Ausgabe 
11.9.1926
 
Einzelbild herunterladen

290

Vergangenheit und leitete die Konversation geschickt zu den Wün­schen der Zukunft.

Merkwürdig war cs nur, daß Wenzel so oft als möglich auf eine gemeinsame Nichte, Emmi Hoheneck, zu sprechen kam.

Leise stieg eine Angst in Mias Herzen auf, machte den Ton trockener und warf über die Sicherheit ein schnürendes Netz.

Legten sich die Perlen zu fest um ihren Hals? Eifrig spielten die Finger mit der kostbaren Schnur.

Sic behagliche Stimmung der Teestunde war fortgeweht. Beide Menschen, die sich allfeinander gefreut hatten, so oft sie sich in der Gesellschaft sahen, verstanden sich plötzlich nicht mehr.

Im Gespräch entstand eine peinliche Pause.

Das Kochen des Wassers im Snmovar, das Ticken der Uhr, das Hämmern des eigenen Blutes in den Schläfen, alles sagte ihr mit unerbittlichem Rhythmus: er liebt dich nicht ... er liebt dich nicht . . . dich nicht ...

Wenzel war viel jünger als die Frau vor ihm. Er hatte stets zu ihr aufgeschaut und sie stand ihm zu hoch, als daß er ihrer be­gehrend gedachte. In Liebe war er immer nur für ganz junge Mädchen entbrannt. Jetzt störte ihn ihr seltsamer Blick und flößte ihm Unruhe ein.

Wenzel, Sie lieben Emmi."

Mias Stimme klang anders als sonst. Ein kostbares Venezianer Kelchglas, das einen kleinen, fast unsichtbaren Sprung bekommen, klingt nicht mehr wie früher.

Ja, von Herzen." Er sah auf und hatte trotz des erlösten freu­digen Tons in seiner Antwort ein unbehagliches Gefühl. .

Und wollen Sie heiraten."

Er hatte feine Sicherheit wieder gewonnen und bejahte ohne Verlegenheit:Dank Ihnen."

Das Gespräch begann ihr auf die Nerven zu gehen, sie litt unter seinem Glück und sah hilfesuchend nach der Uhr auf dem Kamin. Dann plauderte sie rasch ein wenig abgebrochen von Emmi, und Wenzel glaubte, einen Anflug von Bitterkeit aus ihren Redewen­dungen zu hören.

Er stutzte, er verstand und sein Blick drückte forschendes Er­staunen aus.

Da wurde ihr klar, welch ein Unterschied zwischen ihnen klaffte und sie erhob sich rasch.Verzeihen Sie, aber ich muß mich um­kleiden, freunde erwarten mich."

Er stand auf und beugte sich über ihre Hand.

Werden Sie glücklich, Wenzel!"

Kaum konnte sie die innere Bewegung verbergen.Sie waren inimer so gut für mich," begann er,mütterlich, möchte ich sagen. Verzeihen Sie, wenn mir eine Dummheit herausgefahren ist."

Das war wieder der offene Ausdruck, der treue Blick ihres" Wenzel, der für immer verloren war und ihre eigene stolze Zuver­sicht mit sich sortnahm.

Bittere Wehmut schlich in ihr Gemüt. Mütterlich hatte er gesagt --- und sie war doch nur . . . zehn Jahre älter als er. Sie sah ihn schmerzvoll an, als wolle sie jeden seiner Züge sich fest ein- pragen und reichte ihm noch einmal zum Abschied die Hand.

Sie haben nichts Dummes gesagt, lieber Freund. Werden Sie glücklich und gehen Sie."

Er ging--selig, stolz im Gefühl der Aussichten, die sich ihm

eröffneten und nahm sich vor, an Emmis Seite in treuer Dankbar­keit der Freundin zu gedenken.

Daß in dem behaglichen Salon, eingedrückt in die Kissen der Ver­göre eine schöne Frau ihr Batisttllchlein an die Augen preßte und bitterlich weinend von der eigenen Jugend Abschied nahm ... das wußte er nicht . . .

Lautlos räumte der Kammerdiener das Teegeschirr ab, das in silberner Selbstverständlichkeit blinkte. Er kannte'die Welt und ver­stand, was vorgegangen war.

Wsltenraum?1rah!en?

Von Rolf Braun.

(Nachdruck verboten.)

mf. Aus Amerika kommt die Nachricht, daß es gelungen sei die Herkunft einer bisher noch unbekannten Strahlenart wissenschaftlich zu ermitteln und ihre Eigenarten genau festzustellen. Die Entdeckung stammt von Dr. R. A. Millikan, dem Direktor des Norman Bridge Phystklaboratoriums, der bereits als Nobelpreisträger für Atom­forschung, insbesondere für die Gewichtsfeststellung des Elektrons bekannt geworden ist.

Ueber die neuen Strahlen, ihre Entdeckung und Erforschung be­richtet Dr Millikan in der amerikanischen ZeitschriftScientific American . Bereits im Jahre 1903 bemerkten die amerikanischen Physiker Rutherford und Mc Lenuan, daß ein geladenes Clektroskop, das vollständig in einem dicken Eisen- oder Bleimantel eingeschlossen war, in kurzer Zeit einen großen Teil seiner Ladung verlor. Man sand dafür nur eine einzige Erklärung, nämlich die, daß es Strah­len geben müsse, die den starken Metallmantel durchdringen können und die das Clektroskop umgebende Luft ionisieren, d. h. leitend machen. Eine selbsttätige Entladung eines Clektroskops kann nämlich nur dann stattfinden, wenn die Luft die Elektrizität ableitet, also selbst leitend gemacht ist. Zu diesem Zweck eignen sich alle kürzeren Strahlen mit Wellenlängen, die unterhalb der Lichtwellenlängen liegen, also ultraviolette Strahlen, Röntgenstrahlen und die Gamma­strahlen, die beim Zerfall von Radium austreten. Je kürzer die Wellen sind, um so lebhafter geht die Entladung des Clektroskops vor sich, und um so schneller fallen seine Goldblättchen zusammen.

Die Zähigkeit ultravioletter Strahlen, die Lust leitend zu machen wurde übrigens schon von Professor Karl Zickler an der technischen Hochschule in Brunn im Jahre 1898 zur Telegraphie mit unsicht- boren Strahlen benutzt. Er lieh ultraviolettes, also nicht sichtbares Licht auf eine Kugelfunkenstrecke fallen, bei der der Kugelabstand so groß war, daß für gewöhnlich keine Funken übersprangen; bei der Bestrahlung im Zeitmaß der Morsezeichen trat dann jedesmal ein leb­hafter Funkenwechsel auf.

Die große Durchdringungsfähigkeit der Röntgenstrahlen ist be­kannt; besonders die von ganz kurzer Wellenlänge, die harten Strah­len, vermögen selbst dickere Metallschichten zu durchleuchten; man be­nutzt sie bereits zur Werkstoffprüfung, insbesondere zur Feststellung von Fehlern im Gefüge von Guß- und Wakzmetallen. Da diese Strahlen bei andauernder Einwirkung schwere Gesundheitsstörungen verursachen, so schützen sich die damit Arbeitenden mit dicken Blei- platten. Die gleiche Vorsicht ist auch beim Radium am Platze, da die davon ständig ausgehenden Strahlen ein noch größeres Durch­dringungsvermögen haben. Immerhin genügen Bleiplatten von einigen Zentimetern Stärke zur völligen Abschirmung. Man erwartete daher, daß ein auf diese Weise geschütztes Elektroskop seine Ladung längere Zeit beibehalten müsse. Da dies nicht der Fall mar, so suchte man nach dem Vorhandensein und dem Ursprung von vermutlich noch kürzeren und durchdringenderen Strahlen, die entweder aus dem Erdinnern oder aus dem Weltenraum kommen mußten. In den Jahren 1910 bis 1914 wurden von deutscher und schweizerischer Seite Versuche mit Freiballons gemacht, und man brachte Elektrofkope bis zu Hohen von 9 Kilometer. Dabei zeigte es sich, daß die Stärke der Strahlung zunächst bis zu 1S00 Meter Höhe etwas abnahm, dann aber beträchtlich anftieg, um bei 9000 Meter etwa den achtfachen Betrag gegenüber dem auf der Erdoberfläche zu erreichen. Daraus folgerte man, daß die Strahlen aus dem Weltenraum stammten, und daß sie bei gleicher Zunahme der Stärke in den höheren Schichten an der Grenze der Atmosphäre rund vierzigmal so stark sein müßten wie auf der Erde.

Diese Versuche wurden durch Dr. Millikan und seine Mitarbeiter nach dem Kriege weiter fortgesetzt; Millikan konnte seine Versuchs­ballone bis zu Höhen von 15,5 Kilometer steigen lassen. Auch er sand die beträchtliche Vermehrung der Strahlung mit steigender Höhe; sie nahm aber nicht in dem vorhergesagten Maße zu, sondern betrug bei der größten erreichten Höhe nur etwa l der erwarteten Stärke. Daraus kann der Schluß gezogen werden, daß die Strahlen, wenn sie von außen kommen, in den oberen, dünneren Luftschichten weniger stark verzehrt werden als in den tieferen Schichten. Der amerika­nische Forscher stellte dann noch Versuche auf der 4292 Meter hohen Spitze des Pikes Peak an, wohin er 300 Pfund Blei und einen würfelförmigen Wasserbehälter von etwa 1 Meter 80 Kantenlänge mitführte, die zur Abschirmung für das Clektroskop dienten. Obwohl die Strahlung dort etwa doppelt so stark war wie in der Ebene, bestanden die Strahlen im wesentlichen nur aus sogenannten weichen Strahlen, die sich wenig von den Gammastrahlen des Radiums unterscheiden.

Da man auf diesem Wege zu keinen weiteren Ergebnissen kam, wurde die Durchdringungsfähigkeit der Strahlen im Wasser unter­sucht. Hierzu wurde ein gekapseltes Clektroskop in den etwa 3600 Meter hoch gelegenen Muirsee versenkt, der nur wenig unterhalb des höchsten Berges der Vereinigten Staaten, des Mount Whitney 4419 Meter, liegt, und der ständig von einer Eis- und Schnee­schicht bedeckt ist. Cs zeigte sich, daß die Strahlung bis zu einer Tiefe von 15 Meter ständig abnahm, um von da ab einen gleich- bleibenden Wert beizubehalten. Die Rechnung ergab, daß die Strah­len, wenn sie aus dem Weltenraum tarnen, erst die über dem See- fpiegel liegende Luftschicht und dann das Wasser durchdringen muß­ten, wobei die Abschirmsähigkeit der Luft etwa gleich der Dicke einer Wasferschicht von 7 Meter gesetzt werden konnte, so daß, umgerech­net auf Wasser allein, die von außen kommenden Strahlen durch eine Wassersäule von 22 Meter vollständig verschluckt werden. Hier­aus folgerte der Forscher, daß die Grenze bei tiefer gelegenen Seen schon bei einer geringeren Wassertiefe liegen müsse, weil dann schon ein größerer Teil von ihnen in dem mehr durcheilten Luftraum ver­schluckt werde. Diese Schlußfolgerung wurde bei anschließenden Ver­suchen im Arrowheadsee glänzend bestätigt; dieser See liegt etwa 1680 Meter hoch; der Höhenunterschied würde, was die Verschluck­fähigkeit anbelangt, einer Wasserdicke von etwa 1,80 Meter ent­sprechen. Die Versuche ergaben tatsächlich, daß die Grenze für die Ent­ladung des Cletroskops um rund 1,80 Meter niedriger lag als bei dem hochgelegenen See, nämlich etwa bei 13 Meter 20 Eintauchtiefe.

Die auf Grund der Untersuchungen und Rechnungen ermittelten Wellenlängen und Schwingungszahlen der neuen Strahlen sind im Vergleich zu den bisher bekannten Strahlen ganz außerordentlich bemerkenswert. Millikan fand, daß 25 Milliarden Wellen aneinander­gereiht erst die Länge eines Millimeters füllen. Die Schwingungs- zahlen dieser Wellen sind ungefähr 50mal größer als die der här­testen Gammastrahlen, lOOOmal größer als die der mittleren Rönt­genstrahlen und sogar 10 Millionen mal größer als die Schwin- gungszahlen des sichtbaren Lichts.

Durch diese Entdeckung ist unsere Erkenntnis über die Strahlen und Wellen wesentlich erweitert worden. Bisher kannte man, aus­gehend von den längsten praktisch benutzten Wellen der drahtlosen Telegraphie von 25 000 Meter bis herunter zu den kürzesten Gamma­strahlen einen Bereich, der 53 Oktaven entspricht. Durch die neue Entdeckung ist dieser Bereich wesentlich nach unten erweitert worden. Ob die Strahlen wirklich aus dem Weltenraum stammen, darüber ist