Ausgabe 
12.1.1926
 
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Eichener Kmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Dienstag, -en \2. Januar Nummer 4

Altes Kamtnstück.

Von Heinrich Heine.

Draußen ziehen weiße Flocken Durch die Macht, der Sturm ist taut. Hier im Stübchen ist es trocken, Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz' ich auf dem Sessel, An dem knisternden Kamin, Kochend summt der Wasserkessel Längst verklungne Melodien. Urib ein Kätzchen sitzt daneben Wärmt die Pfötchen an der Glut; llrab 6 k Flammen schweben, weben. Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen Manche längst vergess'ne Zeit, Wie mit bunten Maskenzügen And oerblichner Herrlichkeit.

Schöns Fra un mit kluger Miene, Linken süßgeheimnisvoll, And dazwischen Harlekine Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter, Traumhaft neben ihn«, stehn Märchenblumen, deren Blätter In deni Mondenlichte Wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommev Manches alte Zauberschloß;

Hintendrein geritten kommen Blanke Ritter, Knappentrotz.

And das alles zieht vorüber, Schattenhafttg übereilt Ach! da kocht der Kessel über. And das «affe Kätzchen heult.

Erinnerungen an Max Reger.

Von Wolfgang Goetz.

Aks ich Max Reger zum erstenmal sah es war in einem Bierlokal in der Nähe des Leipziger Konservatoriums, ein» gehüllt in eine unwahrscheinliche Wolke Rauches, die Rechte fest am Pilsener Glase, fielen mix-SHwinds Schubert-Bilder ein und ich dachte, aufs äußerste erregt: Da hast du nun ganz leib- hafttge Historie, dort sitzt .Unsterblichkeit. Seine Bewegungen waren bei aller Plumpheit des ungefügen Körpers lebhaft, seine Augen leuchteten lebendig, trotz der beneidenswerten Behaglich­keit, die Gebärden wie Mienen voll unö saftig ausdrücken. Es war ein völlig anderer Mensch als jener Reger, der geduckt wie ein Panther am Klavier saß rmd mit jeder MuSck sein Spiel zu meistern schien.

Später führte mich ein Zufall bei Max Steinitzer mit ihm zusammen, und der Zufall fügte sich zu lebhaftester Freude und nun zu wehmütiger Dankbarkeit noch oft günstig. Es war nicht »die Wollust, einen großen Mann zu sehe,;", es war das rein menschliche und so traurig seltene Glück, einem Prachtkerl gegen­über zu sitzen. Es war höchster Genuß, zu spüren, wie sich bei ihm ein königliches Selbftbewutztsein mit einer rührende» Demut paarte. Am meisten fiel mir das auf, wenn er von ben altera Meistern sprach unö des Rühmens kein Ende fand. Dabei hat man wohl selten die Namen Dach oder Beethoven mit so kolls- gialer Selbstverständlichkeit aussprechen hören. Einmal Wichte er zu erzählen, wie er auf einer Bergwanderung um die Mittags­zeit in einem Kloster vorsprechen wollte, aber von dem Bruder Pförtner ziemlich mürrisch abgewiesen ward. Mit nicht eben sehr freundlichen Gefühlen berlichingifcher Natur war er dann weiter­gezogen, aber nach einer Weile war der Mönch ihm nachgelaufen und hatte gefragt, ob er nicht der Max Reger sei. Nun, es hat sich dann ein klösterlich-guter Nachmittag ergeben, mit treffllchem Essen und Orgelspiel der eigenen Werke.Aber schaun's", endete er,schaun's, so bekannt bin ich!" And dabei nahmen fetne Augen einen Ausdruck der Verblüffung an. Nochmals:3a, so bekannt bin ich." Pause. Ein Schluck. Die Schultern regen sich wechsel­weise (da wußte man immer, jetzt kommt ein Witz) rmd ein seliges

Lächeln breitet sich:And an Wein Hatten s! Iesfasi" Damit endeten übrigens sehr viele seiner Anekdoten. And in Anekdoten war er unerschöpflich Stundenlange Witzbolde sind im allge­meinen etwas Scheußliches. Wieder war es bei Reger and«Ä, und nun gleich ganz im Gegensatz zu anderen Menschen man hörte am liebsten seine persönlichen Scherze und Erlebnisse Da trat dann jenes besondere Merkmal an ihm hervor, Wa­ich mit der durch Schumann geheiligten Phrasierungsbezeichnung ausdrücken möchte: das Hahnebüchene. Wie einer der drei ge­waltigen Gesellen im zweiten Faust' stand er verwegen fest. Es fliegen viele Reger-Anekdoten durch die Welt, aber eine mag als Beispiel dieser wundervollen und so ttefechten Sack­grobheit hier eine Stelle finden. Gr sprach just von den jung«« Komponisten, von seinen Schülern, wobei er klagte, daß ihnen die Einfachheit verloren ginge. Dann fuhr er etwa fort: .Kennen» die Geschichte?. (das war die findige Ouvertüre, wobei sein ganzer Riesenkörper schon schütterte vor Vergnügen). Da hab ich amal an Schüler, dem geb ich anen Text aus demWundev- horn" rmd sag' ihm noch:Hören's", sag' ich ihm noch,hören'S, machens mir aber eine einfache Melodie dazu." Nächsten Tag kommt der Kerl mit einer ganz komplizierten Sauerei, mit Quint- Sextakkorden und so Zeug. No, ich sag' ihm, baß es an Dreck is und frag' ihn, wie er dazu kommt. Sagt er.Das hab' ich mit Willen so gemacht." Na, da hab' ich ihm gesagt wissen's, was ich ihm da gesagt hab? (und wieder schüttert er vor Ver­gnügen):Wenn S' Ihrem Nachbar hab' ich ihm gesagt wenn ©' Ihrem Nachbar in die Suppe spucken rmd der Sie fragt, warum Sie das getan haben, und Sie sagen ihm, das hätten's mit Willen getan, da (mit beängstigender Gebärde fortissimo) haut der Ihnen eine Watschen, daß Sie aufs Spucken vergessen werden!"

Den eigenen Erlebnissen gegenüber war er voll lächelnder Aeberlegenheit. Er hatte ja das herrlichste Mittel, die kümmer­st chen Feinde wegzublasen. Ihm ging's um das Reine. Wie stark die Liebe in diesem reichen Menschen war, zeigte sich am rührend­sten, wenn er von seinen Kindern sprach, oder von seinem wunder­samen Gönner, dem alten Herzog Georg von Meiningen. Es war dann so viel Zärtlichkett in den Worten, die er sprach, und die Stimme wurde unmerklich leiser, als hielten seine mächtigen Hände sehr zarte Dinge, die er in aller ihrer Feinheit vor­weisen wollte und denen doch um die Welt kein Schaden ge­schehen durfte. Ich begegnete ihm einmal das letztemal, wie er mit einer jungen, unverkennbar Musik studierenden Dame aus einer Konditorei trat, ein drolliger Gedanke, sich Reger bei Schokolade und Torten vorzustellen. Gr verabschiedete sich eifrig von dem Mädchen, stürzte sich mit großer Herzlichkeit auf mich und zog mich davon. Daran llagte er inbrünstig, wie langweilig es gewesen toäre, und auf meine Frage, warum er denn just diese Verehrerin zur Gesellschaft gewählt habe, stöhnte er. ihm sei nichts anderes übrig geblieben. Gr habe sie benrerkt, fett Tagen, wie sie ihn verfolge, aber sich offensichtlich nicht ge­traut habe, ihn anzureden. Da habe er sie angesprochen denn so was muß doch eigentlich belohnt werden, Ra, und mm hat's anunvergeßlichen" Nachmittag gehabt, das arme Ding. Aber ich nicht. Iessas, war das fad." Ich brachte ihn zu seinem Gasthaus, dem Hotel Hentschel in Leipzig, hier schied ich von ihm. Wenige Wochen später ist er dort gestorben.

And wenn ich heute seiner denke, so ist es nicht so sehr in Trauer um die Fülle schönster Musik, die unerschaffen mit ihm aus dieser Welt ging, sondern um den wundervollen Menschmr, der wohl nicht geahnt hat, wieviel er demHerrn Nachbar", wie er mich nannte, geschenkt an Freude, Genuß und mm Er­innerung und tiefer Trauer.

Der Schäfer.

Von Hans Dlunck-Oldemaren.

Graue Böwollen fuhren über das vormärzliche Hochmoor. Der Wind zog dunkle Streifen durchs Heidekraut und ließ die Torfwasser grau und dunkel flackern. Nur die Birken hatten ihr lebendiges Lauf schon entfaltet, leuchteten gegen den Sturm­himmel und glühten wie grünes Feuer auf, wenn aus den zer­rissenen Wolken ein abestdlicher Sonnenflug sie anglänzte.

Der einsame Wanderer, der dem gewundenen Weg folgte, hatte den Hut tief in die Stirn gezogen und stapfte mühsam gegen die grauen Winde an. Er war zu Mittag unten im Tal angekommsn und hatte beschwerliche Marschstunden hinter sich Aber er war ein zäher Geselle, hatte in Amerika manchen