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einlgeniutfjcti fertig war, dann brach es die Gletscherfrau aus dem Eise heraus und stellte es aus die Füße, so daß es taufen konnte. Erst tunkte sie es noch einmal in Gletscherwasser und putzte es tüchtig mit einem Schneetuch ab. Dann war das Eiskind fertig und konnte wachsen. Mittags fütterte die Gletscherfran alle die vielen kleinen Eiskinder mit Kräutereis, und sie paßte auch sehr auf, daß keines von ihnen zu viel in die Sonne ging, damit es nicht zu schmelzen anfing, denn das wäre schade um alle die Mühe gewesen.
So hatte die Gletscherfran schon viele, viel« kleine Eiskinder ab- gebrcuhen, getunkt, geputzt und gefüttert, so daß der Gletscher geradezu von ihnen wimmelte. Das jüngste und kleinste der vielen Ers- kinder aber hieß Schlafittchen. Selbstverständlich weiß ich auch, wie alle die anderen hießen, aber es hat keinen Sinn, daß ich das sage, und wir haben auch keine Zeit dazu, denn diese Geschichte ist die Geschichte von Schlafittchen und das kommt daher, weil Schlafittchen etwas ganz Großes erlebte und die anderen Eiskinder nichts erlebten, sondern bloß umherliefen und weiterfroren. Warum, weiß ich nicht, und das ist auch ganz einerlei.
Eines Tages spielten die Eiskinder miteinander und warfen sich mit Schneebällen. Die Schneebälle flogen hin und her, und nachher liefen sie auf dem Gletscher immer weiter und sprangen über die Spalten, «s sah sehr lustig aus. Denn es ist nicht so, daß die Schneebälle keine lebendigen Geschöpfe sind, sondern sie bekommen, wenn sie nur auf die Erde geworfen werden, sofort Augen, Mund und Nase und sehr viele kleine Beine, aus denen sie schrecklich schnell weiterlaufen, so daß es aussieht, als wenn sie rollten, aber das ist nicht wahr, sie laufen auf den kleinen Beinen, und man kann sich denken, wie schnell das geht, denn sie haben die Beine überall auf allen Seiten, oben und unten, auf der ganzen Schneekugel, und diese Kugel ist für sie der Kopf und der Leib zugleich. Ich muß das einmal sagen, weil darüber viele falsche Borstellungen in Umlauf sind. Die Schneebälle sind meistens sehr frech, was leider wahr ist, und der kleinste war der frechste von allen.
„Tante Kühlkopf," sagte der kleine Schneeball zur Gletscherfran, weißt du was? Ich werde eine Lawine werden und die Welk in Schrecken setzen."
Cs ist nicht wahr, daß die Gletscherfran Tante Kühlkopf hieß, das sagte der Schneeball bloß, weil er frech war.
„Du hast den Größenwahn, Kleiner," sagte die Gletscherfran, „halte den Mund."
„Tante Eisbein," sagte der Schneeball, „ich habe neulich über den Gletscherrand geguckt, es ist eine grüne Wiese unten, dort blühen Alpenrosen und die Sonne scheint darauf."
Gs ist nicht wahr, daß die Gletscherfrau Tante Eisbein hieß, das sagte der Schneeball bloß, weil er frech war.
„Sonne, Wiesen und Alpenrosen sind schreckliche Vorstellungen für unsereinen," sagte die Gletscherfran, „halte den Mund/'
Mit diesen Worten ging die Gletscherfran nach unten in die Tiefe des Gletschers auf einer schönen Eistreppe, um der Eiskönigin ihr Kräutereis zum Mittag zu bringen.
In Schlafittchens Seele aber war etwas Sonderbares vorgegangen, als es den Schneeball von der Wiese, der Sonne und den Alpenrosen sprechen hörte. Schlafittchens Seele war zwar eine kleine Eisseele, aber sie war um einige Grad wärmer als die der anderen Eiskinder, und so was kommt auch auf einem Gletscher vor. Und so überkam Schlafittchens kleine Seele eine große Sehnsucht nach den Alpenrosen, und es kletterte aus seinen dünnen Beinen über den ganzen Gletscher und am Ende rutschte es richtig auf die grüne Wiese herunter mitten unter die blühenden Alpenrosen. Es war sehr schön dort, und die Alpenrosen steckten die Köpfe zusammen und wunderten sich über das kleine Eiskind, das auf einmal in ihre blühende Well gekommen war. Cs war aber viel zu heiß darin für Schlafittchen, und ehe sie sich's versahen, war Schlafittchen aufgetaut, und nur eine Pfütze war von ihm übrig geblieben, sonst gar nichts. Schlafittchen war das selbst sehr sonderbar vorgekommen, aber es ging so schnell, daß es nicht einmal viel davon merkte, und das sonderbarste war, daß es in der Pfütze weiterlebte, nur kam es sich jetzt den Alpenrosen und der grünen Wiese viel näher und verwandter vor. Es sah auch, wie die Alpenrosen die Köpfe nach der Sonne und nach den Wolken emporstreckten, Die über sie hinzogen, und Schlafittchen war es, als müsse es auch zu der Sonne und zu den Wolken Hinaufgehen können. Und wie es das dachte, schien die Sonne immer stärker und stärker, und die Wolken tarnen näher und näher, und ehe die Eidechse, die hinzugelaufen war, um sich Schlafittchen in der Pfütze zu betrachten. Zett fand, es zu beaugenscheinigen, war Schla- sittchen verdunstet, und eine Wolke hatte es mit hinaufgenommen. Und in der Wolke zitterte das Sonnenlicht.
,Wo ist Schlafittchen?" fragte die Gletscherfran, als sie der Eis- königin das Kräutereis gebracht hatte und die Treppe wieder hinaufgestiegen war. Denn sie sah gleich, daß eines ihrer Eiskinder fehlte.
„Schlafittchen ist auf die grüne Wiese mit dm Alpenrosen gegangen", sagte der Schneeball.
„Siehst du," sagte die Gletscherfran, „warum hast dn davon erzählt? Das ist eine schreckliche Geschichte. Halte den Mund."
Die Gletscherfran machte sich sogleich auf die Eisfüße und begann Schlafittchen zu suchen, obwohl es ihr selbst erbärmlich warm wurde auf der Alpenwiese. Aber aushalten konnte sie es schon eine Weile, sie war kein Eiskind mehr, sondern eine dicke vergletscherte Person, und bei solchen Leuten dauert es ein« ganze Weile, bis die Sonne sie auftauen kann.
»Wo ist Schlafittchen?" fragte sie die Alpenrosen.
„Schlasittchen ist aufgeumt", sagten die Alpenrosen und neigten die Köpfe, denn es tat ihnen sehr leid. „Schlafittchen ist eine Pfütze geworden."
„Wo ist die Pfütze?" fragte die Gletscherfran, „ich werde sie schor, wieder zusammenfrieren."
„Die Pfütze war hier," sagte di« Eidechse und wies mit der kleine!! grünen Hand auf eine leere Stelle, „aber nun ist sie nicht mehr Der Schlafittchen ist verdunstet, und eine Wolke f)a£ Schlafittchen auf genommen und ist über die Berge gezogen ins Sonnenlicht hinein."
Da wurde die Gletscherfrau sehr traurig und ging eilig wieder zurück zur Eiskönigin.
„Schlafittchen ist verlorengegangen," sagte sie, „Schlafittchen ist aufgetaiit.
„Friere es wieder zusammen", sagte die Eiskönigin.
„Das kann ich nicht, sagte die Gletschersrau, „Schlafittchen ist verdunstet."
Dabei weinte sie zwei große heiße Tränen, und das ist sehr fett fam bei einer Gletscherfrau, die doch kalt und aus Eis ist und sich von nichts als von Kräutereis nährt. Dabei waren die Tränen so heiß, daß sie zwei Löcher in di« weiße Tischdecke der Eiskönigin brannten, denn diese Tischdecke war aus Schneekristallen gewoben und vertrug kein« Tränen.
Als die Eiskönigin die Gletscherfrau meinen sah, bekam sie ordentlich einen Knacks in ihrem Eisherzen und ich glaube, wenn nicht dazwischen die kleinen Seelen aus der Gletscherwett verschwinden würden, so würden alle die kalten Leute immer vergletschert bleiben. Es ist dies wohl auch ein Geheimnis der Welt, das wir nicht be greifen.
„Nimm die Tischdecke," tagte die Eiskönigin, „und friere die beiden Löcher wieder hübsch zusammen. Aber ich will hinaufsteigen und mit den Wolken reden, daß sie Schlafittchen wieder hergeben."
Da stieg die Eiskönigin hinauf in die Sternennacht und die Sterne spiegelten sich in ihrem Diadem und der Mond wob blasse Fäden um ihr blaues Königskleid. Die Eiskönigin aber breitete die Arme aus und rief die Wolken, daß sie alle kamen und sich über dem Gletscher zusammen ballten. Es blitzte und donnerte in ihnen, es warf mit Hagel und Schnee und redete mit tausend Stimmen in der einsamen Bergeswelt.
„Wer von euch hat Schlafittchen in seinem Schoß?" fragte die Eiskönigin. „Schlafittchen ist aufgetaut und Schlafittchen ist ver dunstet und die Gletscherfran weint Tränen um Schlafittchen. Schla fittdjen ist zu früh von hier fortgegange», wir wollen es wieder haben."
„Wir geben sonst keiner Königin eine Seele wieder, nur weil sie es will," sagten die Wolken, „aber weil die Gletscherfran Tränen um Schlafittchen gemeint hat, wollen wir ihr Schlafittchen wiedergeben." — Da warfen die Wolken kristallenen Hagel auf den Gletscher herab, und aus den Hagelkristallen bildete sich eine Gestalt mit kleinen Armen und Beinen und runden Augen und das war Schlafittchen. Die Gletscherfran nahm es eilig in die Arme und fror es ganz zusammen, sie tunkte es in Gletscherwasser und putzte es noch tüchtig ab. Und sie war sehr froh, Schlafittchen wieder zu haben.
Die Eiskönigin aber stieg die Treppen hinab, und der Schneeball folgte ihr und sagte: „Ich werde keine Lawine werden, sondern ich werde dich heiraten."
„Halte den Mund", sagte die Gletscherfran.
Die Eiskönigin lachte und nahm den Schneeball in die Hand. „Ich werde ihn als Reichsapfel benutzen," sagte sie, „mein alter ist schon ein wenig verbraucht."
„Rein, ich will heiraten", sagte dec Schneeball. Er wurde aber weder geheiratet, noch konnte er als Reichsapfel benutzt werden, er war viel zu unruhig und rutschte auf seinen vielen Beinen fo febr in der Hand der Eiskönigin auf und ab, daß es sie kitzelte und sie den Schneeball wieder hinauswarf. Die Könige und die Königinnen können es nämlich nicht vertragen, wenn ihre Reichsäpfel unruhig werden und ins Rutschen kommen. Das ist ihnen eine zu kitzliche Sache. Der Schneeball hätte ruhig fitzenbleiben sollen, es war sehr dumm von ihm und er hätte ganz zufrieden sein können, denn beim Heiraten hätte er noch viel ruhiger dasitzen müssen.
„Die Eiskönigin ist dumm," sagte er, „ich werde jetzt doch eine Lawine werden und auf die Wiese wandern, wo die Alpenrosen sind."
„Dann wirst du auftauen und verdunsten, wie Schlafittchen." sagt« die Gletscherfrau, „bleibe lieber da uns halte den Mund."
„Dann wirst du gehen, wohin ich gegangen bin," sagte Schla K, „ich habe so vieles erfahren an einem Tage. Es ist alles miberbar und gar nicht schlimm. Man war so und man wird anders, aber man lebt immer, im Eis und in der Pfütze und in der Wolke im Sonnenlicht und in Blitz und Donner. Es ist der Kreislauf des Lebens und wir alle wandern ihn."
„Das ist alles Unsinn," sagte die Gieischerfrau, „iß Kräutereis und steh, daß du wieder zu Kräften kommst. Friere tüchtig zu imb halte den Mund."
Auf dein Gletscher und auch anderswo müssen alle die kleinen Seelen, die etwas von den anderen Wetten wissen, immer den Mund halten, und das ist nicht gut. Gut aber ist es, daß es solche kleinen Seelen gibt wie Schlafittchen; dem; sonst würden die falten Leute auf dem Gletscher und anderswo sich niemals aus Eis und Schnee herausfehnen, sie würden nur Kräutereis essen und niemals an die ?rüne Wiese mit den Alpenrosen denken und niemals an die Wolken och über der Erde im Sonnenlicht. Das aber müssen sie tun, denn einmal werden sie alle den Weg gehen, den Schlafittchm ging.
Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck der Brühl'schen Llniversitäts-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen.


