.4
- 255
Die Heimkehr.
Don Hermann S t e g e m a n n.
tgortf eijung.)
Es war schon eine Weile, daß Annelies die letzten Worte gelesen hatte, da sagte der Vater mit seltsam hohler Stimme: ,
„Er hat mir Lebewohl gerufen. Ich geb's ihm gern zurück. Heim sindet er den Weg ja doch nicht mehr."
,„Auf allen vieren', hat er geschrieben, Vater."
„Laß gut sein, Annelies."
Sie wagte nicht mehr, zu ihm hinzugehen, legte den Brief nig den Tisch und ließ ihn allein. .
Als die Tür ins Schloß gefallen war, wandte er sich um. Die Augen waren gerötet, bis ins Weiß lief ein Spiel blutiger Aeder- chcn, und an den Schläfen bäumten sich blaue, zackige Adern. Aber er reckte den Kopf mit Anstrengung aus den Schultern und setzte die Hornbrille auf, nahm den Brief, hielt ihn hoch unter das Dccken- lämpchen, in dem der Glühdraht zitterte, und las den Brief seines Sohnes. Dann schrieb er mit mühsamen Federstrichen an Berthold Nokk, er gebe seine Einwilligung und seinen Segen zu der Verbindung mit der Annelies.
„Es ist mir recht, wen ihr bald heiratet, ich erleb's gern noch , hieß der letzte Satz.
Gegen Morgen fuhr der Hund, der vor der Tür des Schlafzimmers seines Herrn zu schlafen pflegte, winselnd durchs Haus.
Annelies schreckte aus unruhigem Schlaf, und ehe sie noch an die Tür des Vaters kam, wußte sie, daß etwas geschehen war.
Sie fand ihn im Bett, und em schwer röchelnder Atem stieg aus seinem Mund, und vergeblich war alles Mühen, ihn zum Bewußt
sein zu bringen. Kein anderes Lebenszeichen als dieses qualvoll« Atemziehen.
Der Brief an Berthold Nokk lag im Umschlag, mit Aufschrift und Marke versehen, auf dem Tisch der Brief des Hans, von verkrampften Fingern zerknittert, auf der Bettdecke.
Die Rosine lief zum Arzt.
Am dritten Tage kehrte dem Forstmeister das Bewußtsein wieder, auch die Sprache stellte sich wieder ein, aber eine bleierne Schwere hielt ihn ins Bett gestreckt, und fein Herz schlich müd und schwach. Da trug Annelies auf feine Bitte den Brief an Berthold Nokk auf die Post.
„Erzähl' mir von der Fremdenlegion", bat der Vater, und sie fragte in der Buchhandlung am Markt und in der Volksbibliothek nach Büchern über die Fremdenlegion, und als der Kranke sich über die düsteren Schilderungen erregte und der Arzt diesen Gesprächsstoff verbot, erwiderte sie, es wäre verlorene Mühe, den Vater davon abzulenken. Er lebe nur noch in dem Gedanken an den Sohn.
Zwei Tage später kam Nokk.
Annelies war ihm entgegengegangen und wartete bei seiner Mutter auf ihn.
„Ich wäre gern zu euch gekommen und hätt' den Meltzer um die Gesundheit gefragt." Mit diesen Worten wurde sie von der stait- lichen Frau empfangen. „Aber ich hätt' ihm wüst gesagt und die Leviten gelesen wegen seiner Steckköpferei und der Dienstbarkeit, in die er sich spannt, und so hab ich's lieber gelassen."
„Das hättet Ihr nicht, wenn Ihr ihn in feinem Bett sähet , antwortete das Mädchen ruhig.
„Ja, die Mannsleut — im Bett find sie weich wie Hefenteig , spottete die Mutter des Berthold, aber sie schwieg nun und stach mit ihren langen Klöppelnadeln eifrig ins Garn.
Erst als der Sohn in der Stube stand, legte sie sie beiseite und stand auf.
„Die Mutter geht vor, Annelies, komm her, Beriyel!
Sie faßte ihn bei den Händen und blickte ihm prüfend ins Gesicht. „Grüß dich Gott, Bub, du bist wohl zuwege. Kannst heiraten von mir aus. Da steht die Annelies."
Und ohne ihn zu umarmen, drehte sie ihn mit einem Lächeln dem Mädchen zu, das blaß neben dem Stuhl stand.
Einen Augenblick wartete sie noch, um die jungen Leute zu betrachten, dann gab sie sich einen Ruck und sagte wichtigtuend, sie ginge den Kaffee holen.
„Wellen und Anbrühen muß ich ihn noch, fetzte sie hmzu und lächelte, daß ihr Gesicht ganz hell und jung wurde unter dem vollen braunen Haar, in dem erst wenige graue Streifen glänzten.
Die Annelies war ernst geblieben. Abwehrend, beinahe trotzig stand sie auf dem alten Fleck und bot Nokk nun die Hand.
„So kommen wir endlich zueinander, und du bist mir sogar em Stück Wegs entgegengegangen", begann er und zog sie leise an sich.
„Ja, Berthe!, aber um mit dir zu reden", entgegnete sie und widerstand. , .. _.
„Ich weiß, daß der Forstmeister krank ist, die Mutter hat s geschrieben In seinem Brief war er’s noch nicht."
„Das ist's nicht. Ich komm, um dir zu sagen, daß ich noch nicht ans Hochzeiimachen denken darf; gleichviel, ob er krank bleibt ober gesund wird, ich bleibe bei dem Vater."
„Annelies!" rief er heftig und gab ihre Hand frei.
„Es ist so, Berthe!", versetzte sie sanft.
Er kannte sie und wußte, daß ihr Entschluß gefaßt und unabänderlich war. . „ „ ..
Sie blickte ihn liebreich an. Er halte schon em paar Querstriche auf der Stirn, und von feinem Aufenthalt in Spanien, wo er ein Jahr beim Bau der Pyrenäenbahn beschäftigt gewesen war, hing noch ein gelblicher, (eberfarbener Schein im Wangenrot. Unter bem braunen Schnurrbart preßte er finster bie Lippen.
„Ist's wegen bem Hans?" fragte er endlich kurz.
„Weil er an dem Hans zugrunde geht, allein deswegen ifts, antwortete sie leise.
„Er geht auch so an ihm zugrunde , versetzte er schroff. .
„Wenn der Hans nicht heimfindet, ja. Aber ich will bet ihm sem, Berthcl." . .
„Und [ein Brief, fein Wille! Denn er hat einen Willen, der Meltzer, und mit dem Brief heißt er dich heiraten."
„Ja, und weil er mir meinen Willen tut, so hab ich auch die Freiheit, bei ihm zu bleiben, bis —"
Sie hob die Hände zu einer traurigen Gebärde und ließ sie verstummend wieder sinken. f m ...
„Da hätte ich ja nicht erst zu kommen brauchen , sagte Berthold nach einem Schweigen mit gemachter Ruhe.
Doch mir zuliebe schon", versetzte Annelies, und ihre Lippen zuckten schmerzlich. Und als er nicht antwortete, ergriff sie seine Hand. , . . ,
„Ich geh' jetzt, Berthe!. Komm morgen zum Vater und sag ihm, daß wir warten, bis — ja, bis übers Jahr."
„Hebers Jahr? Sag über zehn Jahre! Woher weißt du denn, daß ich noch langer warten will? Ich kann dir die Bedingung stellen, Annelies, wir heiraten in drei Monaten oder nie."
Sie richtete sich hoch auf, das war die Tochter des Matthias Meltzer.
„Ja, das kannst du, aber bann ist es aus zwischen uns. Ich hab dich viel zu lieb, um mich zwingen zu lassen. Leb wohl, Berthe!!
Hart an ihm vorbei ging sie zur Tur.
Als sie an ihm vorbeigeschritten war, schlang er ihr plötzlich von hinten bie Arme um bie Schulter und hielt sie fest.
und zeigte mir den Plan seines Klosters. Seine Kinderaugen glänzten, ferne hageren Finger führet! leidenschaftlich über den Grundriß und ließen in drastischem ®'<)ärben den ganzen Dau vor mir aufwachsen. null aneinander" jenbe Kirchen, eine große und eine kleinere, et m die Mitte und schlossen von zwei Seiten den nicht sehr großen Kreuzgang ein. Vorhallen, Refektorien, Lehrsäle, Wohnungen, Wirtschaftsgebäude und zwei Brunnen schlossen sich an, zwei gewaltige Türme schützten und zierten den Eingang, und hinten schloß ein ummauerter Park das Ganze ab.
Solange wir über den Plänen faßen, wollte es mir selber unbegreiflich scheinen, daß man heutzutage keine Klöster mehr baue. Mein Freund entwickelte aber nicht nur seine Baupläne. Gr sprach von dem Leben, das in einer solchen klosterartigen Kolonie möglich wäre, die er sich von Künstlern und Gelehrten mit ihren Schülern bevölkert dächte. Er träumte von universal gebildeten, reineren Menschen, von edleren Bündnissen und Freundschaften, von schönerer und zarterer Geselligkeit, von lebendigerer Arbeit itnb bunteren, freudevolleren Festen als man sie heute kennt.
Ich vergesse nie, wie er dabei leuchtete und wie zart und ernst und eifrig seine leise Stimme klang! Das waren die Stunden, in denen er wahrhaft lebte. Wieviel phantastisch ungeheure Pläne hatte er gezeichnet, von Städten, von Lörfern, von künstlichen Inseln und Lagunenbauten! And alle waren nur ans dem Trieb entstanden, feinen Kulturidealen und Zilkunftsträumen eine sichtbare Folie zu geben; sie waren nur Rahmen zu Traumbildern, nur beiläufige Illustrationen zu seinen Lebensgedanken. And noch nie war ihm eingefallen, dem Weltlauf nachzugeben, sein Ideal zu beschneiden, seine Pläne aufs Mögliche und Nützliche zu reduzieren. Lieber litt er Not, lebte von Zeichnungen für Zeitschriften, von Aushilfsstunden und gelegentlichen (Beiträgen in Fach- blättern, als daß er der Wirklichkeit nachgab und schlechthin Architekt wurde, wie er hätte sein sollen. Was lag ihm daran, „einzelne Häuser" zu bauen!
Wir blieben bis spät in die Nacht beisammen. Er erzählte Von seiner Reise, von Fußwanderungen durch Waldtäler und Über Hochpässe, von Art und Lebensweise der Leute in fremden! Gegeiiden.
Dann trennten wir uns fröhlich uiid als wir uns nach einiger Zeit wiedersahen, war der Rest seines kleinen Reichtums dahin, und er lebte wieder in der alten Enge. Ich! war zu ihnr gekommen, um einen Kaffee zu erlangen, aber er hatte auch feinen mehr und wußte selbst noch nicht, wo er heute würde elfen können. Etwas enttäuscht wollte ich weitergehen, da hielt er mich am Arm zurück und nahm mir den Hut ab.
„Nein, Junge, so ganz leer sollst du doch! nicht abziehen. Warte mal!"
And er holte ein Buch, zwang mich zu sitzen und las mir ein paar schöne Seiten aus Wolftam von Eschenbachs „Parzival" vor.
Ich möchte wissen, wo alle seine Zeichnungen und Entwürfe hingekommen sind. Er selber starb früh und unter traurigen Ämständeii, und ich erfuhr es erst, als er schon unteön Boden war. Oft, wenn ich, an jene schönen kecken Jahre denke, sehe ich ihn und höre seine eifrige Stimme und habe das Gefühl, er sei uns allen ein guter Geist gewesen. Auch jetzt noch wenn ich müde und in Gefahr bin, nachzugeben und unsere Hoffnungen von damals Träume zu schelten, brauche ich nur an ihn zu denken, dann weiß ich wieder, daß wir doch recht hatten, und daß es besser ist, sich treu zu bleiben und Zukunftsstädte zu träumen, als einzelne Häuser zu bauen.


