Gießener Krmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, den \2. Juni Nummer
Söhne nnd fünf Töchter, bei. deren Erziehung sie ihm zur Seite stand. Die Söhne, in denen Leopolds Heldengeist fortlebte, wurden sämtlich preußische Generäle, drei von ihnen Feldmarschälle. Alle taten sich in den Kriegen Friedrichs des Großen hervor: Leopold Max erhielt den Feldmarschallstab schon 1742 auf dem Schlachtfeld von Czaslau, und Leopolds Lieblingssohn Moritz starb an der bei Hochkirch erhaltenen Wunde. Da Anneliese 1701 vom Kaiser zur Reichsfürstin erhoben und mit dem Erbfolgerecht für ihre Kinder ausgestattet worden war, wurde sie zur Stammmutter des späteren dessauischen Fürstenhauses. Ihr ältester Sohn Gustav starb 1737 an den Blattern, und so folgte der zweite, Leopold Max, dem Vater in der Regierung.
Aber Anneliese war nicht nur eine gute Gattin und Mutter, sie war auch die kluge und einsichtige Gehilfin, die während Leopolds häufigem Fernsein im Kriege und im preußischen Dienste an den Regierungsgeschäften teilnahm und die Durchführung seiner landesväterlichen Absichten überwachte. Denn der Dessauer war nicht nur der Kriegsmann und Haudegen, als der er in der Volkstraditivn sortlebt, sondern auch ein trefflicher Regent unb ein Genie bet* Wirtschaft. Qltit hell-en Augen yatte dieser Soldat sich in der Welt umgesehen. In den Niederlanden und in Oberitalien hatte er die Deichbauten und Kanäle, in Süddeutfchland die Obstkultur, in Italien und der Provence Die Gartenkunst und Maultierzucht kennengelernt und diese Künste in feine nordische Heimat verpflanzt. Er baute einm Kanal zur Entsumpfung der Gegend von Oranienbaum, einen Elbdamm,forderte den Gartenbau, legte für teueres Geld eine große Orangerie an, betrieb Pferde- und Maultierzucht, erbaute zahlreiche Dörfer und einen ganzen neuen Stadtteil in Dessau, schenkte seinen Landeskindern für 180 000 Taler Baumaterial. Wit den Geldern, die er im preußischen Kriegsdienst erworben hatte, kaufte er ein Gut nach dem andern auf und führte dort eine großzügige Musterwirtschaft ein, nicht nur int Dessauer Ländchen, sondern auch in Ostpreußen. Seine dortigen Güter wurden zum Vorbild des großen „Retablissements" dieser Provinz, das zu den inner« politischen Großtaten des Soldatenkönigs gehört. Gleich diesem war er sparsam, aber in großen Dingen freigebig und wußte, wenn es der Anstand heischte, fürstlich zu repräsentieren Sn alledem war die Apothekerstochter Anneliese sein ttichtiges Ebenbild. Als sie am 2. Februar 1745 in Dessau starb, ließ ihr greiser Gatte die schlesischen Winterquartiere und sein Statthalteramt im Stich und vergrub sich mit seinem Schmerz in Oranienbaum, da-er seine Hauptstadt, wo sie gestorben war, nicht. sehen wollte.
Dieser harte Kriegsmann war ein leidenschaftlich liebender Gatte und Vater. Als seine Lieblingstochter Luise, die Fürstin von Bernburg, 1731 hoffnungslos daniederlag, Wünschte ste ihren Vater an der Spitze seines Regiments noch einmal zu sehen. Leopold rückte mit ihm in Dernburg ein und ließ es vor den Schlvß- senstern paradieren. Nach der Legende war seine Gemütsbewegung so hestig, daß er sich weinend auf die Kme warf und das Gebet hervorstöhnte: „Herr, ich bin kein solcher LumP. her dir bei jeder Hundsfötterei mit Gebeten beschwerlich fallt. Sch komme nicht oft, will auch sobald nicht wiederkommen; so hcks mir denn jetzt und laß meine Tochter wieder gesund werdem Diese Anekdote ist freilich von der Wissenschaft widerlegt worden aber in ihrer offensichtlichen Liebertreibung tragt fie doch einen psychologischen Kern. Leopold vergaß es seinem Schwiege^ sohn nicht, daß er noch vor Ablauf des Trauer;ahres> eine neue Ehe entging. Änd als sein Erbprinz 1737 an den Blattern starb, war er so erschüttert, „daß es einen Stein in der Erde er&armenl möchte". So war dieser alte Recke in der knappen Preußischen Montur, wild in seiner Liebe wie in feinem Haß. Man versteht nun, weshalb er von seiner Sugendliebe nicht hatte loffen toolten und die Heirat mit ihr ertrotzte; selbst eine kstoste ^talieitreis«. auf die ihn die mutter geschickt hatte, die rauschenden Vn- gnügungen des Karnevals von Venedig und tolle SugendsttetchH halten ihn nicht von ihr geheilt. Theodor Fontane hat ihnin seinem reizenden Gedicht im Neuruppiner Dilderbogenstil treffend Beiunaen- Wir haben viel vonnöten
oeiunge . wachem guten Rat.
Und sollten blaß erröten Dor diesem Mann der Tat. Verschnittnes Haar int Schopfe Macht nicht allein den Mann; Sch halt' es mit dem Zopfe, Sind solche Männer dran.
Wenn man aber auch immer des alten Dessauers gedenken wird, soll man seine Gattin, die Apothekerstochter, mit ihm zusammen nennen.
Die Trommel gerühret. . .
Von 3. W. von Goethe.
Die Trommel gerührt! Das Pfeifchen gespielt! Mein Liebster getoaffnet Dem Haufen befiehlt, Die Lanze hoch führet, Die Leute regieret.
Wie klopft mir das Herze! Wie wallt mir das Blut! O hält' ich ein Wämslein Und Hosen und Hut!
Sch folgt' ihm zum Tor 'naus Mit mutigem Schritt, Ging durch die Provinzen, Ging überall mit.
Die Feinde schon weichen. Wir schießen darein.
Welch Glück sondergleichen, TSin Mannsbild zu seins
Anneliese von Dessau.
Von Friedrich v. Oppeln-Drvnikowski.
Man muh die großen Häuser im Reiche mit frischem Blute kreuzen" sagte Friedriche der Große 1770 zu dem geistvollen Fürsten von ßigne. Diesen Grundsatz hatte schon sein Großoheim, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, bewahrheitet, der „alte Dessauer" wie der Volksmund ihn nennt, der Exerziermeister und Freund des Soldatenkönigs Friedrich, Wilhelm I., dessen Standbild von Schadow den Wilhelmsplatz in Berlin ziert. Er war srei- lich noch ein sehr junger Dessauer, ein jugendlicher Kriegsheld und Draufgänger, als er 1698, kurz nach, erlangter Mündigkeit, die Regierung seines Ländchens antrat und einen Monat daraus feine um ein 3ahr jüngere Sugendgeliebte, die Apothekerstochter Anneliese Föhse, ehelichte. Ueber diesen damals unerhörten Schritt stand die Welt Kopf, aber die Zukunft sollte Leopold recht geben. Da das erfolgreiche Singspiel „Anneliese von Dessau" diese Ehe- schließung zum Gegenstand hat, dürften ein paar Worte darüber von Interesse sein.
Schon Leopolds Vater Söhann Georg war ein Kriegsmann gewesen. Als brandenburgischer Feldmarschall hatte er seinem Schwager, dem Großen Kurfürsten, in den Tagen der Schweden- Nvt (1674/75) treulich beigestanden, bann beim Entsatz Wiens aus der Türkennot (1683) sich hervorgetan. Als er 1693 in Berlin starb übernahm seine kluge und energische Gemahlin, Henriette Katharina von Oranten, die Schwester der Kurfürstin Luise Henriette die Regierung ihres Ländchens und die Erziehung ihres 1676 geborenen Sohnes Leopold. Ein geborener Soldat, inmitten Blutiger Kriege ausgewachsen, erbat und erhielt dieser das brandenburgische Snfanterieregiment seines Vaters und verdiente sich schon 1695, als neunzehnjähriger Oberst, die Sporen vor Namur im Krieg gegen Ludwig XIV.; bereits im folgenden Jahre wurde er General. Da Kaiser Leopold Bert jungen Krie gs - mann vor der Zeit für mündig erklärt hatte, hätte er jetzt die Regierung seines Ländchens antreten können, aber er wartete die gesetzliche Frist ab und widmete sich nach dem Ryswyker Frieden ganz der Ausbildung seines Regiments, bei dem er den eisernen Ladestock, den Gleichschritt der Bataillone und eine bisher ungekannte Feuerdisziplin einführte. Dies Regiment wurde zum Muster der ganzen preußischen Snfanteri-e und zur Pflanzschule einer neuen Fechtweise für ganz Europa. Sn den blutigen Schlachten des spanischen Erbfolgekrieges, bei Höchstädt, Cassano Und Turin, sollte es unter Leopolds Führung Wunder der Tapferkeit vollbringen, die den Ruhm der preußischen Waffen weit über Deutschlands Grenzen hinaustrugen und ihren Nachhaft bis zum heutigen Tage in dem „Dessauer Marsch" falben, jenem rauschenden Schlachtliede von Cassano, das, wie die Vvlks- tradition will, zum Lieblingsliede des Dessauers wurde, nachdem er sogar Kirchenlieder gesungen haben soll und das für jene Zeit das gleiche geworden ist, was für die Neuzeit die „Wacht am Rhein" wurde. Als Leopold infolge der furchtbaren Strapazen tn der Hochsommerglut Stallens nach der Schlacht bei Cassmio erkrankte und fiebernd nach Brescia gebracht wurde, eilte ihm seine Gattin entgegen und pflegte ihn so hingebend, daß er nach! drei Wochen heimkehren konnte.
Diese treffliche Frau, sein „liebes Wiesgen, tote er sie nannte, war ihm eine treue Gefährtin und schenkte ihm fünf


