er beobachtet hatte. Vor seinen Augen hatten sich Romane abgespielt, so wunder­sam, wie keines Dichters Phantasie sie ersann. Sein Gedächtnis war staunenswert. Was er erlebt und erfahren, war ihm zum un­vergeßlichen Besitz geworden. Vielleicht, daß er hie und da ein bißchen Wertrieb,' aber sein Vortrag war so lebendig, daß man ge­fesselt, ja mitgerissen wurde. Schwester Luise sah wieder in blühende Gärten, denen sie den Rücken gewandt, hörte wieder Klänge, denen sich ihr Ohr verschlossen hatte. Und von dem Mann, der zu ihr sprach, drang etwas auf fie ein, das sie wie Naturkraft berührte und ihre Sinne gefangen nahm.

Mitternacht. Das neue Jahr zu verkünden, hoben im Dors die Glocken zu läuten an, kaum hörbar zuerst, dann in immer volleren, tieferen Tönen.

Dietrich schritt auf Schwester Luise zu.Ich wünsche Ihnen ein glückliches neues Jahr!" sagte er mit einer Stimme, aus der es wie ein Nachhall von all den Lebensfesten klang, die er im sonnigen Süden gefeiert.

Ich wünsche es Ihnen auch!" erwiderte sie leise.

Er ergriff ihre Hand. Die lieh sie ihm.

Sein Blick ruhte voll auf ihr. Es war, als sprühten aus seinen Augen Funken.

Unwillkürlich wich fie ein wenig zurück.

Da zog er fie an sich. Auf ihren Lippen brannte fein Kuß. Und fie küßte ihn wieder in jäh erwachter Leidenschaft. Mund an Mund gepreßt, hielten sie einander umschlungen. Plötzlich riß sie sich los und stürzte, das Gesicht von roter Glut übergossen, hinaus.

Eine Weile stand er wie gebannt, dann nahm er den Kopf zu­rück und sprach vor sich hin:

Ein bißchen Mut, daran liegt dach alles! Eben läßt man ihn ausmarschieren, und schon kommt einem das Ziel entgegen. Uebri- gens ein wundernettes Mädchen. Schade, daß sie die Haube trägt!" Dem netten Abenteuer noch ein wenig nachzusinnen, zündete er sich eine Zigarre an. Die rauchte er mit vielem Behagen. Erst gegen ein Uhr löschte er die Lampe aus und suchte seine Schlaf­stube auf.

Droben in ihrem Zimmer hatte sich Schwester Luise aufs Bett geworfen. Ein unnennbares Gefühl, all die Zeit her niedergehalten, trieb ihr im Fieber das Blut durch die Adern. Sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Wie war's möglich gewesen, daß sie sich so vergessen konnte! Sie mochte vor Scham in die Erde sinken. Vordem hätte es ein Mann wagen sollen, ihr mit seinem Gelüst zu nahen, fie hätte ihm die Zähne gewiesen. Dem einen stand sie wehrlos gegenüber, mehr noch, es zog sie wie im Rausch zu ihm hin. Sie kannte sich nicht mehr. Etwas Neues, Fremdes brach da hervor, vor dem sie in der Seele erschrak. Nun rächte es sich, daß sie den Beruf der Schwester ergriffen, ohne sich im tiefsten Herzen geprüft zu haben. Der Familie, den Verhältnissen ein Opfer brin­gen, bedeutete noch lange nicht, fo schwerer Verantwortung gewach­sen zu fein. Ihr fehlte die Zucht, die Strenge gegen sich selbst. Gut, daß sie erst in der Probezeit stand. Morgen, wenn sie ins Schwe­sternhaus kam, wollte sie um ihre Entlassung bitten.

Früh um sechs Uhr reifte Dietrich Weckerling ab. Sie wollte ihn mit keinem Blick mehr sehen. Ein paar Stunden später konnte der Wagen wieder auf dem Freihof fein, würde ihr zur Verfügung stehn. Dann sagte sie dem Gutsherrn Lebewohl und kehrte in die Stabt zurück.

Sie begann^ was sie an Wäsche- und Kleidungsstücken bei sich führte, in ihre Reisetasche zu packen, und ordnete sonst noch allerlei. Darüber ebbte der Sturm, der sie durchtobte, und eine ruhigere Auffassung der Dinge gewann in ihr Platz.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr, Hans Thhriot. Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei. R. Lange, Gießen.