Ausgabe 
10.7.1926
 
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Vsm SSoff.

Von Professor Dr. Poul Kirchberger.

(Nachdruck verboten.)

NAenasis^u, deren Blüte in die Zeit vor 80 Jahren [9^/.. erschien die Materie, der Stoff, als der letzte, einfachste, keiner Erklärung bedürftig kurz selbstverständliche Grund aller Dinge. Nach 80jahnger Forschung wiflen wir nun, daß cs kaum eine schwie­rigere Frage gibt, als die nach dem Wese» des Stoffes, und ie weiter unsere Forschung vordringt, um so sicherer erkennen wir wie wenig wir darüber wissen.

,, Berhältnismähig am besten wissen wir Bescheid über die letzten Urbestandtelle des Stoffes, die Atome. Natürlich gibt es auch hier ungeloste Rätsel in Hülle und Fülle. Vieles ist uns zur Zeit noch grundsätzlich verschlossen, d. h. es müssen weite Strecken wissenschaft- lchen^Neulandes entdeckt und urbar gemacht werden, ehe die eiqent- liche Forschungsarbeit im einzelnen beginnen kann. Auch die bereits geklarten -teile der Lehre erfordern einen stetigen Weiterbau, der niemals zu Ende geführt werden kann. Aber grundsätzlich steht in die en Teilen der Erforschung der Natur des Stoffes doch schon vieles fest, und die gewonnenen Kenntnisse, so vor allem die Auf­fassung des Atoms als eines Planetensystems und die Zurückfüh- rung des Stoffes auf Elektrizität, find von unbestreitbarem Wert.

Auch über den weiteren Aufbau des Stoffes, die Vereinigung der Atome zu Melokeln wissen wir verhältnismäßig gut Bescheid. Dies ist ,a der Gegenstand der Chemie, einer Wissenschaft also, die Jahren einen anscheinend immer schneller fortschreitenden Fortschritt aufweist. Aber es wäre ein schwerer Irrtum zu glauben, bah wir die Frage nach dem Wesen des Stoffes beantwortet hätten, wenn mir einerseits über das Wesen der Atome, andererseits über ihren Zusammentritt zu Molekeln Bescheid wissen. Eine Million Menschen, die man sich aus aller Herren Länder auf eine einsame Insel im Ozean zusammengedrängt denken möge, sind noch lange kein Volk, und ebensowenig bilden einige Billionen oder Trillionen Molekeln schon einen Stoff. Beim Volk kommt es nicht nur auf die Menschen an, sondern auch auf die zwischen ihnen wirkenden Kräfte, und genau dasselbe findet statt, wenn wir von den physikalischen und chemischen Urbestandteilen des Stoffes, den Atomen und Mo­lekeln, zum wirklichen Stoff fortschreiten wollen. Nur in einem einzigen Falle gibt die Physik über die Natur dieser Kräfte eine mehr oder weniger vollständige Antwort, nämlich bei den Gasen. Daß sich ihre Eigenschaften, sofern sie sich nicht auf die chemische Natur ihrer Atome und Molekeln zurückführen lassen, durch die völlig freie und regellose Bewegung dieser Teilchen erklärt, kann als sicher gelten.

Sehr viel weniger wissen wir über die Natur der flüssigen und noch viel weniger über die der festen Stoffe. Aber einiges Licht haben die letzten Jahre doch gebracht, und einer der wichtigsten Punkte ist die Bestätigung einer schon früher aufgetauchten Ver­mutung, daß die Kristalle die Urform allen Stoffes sind. Die Neigung, sich zu regelmäßigen Formen, die wir eben Kristalle nennen, zusammenzuschließen, ist eine der wichtigsten beim Aufbau des Stoffes wirkenden Kräfte. Zwar ist keineswegs aller Stoff kristallisch. Gerade die in letzter Zeit so ungemein wichtig gewordene Lehre von den Kolloiden zeigt uns dies; aber jedenfalls ist die Kristallbildung viel weiter verbreitet, als man gemeinhin annimmt. Metalle z. B. bestehen im allgemeinen aus winzigen Kriställchen, und hieraus ergibt sich sofort ein weiteres. Vor noch nicht langer Zeit nahm man an, daß ein Stoff bestimmt sei, wenn seine chemische Zusammensetzung festliegt. Zwar sind von alters her einige Aus­nahmen bekannt; Schwefel z. B. kommt in den verschiedensten Formen vor, die ja schon in Schulbüchern als amorpher Schwefel oder als kristallisierter Schwefel, von dem wiederum zwei Formen bekannt find, unterschieden werden. Schwefelquecksilber erscheint als schwarzer Niederschlag und bildet andererseits den bekannten roten Zinnober. Aber man sah solche Erscheinungen als Ausnahmen an, als «Sonderbarkeiten einzelner Stoffe. Nunmehr wissen wir, daß die Sache gerade umgekehrt liegt, daß nämlich über die Natur eines Stoffes keineswegs entschieden ist, wenn nur seine chemische Zusam­mensetzung bekannt ist, sondern daß sich die Eigenschaften je nach der Lage ändern, die die Kristalle im Stoff einnehmen. Eine geord­nete Lage der sonst unregelmäßig durcheinanderliegenden kleinen Teilchen läßt ja bekanntlich unmagnetisches Eisen magnetisch werden. Aenderungen, die auf ähnliche Gründe zurückgehen, kennen wir bei einer großen Anzahl von Metallen. Haben hier nämlich alle Kristalle dieselbe Richtung, so spricht man von einem Einkristall. Das Metall, es handelt sich dabei meist um Drähte, hat zwar nicht die Form eines Kristalls, aber bestimmte kristallische Eigenschaften. Drähte einer großen Zahl von Metallen lassen sich durch Hindurchziehen durch immer enger werdende Oeffmmgen in Einkristalldrähte über­führen; sie zeigen dann eine weit größere Festigkeit sowie besonders stark spiegelnde Bruchflächen.

Die Kristallbildung ist keineswegs auf die anorganische Natur beschränkt. Vielmehr bilden Kristalle einen notwendigen Bestandteil eines wesentlichen Grundgebildes aller Organismen, nämlich der Faser. Gewebe, Sehnen, Muskeln und viele andere Teile des tieri­schen und auch pflanzlichen Körpers bestehen aus Fasern; das sich nun in den Fasern stets Kristalle finden, das hat namentlich die Untersuchung mit Hilfe der Röntgenstrahlen gezeigt. Als wichtigste kristallbildende Stoffe seien dabei die sogenannten Kohlehydrate, deren einfachste Vertreter die Zucker sind, und viele Eiweißstoffe, be­sonders die sogenannten leimgebenden. Stoffe, erwähnt. Aus ihren Kristallen sind die Clementarfasern, die sogenannten Fibrillen, zu- |

' ble ,'hrerseiis wieder die zusammengesetzteren Fasern bilden. Eine ganz besondere Rolle spielen dabei die §mare, die aus röhrenförmig inemandersteckenden Faserschichten bestehen. Oft sind Mrf»n hin r» CU,le Zwiste Flüssigkeitsschicht eingebetet, die sofort in die sich etwa zwischen den Kristallen zeigen, eindringt.

Alle tuejc Crfenntnifie waren die Voraussetzung für eine genaue physikalischen Eigenschaften der Faser, von'denen merkwürdigsten ihre Dehnbarkeit und ihre Zerreißfestigkeit sind. Namentlich die Zerreißfestigkeit ist manchmal erstaunlich; es gibt jX91ern' 3- -ö. >» den Sehnen, die dem Zerreißen einen größeren entgegen,etzen. als der festeste Stahldraht. Für die techmk ist die immer weitergehende Erforschung der Eigentümlich­keiten der Faser von der größten Bedeutung, denn die künstliche Gewinnung von Fasern, beispielsweise für die Kunstseide, ist eine der wichtigsten techni,chen Aufgaben der Gegenwart.

uon diesen Einzelfragen zu der allgemeineren wissenschaftlichen Frage nach der Natur des Stoffes und der zu seinem Zustandekommen notwendigen Kräfte zurück, so werden wir immer mehr bestätigt finden, daß die rastlose Forscherarbeit der letzten Jahrzehnte, und besonders der letzten Jahre, uns erst gezeigt hat, wie groß die Zahl der hier zu beantwortenden Fragen ist. Und noch immer gilt das Wort des alten Newton, eines der erfolg­reichsten Naturforscher aller Zeiten, daß er sich seiber vorgekommen sei wie ein am Ufer des Ozeans spielender Knabe, der sich freut, wenn die Welle ihm einen glatteren Stein oder eine schönere Muschel als gewöhnlich ans Land spült, während der große Ozean der Wahrheit unerforscht vor ihm liegt.

Die Soge von Scm&t Julianrrs dem Gastfreien.

Von Gustave F l a u b e r t.

(Fortsetzung.)

«ie zeigte sich überrascht.

Nur um dir zu gehorchen," sagte er,vor Sonnenaufgang bin ich wieder zurück."

Sie fürchtete aber dennoch ein unheilvolles Abenteuer.

Er beruhigte sie und ging fort, verwundert über die Unbcftftn« digkeit ihrer Laune.

Kurze Zeit danach kam ein Edelknabe, um zu melden, daß zwei Unbekannte in Ermangelung des abwesenden Herrn die Herrin sogleich zu sehen verlangten.

Und bald darauf traten in das Zimmer ein alter Mann und eine alte Frau, verkrümmt, bestaubt und in Leinwandkleidern und jedes aiif einen «tob gestützt.

Sie faßten Mut imd erklärten, daß sie Julian Nachricht von seinen Eltern brächten.

Sie beugte sich vor, um sie zu hören.

Nachdem sie sich jedoch durch einen Blick verständigt hytten, fragten sie sie, ob er seine Eltern noch liebe, ob er noch manch­mal von ihnen spräche?

O, gewiß!" sagte sie.

Da riefen sie:

Wohlan! Wir sind es!" Und sie setzten sich nieder, matt und müde.

Nichts jedoch versicherte die junge Frau, daß ihr Gemahl wirk­lich der Sohn der beiden fei.

Sie lieferten den Beweis, indem sie besondere Male beschrieben, die er auf seiner Haut hatte. Sie sprang von ihrem Lager herab, rief ihren Edelknaben, und man trug ihnen ein Esten aus. Obgleich sie großen Hunger hatten, vermochten sie doch kaum zu essen,' und sie bemerkte, daß ihre knochigen Hände zitterten, wenn sie die Becher aufhoben.

Sie taten tausend Fragen über Julian. Sie beantwortete eine jede, trug aber Sorge, jenen düsteren Gedanken zu verschweigen, der sie betraf. Als sie gesehen hatten, daß er nicht zurückkehrte, waren sie von ihrem Schlosse aufgebrochen, und seit vielen Jahren wan­derten sie nun auf unbestimmte Angaben hin, ohne die Hoffnung zu verlieren. So viel Geld war für das Ueberschreiten der Flüsse und die Herbergen, für die Gerechtsamen der Fürsten und die For­derungen der Diebe nötig gewesen, daß ihre Geldtaschen bis auf den Grund leer waren und sie jetzt bettelten. Aber was tat das, da sie nun bald ihren Sohu umarmen würden? Sie priesen sein Glück, da er eine so hübsche Frau hatte, und wurden nicht müde, sie nn- zuschauen und zu küssen.

Der Reichtum des Gemaches fetzte sie sehr in Erstaunen, und der Alte fragte, nachdem er die Wände betrachtet hatte, warum sich das Wappenschild des Kaisers von Oecitanien daran befände? Sie erwiderte:

Cs ist mein Vater."

Da überlief es ihn, denn er erinnerte sich der Prophezeiung des Zigeuners, und die Alte dachte an die Worte des Einsiedlers. Zwei­fellos war der Ruhm ihres Sohnes nur die Morgenröte der ewigen Herrlichkeiten, und alle beide blieben starr und staunend unter dem Glanze des Leuchters, der den Tisch erhellte.

. Sie mußten in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Die Mutter hatte nach alle ihre Haare, deren feine Flechten gleich Schneewellen bis unter ihre Wangen herabhingen, und der Vater glich mit seiner hohen Gestalt und seinem großen Bart einer Kirchenbildsäule.

Die Frau Julians drängte sie, ihn nicht zu erwarten. Sie legte sie selber in ihr Bett und schloß dann das Fenster; sie schliefen