Ausgabe 
12.6.1926
 
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Städte des Ostens.

Bon Josef Pont«-«.

I.

Die schön gebaute Stadt.

Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. 3ta ihr hat sich eine Geschichtsepoche so großartig, so eindeutig wie selten bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegtaus der Welt". Sie heißt Peters­burg.

Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Dusen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrück­lichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Dau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in damaliger Politik und nach russischer Auffassung die Schweden. Eine Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch, mehr denn früher. Denn die modernen tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen, durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal im flachen Meer ist das Fahr­wasser durch Seebojen weit Hinaus abgesteckt, und jedes ein­fahrende Schiff braucht den Lotsen.

Petersburg ist aber auch- eine Flußstadt. Fluhstadt in ganz anderer Weise als Rom, das keine Seestadt ist, nur barmherzig-er- weise eine Flußstadt, denn der wenig schiffbare Tiber erscheint kümmerlich neben dem breiten, gewaltigen Wasserweg der Newa. Aus dem Innern und von den großen Seen kommen die Flöße und die Newakähne von außerordentlichen Abmessungen. Sie Bringen das Holz aus dem au Holz unerschöpflichen Norden Rußlands. Man heizt in Nord- und Mittelruhland mit Holz (im Süden mit Kohle aus dem Donjezrevier, in den Steppen mit Viehmist), im Sommer werden auf den Lagern des Handels und in den Höfen der Häuser und Paläste die Brennholzburgen aufgebaut, Ofenspeise für den fünf Monate langen Winter. In München riecht es nach Malz, in Rom nach- Oel und Wein, in Petersburg nach Holz und Holzkohle. Man sagt, daß es nicht lohne, die entleerten Kähne flußauf zurückzuschaffen, man lasse sie aus der Newa liegen, und wer wolle, könne sie sich anieignen; vder sie zerschlagen. Das schon verbaute Holz und die Arbeit des Kahnbauens seien drinnen im Lande billiger als die Rück­fracht. Durch das große russische Binnenkanalsystem, das die Dinnenlanb ströme in ihren Wurzelgebieten verknüpft, ist Peters­burg mit jeder großen Stadt des Innern und zuletzt mit dem Weihen, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer verbunden. Gs bedarf feiner Worte mehr, um die geopolitische Gunst und Ded-eutung der Lage an einem solchen Erdort zu schildern.

Demgegenüber muß eine technische Angunst der Lage leicht wiegen: da das Land meernah und eben ist, Anschüttungsgebiet des FlusseS, und der Grundwasserspiegel demgemäß hoch- steht, so beoarf es zu jeder baulichen Gründung kunstvoller Ram- mungen und Pfahlbauten wie in Amsterdam und Venedig (man fagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaakkathedrale, der Haupt- und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscheinlich weil die Pfahlroste verfault find). Peter hat un- festes SmnpWnd als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen.

Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch -snseln und Kanäle. Die Newamündu-ng ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Newa teilt sich innerhalb der Stadt in zwei Wasser, die Newa und die Newka, und jede von beiden in zwei Anterwasser, in große und "eine Newa und große und kleine Newka. Die Inseln sind nur zum Teil bebaut, die äußern gegen das Meer hin tragen Garten und Parke, die glücklichen Zeiten spazieren und fahren doA die Mensch-en. Die Hauptmasse der Stadt liegt auf den beiden durch- Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industrie­stadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, die Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, Warschauer und Muskauer Bahnhof.

Diese südliche Halbinsel ist in der Quere von zwei großen Kanälen durchschnitten, dem Obwodnykan-al (ich brauche in diesem Aussatz die alten bekannten Namen aus der Zarenzeit, die Räte haben viele Straßen, Plätze, gar Städte umgetauft) und der aus den Romanen der großen russischen Literatur bekannten Fon­tanka. Diese -ordnet die ebenfalls bekannte Moika ab und diese den Katharinenkanal. Man liest, daß es früher noch- mehr Kanäle in der Stadt gegeben habe, aber sie seien als nicht wendig genug für Schiffe zugeschüttet worden.

Vun hat ber Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten sch-on die Erinnerungsbilder an Venedig und Amsterdam auf. Es gibt in der Tat Architektur- bilder, die sehr an Venedig denken machen. An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle auf S-chritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den Stromzug, eben dort, too die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem

bedeutenden, aus Börse und monumentalen Aferbauten ent­stehenden Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, auf den man von der Piazetta aus blickt. Auch an London muß man in Petersburg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hafens in der Mündung der großen Newa und des Schiffsverkehrs und wegen der berüchtigten Peter-Pauls-Festung (auf einer von der Insel Petersburgskaj-a anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers hhrauf- ruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Äser der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an Florenz angesichts der vielen, vielen Paläste und öffentlichen Bauten hier längs der Newa wie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in Rom wirklich Heimische noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln mit riesigen Miet­kasernen (in denen Romane Dostojewskis spielen) das Anhav- monische, Anbefriedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem Pflaster, ungenügender Kanalisation und barbarischer moderner Stadtbauerei mit in Bild und Erlebnis aufnehmen muß; draußen in Alexandrowskaja mit seinen Bahnhöfen, Kasernen, Kranken­häusern, Kirchhöfen, und in Roshdestwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das ehrwürdige Alexander-Newski-Kloster und das fabelhafte Smolnhkloster liegen, mutzte ich oft an das römische Marsfeld und die Stadtviertel vor Porta Popolo oder Me Gegend um den Sch-erbesthügel denken.

Nun glaube man aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, Venedig u. a. geweckt werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs zu leihen, wie es in den albernen Be- nennung-en Jsarathen, Spreeflorenz, sächsische, märkische, bu^te® hudische Schweiz geschieht, nicht Wertbilder, nur Stoffbilde« sollen daher geliehen werden, weil europäische Leser diese Städte kennen und jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Peters­burg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eignes und, was Einheitlichkeit eines Architekturbildes an gebt, ohne Vergleich. Hier bauten mäch­tige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwendig und rücksichtslos, sie wurden nicht beschränkt durch- geschichtliche stadtgeographische Gegebenheiten, bauten, wo ein Nichts gewesen! war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeit­spanne hin. 100 bis 150 Jahre, vom Anfang des 18. bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, feine Renaissance tote in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. (Wie der die Gotik nicht kennt, der nicht Straß­burg oder Reims sah, den byzantischen Stil nicht, der nicht in Konstantinopel war, so kennt der den Klassizismus nicht, wer nicht in Petersburg weilte). Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen-, die Kaiserinnen! Schlösser für sich und für ihre Liebhaber und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz, Petersburg mutz von Hammer und Kell« 150 Jahre lang geklungen haben, nicht weniger als das Rmst der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit tote der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigem Fassadenapsis der Ministerien, alle Gebäude am Platze dazu einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Welt selten geben. Aeberhaupt, die Farbe! (Im Süden, in den Mittelmeerländern!, malt man die Bauten starkfarbig an müßte man es nicht vielmehr in den nebelgrauen Nordländern tun? Erzwingen, was die Natur vorenthält? Gott sei Dank, heute beginnt man es to unseren entsetzlich- grau-langweiligen Städten zu tun.) And tote diskret sind die Farben! Der Erdgeschohsockel, der meist in palla­dianischem Stile zweigeschossigen Monumentalbauten (aus das Grd» geschah als Sockel ist die zwei und drei Geschosse übergreifen bei vollrunde, halbrunde oder auch blinde Säulenarchttektur ge­stellt) ockergelb oder weiß, die Säulen und alles architektonische Werk der Obergeschosse weiß und die Hintergründe der Säulen­architektur und die Langmauern der neutralen Fassad-snteile gelb oder lichtblau nichts Vornehmeres und zugleich Freudigeres zu denken. Da gibt es natürlich viele Abwandlung en des far­bigen Spiels. Anvergeßlich z. B. die blau und weihe Börse oder das gelb und weiße Alexandratheater mit der großartiges Lheaterstraße dahinter. (Rossi ist der Architekt, Petersburg wurde in der Hauptsache von italienischen, aber auch frarzösischM, deutschen, zuletzt russischen Architekten erbaut. Die Arch tekino» geschichte sollte einmal die Architektenarbeit als Ausfuhrgut schildern. Dann würden manche architektonisch kostbare Städte ins Licht treten, die es neben den- kanonischen nicht zu Ruhm bringen können, so sehr sie ihn verdienen, wie Wilna und Lem­berg. Man würde finden, daß Zeiten und Länder großer Kunst, wie das Italien des 15. bis 18. und 19. Jahrhunderts, ihre Aeberproduktion an künstlerischem Talent an a ndere auf nah ms- reise und -bereite Länder abgeben, und zwar meist die zw-eite Garnitur der Talente.) Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in Landstädten, des russischen Reiches, z. B. in der architekturschönen Kleinstadt Mitau ist Kurland. Ich habe viele Architektur in Europa und Amgegend gesehen und weiß sie zu schätzen ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg-, trotz den rheinisch- romanifchen, trotz den französisch-gotischen, trotz beit römisch-