Ausgabe 
12.10.1926
 
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Gießener Zainilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, den (2. Oktober Hummer 82

OKtoberlied.

Von Theodor Storm.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll, Unchristlich oder christlich, Ist doch die Welt, die schöne Welt So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz, Stoß an und laß es klingen!

Wir wiffen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;

Schenk ein den Wein, den holden!

Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur, Doch warte nub ein Weilchen!

Der Frühling kommt, der Himmel lacht.

Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an;

Und ehe sie verfließen,

Wir wollen sie, mein wack'rer Freund, Genießen, ja genießen!

Meines Onkels Iagdgefchrchte.

Von Friedrich F r e k s a.

Wenn mal wieder eine recht schöne Jagd vorbei war und in später Stunde bei Punsch und Rotspon die Erzählungslust wuchs und jeder der Erzähler mindestens dreimal um sein Leben ge­kämpft hatte, sagte mein Onkel Johannes nur immer:Tjä! tja!" und nickte beifällig mit seinem freundlichen Bockskopf. Dann kniff er ein Auge zusammen und schätzte ab, ob es sich lohne, loszu­feuern. Und genau so, wie er den Abstand von einem Stück Rot­wild schätzte, traf er auch immer den richtigen Zeitpunkt, um mit seiner alten, ehrenwerten Geschichte die Gesellschaft wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuversetzen, das heißt an den Tisch mit der leergetrunkenen Punschbowle.

Der dicke Domänenrat von Oldeslo hatte etwa gerade erzählt, wie er nichts ahnend auf der Grenze zwischen Heide und Moor auf Enten gegangen fei. Aber plötzlich wurde ein Hügel hinter dem Knick lebendig. Ein Elefant brach aus dem Busch.

Da stand ich nun mitten in Holstein, und so ein großer afri­kanischer Elefant mit kleinen, tückischen Slugen und Ohrlappen, die wie Fächer aufgestellt waren, brauste auf mich los wie eine durch­gehende Eisenbahnlokomotive. Na, ich dachte mir, einmal stirbst du nur und hast jetzt wenigstens die Genugtuung, auf Elefanten Jagd gemacht zu haben. Und drückte meine beiden Schrotschüsse auf den Bengel los. , . , ,, ...... ,

Wissen Sie, das kitzelt verdammt auch einem solchen Dickhäuter in der Nase. Wenn ihm das Blut über die Riechzäpfchen läuft, ver­liert er die Witterung. Und diese kurze Pause, die muß man ans- nützen. Das tat ich denn auch. Ich galoppierte einen kleinen Moor- vfad entlang. Der Elefant kam hinter mir her. Aber ich war tm Vorteil, weil er mit seinen dicken Beinen immer wieder m den Sumpf kam. Und dann kam dis Stelle, wo ich mit meinem Arm nach einem langen Erlenaste griff, und mit einem halben Riesen­schwung, den ich als alter Turner noch brillant konnte, über einen ziemlich breiten Wassertümpel hinwegsetzte.

Der Elefant, der die Tiefen des Wasserlochs doch nicht so genau kannte wie ich, stürzte hinein und verfing sich unten in alten Baumwurzeln. Da konnte ich mir das alte, böse Tier besehen, wie es den Rüssel herausstrecktc, trompetete, nut den Ohrlappen so schlug, daß ein weißer Wasserschaum wie ein hollandifcher Rats­herrenmühlenkragen um ihn herum stand. . .

Als ich mich dann einigermaßen verpustet hatte, ging ich in den Ort und telephonierte nach Lübeck. Da erfuhr ich denn, daß der alte Elefant den Hagenbeckleuten auf dem Bahnhof Biestorp aus­gekommen war. Und durch meine Fürsorge also ist dann das wert­volle Tier wieder seiner Menagerie einverleibt worden.

Der Domänenrat hatte das Bild ausgreifend geschildert, mehr mit den Augen und Armen, als mit Worten. Wenn ihm auch keiner die Geschichte glaubte, so herrscht« doch an diesem Abend

das Uebereinkommen, das keiner den anderen einer Lüge zeihen wollte.

Nun aber ging der Onkel Johannes ins Geschirr.

Tja," sagte er,mit einem Elefanten kämpfen ist ganz gut und schön. Aber wer von den Herren hat einmal mit einem Spuk gekämpft? Mit einem leibhaftigen Spuk?"

910," sagte der Oberförster,einen Spuk trifft man auch nicht alle Tage auf der Wildbahn. Aber erzähle nur!"

Onkel Johannes strich seinen Bocksbart und begann:

Da war ein Jäger in Rendsburg, Klaukenborn hieß er, der hatte sich eine neue Jagd gepachtet in der Nähe von Totenbüttel. Ms er das erstemal dahin kam, verlief er sich und nahm am Abend Unterkunft in einem Bauerngasthaus am großen Weg.

Nachdem er gegessen und getrunken hatte, stellte er fest, daß der. Weg nach Totenbüttel zu lang fei, darum wollte er über­nachten. Und die Frau führt ihn zu einem Zimmer.

Nr. 6!" sagte sie.

Aber 9tr. 10," sagte er,ist ein Eckzimmer und am Ende des Ganges. Das ist doch viel angenehmer!"

Nein," sagte die Frau,Nr. 10 vergeben wir nicht! Da ist ein Spuk drin!"

Ach!" lachte Herr Klaukenborn.Ein Spuk! Wer wird so altmodisch sein und an einen Spuk glauben! Nein! Lassen Sie mich da ein und wenn ein Spuk kommt, bann werde ich schon mit ihm fertig!"

Da muß ich erst den Vater fragen!" sagte die Frau.

Und dann kam der Vater mit der Pfeife und der Altknecht, und sie schüttelten bedenklich die Köpfe und warnten Herrn Klauken­born aus Rendsburg:

Herr! Das tut nie und nimmer gut! Gehen Sie lieber' auf Nr. 6!"

Aber Klaukenborn fetzte feinen Dickschädel auf. Und das Zim­mer wurde ihm geöffnet und geputzt, und Klaukenborn sagte, für die Mühe würde er heute einen Punsch geben, einen großen Punsch, daß alle im Hanse mithalten könnten. Und er würde selbst auf den Punsch trotz dem Spuk und Grusel ausgezeichnet schlafen. Und damit stellte er seine Doppeltasche auf das Kanapee, zog feinen Rock aus und kam dann in Pantoffeln, die ihm der Wirt geliehen hatte, und einer Strickweste behaglich in die Gast­stube. Und unter der breitfchirmigen Petroleumlampe braute er einen steifen Punsch aus Arrak, Madeira und Rheinwein. Das war eine feine Sache! Und dann wurden Spukgeschichten erzählt, eine nach der andern, bis alle große Augen hatten. Und dann war der Punsch zu Ende, und dann ging Klaukenborn zu Bett.

Knabe auch recht schnell müde.

große Hände, ...

noch nie gesehen hatte.Hei!" dachte er, und er fährt schnell auf. Doch irt verschwunden. Er zündet die Lichter Ul2)ef'alte Knabe machte die Lichter wieder aus. Kuschelte sich so recht behaglich im Bett wieder zusammen und lachte Über seine eigene Dummheit Da källt sein Blick wieder auf das Bettende und wieder sieh? er die beiden Hände zwischen den Pfosten höhnisch hin- und herwackeln, als wollten sie sagen:Na, warte nur, Junge! Wart« nur Junge - bis du schläfst!" Er duckte sich also zusammen und faßt den Spuk ins Auge und schnellt sich wie ein Kater nach vorn. Na natürlich der Spuk war schlauer als er. Die Hande waren weg.

Warte nur, dachte er. Dich werde ich schon kriegen! Und wie er sich wieder auf das Kopfkissen legt und gewahr wird, rote die Hande da so langsam und höhnisch emporwachsen, greift er in d,e Spalte

Na, und dann war alles ruhig in dem alten Gasthaufe. Es war eine Bollmondnacht, in der das Land in Licht und Stille stand. Klaukenborn hatte zwei Kerzen angezündet und schaute, ehe er ins Bett ging, ob die Tür ins Nachbarzimmer verschlossen sei. Er öffnet den Schrank und schloß ihn wieder zu. Er schaute unter das Bett. Niemand war darunter. Es war alles in Ordnung. Klaukenborn dachte:Wie kann da ein Spuk sein?" Und zog seine Rendsburger Zeitung heraus, um nach den Spukgeschichten noch einmal etwas Vernünftiges, Tatsächliches zu lesen. '

Na, und dann wurde der alte Knabe auch recht schnell muhe. Er blies die beiden Kerzen aus, nachdem er vorher das Feuerzeug zurechtgelegt hatte. Dehnte sich aus und wollte gerade eindöseln. Und wie er es sich behaglich machen wollte, da sieht er? Ja, was sieht er denn? Also, hinten am Fußende des Bettes sieht er ganz richtig die beiden Kugeln von den Bettpfosten und dahinter die weiße Rollgardine, die das Fenster abdeckt. Und die weiße Roll­gardine ist ganz hell vom Mond beschienen. Ja, das war alles richtig' Aber, da er noch einmal, sich duckend, scharf hinsah, ge­wahrte er zwischen den beiden Bettpfosten ein paar unverschämt große Hände, die langsam emporwuchsen. Häßliche Hande, wie er sie a Psoll das der Spuk sein?

>d) alles ist friedlich. Die Hände sind Lichter an. Er schaut unter das Bett.