Ausgabe 
10.7.1926
 
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Dienst.

Von Hans B l u n ck, Oldemaren.

Und bann machen wir Hochzeit, Marie!"

Och, Johann!"

Und dann ziehen wir in das weiße Bahnwärterhaus oben am Damm,"

Och, Johann!"

Cs lag noch viel Vorsicht in Marie SteensOch". Sie hütete sich, sozusagen. Die Tanzmusik begann klirrend. Der lange Johann neigte sich weit zu ihr hinüber, als könnte ihr ein Wort entgehen.

Und dann fahren jeden Tag all die Züge vor uns längs, Marie! Erft die Güterzüge mit ben kleinen buckeligen Lokomotiven. Unb dünn die Personenzllge, bie sehen viel seiner aus. Und abends sieben Uhr, Marie" Johann dämpfte seine Stimme, als erzählte er etwas Wunderliches, Geheimnisvolles,abends sieben Uhr, bann kommt der «chncüzug. Der hat eine Riesenlokomotive mit ganz gradem Nucken, doppelt so groß wie die anderen. Und die prustet inid lpiickt doppelt so laut, und Augen hat sie; wenn die um die Ecke kommen, die sehen so streng und so vornehm aus, wie . .

Marie Steen blickte den langen Johann ungläubig an.Das ist ja alles dummes Zeug!"

Aber der andere eiferte:OdU eigentlich guckt die einen gar nicht erst an die sieht nur auf den Weg unb macht, daß sie weiterkommt. Aber ich glaub, sie merkt cs doch, ob man da steht oder nicht, und es wurd ne schöne Geschichte werden, wenn man mal nicht zur rechten Zeit raus kam'. . . Weißt du, die andern, die sehen immer viel sreundlicher aus, rein als hätten sie Zeit für einen unb möchten am liebsten halten unb n kleinen Klönschnack anfangen. Die nehmen das alles nicht so ernst."

Johann, du träumst!"

Woll'n tanzen, Marie!"

Der lange Johann stand auf, nahm sie in den Arm unb wartete öiy einen gmckuchen xiaft. Unb Meine toteen war stolz auf ihren Tänzer, dachte, daß wohl kein Mädchen im Saal mit einem so kräf- hgen, starken Burschen tanzte, unb hatte ihn gern. Der lange Johann aber wußte oestnnmt, baß er kein Mädchen auf der Welt so lieb hotte wie Marie «tcen, unb ihm war, als könnte er nickt leben ohne ihre luftigen, wehrenden grauen Augen.

. Klaus Uhlenmnn, der Dorfbäcker, kam in den Saal. War auch ein frischer Bursch, aber breiter und ducknackiger als der lange Johann. Als er das Mädchen sah, kam er an den Tisch, als müßte es so sein. Gerade, als der andere wieder von Hochzeit unb Heiraten ansangen wollte.

Eine Weile saßen die beiden eifersüchtig um Marie Steen und redeten laut, ,eder von seinem Stand, als wollten sie sich so recht ins beste Licht setzen. Aber der Bäcker brachte mehr Wirkliches er. zahlte von guten Verdiensten und vergnügten Feiertagen, während der lange Johann ein verträumter Bursch war und in allem rings­um unruhig nach einem wunderlichen Leben suchte. Und Marie Steen hatte klare, rechnende Augen. Die wollte nichts von dem Geheimnisvollen der großen wandernden Maschinen und nicht das emjame fieben oben am Bahndamm. Die hatte lustige Freundinnen und hatte gelegen, daß man das Lachen lernt, wenn der Taler ins Haus rollt. Was half dem langen Johann, daß er ein tüchtiger Tänzer war, Klaus Uhlemann backte Brot!

_ ,®er Bahnwärter begann wieder seine Geschichte zu erzählen: denk oft, die Züge sind wie 'ne Herde, der Bock voran und die Wagen laufen alle hinterher, einer nach dem andern. Und alle Augenblick verpusten sie sich, bann laben ihnen die Menichen rasch was aut oen Rucken, weil sie wissen, daß sie doch immer denselben Weg rennen. Sollst mal sehen, wie so'n Güterzug da längs poltert, und stolpert, rem, als hätten sie ihm zu viel aufgebunden unb er könnt nun nicht mehr recht weiter."

Klaus Uhlemann stieß Marie Steen an und wollte ihr zulachen, aber die sah verwirrt vor sich hin. Mitunter, wenn der Bahnwärter U0U seiner Arbeit sprach, hörte sie gern zu, wie man eine wunder­liche Geschichte anhdrt.

Es sind viele im Lande, die mit der gleichen Innigkeit, mit der Aren Vieren Vernunft gaben, heute der hämmernden Majchine Leben einhauchen. Der lange Johann war auf dem Moor ausgewachsen, war ein Grübler, wie so viele, die einsam bleiben unb Ijattc doch mit seltsamer Gestaltungskraft von früh alles um herum belebt, hatte Tiere unb Hügel sprechen lassen, unb hatte n<h iParer, als er ins Bahnwärterhans kam, nicht freimadjen können von leinen Träumereien.

, --Du bist ja rein verbiestert ba oben, mit beinen Geschichten", tagte Klans Uhlemann plötzlich laut und eifersüchtig.

geidUt"?..'^ohuwärter sah böse auf.Hab' ich dich gefragt, wie dir's Der Bäcker lachte knarrend dazwischen.Aber die Seern will's ja gar nicht Horen!

»Das kümmert dich ja nicht!"

Sffias geht uns so'n langweiliger Kram an, Marie!"

Klaus Uhlemann stand auf, zog das Mädchen mit sich und wollte m<t ihr tanzen. Da sprang der lange Johann jäh auf, riß die beiden mii einem Grch auseinander und stellte sich vor Marie Steen.Die >>tzt bei mir! Du kannst ja fragen, wenn du mit ihr tanzen willst!"

,,, Der Bäcker lachte, wollte den Bahnwärter zurückdrängen und st,eß ihn vor die Brust. Er faßte das Mädchen wieder bei der Hand und zog sie mit.Geh weg, du!"

. ..Du Ufff der lange Johann eifersüchtig zu, packte den andern mit beiden -zausten und schlenderte ihn weit in den Saal hinein.

, Es war alles im Augenblick gekommen. Der Wirt kam hinzu, hakte Klaus Uhlemann stürzen sehen und wollte den Bahnwärter aus dem Raum weisen. Die Musik hatte abgebrochen. Der lange Jownn schüttelte ein paar Knechte von sich ab, die zum Bäcker hielten, jah sich langsam um und begriff noch nicht recht, wie alles gekommen war. Da hörte er die keifende Stimme des Wirts, hob die Fauste und ging langsam zum Ausgang, mitten durch die zurück- drängenden Burschen. In der Tür drehte er sich um, als fiele ihm etwas em.

Komm mit, Marie!"

Aber die stand am Tisch und blickte unruhig zum Wirt und über die drängende Menge, wußt nicht, wie sie sich entscheiden sollte, und begann leise vor sich hin zu schluchzen.

Komm, Marie!"

Der Bäcker drängte sich zu dem Mädchen, hielt sie mit beiden Händen fest unb grinste zum langen Johann hinüber. Der wollte zuruck, em paar Fäuste packten ihn aber, warfen ihn gegen bie Tür­füllung und stießen ihn über bie Treppen, daß er mit der Stint hart gegen die Brüstung schlug.

Dämmerung lag über dem Land. Aus den Wolken riefelte die Dunkelheit wie große, graue Netze, die über das Land fallen. Von den Waldern kamen Schatten, riesengroß, krochen über Höhen und Wiesen und verspannen alles in einförmige, müde Farben.

Der lange Johann erhob sich taumelnd, fühlte, wie ihm Blut von der etirn rann, und versuchte, es mit einem Tuch zu stillen.

®r begriff noch nicht, wie alles gekommen war. Nur eine un­sinnige Wut erfüllte ihn, er wollte zurück in ben Saal, aber die Tür war versperrt. Da lief er rings um das Gebäude, konnte nirgends etnbrmgen und wartete eine Weile in dumpfer Gier, ob sich nicht jemanb hinauswagte.

Ein frischer Wind kam von Westen und brachte ihn zur Be­sinnung. Ihm fiel ein, daß Maria Steen noch drinnen war, daß der Backer sie gehalten hatte, und langsam wandte sich sein Zorn allein gegen Klaus Uhlemann, verdichtete sich zu einem Hasse, der alle »»deren Gedanken zurückdrängte. Eine Weile ging er vor dem Gasthaus auf und ab, und preßte bie Nägel in die Fäuste und atmete schwer und keuchend. Dann fürchtete er, daß man ihn sehen könnte; er lief weiter ins Dorf, vor Klaus Uhlemanns Gewese, warf sich ins Gras und fühlte, wie fein Blut in dumpfer Unrast durch die Schlafen rollte.

So lag er wohl eine Stunde. Einmal ging irgendein Bauern- tnedjt vorbei, der ihn wohl mit ben andern hinausgestoßen hatte, aber der lange Johann biß die Zähne zusammen, duckte sich und lauerte weiter auf ben Bäcker. Ein paar wunderliche Gedanken tarnen ihm. Er dachte, daß es wohl aus fein würde mit dem Bahn- warkerhaus, daß da oben ein anderer einziehen müßte, wenn er erst Klaus Uhlemann gestellt hatte. Er fah die Züge vor einem Fremden vorbeifahren, und ihm war, als ob sie neugierig nach dem Warterhaus hmblickten: Wo ist der lange Johann geblieben? Er be- 8urihfU6er s'ch 3 lachen, unb doch blieb ein unruhiges Gefühl

Einmal kam ein Mäbchen vorbei. Der Bahnwärter horchte, und chm war, als schluchzte sie leise. Ob das wohl Marie Steen war? Er starrte durch die Dimkelheit und wollte ihr nachgehen, bis er Plötzlich wieder an Klaus Uhlemann und seinen Haß dachte Was wollte er noch sagen? Aufspringen wollte er und sich mitten in den Weg stellen.Das hast wohl nicht gedacht, Klaus Uhlemann!" Und dann wollte er aufpassen, ob der andere feig wär' und das Messer zog, dann wollt' er schon sehen, wie er ihm beikam, und . . .

Ein wunderlicher Schreck durchrieselte den Bahnwärter plötzlich. Wie lange roars noch bis zum Schnellzug? Das war wohl nicht weit. Er wollte über seinen Eifer schelten, sagte sich, daß er ja doch aus dem Bahnwärterhaus weichen müßte, wenn er erst den Bäcker gestellt habe . . . Aber wer war an der Schranke, wenn die grellen Augen um die Ecke kamen?! Er suchte unruhig nach der Uhr in der Tasche, wollte sehen, wie viel es war. Aber es war zu dunkel. Da hob er das Glas heraus und fühlte mit ben Fingern nach.

Eine gewaltige Unruhe kam plötzlich über ben Bahnwärter. In emer Viertelstunde war es so weit, mußte der Schnellzug vorbei­kommen, und er war nicht da! Er schüttelte den Kopf und wollte über seine Angst lachen. Dann überlegte er wieder. Ob er nicht eben hmaufging zum Zug? Er konnte ja zurückkehren. Ader wenn Klaus Uhlemann inzwischen kam? Er sah wieder die mitleidlosen Augen des andern, hörte das schwere, eherne Rasseln des Schnellzuges unb sein dichtender Glaube hörte Worte aus dem Dröhnen der Räder. Die waren zornig und befahlen, fragten nicht nach Marie Steen unb Klaus Uhlemann, die kamen weit her und kannten feine kleinen Sorgen und Gebrechen nicht . . .

Vom Gasthaus drangen ein paar Stimmen herüber. Der Bahn­wärter lauschte in tiefer Erregung durch die Nacht. All seine Sinne waren aufs höchste gespannt. War das nicht Klaus Uhlemann?

Er horchte noch da scholl durch die Stille ein ganz ferner Pfiff, den trug der Wind wie einen Ruf über das Land. Der lange Johann fuhr kerzengerade auf, sprang auf den Weg und griff mit den Armen in bie Luft, als müßte er sich halten. Das das war der Schnellzug und er war nicht da! Er war nicht da!

Der Bahnwärter jagte plötzlich in gestrecktem Lauf zum Bahn­damm, so rasch ihn seine Füße tragen konnten.