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mit der Dein lieber Brief mich so überraschend überschüttet hat. So mancher herrlicher unverdiente Erfolg, den mir der Limmel geschenkt, hat mich nicht so erfreut und durch und durch belebend aufgeregt und erheitert. Du kannst mich nur dann begreifen, wenn Du weißt, wie unendlich lieb ich Dich habe, und daß ich Deine Liebe gairz für inich verloren glaubte. Gott sei Dank, daß es nicht so ist. Du bist wieder der Alte, ich habe es nie aufgehört zu sein, und ich möchte Dich nur da haben, um Dir so recht aus voller Seele zeigen zu können, welchen ivahrhaften Lichtblick Du meinem Leben wieder gibst." (PH. Weber, Unsere Familie, Frankfurt«. M. 1920 S. 68 ff.) Ein andrer, am 8. April 1825 an denselben gerichteter Brief beginnt mit den Worten: „Ich antworte Dir, herzlieber Bruder, im Augenblick des Empfanges Deines Briefs vom l.März. Wie bin ich erschrocken über Deine lange Krankheit, und wie wenig beruhigend ist noch das, was Du weiter schreibst. Ich kann Dir gar nicht beschreiben, mit welcher furchbarer Gewalt der Gedanke auf mich gefallen ist, daß ich Dich in dieser Zeit zufälligen Schweigens verloren hätte. — Welch ein wandelbar zerbrechlich Ding ist doch der Mensch, rmd wie sehr sollten die Treuen, die einander erkannt haben, fest aneinander halten, und sich Freude zu machen suchen durch ihre Liebe für diese kurze Spanne Zeit." Und Gottfried Weber bezeichnet in einem eignen Lebensabriß (Scriba, Schriftstellerlexikon Abt. 1, Darmstadt 1831 S. 419) Karl Maria von Weber als „seinen besten, liebsten und gewiß seinen unwandelbar treuesten Freund" und rechnet dessen Tod „mit unter die wichtigsten und ttaurigften Ereignisse seines Lebens".
Wahrscheinlich am 24. November kehrte Weber nach Darmstadt zurück. Während das „Darmstädtische Frag- und Änzeigeblatt" vom 24. November 1817 (Nr. 47) nur unter den in der Zeit vom 16. bis 21. November eingekehrten und wieder durchgereisten Fremden aufgeführt hatte, so führt die folgende Nummer (Nr. 48 vom 1. Dezember 1817 ihn nebst seiner Frau unter denen auf, die am 29. November in Darmstadt logierten, und zwar bei „Äerrn Oberappellations-Gerichtsrat Lofmann, bei dem er und seine Frau vermutlich auch die Woche vorher abgestiegen waren.
Die.Erlaubnis zu dem von ihn« geplanten Konzerte erwirkte er durch folgendes Schreiben an den Geh. Kabinettsekretär Schleiermacher :
„Ew. Wohlgebohren mir so oft bewiesene freundschaftliche Güte veranlaßt mich auch jetzt. Dieselben erneut ergebenst in Anspruch zu nehmen, indem ich hierdurch Ew. Wohlgebohren ersuche S. König!. Loheit den Durchlauchtigsten Lerrn Großherzog, meine ehrfurchtvollste Bitte um die gnädige Erlaubnis ein Concert im Caßino Saale veranstalten zu dürfen — vorzutragen.
„Verzeihen Sie daß ich in allen meinen Angelegenheiten auf Ihre gütige Einwirkung hoffend. Sie so oft belästige, und genehmigen Sie den Ausdruck der vollkommensten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein
Ew. Wohlgebohren
Darinstadt d. 25. Febr. 1817 ganz ergebener
Carl Maria Fhr. von Weber
König!. Sächs. Kapellmster und Director der König!, deutschen Oper."
Die erbetene Erlaubnis wurde ihm erteilt, und am 29. November brachte die „Großherzoglich Lesfssche Zeitung" (1817, Nr. 143 S. 1376) folgende Konzertanzeige: „Mit aller-gnädigster Bewilligung wird unterzeichneter nächsten Montag, den Iten Dezember im großen Saal des Gesellschaftshauses, ein Vocal- und Instrumentalkonzert geben, zu welchem er die Freunde der Tonkunst hiermit einzuladen die Ehre hat. Der Anfang ist um 6 Ahr Abends und das Eintrittsgeld ein Gulden für die Person. Eintrittskarten sind bei dem Gesellschaftsdiener Peter und am Eingang zu bekommen.
Carl Maria von Weber-
König!. sächsischer Kapellmster und Director der König!, deutschen Oper."
Das Programm hat sich erhalten und lautet: Erste Abteilung: Quartett für Pianoforte, Violine, Viola, Violoncello; Aria von Canabich; Sonate fürs Pianoforte. Zweite Abteilung: Variationen für die Flöte; Freie Phantasie aus dem Pianoforte; drei Gedichte von Körner: Schwertlied, Gebet, Lützows wilde Jagd, in Musik gesetzt von C. M. von Weber und gesungen von 16 Männerstimmen. Mächtig wirkten Webers Vortrag seiner Sonate in <2-Dur, sein Phantasiespiel und die Körnerschen Lieder. Allein der Ertrag war sehr mäßig, er betrug nur 68 Gulden.
Von Darmstadt begab sich Weber wiederum nach Gießen und gab dort am 5. Dezember ebenfalls ein Konzert. „Ward sehr erfreulich aufgenommen und unterhielt mich sehr gut", schreibt er darüber am 14. Mai 1818 an Lichtenstein. Max Maria von Weber (a. a. O. Bd. 2 S. 135) kommt etwas ausführlicher auf dieses Konzert zu sprechen: „Carolinens lieblicher Vortrag der Arie ans Figaro enthusiasmierte die alte!» Professoren und stellte selbst Webers Sonate in Schatten, bis beide junge Gatten durch gemeinschaftlich gesungene Lieder zu Guitarre und Piano den Jubel aufs höchste steigerten." Das Konzert trug dem Meister über hundert Gulden ein, und stets erinnerte er sich der liebenswürdigen Ani- versitätsstadt, wo Buchhändler Leher, Professor Snell, Sekretär Merk"), Geh. Rat Ebertt°) wetteiferten, ihm gefällig zu sein und wo liebenswürdige Leiterkeit zu wohnen schien."
vchrickleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der
Ein für Webers Beziehungen zu Darrnstadt bedeutsames Ereignis war die Berufung Gokffried Webers als Generaladvokat am Kassationshof und Lofgerichtsadvokat nach Darmstadt im Jahre 1819. Nach der im Jahre 1817 eingetretenen Entfremdung scheinen beide Freunde 1822 wieder in das alte herzliche Verhältnis zueinander getreten zu sein. Dainals scheint Gottfried Weber zum ersten- mal von Darmstadt aus an seinen Freund nach Dresden geschrieben zu haben, denn in dessen schon erwähnter Antwort vom 22. Avril 1822 findet sich die Stelle: „Also mit meinem lieben Freund Loffmann wohnst Du zusammen? da möchte ich auch einmal wieder dabei fein; ist aber fo bald keine Aussicht dazu." Gottfried Weber wohnte seit feiner Aebersiedlung nach Darmstadt bis er ein eigenes Laus tn der Neckarstraße (6 203, jetzt Nr. 11) erwarb, in dem Laufe des Geh. Staatsrats August Lofmann in der Nheinstraße 39, wo der Tonmeister in den Jahren 1810 und 1811 viel verkehrt und 1817 gewohnt hatte. Die beiden Freunde blieben nun in enger Fühlung bis zum Tode des einen. Die Briefe, die sich in ununter, brochener Reihe vom 22. April 1822 bis zum 3. Februar 1826 fortfetzten, hat Gottfried Weber im Jahre 1828 im siebenten Bande der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Caecilia" (Mainz, B. Schott, S. 20—40) „möglichst vollständig und unverftümmelt" veröffentlicht. Sie sind, wie der Lerausgeber mit Recht sagt, „vorzüglich darum anziehend, weil sie unfern Weber nicht allein als Künstler, nicht als Menschen allein, fondern gerade recht in der Verfchmelzung beider Eigenfchasten in Ein liebens- und verehrens- wertes Ganze und fo erschauen lassen, wie er sich da auszusprechen liebte, wo er, einem vertrauten Bekannten gegenüber, sich ganz und gar gehen lassen konnte und, ohne irgend auf geordneten Briefstil zu denken, höchst zwanglos, nur eben auf eine oder ein paar Brieffeiten ein paar Zeilen, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, chitckratzte^, bloß um sich dem Bekannten mitzuteilen, gleichviel mit welchen Worten"; und dabei dienen diese Briefe in hervorragendem Maße „als Sammlung von Daten zu der Lebensgeschichte und zugleich als Charakterschilderung,' gleichsam als Selbstporträtierung" des Schreibers.
In einem Briese vorn 13. Mai 1822 heißt es: „Stelle Dir vor, daß meine Frau uns den Possen gespielt hat, unsre Rechnung zunichte zu machen; um vier Wochen zu früh niederzukommen, hat sie mir den 25. April einen gesunden Knaben glücklich geboren. Der Kerl heißt nach der Mutter Willen, Max, da denselben Abend meine Oper gegeben wurde. Wenn ich nun nur nicht auch fo dumm bin und früher sterbe wie Du. And mein Seel, das glaub ich fast sicher. Ich wollte mein Freischütz gefiel dem Großherzog fo recht aus dem Salze, und er griff sich 'mal ordentlich an."
Der Freischütz würde am 4. August 1822 aus dem Darmstädter Lostheater zum erstenmal gegeben. Die Vorzüglichkeit der Aufführung, bei der Franz Wild den Max, Georg Steck (f 1858) den Kaspar, Auguste Krüger-Aschenbrenner die Agathe und Luise Franck (t 1851) das Aennchen fang, hatte der Meister erfahren, der am 8. November 1822 an Gottfried Weber schreibt: „Der Freischütz soll ja exttaordinär in Darmstadt gegeben werden. Schreibe mir doch, ob der Großherzog ihn gerne hat." Bis zum 29. September wurde das Werk zehnmal gegeben. Von den umliegenden Städten Mainz, Wiesbaden, Frankfurt, Offenbach, Afchaffenburg, Leidelberg strömten die Fremden herbei, um den Aufführungen beizuwohnen, und der Freifchütz trug nicht wenig dazu bet, den Ruf des jungen Darmstädter Theaters zu heben.
Ende Februar 1824 übersandte Weber dem Lofkapellmeister Valentin Appold (geb. zu Mannheim 1793, gest. zu Darmstadt am 9. Juni 1825) die geschriebene Partitur der „Euryanthe". Das Titelblatt des ersten Bandes trägt von ihm den eigenhändigen Vermerk „Zur Darstellung aus dem Großherzoglichen Lostheater zu Darmstadt Carl Maria von Weber". Appold übergab dem Großherzog am 24. Februar die Sendung und führte in der beigefügten Anzeige aus, daß das Lonorar für den Komponisten 30, für die Dichterin 10 Karolin betrage, doch empfahl er dem Groß- Herzog, dem Komponisten ein Lonorar von 35 oder 40 Karolin zu geben. Dementsprechend ordnet Ludewig I. am 29. Februar die llebertoeifung von 40 Karolin (440 Gulden) an Weber und von 10 Karolin (110 Gulden) an Frau von Chözy an. Die eigenhändige Empfangsbescheinigung Webers vom 22. März 1824 befindet sich bei den Kabinettsrechnungen. Die Freigebigkeit des Groß- Herzogs erkannte Weber an, wie sein Briefwechsel mit Gottfried Weber ausweist, worin auch von der „Euryanthe" die Rede ist. Arn 19. März 1824 hatte er ihm geschrieben: „Das Buch der Euryanthe habe ich wohl selber gewählt; ich mache nichts nach bestellten Leisten. Wenn Du das Musikalische der Situation etc. nicht einsiehst, wer soll's denn tun?" Drei Tage später, den 22. März, ließ er diesem Briefe einen weitern folgen. Darin heißt es: „Nachdem ich den 19. früh an Dich geschrieben hatte, bekam ich nach Tische Deine Zeilen. Vorgestern durch Appold einen Wechsel auf 50 Karolin: 40 für mich, 10 für die Chczy. Euer kunstliebender Lerr ist wahrlich der einzige, der aus eigenem Antriebe noch wahre Muni- fizcnz zeigt."
’) Vermutlich der Lofgerichtsadvokat und Kriminalkasserechner Jakob Merk.
,0) Weber meint wahrscheinlich den Regierungsrat und Kammer- advokat Karl Elwert.
(Schluß folgt.)
Brüvl jchen Anio.-Vuch» und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.


