Ausgabe 
11.9.1926
 
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Gießener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, -en ((. September Rümmer 75

Septsmbermvrgen.

Von Eduard M ö ri k e.

Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstelli. Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golds fließen.

Ein Abschied.

Von Alexander v. G l e i ch e n - R u ß w u r m.

Mia Rheden war eine Frau, deren Schönheit den allerjüngsten Herren am besten gefiel, weil sie nicht muhten, wie schön sie vor zwanzig Jahren getvesen. Mit Recht stellte sie auch als vielbegehrte und vielverehrte Witwe eines einflußreichen Mannes die Ansprüche einer verwöhnten Frau an die Gesellschaft. Sie stand, wie man sagt, in den besten Jahren, und es mögen in Wirklichkeit ihre besten ge­wesen stein, das heißt jene, in denen sich ihre Eigenart zur Vollreife entfaltet.

Uns allen ist von der Natur ein bestimmtes Alter gegeben, in das wir hineinwachsen und aus dem wir uns nur ungern oft mit namenloser Wehmut entfernen, denn jedes Menschenleben, das reichste wie das ärmste, hat Zeiten, in denen es sich am glücklichsten vielleicht am selbstverständlichsten fühlt.

Stark, wenn auch unklar, empfand Mia Rheden diestn Ge­danken, als sie von einem Besuch heimkehrend, ihre kleine behagliche Wohnung betrat. Man hätte die schlanke, geschmeidige Frau wirklich für jung halten können, feingefesselt waren die Füße, anmutig die Be­wegungen und verführerisch leuchtete unter dem schwarzen Schleier der glühende Blick. Nur das Kinn zeigte leisen Ansatz, doppelt zu werden und gehorchte damit dem Zwang der Jahre.

Als sie Mantel und Muff ablegte, hätte sie am liebsten ein Liedchen geträllert so vergnügt fühlte sie sich, wenn nicht die feierliche Gestalt des alten Kammerdieners ihr den Druck der Form auferlegt hätte.

Mia glaubte eine Schlacht gewonnen zu haben, denn es war lhr gelungen, der Idee eines Freundes zum Erfolg zu verhelfen, eines Freundes, der ihrem Herzen sehr nahe stand.

Wenzel Berg, ein entfernter Vetter ihres verstorbenen Mannes, war nach dem Krieg in die Industrie gegangen und suchte sich jetzt aus Grund einer Erfindung, die er allein praktisch nicht verwerten konnte, mit einer finanzstarken Gruppe in Verbindung zu setzen. Das hatte Mia erfolgreich vermittelt und sie erwartete ihn jetzt zu einer Tasse Tee.

Ohne in den Spiegel zu sehen, ging sie m den oalon.

Johann schüttelte den Kopf. Seine Dame mußte »erhebt sein. , Nur die Liebe geht über die Eitelkeit", brummte er vor sich hm. Er dachte in Gemeinpläi',en und fand die Sachlage als Mann aus dem Volke fürdie gnädige Frau" reichlich verspätet.

Mia entnahm ihrer Tasche einige Geschäftsbriefe und legte sie rasch auf den Schreibtisch, dann trat sie ins Schlafzimmer, sich um- 3U36ie roor wirklich schön. Wie sie dastand in der Herrlichkeit ihrer kaum verhüllten Reize umflossen vom Licht der rosa geblendeten Lampen, den Fuß auf den Schemel gestellt, die Bänder der Schuhe zu binden, sah sie verführerisch jung aus, jung und glücklich.

Heute war sie es auch. Freude ruhte in ihrem Herzen und prägte sich in dem Lächeln aus. Ihre Bewegungen waren frei und rasch, vor ihr lag eine frohe, entscheidende Stunde.

In ihren Ohren klang sein Wort, sobald die Angelegenheit mit der Erfindung in gute Wege geleitet sei, könne er heiraten, und aus ihren Augen strahlte der Blick zurück, mit dem er sie bei diesen Worten sehnsuchtsvoll angeblickt. So treu und lieb. Sie konnte den Bllck nicht vergessen.

Nun war das Geschäftliche geordnet. Er stand auf eigenen Fußen, nicht mehr auf die Mitgift einer Frau angewiesen, was der Selb­ständigkeit seiner Gesinnung widersprach.

Wird er sprechen? Gleich, wenn er die Nachricht seines Erfolges erfährt? Wird er . . .?

Sie warf ein leichtes, kostbar schillerndes Gewand über, unter dem die Schönheit ihres reifen Körpers den Reiz der Knospe erhielt.

Ob er wird ... Wo ist der Mann, dessen Lebenskunst ein Ge­spräch vermeidet, in dem eine geschickte Frau die bestimmende Frage ihres Lebens gestellt haben will.

Mia sah entzückend aus, als sie in den Salon zurückkehrre, wo Wenzel sie seit einigen Minuten erwartete.

Das bereitgestellte Teezeug blinkte in silberner Selbstverständlich­keit, und sie begann mit ihren schmalen zarten Händen den Tee zu machen.

Bald kam durch ihr anmutiges Plaudern ein Geist der Gemüt­lichkeit ins Zimmer, stark genug, selbst dem Schüchternsten und Schweigsamsten die Zunge zu lösen.

Ein leichter Rosenduft, der Rauch einer guten Zigarette, die zart sicheren Bewegungen der schönen Frau, das trauliche Flüstern des Samovars dies alles war fo recht dazu angetan, einem frischen und gesunden Sinn jenen Wunsch zu erwecken, dessen Erfüllung die Rätsel des Lebens zu lösen scheint und doch nur ein neues Rätsel an des anderen Stelle rückt. Wenzel fühlte sich in der Nähe seiner Freundin von allen Schönheiten des Daseins umsponnen, folgte schier träumerisch ihren anmutigen Reden, sah sie bewundernd an und nahm mit einem dankbaren Blick die duftende Tasse aus ihrer Hand.

Aus dieser Hand möchte ich mein Glück entgegennehmen", meinte er leichthin und sagte dann mit ernsterer Betonung:wer fein Schicksal von Ihnen empfängt, hat sicher Glück."

Leise zitterten ihre Finger. Er merkte es nicht.

Das sagen Sie mit einem Lächeln, mein Freund, als wäre es ein beliebiges, nichtssagendes Kompliment, trotzdem . . ."

Die schöne Frau unterbrach sich, ließ einen warmen Blick über ihn gleiten, stand auf, nahm die Briefe vom Schreibtisch und hielt sie hin mit unverhohlener Freude.

. . . trotzdem ich Ihr wirkliches Schicksal in meinen Händen halte. Nehmen Sie die Papiere und lesen Sie die Sache mit Ver­stand."

Dies klung kühl und vorüberlegt, aber mit Innigkeit setzte sie hinzu, als er die Briefe erstaunt an sich nahm.Ich hatte mir schon lange in den Kopf gesetzt, daß Sie die große Neuigkeit in meinem Heim erfahren."

Dann betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit seine Züge, sah, wie gierig seine Augen die frohe Nachricht tranken, wie leise, mühsam verhaltene Bewegung durch die kräftig starke' Gestalt zuckte und hörte kaum vor lauter Schauer, daß er mit tiefer Enpfindung, beinahe tonlos vor sich hingesprochen, sagte:

Und Ihnen danke ich das."

Ausruhend, lässig, lehnte sie sich in der großen, bequemen Ber- göre zurück. Sie genoß die Freude, ihm diese Ueberraschvng be­reitet zu haben und träumte in eilender Gedankenfolge, welche Glückmöglichkeiten sich an diesen Anfang knüpfen können.

Mein sehnlichster Wunsch ist endlich erfüllt. Sie ahnen noch nicht, wie verpflichtet ich mich Ihnen fühle."

Er nahm ihre Hand und küßte sie mit Andacht.

Da denken wir Männer, Wissen und Arbeit führen allein zum Ziel."

Sie lächelte.Wissen und Arbeit ermöglichen unsere Hilfe. Wenn wir geschickt Verbindungen knüpfen, mutz doch etwas da sein, wa» man verbinden kann. Ihnen stehen arbeitsreiche, und ich hoffe er­folgreiche Jahre bevor."

Sie entzog ihm langsam die Hand und steckte sich eine Zi­garette an, um die aufkeimende Bewegung zu verbergen.

Er sah aus, als ob er etwas ganz Besonderes auf dem Herzen habe und nur das richtige Wort noch nicht formen könne.

Sie wartete zurückgelehnt in seliger Unbefangenheit.

Das Paradies hat eine kleine enge Tür mit einem Schlüsselloch, das gerade so groß wie unfer Augapfel ist. In Augenblicken froher Erwartung werfen wir einen Blick durch dieses Schlüsselloch. Geht unser Wunsch in Erfüllung, dann öffnet sich eine Spalte der Tür und wir fühlen einen Abglanz der himmlischen Seligkeit. Das nennt man den Himmel auf Erden.

Mia blies den Rauch ihrer Zigarette m einer kleinen Wolke vor sich her. Es bildete sich ein Ring und sie schaute ihm sinnend nach, als könne man durch ihn das Paradies erblicken. Der Ring verlor sich in der Luft.

Wenzel aber suchte vergebens nach Worten.

Ein Mann, der fein Leben lang auf sich selbst angewiesen war, viel Bekannte und wenig Freunde hat, ist des Anvertrauens unge­wohnt. Wo er fühlt, fällt ihm das Sprechen schwer. In diesem Augenblick fiel ihm in Mias Wesen etwas Besonderes auf und es durchzuckte ihn unwillkürlich ein Argwohn, ob sie nicht ... er r«er- sckeuchte den Gedanken. Aber wieder fuhr ihm die Frage durch den Sinn, warum sie sich für den entfernten Vetter so viel Mühe ge­geben? Duster Zweifel machte ihn verlegen, und sein Gespräch tastete ins Ungewisse. ... ,

Das gab der- schönen Frau desto größere Stcherhett, sie ermutigte ihn, von sich selbst zu erzählen, fragte nach Beziehungen aus der