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In jener Zeit war das Kalendermachen in der Mode. Die Her- « steller solcher Kalender, die Astrologen, oder wie sie sich selbst nann- I ten, Philomaten, waren Betrüger, die skrupellos die Leichtgläubig­keit des Publikums ausnützten, um sich die Taschen mit Geld füllen zu können. Der berühmteste unter ihnen war ein gewisser John Partridge, der, eigentlich Flickschuster seines Zeichens, mit seinen Kalendern schier die ganze Welt in Bann hielt. In seinem Gerech- tigkeitsempsinden zögerte Swift nicht, diesem Propheten einen ge­hörigen Denkzettel zu geben und seine Anhänger von ihrem Aber- glariben gründlich zu heilen. Als eines Tages wieder ein Kalender dieses berühmten Astrologen erschien, veröffentlichte Swift kurzer­hand unter dem kuriosen Namen Bickerstaff ein Name, den er zufällig in einer Straße auf einem Schild gelesen hatte einen aufsehenerregenden neuen Almanach; dieser war allerdings nur eins Parodie, in der er aber sich selbst als den großen Gelehrten und Astrologen seiner Zeit bezeichnete und scharf gegen die minderwer­tigen Kalenderschmiede Front machte. Mit einer bewunderungswür­digen Offenheit und Kühnheit prophezeite er die delikatesten politi­schen Ereignisse für das folgende Jahr. Er scheute sich sogar nicht, die prominentesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens namentlich anzuführen und bloßzuftellen. Unter diesen Prophezeiungen wurde auch ganz nebensächlich eines Falles Erwähnung getan, der zeigen sollte, wie unwissend die Pseudoastrologen in ihren eigenen Ange­legenheiten seien. Diesernebensächliche Fall" war Partridges Tod, den Swift genau auf Tag und Stunde, ja sogar nach der Ursache (er nahm eine Fiebererkrankung an) festsetzte.

Genau ein Tag nach diesem letzten vorausgesagten Ereignis er­schien ein Brief an eine fingierte hohe Persönlichkeit, der die erste Bestätigung der wundervollen Prophezeiungen Herrn Bickerstasfs enthielt. Zugleich erfolgte die Mitteilung, daß Herr Partridge tat­sächlich am ungesagten Tag gestorben sei, wenn auch um vier Stun­den später, als ursprünglich festgesetzt; nachgewiesenermatzen handelte es sich aber nur um einen kleinen Fehler des Herausgebers. Natür­lich stammte dieser Brief auch von Swifts Hand. Die in den ganzen Plan Eingeweihten erlebten eine Riesenfreude an dem inszenierten Scherz; andere dagegen, die nicht darum wußten, nahmen die Ange­legenheit sehr ernst. Die portugiesische Inquisition ordnete sogar die Nerbrcnnung der Bickerstaffchen Schriften an wegen der darin ge­machten unglaublichen Enthüllungen über Personen und Ereignisse. Trotz dieser und anderer Gegenmatzregeln konnte aber die von Swift beabsichtigte Wirkung nicht ausbleiben: Herr Partridge wurde offi­ziell im Buchhandel für wirklich tot erklärt.

Mehrere witzige Köpfe, die nunmehr absichtlich für Patridge und sein unglückliches Los eintraten, spannten den Scherz in lustigster Weise weiter aus. Auch Patridge selbst raffte sich auf und richtete einen flammenden Protest gegen den falschen Astrologen Bickerstaff; er versuchte alles mögliche, um sich zu rehabilitieren und beteuerte wiederholt, daß er immer noch am Leben sei und sich sogar noch bester Gesundheit für lange Zeit hinaus zu erfreuen gedenke. Doch blieben seine eifrigen Anstrengungen völlig fruchtlos, denn Swift ließ ihm keine Ruhe mehr. In einem neuen Almanach für das nächste Jahr bewies er dem Armen sogar schlagend, daß er mause­tot sei und suchte diese Behauptung durch einige überaus humo­ristische Beweise zu stützen. So gab er u. a. die angebliche Meinung der Leser des Partridgeschen Almanachs wieder: kein Lebender könne derartigen Unsinn schreiben. Auch erklärte er, Partridges Boraus­sagen miesen darauf hin, daß er mit dem Teufel im Bunde stünde; das sei aber nur nach dem Tode möglich. Schließlich deutete er über­haupt Patridges eingene Worte vollständig in seinem Sinne um. Kurz, Partridge war überlistet; er lieh nichts mehr von sich hören. Aber noch im selben Jahre enthüllte Swift wahrheitsgemäß die ganze Fehde, aus der Partridge und die Astrologie geschlagen und ihres Rufes beraubt hervorgingen.

Die Probeschwefter.

Novelle von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Auf der Felsenburg gab's ein fröhliches Wiedersehen. Der alte Braubach war in trefflicher Stimmung. Er trug Gedichte von Scheffel vor und gab auch eigne Sachen zum besten.

Bei sinkendem Tag fuhr man heim. Der Himmel bedeckte sich mit fahlem Rot, daß ringsher Menschen und Dinge in geisterhaftem Licht erschienen.

Dietrich erzählte von allerlei Mißhelligkeiteu, in die der Wirt auf der Felsenburg während seines langen Lebens geraten war, die ebenso für seinen Freimut wie für seinen Rechtlichkeitssinn sprachen.

Ich hatte den alten Herrn nur zweimal flüchtig aus dem Frei­hof gesehen", sagte Schwester Luise.Nun hab' ich ihn erst kennen gelernt. Der Mann hat bittere Ersahrungen gemacht. Sein Humor trägt ihn über alles hinweg. Ich fand auch seine Gedichte recht hübsch. Es waren im Grund ja nur Scherze, aber so was in Reime zu bringen, dazu gehört denn doch Talent."

Er zählt zu den Originalen," sagte Dietrich,die man hierzu­lande selten, desto häufiger in Ihrer ostpreußischen Heimat trifft."

Sie sah ihn verwundert an.

In meiner ostpreußischen Heimat? Kennen Sie die?"

Gewiß kenn' ich sie. Mein Weg führt mich jedes Jahr ein paarmal hin. Ich stehe da mit Leuten in Geschäftsverbindung, die mir wirkliche Freunde geworden sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir demnächst in der Nähe von Memel eine Zweigfabrik gründen. Die Verhandlungen schweben noch. Zuweilen hör' ich. Ihre Lands­

leute klagen, daß sie aus so weit vorgeschobenem Posten stehn. Ich bin der Meinung, das ist ihr Glück, denn nur so bewahrt sich dieser tüchtige, kernhaste Menschenschlag seine Eigenart. Es ist geradezu erstaunlich, was für einen Aufschwung die Industrie dort droben genommen hat. Es wird nicht mehr lange dauern, und sie steht gleichgeltend neben der Landwirtschaft. Wer in die Verhältnisse hin- einsehen kann, der weiß, was das zu bedeuten hat."

Er nannte, ihr große Fabriken, deren Umsätze sich auf Millionen bezifferten, von deren Bestehen sie keine Ahnung hatte. In ihren Kreisen mar von derlei Dingen wenig ober gar nicht gesprochen worden. Sie meinte, sie hätte den Ostpreußen diese gewerbliche Reg­samkeit nicht tzugetraut.

Als Fabrikherren," entgegnete Dietrich,kamen sie sich zuerst ein wenig komisch vor. Jetzt fühlen sie sich recht wohl dabei."

Es war völlig dunkel geworden, als sie den Freihof wieder er­reichten. Dietrich erwarteten Briefe, die er las und gleich zu beant­worten begann.

Abend für Abend, wenn der Gutsherr sich zurückgezogen, hielt Dietrich die Schwester noch für ein Schwätzstündchen fest. Die Welt erschien ihm im heitersten Licht, er hatte die Segel hochgespannt und war wie ein König in seinem Reich. In Berlin arbeitete er, wie die Hamburger Kaufleute tun, eine kurze Frühstückspause abgerechnet, bis nachmittags fünf Uhr durch. Dann fühlte er sich als freier Mann. Und von der Flut sich treiben zu lassen, war ihm der Gipfel des Vergnügens. Nicht, daß er der Zügellosigkeit verfiel, er suchte viel­mehr wie ein Feinschmecker aus, was er zu [einer Anregung brauchte. Daß man sich auf Berlin versteifen konnte, hatte er nie verstanden. Es war die. Großstadt an sich, die ihn' in ihren Zauberkreis zog. Es war ein unbestimmbares Etwas, das ihn umfluten, durchdringen mußte, wofern er nicht versauern sollte.

Darüber sprach er sich umständlich aus, und immer war es [ein Ich, das er in den Mittelpunkt stellte.

Schwester Luise verglich.im stillen die Brüder miteinander. Beider Leben wurzelte in ihrem Beruf.

Hans, der Gutsherr, war der Beschauliche und Empfindsame. Ihm, der ein Innenleben führte, wurde es nicht leicht, sich an die Menschen anzuschließen. Dietrich, der Temperamentvollere, wirkte nach außen, war Allerweltsfreund und gewann im Sturm, was andere mühsam erkämpften. Zwei Brüder himmelweit verschieden, und doch ein jeder ein ganzer Mann.

Das Weihnachtsfeft kam und erfüllte die Höufer und Herzen der Menschen mit [einem Glanz. Einern alten Brauche folgend, be­schenkten die Weckerlings nicht nur Knechte und Mägde auf dem Hof,-sie verteilten auch Geld, Kleidungsstücke und Backwerk an die Armen im Dorf. Diesen ihre Gaben zu .bringen, hatte heuer auf des Gutsherrn Bitte fein Bruder übernommen. Schwester Luise be­gleitete ihn. Ein Knecht fuhr ihnen mit einem vollgepackten Karren vorauf. Wo sie einkehrten, leuchteten ihnen frohe Gesichter ent­gegen,hörten sie jubelnde Kinderstimmen. Hie und da tVat ein Bub oder ein Mädchen vor und sprach:

Ihr habt uns viel gegeben. Lange sollt ihr leben, Selig sollt ihr sterben, Sollt den Himmel erben!"

Dietrich hatte für alle und jeden ein freundliches Wort.

Geben tut wohl!", dachte Schwester Luise,aber man muß es auch verstehen. Dietrich versteht's: er gibt sich selbst!"

Als sie den Heimweg antraten, schallte aus der Kirche feierlicher Gesang.

An einem solchen Abend," sagte Dietrich mit Wärme,fühle ich, der eingefleischte Großstädter, doch wieder den Zusammenhang mit dem Völk und dem Boden meiner Heimat."

Das Dorf lag hinter ihnen. Der Mond ging auf, stieg höher und höher und schickte [ein bläulichweißes Licht herab. Bis an die Landstraße [chob der Wald sich vor. Unter den alten Buchen, er­zählte Dietrich, hatte er als Kind gespielt. Auch später, wenn er in den Ferien als Gymnasiast bei den Eltern weilte, war dort fein Lieblingsplatz. Häufig fand sich aus dem Dorf die Tochter des Pfarrers ein. Sie war fünf oder sechs Jahre älter als er. Er brachte ihr die Anfangsgründe des Lateinischen bei, sie las ihm kleine Stückchen aus dem Englischen vor und erklärte sie ihm. Cs war eine glückliche Zeit. Ihn hatte eine glühende Neigung zu dem Mädchen erfaßt. Er machte Gedichte über Gedichte, in die er seine leidenschaftliche Liebe strömen ließ. Eines Tags erschien sie mit einem Kandidaten der Theologie und stellte ihn als ihren Bräu­tigam vor. Da rannte er heim und schloß sich in feine Stube ein. Dann langte er die Gedichte aus dem Schreibtisch vor und ver­brannte sie. -

Den Kopf hängen zu. lassen," kam er zu Ende,war schon^a- mals meine Sache nicht. Ich machte einen Strich hinter die Ge- chichte und war entschlossen, dem Leben fest ins Auge zu sehen.

Auf dem Freihof fand Dietrich ein Telegramm, das ihn für einige Tage nach Frankfurt rief. Als er wiederkam, bat ihn fein Bruder, die Geschäftsbücher durchzusehen, die durch die lange Krank­heit des Gutsherrn in Unordnung geraten waren. Dietrich unter­zog sich der Arbeit mit der größten Gewissenhaftigkeit. Solange er dabei war, hatte er für nichts anderes Sinn und Blick.

Auf den ersten Januar hatte er feine Abreise festgesetzt. Am gleichen Tage gedachte Schwester Luise, den Freihof zu verlassen. Der Abschied würde ihr nicht leicht werden, das fühlte sie. Einmal hatte die Haushälterin, Frau Dick, ihr gegenüber geäußert:Man spricht als, wer alt wird, wird brummig. Ich bin's nicht. Das haben Sie wohl gemerkt. Seins ist so alt, daß es nicht noch etwas