Gießener Kmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang |926 Samstag, öen Dezember ~ ~ Nummer 99
Bor Weihnachten.
Bon Karl Röttger.
Rebel hängt um Straßenlichte! Wie ein Schleier. Leise singt Wohl ein Kinderstimmchen, singt Wie zum Fest schon ... Helle Lichi-r Scheinen, und viel Angesichter Staunen in die ausyebreit'ten Bunten Fensterherrlichkeiten Festlich glühn die vielen Lichter ... Dämmerung ist siiß und leise, Kinder stehn und schau'n — im Herzen Eine Wunder-Weihnachtsweise, Glanz der Fest- und Tannenkerzen
Dos Domkmd.
Von Nikolaus Schwarzkops.
Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach
1.
König Saul, der lange Kapellmeister des Domes, trieb sich, ach, io aern in den verwinkelten Gassen der Altstadt umher, wankte ey ihnen wie trunken vor Wonne im Bannkreis der ungeheuren re, starrte hinauf und versteckte sich, um ungestört lauschen zu können, und ließ seine Seele zu ihnen aufstreben gleich lebendig gewordenem, zierlichem Gerank. ..
In allen Stimmungen belauschte er den Som; er sah ihn, wenn seine Seele traurig war und mlld vom Getös der Erde und mud von dem Jubel seiner Chorbuben; er sah ihn, wenn seine Seele frohlockte über das Getös dieser Erde und über den versprühenden Jubel seiner Chorbuben. Er sah Regenbogen aus den sechs Türmen emvorsteioen, sah einen Adler eine Taube erhaschen, sah Wasserströme von den schieferschwarzen Dächern schießen, als sei der Dom ein Gebirge für sich. Zwischen den zu schier ewigem Leben erweckten Steinen sah er die Sonne rauschen, daß die Giockenrander nachein- ander aufleuchteten, und immer Hub das Sing- imb Glockenspiel seines eigenen Herzens fröhlich zu lauten an! Helle Lolkchen schimmerten zwischen den Türmen und hinter den mächtigen Schaulöchern, Sterne flimmerten zwischen Kreuzblumen und ?ckvlschen winzigem, vielfach steinbewimpeltem Geturm, der Mond hockte un- entweai aut den verzackten Firsten, wo tagsüber die Tauben fro)- llch einher gingen. Und wahrlich: manchmal Wichte der Kapellmeister nickit aus noch ein mit dem Singspiel ferner Brust.
Eines schönen Tages aber entdeckte er zwischen den steinernen Blumen da oben einen bläulichen Rauch, und der kam aus einem Schornsteinrohr, das windschief bei etlichen Fialen stand. Sogleich kiel der König Saul zum Küster Tippenkucker und erfuhr, was er ■ missen können: daß der Türmer stch vor kurzem
ei!>e Frau hinaufgeholt habe in seine Einsamkeit! Und wie der Dom- n und stand eilt" er die dreihundert echsundneunzig
Stukn desTiirLes hinan und sagte oben w e zur Entschuldigung: er wolle nur einmal nach seinem Heimatdorfchen schauen, da^ tief unteir hinter^ jenen WAdern liege, dort inmitten der weitgedehnten ssEäs a MS Stt &Ä“ ss. s«
Türmen und es verging bald keine Woche, ohne daß er m
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NON oben her ein leichter Schritt entgegen. Sogleich dachte er, das könne der Schritt des Christkindchens fein, und er bekam ein ffimflonfen denn es war ein alter Glaube, daß alljährlich < Vehriftfinb einen Sprung mache aus dem Himmelreich un- miUelbar auf die Kreuzblume des Ochsten Domturnws, mn als^nn die unendliche Treppe herabzueilen unter die Menschen, ^voa fiel aus dem verhaltenen Gepolter der Schotte eine sanfte Fragen stimme an der steinernen Treppenfpinde meder, und König SM., blieb im Lichte einer Luke stehen und lauschte.
war, und alle schmunzelten. Und auch sie waren sogleich hnfi her Weibnacktscboral ausfallen sollte, ov-
„Das erste Geschenk/' sagte die Frau deutlich, „ist also ein Christbaum! Wie schön, wie schön!" ...
' Die Frau trug ein Kösferchen in der Hand, das schwarz über- zogen war, und der Kapellmeister riß die Augen auf und sprach:
, Sind Sie vielleicht die . . . und ist alles gut gegangen? .
" versetzte die Frau, und das Tageslicht fiel ihr ie Angesicht. König Saul konnte sich nicht halten, hinan, kehrte um und rief schallend laut: ch das Christkind, weise Frau! Aber so be- > auch mich, denn ich bin der Taufpate des
und was ist's?"
„Ei, ein Bub!' .v.,., prall ins lächelnde Anges , rannte etliche Stufen hinan, kehrte^ um „Dann sind Sie ja doch Christkind. . ■
glückwünschen Sie nun auch mich, denn ich bin der Taufpate des neuen Dombewohners!" . . ,
Und dann überhüpfte der lange Mann immer,ort zwei Stufen, umpackte mit der einen Hand ruckweise die Spindel und zog stchmi Flug empor, und die schwarze Soutanella flabbte auf seinen Knien. Der Türmer stand im hellen Glanz und streckte ihm beide Hande entgegen und zog ihn leise im Rundgang des Turmes hinter sich
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schehen war, und alle schmunzelten, und aua> ,ie waren damit einverstanden, daß der Weihnachtschoral ausfallen fol gleich er seit siebenhundert Jahren nur zwolfmal ausgefallen fei siebenmal, weil der Dom daniederlag, dreimal, weil man die Glocken zu Kanonen eiugeschmlozen, einmal, weit der Dom Stall der französischen Dragoner gewesen sei, und einmal, weil in der ganzen Stadt niemand mehr etwas geglaubt habe!). Und die Patenschaft, die der Bischof übernommen, müsse auch die Stadt übernehmen, das sei selbstverständlich!
König Saul rannte zurück in den Dom; er träumte dabei in feiner Freude, und es wollte ihm ein bißchen stttsam vorkommen, bat- er den Knaben, der weit über den Hütten der Menschen geboren war, erlaucht und weltgeschichtlich also belastete und schier verpslich tete wie das Kindlein von Bethlehem.
Der Türmer konnte sich nicht faffen Freude, sprach immerfort
ben feinen Namen vor sich hm: Paulus Moguntius Niko,aus, um nur mit Mühe hielt ihn der König Saul davon ao, der jungen Mut - !,.».»»«“»•« mn,vergoldet so kam der Joseph des hochwürdigen Herrn Jnb bSe einen Ämit Wein und Kuchen. Und kaum war Joseph geganaeli so kamen zwei Stadthausdiener und brachten emei. no.,, schwerere.', Korb, der enthielt die erlesensten Weine, wie die Stadt fi. selber baut, und einen Brief des Bürgermeisters, den der totabi- hausdichter geschrieben hatte König Saul,las,'hii laut vor. Gleich hpm ersten Satz klingelte aus bem Schlafzimmer Das ,uverm
Mtarsckellchen, das der Türmer irgendwo gefunden und ans Bett gestellt hatte. „Wer chit geschrieben? fragte die ^urmerin, und der Türmer erzählte alles, was geschehen war, und auch dec Könia Saul trat in die Tür, und alle freuten sich über die TOa6en. ' König Saul faßte kleine rotbäckige Aepfel an Adene ,,-aden m WWWS
Ule,u uuu »eß ihn durch das Fenster ins Schlafzimmer schauen. Da lag das Kindlein in der Wiege, und die Wintersonne zeichnete den dick überringelten Kopf des Kapellmeisters auf das weiße Kis,en.
Und weil die junge Mutter gerade schlief, nahm der junge Baier ben Freund mit in die Schlafstube hinein und reichte ihm fein Patenkind auf die Arme. In dem Herzen des langen Musikers erhob sich die Weihnachtskadenz seiner Kirche; er legte das Kmdlein wieder hin und trat heraus und starrte in die fetzenweis verschneite Landschaft jenseits der nicht minder verschneiten Sacher, und eme Wehmut überkam ihn: da er selber etnmal als Kmdlein eme alten Eltern weihnachtsmäßig beglückt hatte . und da er selber von derlei Geheimnissen nicht beglückt werden konnte!
Er rieb sich die. hohe Stirn, und es kam ihm em seltsamer Ge- bante- er wollte einmal den Bischof bitten, aucy die Patenschaf, zu übernehmen und das feierliche Geläute heuer aiisfallen zu lassen! Und so rannte er herab und stürzte mit taugen Schritten >ns Bischosshaus, und der gnädige Herr, der seinen Musikantengenera, liebte, war sogleich mit allem einverstanden!
Unb bann rannte der Kapellmeister auch ms Stadthaus, und da der Bürgermeister gerade in der Sitzung bei ixu .Raten mar, tieft er ihm ein Briefchen hinschieden. Das mußte sehr luftig ge wesen fein, denn der Bürgermeister schmunzelte immerzu trommelte mit dem Bleistift und sagte schließlich zu den Raten, was ge


