- 254

romanischen Formen, in die Höhe zu streben, gotisch zu werden, so schob dieser Koloß in schlanker Mächtigkeit empor. Das Wunder des Westens, sagen die Franzosen.

.Und wo ward Aehnliches geschaffen., wo durchdrangen sich Raturgebild und Kunst zu solchem Ausgleich? Die Mauern (aus dem 12. und 13. Jahrhundert) sind so innig mit ihrem Funda­ment verbunden, dah Kirche, Kloster und Pfeilturin unmittelbar aus den Wellen in den Himmel wachsen. Mont-Saint-Michel scheint da zu sein, Wolken und Wasser zu verbinden. Eine Insel, die in der Anendlichkeit schwebt.

Sie schwebt. Wenn die Sonne hinter der Kathedrale versinkt, die Mauern sich schwärzen, nur der Insel gigantischer Schatten- rist noch gegen den Himmel steht, während die Spitze des Turms schon von Wolkenschleiern umsponnen wird, entfaltet sich um Mvnt-Saint-Michel die wundersamste Vision. Jetzt hat sich die Insel von der Erde gelöst und schwebt langsam aufwärts. An- endlich einsam ist sie jetzt geworden, hoch und abgeschieden von allem Irdischen, ein heiliges Land. Mont-Saint-Michel ist tot dieser Abendstunde Montsalvat, die unerreichbare Burg, die im roten Gralskelch das verehrte Blut Christi bewahrt.

Der Städtebauer.

Bon Hermann Hesse.

Cs war, glaube ich, früher doch schöner als heute, früher, damit meine ich jene Jahre des Wartens und Hungerns, da unser einziger Besitz ein Paket ungedruckt er Gedichte, abgewiesener Baupläne oder unleserlicher Artikel war. Jetzt sind wir Freunde von damals, soweit wir noch, leben, alleetwas geworden", der eine Redakteur, der andere Professor, der dritte Zeichenlehrer und so weiter. Wir haben geheiratet, wir zahlen unsere Steuer und Miete und essen jeden lieben langen Sag satt und gut, wir genießen sogar das, was wir früherAnerkennung" nannten und- was so anders, so viel saurer und fader schmeckt als wir's uns damals träumten. Ja, wir sind zum Seil geradezu berühmte Herren geworden.

Damals! Damals waren wir norft Lumpen, auf gegebene und von inneren Missionaren aufgesuchte Verlorene, Stammgäste billiger Volksküchen und namenloser Weinkneipen, Hungerleider und Schuldenmacher. Da gab es noch den Klub derEntgleisten", der obdachlos und von Gläubigern verfolgt, von einem Wirts­häuslein ins andere flüchtete, um überall nach rasch erschöpftem Kredit wieder zu verschwinden. Wir waren Lumpen und Zigeu­ner, aber wir waren feineBohemiens", wir lagen nicht mit langen Locken in den Kaffeehäusern herum und spielten nicht im Interesse kleiner Anpumpereien die verkannten Genies. Denn so wüst wir zuzeiten auch, taten, es war uns doch das Elendsein noch nicht zur Pose geworden, und jeder von uns sah in guten Stunden an seiner heimlichen Arbeit und verlor im Stillen nie ganz die Zuversicht, er werde sich doch noch herausreihen und die Welt zur Anerkennung zwingen.

Damals sah ich eines Abeirds in meiner kleinen, finsteren Stube und öffnete einen dicken Brief, in welchem mir eine Münchener Zeitschrift zwei Rovellen und einige Gedichte mit freundlichstem Dank für die liebenswürdige Einsendung als leider nicht verwendbar zurückschickte. Es lag mir ferne, dem Redakteur darum zu grollen, denn ich war an dergleichen ge- tvöhnt, auch lebte in unserem Kreise die Anschauung, ein Gedicht müsse schon schandbar schlecht sein, um von einer beliebten und honorarzahlenden Zeitschrift auf genommen zu werden. Mit etwas bitterem Stolz legte ich meine Manuskripte in die Schublade zurück, zu den andern. Ich hatte an jenem Sage außer einem Teller Kartoffeln keinerlei leibliche Genüsse gehabt, und je länger ich meinen Zustand bedachte, desto notwendiger schien es mir, heute abend noch einen rechtschaffenen Schoppen Wein zu trinken. ImHelm" stand ich aus üppigeren Zeiten her noch in Ansehen, ich hatte dort nur unbedeutende Zechschulden und beschloß, diese heute um ein kleines zu vermehren. So lief ich in denHelm" und ahnte picht, welcher Freude ich damit entgegenging.

In der engen altmodischen Elsässer Weinstube fand ich beim Eintreten ben von mir bevorzugten Tisch auf seltsame Weise besetzt. Es sah an der Breitseite ein junger, schmaler Mensch und hatte vor sich die ganze Tischfläche mit gewaltigen Papier- stückeir bedeckt, auf denen er eifrig zeichnete. Die Blätter be­standen aus braunem Packpapier, und kaum hatte ich sie gesehen, so wuhte ich, woran ich war und klopfte dem Zeichner fröhlich auf die Schulter.

Städtebauer, was tust du hier?"

Der Städtebauer zog zuerst eine Linie zu Ende, ehe er auf­blickte. Dann glänzten mich, seine guten, großen Kinderaugen freundlich an.

Ich arbeite da etwas", sagte er schüchtern.

Ja, das seh ich. Aber wo kommst du her? Ich dachte, du Wärst jetzt ungefähr in Rom."

Ach, Rom! Rach Rom hat mich's nie gezogen, weiht du. Ich bin bis Mailand gekommen, und da waren meine Stiefel kaput. Ein elendes Rest, das Mailand, weih du, nichts als Kitsch,. Ich kam auch mit dem Italienischen nicht recht zuweg."

And da bist du umgekehrt?"

Run ja, das heiht, iah mich, erst ausreden! Also Mailand war nichts. Aber da ist ja in der Nähe diese sogenannte Certosa,

so zwischen Mailand und Pavia, bloh ein paar Stunden weit, mit einer furchtbar berühmten Fassade, soll das Schönste in ganz Oberitalien sein. Das wollte ich! doch noch sehen. Ich lief also hin, die staubigste und flachste Landstratze der Welt, verirrte mich, auch noch und kam also endlich in das Dorf. Torre heiht es, unb die Certosa liegt so zehn Minuten davon'. Ra, die Fassade, was soll ich sagen? Romanisch, glaub ich Sie ist auch ganz gut, im ganzen, aber sonst der reine Raritätenkastein, mit lauter solchen klassischen Figuren und Porträtreliefs und Ornamenten. Alles Kein, zierlich, miniatürlich, und dahinter kommt bann eine protzige Kirche und bas Kloster. Ich dachte, so ein Kloster in Italien, so ein großes, reich,es, da mutz schon man dran sein. Aber nichts! Ein Geschachtel und Gewinkel, Kreuzgänge wie Kasentenhöfe, groß und slach und tot und langweilig. And ich hatte noch einen Franken gezahlt fürs Ansehen."

Er lachte ärgerlich.

Da bin ich umgekehrt und über den Sinrplon heim. Es war ein Amweg, aber die Seen und all das malerische Zeng dort in Oberitalien hatte ich, über. Im Wallis war's dann schön! And jetzt bin ich wieder da."

And sonst hast du von Italien nichts gesehen?"

Rein, eigentlich, nicht. Weiht du, die Architektur, das ivar mir verleidet, das meiste ist ja solche Renaissance. And zu Fuh kommt man eben nicht recht vorwärts. Eins hätte ich gern ge­sehen, das Meer! Ich denke mir so eine Felsenküste, gelb und steil, es muh was drin stecken, etwas von Kampf unb Versöhnung, Wucht, Stil. Aber es war noch weit, unb dort um Genua herum ist doch alles versaut und verbaut mit Hotelnestern, da gab ich's lieber auf."

Ja, und jetzt?"

Ja so, ich will da Platz machen, dah wir trinken können." Du hast schon wieder Arbeit vor?"

'Natürlich. Jetzt war ich doch zwölf Wochen unterwegs und kam zu nichts."

Was machst du denn Neues?" -

Ach. laß nur!"

Nein, her damit! Wieder eine Stadt?"

Mach, doch keine Scherze, du! Ich kamt ja schließlich nicht immer bloh Städte entwerfen."

Also was?"

Er lächelte und genierte sich wie immer. Dann sagte er leise: Ein Kloster."

Herrgott, Mann! Ein Kloster!"

Ja, warum nicht?"

Wartmt nicht? Man baut doch keine Klöster mehr!"

Nicht? Das wäre doch! einerlei. Man könnte es ja als Schule ober so verwenden, als Aniversität oder Institut, nicht?"

Kann schon sein."

Nicht wahr? Siehst du, das Schönste wäre ja eine Stadt oder ein Dorf zu machen, aber dazu kommt's doch nie! Ein ein­zelnes Haus ist ja nichts! Nun wäre so etwas wie ein Kloster die einzige Möglichkeit. Da könnte man etwas Ganzes unb Aeberlegtes bauen, einen durchdachten Komplex, wuchtig und eins aus dem andern."

Wie bist du denn darauf gekommen?"

Nun, wir sprachen ja davon. Dort bei Mailand."

Bei der Certosa?"

Ja, freilich. Man tarnt so etwas viel schöner ntachew Schade, dah du nichts von Grundrissen verstehst. Ich habe da einen, der macht mir eine Riesenfreude."

Wir sehen ihn später an. Jetzt könnten wir aber einen Elsässer trinken. Hast du Geld?"

Geld? Eine Menge. Ich hatte ja dreihundert Mark für die Reise, weiht du!"

Ist davon noch was übrig?"

Wo soll's denn geblieben sein? Ich habe mindestens noch hundert Mark im Sack."

Dann bestell nur einen Liter."

Die Blätter wurden abgeräumt und weggelegt, der Liter fuhr auf, und wir stießen an. Da stieß mir des Geldes wegen bodji ein Argwohn auf. Der Städtebauer hatte von einer Stipen­dienverwaltung ganz unerwartet dreihundert Mark zu einem Studienausflug bekommen. Aber nun hatte er ja nur eine Futzreise von zwölf Wochen gemacht, nichts studiert und außer der Certosa unb Mailand nicht einmal etwas gesehen.

Du, das gibt aber noch Stanzereien mit der Kommission", warnte ich.Du muht doch Studien vorlegen."

Das tu ich, auch. Morgen geht's dran."

Hast du denn unterwegs gezeichnet?"

Das nicht. Aber ich weih doch, wie so ein Renaissancepalast ausschaut .Was anders wollen die Herren nicht. Da mache ich nun eben in aller Ruhe daheint eine Keine Mappe voll, ein paar malerische Ansichten, ein paar Fensterbögen, und das wird vorgelegt."

Ich, war beruhigt und wir tranken unfern Liter in Frieden, der Städtebauer lieh mir sogar eine Portion Schinken bringen, und als ich merken ließ, dah ich noch burftig sei, bestellte er, ob­wohl er selber kein Trinker war, ohne Widerrede auch den zweiten Liter. Der solide Elsässer glänzte matt in ben ftrhlosen Gläsern, mein Freund war warnt geworden und tarn tns Reden. Er packte seine Papierstücke wieder auS, legte sie nebeneinander'