Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang |926 Dienstag, den P. August Hummer 64
Kennst du die Tage...
Bon W i I h e l >» von Scholz.
Kennst du die Tage, deren Frieden leichi Und deren tiefe Stille keine Last, An denen dich kein Heimweh überschleicht Und die du doch so schnell vergessen hast? — Die Tage sind es, fern den Feiertagen, Wenn zum zeitlosen Fest das Herz sich rüstet. Die dich mit unsichtbarer Strömung tragen, Daß es dich wie in manchem Buch gelüstet, Die Seite einmal noch zurückzuschlagen — Dann, ohne daß des Buches Blätter schließen, Aufstehn und fortgehn, lächeln und genießen.
Nsrmomnischs Küste.
Bon Peter W a r in u n d.
Di« Fischer tragen lange dunkelblaue Hosen und hochgeschlossene Wollblufen von kräftigem Ast, die Hüftlinie betonen sie durch einen breiten grünen Gürtel. Wenn diese farbenfreudigen Trachten durch den Sonnenglast des flimmernden Standes schreiten, wirken sie ganz südlich und exotisch: sie vermitteln sehnsüchtige Ahnungen einer tropischen Welt, sie scheinen ihre bunten Anzüge eigens bann» zur Schau zu tragen, um zu erinnern, daß wir an der Küste des Kanals sind, daß die Dampfer, die in weiter Ferne vorbeigleiten, ihre Besatzungen zu Palmen- hainen und schönen braunen Menschen tragen.
Doch welch wunderliches Schauspiel: die Fischer, die solche Ahnungen wecken, leugnen auch heute noch nicht den alten nördlichen Ursprung ihres Blutes, große Gestalten mit blondem Haar, hellen Augen, kühnem Profil. Diese Menschen der Küste haben ihre nordische Erscheinung seit den Jahrhunderten bewahrt, da die Wikinger, deutsche und skandinavische Eroberer, von dieser Landschaft Besitz nahmen. Sie gaben den Häfen und Duchten Namen: aber wer denkt heute noch daran, daß sich etwa die Küstenstadt Dieppe aus dem angelsächsischen beop (tief), daß sich das benachbarte Fecamp von fise ableitet und an Fischerei erinnert? Orte wie Houlgate, Dives, Eabourh verraten trotz ihrer französischen Schreibweise, daß sie sicherlich nicht von Galliern gegründet wurden, und die hohen Fischer mit den klaren Auge» find sich trotz ihres südlichen Farbenwurfs gleich geblieben: Nordmänner, Normannen.
Als diese Nordländer vor elfhundert Jahren auf ihren Drachenschiffen hier landeten, ließen sie sich von ihren wilden Instinkten treiben, sie zerstörten Abteien und Kirchen, raubten und plünderten. Diese Wüstheit währte etwa ein Jahrhundert — da hatte die reiche schwellende Landschaft die Eindringlings besiegt. Das gefiel ihnen, sie begannen an der Seine-Mündung, bei Le Havre, seßhaft zu werden. Sie ahnten wohl nichts von dem Dasein jener Strömung, die wir heute Golfstrom nennen, die das Meer wärmt und das Klima südlich mildert. Aber mit Staunen nahmen sie wahr, wie ganz verschieden von ihren heimatlichen Gestaden diese Küste blühte und Prangte. Nichts erinnert hier an die kärglichen Dünen des Nordens, nichts an die herbe zerzauste und zerstürmte Art nördlicher Meere. Wie eine Erfüllung ihrer südlichen Sehnsucht mag den Nordmännern dieser Streifen am Kanal erschienen sein. (Dis sie ein wenig später gen Sizilien aufbrachen.)
Nvsenkulturen auf den Rändern der hohen Steilküste: schwellende, üppige, dunkelgrüne Hecken rahmen die Verkehrswege ein; Heckenrosen in mächtigen Büschen, Pelargonien, zu Stauden hochgezogen, bilden blühende Kaskaden, immer wieder schimmern aus dem Dunkel der Laubwände Farbenpracht und Blütenbüsche. Kilometer um Kilometer, und immer noch ist der Wagen in grünen Kulissen gefahren. Dazwischen die bröckligen Mauern eines alten Gehöfts, Häuser von Efeu umsponnen, bis an die Schornsteine überrankt von Dlütengewirr — und auf den Dächern schleicht zuweilen ein Kätzchen zum First und kommt niemals von der Stelle; denn es ist eine Fahencefigur aus den Manufakturen von Roum oder Eabvurg, die einst berühmt waren und auch heute noch die alten Farben und Formen in ihren Erzeugnissen bewahren.
Tief hat sich der Normandie Geschichte in diese Landschaft geprägt. Was sich an der Ostsee in die wenigen Hansestädte zufcün inend rängt, ist hier über die ganze Küste zerstreut: wehrhafte Schlößchen, alte Kunst, verwitterte Architekturen. Da ist Honfleur, heute ein prosaisches Fischerstädtchen an der Seine-
mundung, aus dessen Hafen die Kutter mit großen roten Niesen- segeln auslaufen. Doch inmitten dieses rührigen Hafenbildes ragt auf einem Inselchen La Lieutenance. ein kleines graues Kastell aus dem 16. Jahrhundert, die alte Residenz des Königs- lentnants in Honfleur. Bröcklige Türmchen drohen eifrig nach dem Meer, sie erinnern durch ihre Haltrmg an die Kämpfe die sich um diesen Ort entfesselt haben, denn wer aus England auf der Seine landeinwärts bringen wollte, hatte sich zuvor mit Honfleur auseinanderzusetzen. Dieses Kastell ist ein kleines 00111601 für die doppelseitige Stellung der Normandie Hier haben Engländer gesessen, von hier ging eine Erpedition des normannischen Adels wider Britannien. Aus diese!» Hafen w! hundert Jahre nach Kolumbus, Samuel Ehamplain der ira,»S° fische Seeheld, mit Honfleurer Marinern aus, eroberte Kanada gründete Quebeck. — Kleine graue Burg, in drei Minuten gemächlich zu umwandern, mit einem Mörserschlag zu verschmet- tern wie strahle» deine Mauern von Vergangenheit, herb weht Seedunst in deinen Schatte», wie wittert man von diesem Inselchen in die Weite. Anders als an einer nordischen Küste ahnt man hier Geschichte, Seefahrteii, Konquistadorenleidenschafte» und Abenteuer, lieber Honfleur, auf steiler Küste, liegt unter uralten Kunden die Kapelle Notre-Dame-de-Grüce. Verträumt ruht sie bis die inbrünstige» Litaneien der Pilgerzüge sie erwecken sie ruht und schaut über das Meer hin, dem sie ihr Dasein dankt Denn Robert der Teufel, der Vater Wilhelms des Eroberers hat sie gegründet zum Dank für eine Errettung aus Seenot' Jeder goldene Nttarsäulen strömt buntes Licht aus gemalten Scheiben; auch in diese Stimmung rauscht wieder die Se- di» wundertätige Maria ist mit Bildern von schrecklichen Schiffbrüchen. mit Votivtafeln und Modellchen von Seglern und Barkassen eingefaßt. I» einer kleinen Bude am Eingaiig kauft man schlanke geweihte Kerzen; die Normannen sind fromm; la Eüte de Grace, Küste der Gnade, heißt dieses Streifchen am Meere.
Guillaume-le-Conquerant, Wilhelm der Eroberer, der Held der Schlacht von Hastings: sein Name dröhnt hart und kriegerisch in der Geschichte der Normanne». Eine der entzückendste» Stätten dieser Küste erinnert an ihn, die Hostellerie de Guillaume-le- Eonquerant bei Dives. Eins jener Gehöfte aus dem 16. Jahrhundert, mit Efeu über verwittertem Mauerwerk, enthält Köstlichkeiten alter normannischer Kunst. Ein ganz märchenhafter und verträumter Schloßhvf, als käme niemals ein Mensch hierher verwildert und mit heimlicher, kaum spürbarer Liebe gepflegt' Dleppige Dlütenfülle strömt aus mannshohen Fayencen, Grün wuchert über poröse Steinfigure», aus hohem Gebüsch' blicke» die zierlichsten Fachwerkerkerche». In schmalen Galerien, in engen Säle» ist eine Fülle der entzückendsten Dinge geordnet: Truhen, geschnitzte Türen, Simse und Kamine, Gobelins, gemalte Tapeten, gehämmertes Messing und Zinngerät. And aus allen diesen Dingen schlägt urplötzlich die alte normannisch« Kunst ihr Auge auf, wunderbar zeigt sie ihre zwiespältige Durchdringung und ihren Ausgleich. Der Herrscher, nach dem sie ihren Namen empfing, war längst tot, als sie eingerichtet wurde, aber sie trägt heute noch sein Wahrzeichen als Symbol.
Dieses Schlößchen ist nun höchst reizvoll — aber das überwältigende Erlebnis vom normannischen Mittelalter empfängt man im Angesicht von Mont-Sainl-Michel.
In ihrem Westen, dort, wo die Normandie in die Bretagne übergeht, schiebt die Küste die Halbinsel Manche vor; in ihrem südwestlichen Winkel liegt die Insel Mont-Saint-Michel. I» alten Zeiten hieß sie Mont-Tombe, denn eine schöne keltische Sage erzählt, daß sie eines der „tombes de la mer“. der Meergräber sei, auf die die abgeschiedene» Seelen geführt wurden, um vom Rauschen der, Wellen in ihren letzten Schlaf gesungen zu werden. Sie ist, bei einem Umfange von tausend Meter», ein winziges Inselchen, aber sie schiebt ihren granitenen Rücken gegen hundert Meter aus der See hervor, Keil, jäh, unvermutet schießt sie aufwärts, ein Felsblock von großartiger und trotziger Abgeschlossenheit. Die Fischerkvlonie, zweihundert Einwohner, deren Häuschen an diesem Granit emporkletterten, Bietet auch jetzt noch das unverfälschte Bild normannischeii Mittelalters.
Aber erst auf dem Fundament dieser Plattform, hundert Meter über der See, ragen Kirche und Denediktinerklvster. Man konnte nicht in die Weite bauen, so baute man in die Höhe. Riesenhaft wachsen die Mauern, Etage türmt sich über Etage, und als tonne sich Mont-Saint-Michel an himmelstürmender Höhe und Hoheit nicht genug tun, als wollte sie sich selbst inS Gigantische übersteigern, stößt endlich ein Turm in die Wolken, schlank und Khn wie ein Pfeil. Des Raumes Enge zwingt die


