256

Sie wehrte sich, da füllte er sie flink auf den Mund und nahnt ihr mit diesem Kuß die Kraft, Widerstandslos hingegeben schmiegte sie sich an ihn und erwiderte seine Küsse mit weichen, zärtlichen Lippen.

Morgen reden wir weiter", raunte er da, da kam die Mutter mit dem frischgebrühten Kaffee und tat, als sähe sie nichts von den beiden Liebesleuten vor Einschenken und Zuckerumrühren.

Morgen komm' ich, Annelies!"

Ja, wie wir ausgemacht haben", erwiderte sie und war wieder die Besonnene, Willensstärke.

Am Abend stand sie bang am Fenster und sah auf das grau- bleiche, von kaltem Regen überschüttete Tal. In dem Tannenforst, der hinter dein Buchenwald hinanstieg, lagerten Nebelfchwaden, und über der dunklen Rheinebene schrvamm ein rostgelber Schein. Die Vogesen waren ertrunken in Dunst und Trübe.

In drei Monaten oder nie? Also nie! Wenn jetzt ein Wunder geschähe und der Hans käme heim, aber gerade so "gut konnte ein Unglück geschehen, und der Tod trat ein. Sie biß die Zähne zu­sammen und zwang ihre meisterlosen Gedanken zur Ruhe.

Morgen kommt der Berthold,J$ater", sagte sie, als sie ihm gute Rächt wünschte.

Ist recht. Sag', ist ein Brief da?"

Rein, so wahr ich lebe. Ich sag's dir sicher, ich habe ja dein Vertrauen."

Wenn er dnrchtonnnt er ist ein witziger Bub wenn er durchkommt einer, der'» Heimweh hat, kommt durch. ,Aus allen vieren1, hat er geschrieben so einer kommt durch."

Ja, Vater!"

Sie schlief, müd vom Denken, einen unruhigen Schlaf, in dem wirre Träume spukten, und war sehr blaß am andern Margen.

Der Forstmeister saß hochgestützt in den Kissen, als sie den Bert­hold zu ihm führte.

Eine weiße Sonne stand kalt und strahlenlos am grauen Himmel. Die Knospen froren.

Rach den ersten Worten der Begrüßung wollte Annelies das Zimmer verlaßen.

Da bat Berthold den Vater:

<vagt der Annelies, sie soll bleiben; was ich zu sagen habe, geht sie zuerst an."

Eine rote Welle stieg in da? Gesicht des Mädchens, um schnell wieder zu verschwinden. Sie wußte, daß er zu einem Entschluß ge­kommen war.

Wenn's dem Vater _red)i ist, bleib' ich gern!" entgegnete sie ruhig trotz des schweren Schlages ihres Herzens. Und trotzig gab sie dem Geliebten den Blick zurück, als wären sie Feinde.

Ich weiß nicht, was ihr habt. Setzt den Tag an, an dem ihr Hochzeit machen wollt. Mehr braucht es nicht zwischen uns."

Im Gesicht des Kranken stand plötzlich wieder der bittere Zug, und die Weichheit, die ihn feit seiner Krankheit gepackt hielt, wär der alten Härte gewichen.

Rein, jo einfach ist es nicht!" versetzte der Ingenieur.Liber erst soll die Annelies reden. Wir wollen nicht Berstecken spielen mit- einnnder!"

Doch ehe Annelies antworten konnte, fuhr der Forstmeister in die Höhe.

Heilands Donner, was gibt's da zu reden! Du hast angefragt um die Annelies, und die Annelies krankt sich nach dir. Ich will doch sehen, ob ihr nicht in sechs Wachen Hochzeit macht, wenn ich's will!"

Nein, Vater, jetzt will ich nicht, so nicht!" rief die Annelies laut, und nun erhob auch Berthold Nokk die Stimme, und einen Augenblick verstand keiner den andern.

Dann nagten sie alle an den Lippen, und die weiße, kalte Helle stand fahl in der Krankenstube und warf die Schatten an die Wand.

Da begann Berthold Nokk ruhig und sachlich zu erzählen, daß die Annelies nicht heiraten wolle, weil sie den Vater nicht verlassen könne in seiner Krankheit und in seiner Not um den Sohn.

Das kommt auf m i ch an", murrte der Forstmeister dazwischen, aber es war keine Kraft mehr in seiner Widerrede.

Der Berthe! hat gesagt, wie es ist, Vater. Und ich, ich hab' es dir gesagt, eh' du den Brief geschrieben hast, daß ich bei dir bleibe."

Wie lange, Annelies?" fragte der Forstmeister barsch.

Bis du gesund bist und" sie stockte.

Unsinn, bis ich ein stiller Mann bin, aber das Kreuz mit dem Bub ein Ende hat, willst du sagen!"

Und ich hab' ihr erklärt, daß ich nicht länger warte als drei Monate!" warf Berthold ruhig ein.

Das hat er dir erklärt!" brauste der Alte auf.Und du gibst dich drein!"

Nein, Vater!" entgegnete sie kurz und traf dicht an sein Bett, als müßte sie für immer bet ihm bleiben.

Da stand Berthold Nokk auf.

Wir haben alle drei unsere Köpfe und es nutzt nichts, wenn wir fte immer gegeneinander stoßen. Ich weiß nur eins, um die Sache vmt guten Ende zu bringen, und hab' es seit gestern wohl überlegt, und deshalb bin ich gekommen und habe die Annelies ge­beten, fc.tbei zu fein, wenn ich's erkläre. Also ich gehe nach Algerien und hol' den Hans heraus, dann hat die Qual ein Ende "

Berthel!"

Mit einem Sprung war die Annelies bet ihm und riß ihn mit einem ungestümen Schwung in die Arme, daß er wie ein Büblein

an sie hinfank. Sie mußte ihn aufrecht halten, sonst wäre er gefallen. Der Forstmeister lag ganz still und starrte aus die bleiche Helle, die über dem schwarzen Wald im Fenster stand. In seinen Auqen- wmkeln glitzerte es feucht.

J^s fje sich geküßt hatten und wie schuldbewußt auf ihn hin- buckten, bewegte er leise die Lippen und sagte lautlos vor sich bin: Auf allen vieren auf allen vieren!"

eie traten an sein Bett und suchten in stummem Hebe rein« kommen seine Hände.

Da rtchtete er sich höher auf und zwang die Erregung. Eine große Ueberwinbung sprach aus seinen Zügen.

»Das dankt bir seine Mutter, Berthold. Ich weiß, daß er ein verbrauchter Mensch ist. Er wird nie seinen Platz ausfällen. Em Krüppelbaum, der verkümmert und verdorrt. Aber wenn es sein tarnt, jo soll er daheim sein letztes Ende finden. Nicht dort, wohin es ihn gewirbelt hat wie ein dürres Blatt. Du hast gejagt, du gehst ihn holen. Da red' ich kein Wort dawider, denn der Entschluß stt dein eigen, und du kannst ihn dir nur von einer, nur von der Annelies bezahlen lassen. Ich will dir auch deinen Vorsatz nicht ins Licht setzen und von den Schwierigkeiten und Gefahren reden, denen bu entgegengehst. Das macht ein jeder mit sich selbst aus, ehe er Jagt: das tu ich und das laß ich. Und also kann ich dir mir eins versprechen: ich will nicht im Beit liegen, wenn du zurückkehrst oder Bericht von dir kommt aus Afrika, sondern auf den Füßen stehen, damit ich einen guten Stoß wie einen schlimmen aufrecht erwarten kamt. Das ist alles. Nun laß mich allein. Und daß du es weißt, Annelies, du kriegst einen braven Mann!"

Wenn ich ihn krieg, Vater, wenn er nicht drüben"

--Du kriegst ihn", unterbrach er sie und saß aufrecht im Bett, bas weiße Glanzt-cht des umflorten Himmels in den trüben Augen.

Berthold legte feine Hand in die ausgestreckte Rechte des Forst­meisters und fühlte sich plötzlich zu ihm niebergeriffen. Einen Augen­blick fuhr der graue Bart in blinder Rührung über sein Gesicht, dann drängte ihn der Kranke weg und kehrte sich zur Wand.

Leise verließen sie die Stube.

. Die Dächer von Roüach glühten wie Bronze iu dem schräg fallenden Licht. In ber Rheinebene blitzte der graue Strom, und über den violetten Massen der Vogesen schillerte ein weinroter Himmelsstrich.

91)1' erregter Atem stieg als weißes Räuchlein in die frostige Lust. Sie gingen zwischen den nackten Beeten, in denen nur die Primeln blühten, zum Scheitholz und blieben hier im Schutz des Hauses einen Siugenblitf stehen.

Wann willst du reifen, Berthe!?"

In drei Tagen. Ick) hab' noch in Mannheim eine Frist für meinen Eintritt ins Bureau zu erwirken und muß Geld von der Sparkasse erheben. Die Mutter nimmt die Briefe in Empfang, damit euer Name nicht genannt werden muß."

Was sagt Seine Mutter?"

--3ch sollte nicht statt des armen Hans eine schöne Zigeunerin heimbringen", erwiderte er trocken.

Dl), du Schlimmer", erwiderte die Annelies zärtlich, und ein heller, heiterer Schein verklärte ihr ernstes Gesicht.

Er zog sie enger an sich.

Set ruhig, es geschieht mir nichts. Ich war nicht umsonst bei den Spamolen. Wenn er noch lebt und in einer Militärstation von Biskra bis Tugurt zu finden ist, so mach' ich ihn los."

Sie schwieg und drückte ihn an sich. Auf einmal war eine große Angst über sie gekommen.

Ich tu's nicht für den Hans", setzte er nach einer Weile schroff hinzu. '

Für mich", murmelte sie.

3o, und weil ich dich zwingen will, du dummes Annelies, weil ich dir den Meister zeigen will, und weil ich dich liebhabe."

Und weil's dich lockt, sag's nur grab heraus", versetzte sie listig.

Er lachte leise auf. Es war ein grimmiges Lachen.

,,3u, recht hast bu, Annelies. Sie sollen ben einen wenigstens nicht ganz kaputt machen!"

Da warf sie ihm die Arme um ben Hals unb küßte ihn zwei-, brei-, siebenmal fest auf ben Mtmb.

Leb' wohl, Berthel, unb komm mir gefunb zurück!"

Um bie Ecke wehte ihr Kleib, bie Haustür schlug an, unb mit starken Schriften ging Berfholb Nokk, ohne sich umzublicken der Stadt zu.

Die Annelies stand in der Küche ans Fenster gedrückt, und die Tränen liefen ihr hurtig über bie Wangen, boch ihr Gesicht war froh unb stolz.

Dieser frohe, stolze Ausbruck blieb ihr nicht immer eigen, aber er kehrte tm Laufe ber nächsten Wochen oft zurück unb wurde so sehr zu einem Teil ihres Wesens, baß ber Vater, bie Rosine, Bert­holds Mutter unb wer mit ihr in Berührung kam, sie gar nicht mehr anders kannten. Im stillen lebte sie freilich angstvolle Tage, und in ihre Nächte traten Sorge unb Sehnsucht unb störten ihr ben Schlaf.

Die Wochen schwanben. Das Tal glänzte in ber Baumblüte, unb fmaragbgrün schimmerte ber Felbberg in ber Sonne. Da kam Rökks erster Bericht. Er war in Bougie gefdjrieben. Das in Bewegung ge­setzte Bataillon ber Frembenlegion, bcm Hans angehörte, war mit einer Eskabron Spahis nach Biskra abgegangen unb hatte von bort aus einen Vorstoß in bie Wüste unternommen. Von Gefechten wußte man noch nichts. Von Tobesfällen unb Ausreißern wenig. Nokk war auf bem Wege nach Biskra. (Fortsetzung folgt)

tzchristleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch-- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.