Ausgabe 
11.9.1926
 
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man sich noch im Zweifel. Da ihre Stärke jedoch zu allen Tages­stunden gleich groh ist, so vermutet man, daß sie nicht etwa von der Sonne ausgehen. Vielleicht sind in ihnen auch die Erklärungen für bisher in ihrer Ursache noch unbekannte Erscheinungen, wie die Nord­lichter, die Brechung drahtloser Wellen an höheren Schichten usw.,

SommerKirmesse.

Flämische Novelle von Felix Timmermans.

Aus der NovellensammlungDas Licht in der Laterne", erschienen im Insel-Verlag, Leipzig. So ist sie nun eine alte Jungfer geworden mit verschrumpeltem, spitzem Mund. Die Haut hart und glänzend über den Backenknochen, die kleine Stirn in Runzeln gekämmt wie Notenlinien, und das Fleisch am Halse schlapp und lappig; aber um das zu verbergen, trägt sie ein schwarzes Sammetbändchen um den Hals. Sie sieht sich im Spiegel und schließt die Augen. Zu denken, daß sie einst eine zarte, blühende Schönheit war, mit mütterlichen Anlagen und warmem Verlangen!

Sie seufzt. Es wird ihr weh ums Herz.

Sie will die Gedanken von der Vergangenheit ablenken, indem sie hinausfleht durch das offene Fenster.

Aber aus allen Dingen, die sie schaut, kriechen die Erinnerungen hervor.

Dort liegt das weiße Dorf mit feinen roten Dächern in dem ruhigen Schoß der Kornfelder und Tannenwälder.

Auf dem spitzen Turm hängt schlapp eine neue Landesfahne. Die Hitze zittert über des blonden Wegen, und das Insektengesumm ist wie das schwellende Rauschen der weihen Hitze. Aus der Ferne, ganz weit hinter den Fichtenwäldern her, kommt schon lange das gellende Pfeifen des herannahenden Kleinbahnzuges.

Er wird das lustige Volk aus der Umgegend heranbringen, um die heißen Tanzzelte bis zum Bersten damit zu füllen.

Daran hatte sie sich nie beteiligt. Sie war die Tochter eines Notars, und ihr Stand erlaubte das nicht.

Aber immer freute sie sich, wenn die Kirmes nahte.

Dann herrschte schon tagelang vorher in dem weißen Herrenhaus ein fröhliches Durcheinander.

Das Silber, das alte Familienfilber, das sie einmal mitbekommen sollte bei ihrer Heirat, wurde dann blank und rein geputzt.

In einem würdigen Kochbuch suchte sie mit ihrer würdigen Mutter nach den feinsten und wohlschmeckendsten Gerichten. In der Stadt ließ sie ein neues Sommerkleid machen; neue Lieder wurden auf dem Spinett emgeübt, und der gemütliche Vater holte schon den besten Wein herauf, der sonst nur getrunken wurde, wenn er mit seinem Freund, dem Arzt, das Wild verspeiste, das sie zusammen auf der Jagd geschossen hatten . . .

Und an all den vergangenen Sommerkirmessen, die sie mitgemacht hatte, sah sie, wie ihr Leben langsam im Erlöschen begriffen war.

Als sie noch ein Kind war und mit der Nase gerade an die Tischplatte reichte, da entzückten sie nur die Torten und der reiche Glanz der Tafel.

Sie wurde größer und kam ins Pensionat. Die Kirmes war immer in den Ferien, und nun galt ihre größte Aufmerksamkeit den geladenen Verwandten und Bekannten, unter denen feine, höf­liche Jünglinge waren, die sie durch ihre Liebenswürdigkeit an die Bücher von Walter Scott erinnerten, die sie so gern las.

Oh, der Empfang der Festgäste am Postwagen! Dann das aus­erlesene Mahl, die jugendlichen Gespräche und die Lieder; ein Spaziergang durchs Dorf, zwischen den Kräppelbuden und den geräuschvollen Tanzzelten, und dann abends chinesische Lampions im Garten, unter denen man tanzte beim Geklimper des Spinetts; das alles machte immer das Herz schneller klopfen, und es war so

beseligend schwül.

Aber wenn bann die Gäste abgezogen waren, und sie wieder allein dastand, da war es, als würden die Saiten einer schönen Geige durchschnitten. Das, wonach sie verlangt hakte, was sie versucht hatte, in den Augen der Jünglinge zu lesen, war nicht geschehen. Sie biß auf ihr Taschentuch und blickte traurig zu den Sternen hin­auf. Und wenn sie dann auf ihrem Stübchen war, sah sie eine Zeit- lang den Liebespaaren nach, die durch die warmen Kornpfade land­einwärts strebten. Sie seufzte, löste ihr Haar, und mit einem noch tieferen Seufzer hing sie das neue schöne Sommerkleid unbefriedigt über eine Sessellehne und blieb lange wach liegen in dem breiten Bett.

Bis zu ihrem dreißigsten Jahre ließ sie sich hoffnungsvoll ein Kirmeskleid machen, aber jedesmal hing sie es am Abend wieder seufzend über die gleiche Sessellehne.

Die Mutier starb. Viele Freundinnen waren verheiratet, und einige hatten schon Kinder. Nun war sie, die früher froh war und scheu in schöner Erwartung, laut und geziert geworden. Aber wenn sie selber fühlte, wie aufdringlich sie war, dann zog sie sich zurück und wollte Teilnahme erwecken, indem sie sich krank stellte. Sie wollte nicht ins Bett und sie fand es nun wieder quälend, daß die Gäste sie ins Bett schicken wollten. Trotzig setzte sie sich allein in den Garten, und als sie abends die Reste der Festtafel sah, im Lichte der fast heruntergebrannten Kerzen, da fand sie die Kirmesse dumm und langweilig.

In ihren neuen Sommerkleidern war keine Hoffnung mehr.

Als sie gegen vierzig war, saß kein einziger Junggeselle mehr an der hergebrachten Festtafel. Sie waren alle verheiratet, hatten ihre Frauen mitgebracht, und die Gespräch» drehten sich nun um

ruhigere Dinge: um Haushalt, Kinderkrankheiten, Jagd und Politik.

Man bummelte nicht mehr wie früher durchs Dorf.

Nur die Kinder brachten nun Lärm und Fröhlichkeit und spielten mit Ball und Reifen auf dem kurzgeschorenen Rasen vor dem Haus.

Der Notar wurde krank. Sein Leben fing an zu erlöschen. Ver­wandte starben. Die Neffen und Nichten, die nun groh geworden waren, saßen verliebt am Tisch, und mit neidischem Blick sah sie ihrem lustigen Treiben zu.

Sie mußte nun versuchen, Witwer und Witwen zu trösten, aber es ging nicht. Sie erhob sich öfters, um in der Küche nachzusehen und der Magd eine gleichgültige Rüge zu erteilen.

Ihr Leben war anders geworden. Es gab kein neues Kirmes­kleid mehr, sie hatte so viele im Schrank zu hängen, und die Zeiten waren teuer. , .

Ihr Gesicht welkte, und es war ein belehrender Ton in ihre Ge­spräche gekommen. ,

Sie zeigte viel Aufopferung für ihren kranken, zittrigen Vater, und sie war froh, wenn die Leute abends fort waren. Sie liebte Stille und Friedsamkeit.

Der Vater starb, und da kam eine wehmutsvolle Ruhe über sie. Aeltere Familienmitglieder sagten ab; Nichten und Neffen kamen nicht mehr zu ihrer allzu lehrhaften Tante. Sie waren verheiratet und verlebten den Sommer im Ausland oder an der See. Die Kirmestafel schrumpfte zusammen, wurde kleiner und kleiner bis jui einem runden Tischchen, an dem sie nun sah mit dem Herrn Pastor und dem Arzt.

Man sprach über gute Werke und über die Sünden, die mit der Kirmes verbunden sind.

Aber auch der Pastor starb, und der Arzt wurde unheilbar krank.

Und nun ist heute zum erstenmal kein Fest gewesen.

Sie sitzt allein und hat mit zitternden Händen ihr geschlagenes Ei mit Bouillon und ein Butterschnittchen genossen. Sie schnupft, und die langen, dünnen Finger streicheln wie ein dickes, faules Hündchen ihren Schatz.

Sie ist allein mit einer jungen Magd in dem großen weihen Notarhause, mit feinen weißen Gardinen und den roten Pelargonien vor den Fenstern . t

Voll Wehmut betrachtet sie die alten, glanzenden Möbel und das Silber in den Glasschränken, das sie mitbekommen hätte bei der Hochzeit.Jetzt gehöri's mir auch", tröstet sie sich seufzend. Sie sieht öie Empire-Uhr, die ihr Leben eingetickt hat, die noch immer tickt und nach ihrem Tode weiter ticken wird. ,

Sie zählt eine Weile das Tick-Tack und denkt,jebes Tick nimmt ein Stückchen von meinem Leben weg."

Wen wird nach ihrem Tode das Tick-Tack begleiten? Eine Uhr ist ihr etwas Geheimnisvolles, vor dem man Angst bekommt, wenn man es lange betrachtet. ,

Auf einmal fängt in der heißen Stille in einem Tanzzelt Musik an zu röcheln, und eine Helle Trompete schmettert luftig drüber hm. Sie lauscht, und eine Träne läuft ihr über die ausgetrockneten, mehl- weißen Wangen. . , ,,

Dies ist vielleicht meine letzte Sommerklrmes , feust sie ge­brochen. Und sie starrt in die große Wohnstube, wo früher die lange Festtafel prangte. Es ist als ob da Schatten stehen, die sie früher gesehen hat.

Sie schaudert.

Draußen ist die Welt rein narrisch vor lauter Sonnenschein, und eine träge Glocke ruft brummend zur Abendandacht.

Bkut und (Elfen.

Von Max C y th. sFvrtfeyung.) zu lassen. Als sein Kopf wieder aus dem Eimer herauskam, sah er erfrischt und vergnügt aus und sagte:Wo ist das Backschisch, 0 Baschmahandi?" Ich hatte ein neues englisches Pfund schon seit einer Viertelstunde nervös zwischen den Fingern hin und her ge­dreht und steckte es jetzt in den Lehm, der seine Hand umgab. Gut! sehr gut!" rief das entzückte Publikum.Mir auch mir auch! Wo ist unser Backschisch?" .

morgen bekommt ihr euer Teil, wenn ihr eMierdient und euch Allah den Sieg verliehen hat", ließ ich durch Abu-Sa verkündigen.

Morgen Jnschallah morgen!" riefen sie alle wie ein Theaterchor.Er ist gut, unser Baschmahandi, er wird uns em großes Backschisch geben." Und dann begann eifriges Beraten, was mit dem großen Backschisch zu machen sei, und lustiges Geplauder, wie das von Kindern um die Weihnachtszeit, wahrend tm nächsten trockenen Graben die Vorbereitungen für das äußerst einfache Mit­tagsmahl der Gesellschaft getroffen wurden.

Bridledrum, O'Donald, meine zwei deutschen Freunde und ich maßen nun mit vereinten Kräften die gepflügten Flächen, Bridle­drum in gereizter Stimmung, aus der er sich gelegentlich aufraffte, um O'Donald die Ursachen auseinanderzufetzen, die heute seinen Apparat verhindert hatten, das zu leisten, was er unzweifelhaft sonst überall leistete. Bei der Multiplikation von Länge und Breite der Feldstücke machte er zweimal den Versuch eines ausgleichenden Rech­nungsfehlers, aber in diesem Punkte war das rechnerische Gewissen O'Donalds unerbittlich, während Beinhaus dem Agenten über die zuckenden Schnurrbartspitzen einen seiner blutdürstigen Blicke zuwarf, der ihn völlig aus der Fassung brachte. Ueber die Pflugtiese wurde wie gewöhnlich heftig gestritten; schließlich schien doch das Ergebnis festzustehen: Fowlers Apparat hatte in der Stunde 8350 Quadrat-