Ausgabe 
12.1.1926
 
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aufgebehrte, tote sie sich schämen müsse, toeim Gr Sohn im Lande Herumlaufe fast wie ein Fötzel und gar nicht besser als ein Tauner» bub. Die andere Kleidung fei ihm zu warm, sagte er, und sie reue ihn, von wegen er wisse ja nicht, too er über Nacht sein müsse, ob im Heu ober Stroh, und öppe keime da im vbern Emmental werben ihn nicht diele Leute, und wo er herkomme, brauche er ja niemand auf die Nase zu binden. Die Mutter muhte sich zufrieden geben mid Christen ziehen lassen tote einen Taunerbub.

Der ging lustig und pfeifend vom Hause weg; mit mütterlichem Glanze in den Äugen sah ihm die Mutter nach, sah, wie einige hundert Schritte weiter Christen einem Knaben begegnete, sich bet ihm stellte und ihm eilig etwas gab. Der Gwimder kam sie an, waS das sei; sie wartete, rief den Knaben, lieh sich das Gegeben« zeigen: es war em neuer, schöner Batzen.Was Tüfels hat der Bub int Sinn" sagte sie,dah er für gut Glück einen Batzen gegeben? Denn das sah sie alsbald, daß Christen des Knaben Begegnen für eine gute Vorbedeutung bei einem bedeutenden Un­ternehmen nahm und dafür ihn belohnte. Sinnend ging sie ins Haus, und den ganzen Tag dachte sie nichts anders als: Tü­fels Bub, was will er Wohl?" Die gute Mutter hatte es wie viele Nlüiter, sie hielt ihren Sohn für ein halbes Kind und ganz dumm ohne ihren Rat und Beistand, sie hätte ihm noch das Esser, eingegebem, als ob er einjährig fei, toemt er es im geringsten gewünscht hätte; daß er ein durchtriebener Schalk sei und sehr selbständig, baten hatte sie nicht die mindeste Ahnung.

Das gute Kind, der Christen, hatte Wohl gemerkt, daß feine Mutter mit Grit noch was Apartes wollte, er lag nicht umsonst aus dem Ofen, aber an Schlafen dachte et nicht. Er hörte der Mutter und Grit sehr gerne zu, aber au8 ihren Reden nahm er, was ihn gut dünkte, und handelte gerne ohne weibliche <3ht- Mischung; er liebte die Souveränität. Auf dem Kabisgrat trieb er nur Spaß und nicht bloß mit Eisi, sondern so halb und halb auch mit feiner Mutter; er zog, wie ein schlauer Feldherr durch falsche Wachtfeuer den Gegner täuscht, der Mutter Blicke dorthin, um unbemerkt von ihr anderwärts um so sicherer zu manöverieren; denn weiden wollte er, das Hatte er sich vorgenommen. Aber noch fischte er bloß so im allgemeinen, was Besonders hielt ihn nicht fest; darum hörte er Grits Reden gerne, sie erweiterten seinen Gesichtskreis und waren anschaulicher als mancher Anschauungs­unterricht. Wie nun Grit von Sonneburen Stüdi erzählte, dachte er gleich bei sich:Da mußt du es auch probierens, und, je schwerer Grit die Sache machte, desto leichter kam sie ihnt vor, desto sicherer war er seiner Sache. Es ging ihm wie beim Rätsel­auflösen; manchmal zerbricht man sich tagelang den Kopf, und nichts errät man, und manchmal gibt der erste Blick den klarsten Aufschluß, man weiß nicht, wie. Da er nicht gerne was an die Pfanne backen ließ mtb, wie gesagt, fremde Einmischung nicht liebte, wie gerne er auf fremde Reden hörte, so stand alsobald fein Entschluß fest; aber die Mutter sollte es nicht wissen, nicht ängsten wrd kümmern um ihn, darum schob er das Füllen vor und ging dem Meitschi nach.

Es war ein schöner Sommermorgen, als Christen auf den ver­hängnisvollen Gang sich machte; das Bübchen, das ihm als erst« Person begegnet war, hatte ihn feiner Sache gewiß gemacht, und lustig wandelte er seinen Weg. Er pressierte nicht; beim ter Abend wollte er an der Sonnhalde nicht eintreff« nach wohl überdachtem Plane, jedoch nicht, wie bei Kiltbuben üblich, nach etogebrvchsEr Nacht, sondern noch bei Hellem Sonnenschein. Er wanderte daher bedächtig die Täler auf, besah sich alles wohl, und so ein Bauern­sohn mit heitenn Auge und verständigem Sinn sieht gar viel, was keines Herren Auge sieht, ja, was kein Wrltweiser von der neuen Sorte sieht, und wenn er hundert Brillen ü bereit! an bet' chnallen würde. Er freute sich des dunkeln, üppigen Emmentaler Grün in Wiesen und Wäldern, ein Grün, wie man es sonst nirgends findet, des trotzig aufrechtstehenden Kornes, das feiner Reife entgegen­ging, ohne daß es ihm weder in die Hosen noch in die Blüte ge­regnet, der von Obst starrenden Bäume. Hier und da dachte er: Wenn ich da Dauer wäre, so müßte mir das anders fein, und jene Matte würde ich ebnen und diesen Bach tiefer legen, und jene Missergraben hätten des Räumens übel nötig." Für jeden Be­gegnenden hatte er einen Gruß, und wars ein Mädchen, so ent­floh ihm ein Witz, und aus einem wurde in rascher Gegenrede ein Dutzend. Waren die Mädchen auf Kirschbäumen, so ward das Reden erst recht flott, und mchr als ein Mädchen verließ dis Lei­ter und bot dem schmucken Burschen, wenn er auch nur daherkam tote ein Taunerbub, feinen Kratt« (Körbchen) voll Kirschen zur Labung an und versuchte mit Worten und Blicken die wunder­bare Kette zu flechten, die kein sterbliches Äuge je gesehen, die aber so viele Sterbliche festgehalten, daß sie nicht mehr von der Stelle konnten und zeitlebens gebunden blieben in der Gewalt derer, welche die Kette geflochten. Diesmal gelang es jedoch keiner, tote emsig und ängstlich sie flochten und fochten.

Christen kam glücklich gegen Mittag auf Langnau, wo damals noch nicht so viele schöne Häuser waren wie jetzt, das jedoch immer ein respektiert Ort war, ivv die Leute überaus ehrliche Gesichter hatten, dahinter aber nicht dumm waren, fast klug wie die Schlan- gen, ob wirklich auch ganz ohne Falsch wie die Tauben, das wird unser Herrgott wissen; der hat es aber auch zu wissen nötig, unsereiner soll nicht gwunderig sein. Dort kehrte Christen ein

unb ließ «8 sich wohl fein, ließ sich nützt nur so um einen halben Batzen Duppe uuch für drei Kreuzer Fleisch aufstellen, sondern ei« recht ordentlich Essen. Sie soltten ihm öppe geben, was sie hätten, sagte er, oppis Äparts begehre er nicht; aber er fei bunaeria. «nb wenn man nicht recht gegeffen, so fei man nur ein halb«

So eine Rede hört eine Wirtin gerne; sie klingt ihr ganz anders als eine, die ganz kurz lautet:Rur öppis wenigs, für einen Batzen Arisch öppe. Kraut begehre ich keins, davon hab«» Gast, der einer Wirtin manierlich ein ^deEch Essen bestellt, wird ihr auf der Stelle lieb; sie kriegt Zuneigung zu ihm mch wenn es sich irgend tun wTTt» bm ihm ab, fragt:Woher? Wohin?" und gibt ihm De- ® kann. Damals hatte man noch keine gebrucfte

Äonversattonslexlken, desto mehr lebendige, fast jede QBirtht war wenn auch nur einbändig, so war dieser eine Band ,UT. ' " umfangreicher. So geschah es auch hier. Christ« Au",Bericht, die Wirtin ebenfalls; jedes vernahm, was es wolliL sw m groß«: Zufriedenheit voneinander schieden, Me a&irtin ihm ausdrücklich embuigete, toemt er hier d^§ommL so wrle er ihr nicht vorbei, ohne einzukehren.Du hast netri» tot n^e an; mach nur, daß es gerät! sich

mag Mr« gönne, mt grab ebn besser," sagte sie

^tte von Sonnebure bestätigen gehört, was Grit gs- ne brave Leute seren, gegen die Armen und die Dienst 4 funcerbgr gut, wie nicht grab an einem Dauernorte besser, ba» neben aber sehr puslich (sparsam) und auf die alte Mode: auf

Man könne noch einmal sehen, cl!e?L ^u3tcn "Ehme. sagten sie, gut Stone das nicht kirnen. Wie reich sie feien, wisse niemand, und wer bei Stüdi fei ,ein glücklicher Mensch und nicht nur 55*2 Person, von wegen Stüdi

sei es Mansch,^ hubschrrs sehe man nicht bald, und dazu gut­mütig gege de Tiere und gege de Süte.

Herzhaft, aber bedächtig schritt Chnsten das Tal hinauf, daS enger und enger ward, weil die Berge näher rückten, höher tour» während vorlaut und immer lärmend di«

Slsis zu ihren Fußen rauschte. Halb oben in fruchtbar« Einschnitten ober Absätzen sah man zu beiden Seit« groß« ^"^e^hofe, deren Besitzer in vielen Beziehungen ebenso stolz sind, als die Adelig« es waren, deren steinerne Schlößchen auf unfruchtbaren Felsenspitz« klebten.

Etwas klopfte Christen doch bas Herz, als er von weitem den Steg über den Fluß sah, bei welchem er rechts abbeugen muhte; um zur Sonnhalde zu kommen, die am Fuße beS Berges laa

Zur Rechten und zur Linken prächtiges Land mtb Prächtigen Wald, der aber damals einer Goldgrube gficb, der« Besitzer sie wohl besaß, jedoch ohne sie auszubeuten, weil er ihren Wert nicht kannte.

Christen verlor aber den Mut nicht; er war schon gar manch- mal dabergewesen, wo Kaltblütigkeit not tat, too man aushalton nn«Bte, toemt man nicht zugrunde gehen wollte, die Hand nicht abziehen durste, und allemal war er glücklich davongekominetk. toeti er immer den Mut sesthielt und nie den Glauben verlor, daß ein guter Austrag in feiner Hand liege. Wer tot Winter mer Rosien an eisigen Halden Holz schleift, mit ,?bee Schlitten steile Hohlwege niederfährt, der lernt dem Mut behalten.

Jenseits des Steges besah er sich die Gelegenheit: das 'Volk arbeitete seitsab, im Hause rauchte es; eS war VesperzÄt, es war. wie er es haben wollte. Rasch bog er in den schmalen Weg ein. der zum Hause führte, der voll Steine war, und dem die Löcher nicht fehlten; man sah es ihm an, daß er nicht bloß Wagen trug sondern auch Wasser führen mußte, der wilden Slfis zu, toemt e8 toetterte in den Bergen. Als er dem Hause zukam, erhob sich drü­ben beim Dolk der Ringgi, begann zu betten in abgemessen« Tonen; er zeigte an. er sei da. und es möge geben, was es wolle, könne man auf ihn sich verlass«, mid in würdevollem Schritt, aber mit aufgehobenem Schwänze näherte er sich dem Hause, f» daß, als Christen an der Haus- ober Küchentüre klopfte. Ringgi an der vbern Ecke des Hauses stand und zufah, tvas es geb« solle.

Dom Herde weg kam eine rundliche Frau mit stattlich« Arm« und behaglichem Gesichte und fragte:Was hättest welle?" ..Hätt n«is mit dem Meitschi - welle, Wenns daheim wär," ant­wortete Christen.Cs wird nicht wett sein." sagte die Frau; komm herein, wemtd nenis toottst; hab die Milch ob dem Feuer und kann nicht davon."

Christen ließ eS sich nicht zweimal sagen, trat zu der Iran an ben Herd und gab manierlich« Bescheid auf die Fragen: Wem bi ft? Woher kumtst ?" Neb« der Milch stand noch ein Has« mit Kartoffeln über dem Feuer, in welchem das Waffe« gewaltig brodelte und dick« Schaum trieb neb« dem Deckel Herauf. W«ns erlaubt wäre, sagte Christ«, so nähmte er einen Erdäpfel aus dem Haf«, er wär neue hungrig.He," sagte die Frau,ich wollte warte, du kannst mit uns essen. Es ist nicht, daß ich sie dir nicht gönne; aber sie werd« noch nicht lind feto."

(Fortsetzung folgt)

Schttftleiiung: Dr. Frisör. Wilh. Sange. Druck und Verlag der Vmhl'fchen Ülniv.-Buch« und Stetobruderei, A. Lange, Dietz««.