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von Wil bekommen als sei« Kostgeld — aber eine Sommerveise tnrixi) füufimti>5U>üiuig Bäder Halle er unternommen als feiner Herr, und Im Winler hatte er die Wein-, Bier- und Singspiel- Hallen der Hauptstadt bereist — reisen kostet Geld, und lustige Kameradschaft kostet Geld — Onkel Ede war längst fertig.
Langbeinig rannte ec nach der Fleischergasse und bat um des Vaters Hilfe.
„Soso! Sieh mal an. Jugend hat keine Tugend, sagte der Großvater. schüttelte den Kopf, stand auf und ging an den Wandschrank.
Das Laufen wurde ihm sauer, deshalb nahm er seine Wege zusammen, und füllte gleich das Semmelkörbchen. — „Lisbeth, wir müssen Geld haben, das ist das letzte."
Darauf nahm er ein Bündel Papiere aus dem Schrank und schob ste dem Sohne hin. „Da such' dir aus. Junge, was du brauchten kannst."
Ed« griff zu und legte dann Blatt für Blatt, wie er's betrachtet hatte, au? den Tische sein Gesicht wurde immer sorgenvoller.
Ja, der Großvater hatte sein Geld gut angelegt — an Segenswünschen und freudentränenreichem Dank würde es Zins tragen, aber dem Stadtgefchäft konnte er mit seinen Papieren nicht Helsen
Das waren Schuldscheine armer Witwen und mittelloser Handwerker. Das waren Hypotheken auf sumpfige Wiesen, die einer zu entwässern Hoffte, und auf dürreS Land, das gewiß noch dermaleinst Frucht tragen würde.
Schuster Knüttchsns Schein war nicht dabei, der hing über des Großvaters Bette, aber den hätte Ede auch nie und nimmer benutzt — beim er war ein anständiger Kerl.
Am aussichtsdollsten schien ihm die Hypothek auf den Roten Hirsch, und Flora wurde abgeschickt, um den Wirt zu holen.
Der kam. freundlich. beflissen nach seiner Gewohnheit, als er aber hörte, um was es sich handelte, fror er ein, legte die Hände auf dm Rücken, damit man gleich sähe: gegeben wird nichts, und redete beinah grob. So was müsse ordnungsmäßig gekündigt werden und zählen könne er seht nicht, und wenn kie etwa klagen wollten, dann käme der Hirsch untern Hammer, dann kriegten sie überhaupt nichts auf ihre Hypothek, denn den letzten bissen allemal die Hande. Sie sollten sich lieber hübsch gedulden, ginge das Geschäft gut. so sollten sie sogar ein paar Zinsen kriegen mit Gottes Hilf«.
„Schwamm drüber, Großvater", sagt« Ede, und stopfte die sicheren Anlagepapiere wieder in den Wandschrank. „Ra, da muß ich doch wieder in die Stadt und beim Kehraus helfen."
Er stülpte den Hut auf den Kopf und ging. In der Tür drehte er sich noch einmal um: „Baler — ohne Geld war's bequemer." —
Der Kehraus in der Stadt war einfach: Die Rolläden wurden heruntergelassen und Siegel vorgelegt. Dann krähten Vierling und Kompanie an Geld zusammen, so viel sie noch hatten und kriegen konnten, und als das nicht langte, kam der neue Hausrat und das Rebenhaus zum Verkauf.
Das Haus brachte nicht viel: was einer haben will ist kostbar, was einer los werden will, gilt keinen Pfifferling.
Erst als die Plüschmöbel davongetragen wurden, glaubte Frau Vierling an das Ende ihrer Herrlichkeit. Schluchzend und schreiend lief sie durch die Dsrbindungstür in daS alte Haus und versteckte sich aus dem Boden.
Hinter ihr schloß der- Maurer den Durchbruch wieder fest und dauerhaft zu. , ___
„Ra." sagte Schwager Knüttchen. „das Haus und die Möbel hätte ihnen der Alte schon lassen können. Daß er im übrigen die Lotterwirtschaft nicht gehalten hat. war recht und billig.
Frau Jettchen räusperte sich, sah ihren Mann von der Seite an. räusperte sich noch einmal und antwortete endlich: „Der Vater soll auch nichts mehr haben."
„Blech", sagte der Schuster: aber seine Frau wußte eS von Lisbeth, und was die erzählt hatte, klang schon so, als ob's wahr wäre.
So waren sie mit dem Geld umgegangen, alle drei? Mit dem schönen Geld, mit dem einer die Welt erobern konnte und die Kundschaft? In einem Jahr? — Hundertfünfzigtausend Mark? — Knüttchen puffte den Stuhl, daß er polternd umfiel, und ging zornig hinaus.
In der Fleischergasse glaubten sie es auch erst, als der neue Hausrat versteigert wurde; obgleich sie seit Wochen davon redeten, wirklich geglaubt hatte es keiner.
Run wußten sie's, und stärkten sich mit moralischen Betrachtungen, mit „Jaja!", „Eiei!" und „Ich hab' es mit gleich gedacht, dazumal. Rur schon so was Gotteslästerliches, wie daS Semmelkörbchen."
„Gucke da. Frau Rachbarin", ries die Muhme Peterlein zum Fenster heraus. „Sollten Sie die einzige fehl, die nicht auÄ Großvaters Semmelkörbchen genascht hat?"
Da brummte die Frau, die anheim brummten mit, gingen ein Stück seitwärts und verhandelten dort den angenehmen Klatschstoff weiter. Schade nur, daß sie da den himmelblauen Anstrich und deS Großvaters Hausvers nicht so bequem sehen konnten, wie vor Peterleins Fenster.
Ja, Anstrich und VerS nahm den Vierlings keiner, sonst aber war die Herrlichkeit Verblasen wie ein Traum beim Morgenlicht.
Sie saßen wieder um den wackligen Tisch unten in dev Werkstatt und konnten die Brüche zählen, die die Semmelkörbchsn- liebhaber während dieses Jahres in das glanzlederne Sofa gesessen hatten.
„Das unnütze Volk, das auf unsere Kosten lacht", stieß die Frau schluchzend hervor. „Wenn ich bloß nicht hier säße und die vergnügten Gesichter der Gasse sehen müßte. Großvater sollte verkaufen."
Aber Großvater wollte nicht. „Hier bin ich arm gewesen, hier bin ich reich geworden, hier will ich sterben."
„Ra ja," sagte Vater Jule mit einem tiefen Seufzer, „da müssen wir halt wieder was schaffen, — sauer wird's einem schon ankommen."
„Ja. du hasts nötig." sagte der Großvater, „ich nicht, ich hab' meine Papiere, aber ich tu's, weil die Arbeit mir Spaß macht." — Das redete der Hochmut. Onkel Ede aber dachte: Der Alte ist schwach; laut sagte er: „Ich werde Geselle irgendwo, die Fleischergasse hab' ich über, aber anderswo macht mir vielleicht auch die Arbeit Spaß, in einem kleinen Rest, wo einen die Mädel anlachen und die jungen Männer anstaunen, weil man ein Taugenichts ist."
„Wie is das nur, Onkel", fragte Flora, „es is alles so komisch — krieg ich mein Sammetkleid nicht wieder?"
„Hm. — weiß ich nich — mir is auch komisch — als hält ich einen Grogtraum gehabt", antwortete der Onkel, setzte sich zu Großvater auf den Tritt und trennte einen kränklichen Kragen von des Rendanten Hausrvck ab — wie vor einem Jahre, der war eben auch wieder so weit. ,
Ein verdammt hübscher Traum ist's gewesen, dachte der kleine Ede. dann flüsterte er Lisbeth ins Ohr: „Ru paß mal auf. Liesel, wie ich stvebern kann — o ja. ich kann — jetzt weiß ich wies tut, jetzt will ich wieder hinauf! Dem Großkopf seine Margret gefällt mir Heute noch besser als vorgestern."
Lisbeth schwieg, sie wußte nicht, ob sie traurig oder fröhlich sein soflte. Traurig? das war nicht möglich — höchstens mitleidig — allerhöchstens — ganz tief im Grunde ihres Herzens regte sich ja doch eine heimliche, unbändige Freude.
Wenn nur die Mutter nicht immer geheult hätte, diesem Heulen gegenüber kam sich die heimliche Freude gar zu sündhaft vor. und das böse Gewissen schrak so heftig zusammen, als es an die Tür klopft«. daß Flora aufmachsn mußte.
Knüttchen stand draußen — Herr Rudolf Knüttchen, — nicht mehr wütend, sondern verlegen.
„Darf ich rein?" fragte er, weil ihm keine andere Anknüpfung einfiel, und da zogen ihn die Kinder über die Schwelle.
„Onkel Knütt, Onkel Knütt! Wann bäckt Tante Jettchen das nächstemal Spritzkuchen?“ ,
Da lachte er, weil ihm der heimliche Raschbesuch entfiel, und nach dem Lachen ging's ihm glatt von der Zunge: „Höre mal, Vater, ich hab' Glück gehabt mit deinem Borg — behalten tät ich das Geld ja gerne noch ein Weilchen, aber du mußt mich schon Zinsen zahlen lassen, wo ich so viel damit verdient habe. Vier Prozent sind ja wohl genug, nich wahr?" -- ästnd damit zählte er zweihundert Mark bar und blank auf den Tisch
„Das wäre vom ersten Jahr."
„Zweihundert Mark?" sagte Onkel Ede, „potz tausend! Da find wir ja wieder Kapitalisten."
Großvater aber stand auf, ging in die Kammer, klettert« aufs Bett und nahm den Schuldschein herunter.
Dann erst strich er das Geld ein und schüttelte Knüttchen die Hand.
„Ich nehm's, Schwiegersohn, nich daß ichs brauchte — dort hab' ich meine Papiere — aber für die da nehm' ich's. Du bist ein ganzer Kerl, Schwiegersohn. Äu fehlt nur noch Lisbethen ihr Karl. Dem schreibe ich morgen, ich will meine Kinder versorgt sehen. Inzwischen könnt Ihr die Peterlein holen, wenn sie zu Hause tfL"
Lisbeth flog über die Gasse und suchte Frau Peterlein. Die kam ohne Ziererei; wie hätte sie nachträglich sein können, wo Karls Mädel sie zur Versöhnung holte, das litten schon ihre Sprichwörter gar nicht.
Diel Redensarten von der alten Geschichte machten fte nicht beim Wiedersehen in der älnterstube, was immer das Gescheiteste ist; aber sie setzten sich zusammen um die Kaffeekanne, und Lisbeth schenkte ein. Rur Großvater blieb oben auf seinem Tritt.
Slöhlich rief er: „Lisbeth!"
nd als das Mädchen zu ihm hinaufgesprungen war, fragte « halblaut: „Lisbeth, was is im Semmelkörbchen?"
„Schwarzbrot, Großvater."
Da lachte er leise vor sich hin.
„Schön, schön, wenn's nur nicht leer ist."
Gchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R Lange. Gieße«.


