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ein. — Der Tag dämmerte, und hinter den Scheiben Huben die kleinen Vögel zu singen an. . .
Julian hatte den Park durchquert und ging nun nervigen Schritts im Walde und freute sich der Weichheit des Rasens und der Milde her Luft.
Die Schatten der Bäume breiteten sich über das Moos. Manchmal malte der Mond in den Lichtungen weiße Flecken, und Julian zögerte, weiterzugehen, da er Wasserlachen zu gewahren glaubte, oder die Oberfläche der stillen Weiher verschmolz auch mit der Farbe der Gräser. Ueberall war eine große Stille, und er entdeckte kein einziges der Tiere, welche wenige Minuten vorher um sein Schloß gestrichen waren. r
1 Das Gehölz verdichtete sich, und die Dunkelheit wurde tief. Heiße Windstöße voller erschlaffender Düfte wehten vorbei. Er versank in Haufen trockener Blätter und lehnte sich gegen eine Eiche, um ein wenig 21 teilt zu schöpfen.
Plötzlich sprang hinter seinem Rücken eine schwärzere Masse auf, ein Eber. Julian hatte nicht Zeit, seinen Bogen zu ergreifen, und er betrübte sich darüber wie über ein Unglück.
Dann, als er aus dem Walde getreten war, erblickte er einen Wolf, der an einer Hecke entlang lief.
Er sandte ihm einen Pfeil nach. Der Wolf blieb stehen, wandte den Kopf, sah ihn an und lief weiter. Er trabte, immer den gleichen Abstand wahrend, hielt von Zeit zu Zeit an, und sobald auf ihn gezielt wurde, setzte er seine Flucht fort. Julian durchquerte auf diese Weise eine unermeßliche Ebene, dann Sandhügel, und endlich gelangte er auf eine Hochebene, die ein großes Gelände beherrschte. Flache Steine lagen zwischen zertrümmerten Grabgewölben verstreut. Man stolperte über Totenknochen, hier und dort neigten sich mit kläglichem Ausdruck wurmstichige Kreuze. Im unbestimmten Schatten der Gräber aber regten sich Gestalten, und erschreckt und schnaufend schnellten Hyänen daraus hervor. Mit ihren Krallen auf den Fliesen klappernd, kamen sie auf ihn zu und schnupperten fletschend nach ihm, so daß ihr Zahnfleisch sichtbar wurde. Er zog feinen Säbel. Sie stoben alle auf einmal nach allen Richtungen auseinander unb verloren sich, ihren hinkfttßigen, rasenden Galopp fortfetzend, fern in einer Wolke Staubes
Eine Stunde später begegnete er in einer Schlucht einem wütenden Stier mit vorgeftredten Hörnern, der mit feinem Fuß den Sand auischarrte. Julian stieß ihm seine Lanze unter die Wammen. Sie sprang ab, als ob das Tier aus Erz gewesen wäre, und Julian schloss seinen Tod erwartend, die Augen. Als er sie wieder öffnete, war der Stier verschwunden.
Da wand sich seine Seele vor Scham. Eine höhere Macht vernichtete seine Stärke. — Um nach Hause zuriickzukehren, trat er wieder in den Wald.
Schlingpflanzen versperrten ihn, er zerhieb sie mit seinem oabel. Da glitt plötzlich ein Marder zwischen seinen Beinen hervor, ein Panther machte einen Satz über seine Schulter, eine Schlange ringelte sich um eine Esche.
In ihrem Geäst saß eine ungeheure Dohle, welche Julian an« starrte, und hier und da tauchten zwischen den Zweigen eine Menge großer Funken auf, als ob der Himmel alle seine Sterne in den Wald herabgeregnet hätte. Es waren Augen von Tieren, von Wildkatzen, Eichhörnchen, Eulen, Papageien und Affen.
Julian schnellte seine Pfeile auf sie ab, die Pfeile setzten sich mit ihren Federn wie weiße Schmetterlinge auf die Blätter. Er warf Steine nach ihnen, die Steine fielen herab, ohne etwas zu berühren. Er verfluchte sich, hätte sich schlagen mögen, stieß Verwünschungen aus und erstickte vor Wut.
Und alle Tiere, die er verfolgt hatte, kamen herbei und bildeten rinos um ihn einen engen Kreis. Die einen faßen auf ihrem Hinterteil, die anderen richteten sich in ihrer ganzen Länge in die Höhe. Er stand in der Mitte, starr vor Entsetzen, der geringsten Bewegung unfähig. Mit höchster Anspannung seines Willens gelang es ihm, einer. Schritt zu machen: die, welche auf den Bäumen faßen, öffneten ihre Flügel, die, welche den Boden einnahmen, verrückten ihre Gliedmaßen, und alle begleiteten ihn.
Die Hyänen gingen vor ihm, der Wolf und der Eber hinter ihm. Der Stier zu feiner Rechten wiegte den Kopf hin und her, und zu seiner Linken raschelte die Schlange durch das Gras, während der Panther feinen Rücken krümmend mit Sammettritten und großen Sätzen einherfchritt. Julian ging so langsam wie nur irgend möglich^ um sie nicht zu reizen, und er sah aus der Tiefe der Büsche Stachelschweine hervordringen und Füchse und Ottern und Schakale und Bären. Julian fing an zu laufen, sie liefen mit. Die Schlange zischte, die Jagdtiere geiferten. Der Eber rieb ihm mit feinen Hauern die Fersen, der Wolf das Innere feiner Hände mit feinen Schnauzhaaren. Die Affen schnitten Fratzen und zwickten ihn, der Marder kugelte sich unter seinen Füßen. Ein Bär schlug ihm mit einem Hieb seiner Tatze die Kappe herunter, und der Panther ließ verächtlich einen Pfeil zu Boden fallen, den er in seiner Schnauze getragen hatte. Hohn drang in ihre tückischen Gebärden. Während sie ihn aus ihren Augenwinkeln unausgesetzt beobachteten, schienen sie über einen Racheplan zu sinnen, unb, betäubt von dem Summen der Käfer, geschlagen von Vogelschwänzen, erstickt von Ateindünsten, ging er mit vorgestreckten Armen und geschlossenen Lidern wie ein Blinder, ohne auch nur die Kraft zu dem einen Rufe zu haben: „Gnade."
Das Krähen eines Hahnes zitterte durch die Luft, andere antworteten. Das war der Tag, unb er erkannte jenfeits der Orangenbäume die Zinnen feines Palastes.
Da sah er drei Schritte vor sich am Rande eines Feldes rote Rebhühner in den Stoppeln herumflattern. Er band feinen Mantel los unb warf ihn über sie wie ein Retz. Als er sie wieder aufdeckte, fand er nur ein einziges, feit lange verendetes, verwestes.
Dieses letzte Blendwerk brachte ihn mehr auf als alle anderen. Sein Blutdurst packte ihn aufs neue, die Tiere waren fort, er hätte Menschen niedermetzeln mögen.
Er erstieg die drei Terrassen und schlug die Tür mit einem Faust- schlage auf, am Fuße der Treppe aber beschwichtigte die Erinnerung an seine liebe Frau sein Herz. Sie schlief wahrscheinlich, und er wollte sie überraschen.
Nachdem er seine Sandalen gelöst hatte, drehte er leise das Schloß und trat ein.
Die bietgefaßten Scheiben verdunkelten die Blässe der Morgendämmerung. Julian verstrickte feine Füße in Kleidern am Boden, etwas weiter stieß er an eine mit Geschirr beladene Anrichte. „Sie wird wahrscheinlich gegessen haben", sagte er sich und ging zum Bett, das im Dunkel verloren in der Tiefe des Zimmers stand. Als er am Rande lehnte, um feine Frau zu umarmen, beugte er sich auf das Kiffen herab, wo die zwei Kopfe nebeneinander ruhten. Da fühlte er den Druck eines Bartes gegen feinen Mund.
Er glaubte den Verstand zu verlieren und taumelte zurück, dann trat er aber wieder an das Bett, und feine Finger trafen tastend auf Haare, die sehr lang waren. Um sich von feinem Irrtum zu überzeugen, fuhr er noch einmal mit seiner Hand langsam über das Kissen. Dieses Mal war es wirklich ein Bart und ein Mann! Ein Mann, der neben feiner Frau schlief.
In maßlosen Zorn ausbrechend, stürzte er sich mit Dolchstößen über sie und stampfte und schäumte und röhrte wie ein Hirsch. Dann hielt er ein. Die Toten, ins Herz getroffen, hatten sich nicht einmal gerührt. Er lauschte aufmerksam auf beider fast gleiches Röcheln, und in dem Maße, in dem es schwächer wurde, setzte ein anderes es weit in der Ferne fort. Diese klagende, langausgestoßene Stimme war zuerst ungewiß, näherte sich bann, schwoll an, wurde grausam, und er erkannte entsetzt das Schreien des großen, schwarzen Hirsches wieder.
Und da er sich umdrehte, glaubte er in dem Rahmen der Tür das Gespenst seiner Frau zu sehen, mit einem Licht in der Hand.
Der Lärm des Mordes hatte sie herbeigeführt. Mit einem langen Blick begriff sie alles, und vor Entsetzen fliehend, ließ sie ihr Licht fallen.
Er hob es auf.
Sein Vater und seine Mutter lagen vor ihm auf dem Rücken, mit einem Loch in der Brust, und ihre Gesichter, die von einer majestätischen Milde erfüllt waren, schienen etwas wie ein ewiges Geheimnis zu verschließen. Flecken und Lachen roten Blutes breiteten sich inmitten ihrer weißen Haut, auf den Bettüchern, auf der Erde und an dem elfenbeinernen Christus, der im Alkoven ansge- hängt war.
Der fcharlachne Widerschein der Scheiben, welche jetzt die Sonne traf, erhellte diese roten Male unb verstreute noch mehr durch das ganze Gemach. Julian trat auf die beiden Toten zu, indem er sich sagte, indem er glauben wollte, daß bas nicht möglich sei, daß er sich getäuscht habe, daß es manchmal unerklärliche Aehnlichkeiten gäbe. Endlich beugte er sich leise nieder, um von ganz nahe den Greis zu betrachten, und er sah zwischen feinen schlecht geschlossenen Lidern ein Auge, das ihn wie Feuer brannte. Dann trat er auf die andere Seite des Lagers, wo der andere Körper lag, dessen weiße Haare einen Teil des Gesichtes verhüllten. Julian schob seine Hand unter die Flechten, hob den Kopf auf — und er betrachtete ihn, indem er ihn am Ende seines erstarrten Armes hielt, während feine andere Hand mit der Kerze leuchtete. Tropfen filterten durch die Matratze und klopften, einer nach dem anderen, auf die Diele.
Am Ende des Tages zeigte er sich vor feiner Frau und befahl ihr mit einer Stimme, die von der seinen verschieben war, zu allererst ihm nicht zu antworten, ihm nicht zu nahen, ihn nicht einmal mehr anzusehen, und daß sie bei Strafe der Verdammung all seine Anordnungen, die unwiderruflich seien, zu befolgen habe.
Das Leichenbegängnis solle nach den Anweisungen ausgeführt werden, die er schriftlich auf einem Betschemel im Zimemr der Verstorbenen gelassen habe. Er hinterließe ihr sein Schloß, seine Vasallen, alle seine Güter, ohne auch mir die Kleider an seinem Selbe und seine Sandalen zu behalten, die man oben auf der Treppe finden würde.
Sie hätte, indem sie den Anlaß zu feinem Verbrechen gegeben, nur dem Willen Gottes gehorcht und solle für seine Seele beten, da er von nun an nicht mehr vorhanden sei.
Man bestattete die Toten mit großer Pracht in der Kirche eines Klosters, das um drei Tagereisen vom Schlosse entfernt war. Ein Mönch mit herab gelassener Kutte folgte fern von allen andern dem Zuge, ohne daß jemand ihn anzureden wagte. Er blieb während der Messe in der Mitte des Tores auf dem Boden liegen, mit gekreuzten Armen und die Stirn im Staube.
(Schluß folgt.)
Schnftleitung: vr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. 2t. Lange, Gießen.


