Ausgabe 
11.5.1926
 
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sich ein herrliches Tor, in dem eine Dam« von leuchtender Schön­heit sah und ihm liebend die Arme entgegenstreckte.

Später begegnete dem Jüngling derselbe Ritter, der ihm das Maultier geschenkt hatte. Als er ihn fragte, was die seltsamen Landschaften zu bedeuten hätten, erklärte ihm sein Wohltäter, daß er zuerst über die Wiese der Geizigen geschritten sei, denen alles in Hülle und Kille zu Gebot gestanden sei, die aber nie etwas sür gute Zwecke getan hätten und die ohne Liebe gewesen wären. Der Blutstrom führt das welterlösende Mut unseres Heilands. Der Palast, in dem sich die Bewohner gegenseitig! verfluchen und verwunden, sei der Palast der Hölle. Die fetten Rinder auf der Sandstrecke sind die fleißigen Arbeiter, die während EeS Erdenlebens von ihren Herren ausgebeutet wurden. Die schöne Frau endlich im Tor ist unserer aller Mutter, die Heilige Jungfrau, die uns liebend erwartet.

Als der Jüngling nun von feiner Wanderung heimkehrte, fand er den Palast seines Vaters in ein Kloster verwandelt. Ein frommer Mönch begrüßte ihn und er erfuhr, daß er wenigstens 200 Jahre im Reichs der Wunder gewandelt habe. Er selbst trat jetzt als Mönch in das Kloster ein, legte sein Gelübde ab und soll heilig gesprochen worden sein.

Das Feuer auf dem Herde ist langsain heruntergebrannt. Die Kinder sind müde geworden und schlafen ein. Auch die Treiber wickeln sich in ihre Decken, unterhalten sich über seltsame Er­lebnisse auf der Landstraße, klagen über den schmalen Verdienst, erzählen sich Geschichten von Spuk und von Wundern und träumen allmählich dem Morgen entgegen. Die Märchengestalten aber ziehen sich in das Gemäuer der Ruine zurück oder huschen auf den Wolken davon, wenn sie von den ersten Strahlen des Morgen- rotes getroffen werden. Dann werden die Maultiere gezäumt, und wieder schreiten die Treiber auf der öden Straße dem Morgengrauen entgegen, tagein, tagaus, bis sie in der Dunkelheit verschwinden.

Dostojewski als Journalist«

Don Julius Meier-Graefe*).

Dostojewski hat sich schon ganz früh mit Journalismus ab­gegeben und wollte sich in den allerersten Jahren an der Grün­dung einer satirischen Zeitschrift beteiligen. Rach seiner Rückkehr aus Sibirien wurde er Journalist. 1861 gründete er mit dem Bruder Michail die ZeitschriftWrenije" und widmete sich ihr mit Energie. Die Zeitschrift wird nach zwei Jahren erfolgreichen Bestehens infolge eines Irrtums der Zensur verboten. 1864 folgt ihr di« ..Epoca". Dostojewski überlastet sich mit redaktioneller Ar­beit, uird nach dem Tode des Bruders opfert er vergeblich ein Vermögen, um die Zeitschrift zu halten. Rach seiner Rückkehr aus dem Ausland beginnt er wieder und tritt 18Z3 in die Redaktion desGraschdcmin". 1876 gibt er das'ersteTagebuch eines Schrift­stellers" mit nur eigenen literarischen und Politischen Beiträgen heraus, das in freier Folge erscheint. Das letzte Heft wird am Tage vor seinem Tode korrigiert und erschien am 31. Januar 1881, dem Degräbnistage. Es behandelte das Verhältnis der Intellektuellen zum Volke, ein Leitmotiv, das auch schon der Ankündigung derWremja" zugrunde gelegen hat.

Der Journalismus war für den reifen Dostojewski der Mutter­boden der Dichtung. Er hat einmal ganz unverhohlen ausge­sprochen. er halte den Journalisten für wichtiger als den Dichter. Der Ruhen. des aus dem Alltag gewonnenen Beispiels galt ihm unter Amständen, die er zu beurteilen wußte, mehr als die der Zeit entrückende Abstraktion. Natürlich ließ sich vieles dagegen sagen, sobald man die Amständ« übersah, zumal den wesent­lichsten. den Menschen, der das aussprach. Die westlich gerichteten Aestheten Petersburgs sagten es mit Entrüstung. Er antwortete mit feinem Beispiel von dem menschenmordenden Erdbeben in Lissabon, das einen Lyriker nicht abhält, eine wohlgereimte Hymne ohne Zeitworte" an die Morgenröte zu dichten und am Tag nach dem Unglück in die Zeitung zu setzen. Darauf wird der Dichter auf offenem Markte gelyncht.Keineswegs weil er ein Poem ohne Zeitwort geschrieben, sondern weil man gestern statt der Rachtigallentriller unter der Erde ganz andere Triller vernommen hatte und das träumerische Wiegen der Wellen in diesem Augen­blick. wo di« ganz« Stadt wogte, als Beleidigung des Literaten empfand." Run könne man ruhig die vollendete Schönheit des Gedichtes annehmen. Womöglich habe es sogar später den Lissa­bonern großen Ruhen gebracht, da es ihr Gefühl für Schönheit vertiefte. Ja, die nächste Generation habe dem Gelynchten auf demselben Marktplatz ein Denkmal errichtet. And diese Generation hatte genau so recht wie die vorige.Richt die Kunst war schuldig, sondern 6er Dichter, der sie in einem Augenblick änwandte, wo sie zum Riißbrauch werden mußte."

Die Zeitschriften Dostojewskis sind doll solcher Fingerzeige des gesunden Menschenverstandes, aber enthalten auch Banali­täten. Es kam dem Journalisten nicht auf Feinheiten an. An- zweideutiger Ausdruck der Meinung war wichtiger als Esprit. Er lachte aber die allzu Gewissenhaften, die bei jedem Feuilleton an die gesammelten Werke dachten. Dersehte man dem Leser eine dicke Pille, muhte man sie mit zwei oder drei leichten verdaulich machen. Dostojewski gestand solche Richtlinien mit größter Offen­heit. Für Fernstehende, die nicht das letzte Ziel des Redakteurs

*) Dem soeben erscheinenden WerkeDostojewski, der Dichter" des Verlages Ernst Rowohlt, Berlin, entnommen.

kannten - und wie hätten das Mitlebende vermocht! näherte sich die Leitung derWremja" zuweilen bedenklich der üblichev Zeitungsroutine, die im Abonnentenfang das Ziel aller Wünsche erblickte.

Er zuckte ungeduldig, wenn man ihm dergleichen vorwarf, und ging weiter. Das veröffentlichte Material gibt nur einen Teil des Amfamgs feines Journalismus. Gr hätte zehn Redaktionen! mit Ideen ausstatten können. In den Rotizbüchern wimmelt es von aktuellen Themen, mit denen er sich trug, oder die er anderen suggerierte. Zu jeder Aeüherung der Lagespresse, die seine Kreise berührte, nahm er Stellung. Er hat in Petersburg wenig freie Minuten gehabt.

Dieser Journalist hat die Romane gedichtet, und auch der Romancier hat keineswegs das Ansehen seiner gegenwärtigen oder zukünftigen Persönlichkeit, sondern seine Aufgabe vor Augen gehabt. Auch im Roman blieb ein Plauderton, den man feuille» tonistisch mennen kann und der nach üblicher Auffassung nicht der Würde des -Dichters entspricht. Dieser Ton ist Dostojewskis Neu­heit, sein Geheimnis, seine Technik, das natürliche Kleid deS Volksdichters. Mit diesem banalen Ton gelingt es ihm, seinen Lesern die sublimaten Dinge einzuflöhen. Plaudernd bleibt er ihnen nahe, und sie merken gar nicht, wie die Gewichte zunehmen, wie di« Gedanken immer tiefer dringen und die Amrisse wachsen. Ein Pfuschen ist ein Verfahren. Es nimmt vom zeichnenden Kinde di« spielerische Stichelei und tastet sich allmählich zu geschlossener Erscheinung hin. Er konnte seinen Journalismus nicht mit Vor­gängern im eigenen Beruf geltend machen, Wohl aber mit Be­rufung aus die ihm unbekannten großen Pfuscher in der bildenbett Kunst, die mit diesem Iournalistentum neue Wege der Beseelung sanden und eine blütenreiche Geschichte begannen. And sein In­stinkt hätte sich auf den größten, von ihm über alles verehrten Menschen unserer Welt berufen können. Mit einem artverwandten Journalismus Hat Christus feine Kirche gebaut.

Die Bewegung der Himmelskörper.

Von Arthur Stenzel.

Der Astronom hat manche Eigenschaft mit dem Forschungs- veisenden gemeinsam. Wie dieser mit zähem Mui. in die weite, noch von kei!nes Menschen Fuß betretene Sandwüste vordringt, um durch neue Entdeckungen das Wissen von unserer Grdenwelt zu bereichern, so strebt auch der Astronom mit rastlosem Eifer in der unermeßlichen Sternwüste vorwärts, nur von dem einen Ziel beseelt, zur Lösung der großen Rätsel und Probleme des Alls sein Teil mit beizutragen. Längst schon zu eng ist ihm unser Planetensystem mit seinem bescheidenen Durchmesser von nur 60 Sonnenweiten oder 9000 Millionen Kilometer geworden, fein Hauptinteresse gilt heute der Stellarastronvmie, der Erforschung der Fixstern- und Nebelwelten und ihrer ungeheuren Verbände.

Wenn die Völker des Altertums und auch noch die Gene­rationen der ersten anderthalb Jahrtausende unserer Aera sämt­liche Sterne mit Ausnahme der fünf ihnen bekannten hellen Wandelsterne, der Planeten, für ewig unveränderlich feststehenjd hielten und sie deshalb stellae fixae, Fixsterne, nannten, so darf uns das nicht wundernehmen; der Aegypter, Babylonier und Chinesen Jahrtausende lang fortgeführte Beobachtungen zeigten die Anordnung der Gestirne in den zu Bildern symbolisch zu­sammengefaßten Gruppen in einer gleichen Gestalt. Wohn ahnte schon der berühmte griechische Astronom Hipparch die Gigen- bewegung der Fixsterne, vermochte sie aber mit seinen primitiven Hilfsmitteln nicht nachzuweifen und entdeckte dafür die Präzession, das scheinbare Dorrücken aller Sterne parallel der Ekliptik von Westen nach Osten, eine Folge des Zurückweichens des Frühlings- Punktes von Osten nach Westen. Der Fixsternhimmel blieb in den Anschauungen noch lange ein starres Gewölbe, bis es endlich Hailey 1718 gelang, durch einen Vergleich des Sternverzeichnisses Flamsteeds mit dem Almagest des 1580 Jahre früher in Alexan­drien lebenden und beobachtenden Ptolemäus die Eigenbewegung mehrerer Sterne unzweifelhaft festzustellen.

Als unabänderlich stillswhend, als Mittelpunkt der Welt, wurde im Altertum und Mittelalter erst recht die Erde selbst angesehen. Trotzdem bereits der im 5. vorchristlichen Jahr­hundert lebende Pythagoräer Philolaos die Bewegung der Erde um ein Zentralfeuer nicht die Sonne behauptet und Aristarch von Samoa wie Seleukos von Seleukeia im 3. Jahrhundert vor Chr. die Bewegung unseres Planeten um die Sonne richtig er­wiesen, zudem noch Ekphantos und Hiketas die Achsendrehunfg der Erde gefordert hatten, konnte sich doch das heliozentrische System (mit der Sonne als Mittelpunkt) nicht durchsetzen, da das namentlich durch Eudox, Aristoteles, Hipparch und Ptolemäus vertretene geozentrische System (mit der Erde als Mittelpunkt) zu mächtig war. Es bedurfte erst des genialen Lebenswerkes eines Kopernikus, der nach Franz Bolls vortrefflicher Astronomie- Geschichte feine griechischen Vorgänger nicht nur gekannt, sondern auch genannt hat, um dem heliozentrischen System endgültig zum Siege zu verhelfen.

So ist der Gedanke des alten HerallitPanta rhei", alles fließt, alles bewegt sich, wenn auch erst lange nach ihm, Ge­meingut geworden, hat fich die das All vom Atom bis zur Milchstraße umspannende Weltanschauung eines Demokrit zum größten Telle bewährt. Aufgabe der neueren Zeit war es bann, den von den Vorfahren begonnenen Rohbau zu vollenden und weiter auszugestalten. Dank der stetig zunehmenden Dervollkomm-