Ausgabe 
10.7.1926
 
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Gießener KmilieMatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, -en ly. Juli Nummer 55

Aus dem Nachtlied Zarathustras.

Von Friedrich Nietzsche.

Nacht ist es, Nacht!

Nun reden lauter alle springenden Brunnen, Meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es, Nacht!

Run erst erwachen alle Lieder der Liebenden, Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. Ein ungestilltes, unfülibares Ist in mir, das will laut werden.

Eine Begierde nach Liebe ist in mir. Die redet selber die Sprache der Liebe. Nacht ist es, Nacht!

Elisabeth Förster-Nietzsche.

Zu ihrem SO. Geburtstag.

Von Dr. Anselm Rus st.

Wer heute Weimar besucht und an den Erinnerungsstätten Goethe" undSchiller" unwillkürlich den Hauch eines fern, fern Zurückliegenden verspürt, der versäumt jetzt meist auch nicht, seine Schritte nach dem Haus auf der Höhe zu lenken, in dem vor' wenig mehr als einem Vierteljahrhundert Friedrich Nietzsche gestorben ist. Dort in den Räumen der von Van de Velde zur monumentalen Stätte desNietzsche-Archivs" gestalteten VillaSilberblick", von der man eine weite herrliche Aussicht auf die alte Jlmstadt genießt, waltet noch rüstig die Schwester Nietzsches selber, Frau Elisabeth Förster und hier hat man noch so gar nicht das Gefühl sich an­setzender Patina, einer irgend zum Stillstand gekommenen Ent­wicklung.Der werdende Nietzsche", so heißt nicht umsonst noch eins ihrer letzten Bücher, als ob die Greisin nun erst recht, bei höheren Jahren, sich tiefer erinnerte; hatte sie doch^schon 1912 dem Jungen Nietzsche" allein ein Buch von fast 500 Seiten gewidmet, nachdem sie ihm erstmals vor. dreißig Jahren in der zusammen­hängenden großen dreibändigen Biographie (1896/1904), und wieder dann in vielen Einleitungen zu den Schriften, sowie, Einzelauf­sätzen, unermüdlich nachgegangen war.Wiederholt sie sich da nicht unweigerlich?" ist unsere erstaunte Frage, aber da wird die Antwort immer ihr Werk selbst, ihre eigenste Gründung erteilen: denn wie schon der Bruder ein ewiger Wanderer war, Erwanderer seiner Gedanken, schließlich ein Gipfel-Wanderer, dort, wo unzählige Quellen zu Tale streben, so erscheint nun l)eute dieses Archiv gerade, das die Schwester angelegt, wie ein ernstes Sammel- und Staubecken all der stürzenden Wasser und Brunnen des Erkennens, die seinem einzigen Geiste entsprangen! Und hier, bei den heutigen Waltern und Regulierern dieser Schätze eben ist es, wo man das Gefühl hat, daß noch ein ewiges Fließen und Neuentspringen statt hat, ein noch ewig werdender, längst nicht erstarrter Nietzsche-Strom seiner lebendigen Fluten, Nährquellen erst jener künftigen Kultur, weiter nach unten wälzt.

Und darum, hauptsächlich deshalb ist es, weshalb wir heute Frau Elisabeth Förster-Nietzsche an ihrem 80. Geburtstage aus ganzem Herzen gratulieren: ihr als der Bewahrerin eines größten deutschen Erbes, ihr wie einem Unterpfand, ja der Großsiegelbewahrerin eines allgemeinen Kulturerbes, zu welcher Rolle sie das Schicksal selbst berufen zu haben scheint. Stand doch das Wort vomKolonisieren , Anhauen, Verwalten schon immer über ihrem Leben! So hat sie sich, in mehr wörtlichem Sinne, schon vor mehr als vierzig Jahren trotz Einspruchs von Mutter und Bruder keinen Augenblick bedacht, dem Mann ihrer Wahl, dem (1890 verstorbenen) Dr. Bernhard Förster, fort aus dem geruhigen Thüringen, in ein noch unwirtliches, un­sicheres Paraguay zu folgen, um dort unter schwierigsten Um­ständen zusiedeln", einNueva Germania" sich als neue Heimat zu gründen. Und dorthin hatte ihr schließlich noch der Bruder selbst im letzten Schaffensjahr 1888, denSonnabend vor Ostern" aus Nizza anerkennend geschrieben:Wie Du vomLebenslose" sagst, unddaß es eine schöne Sache sei, dazu zu passen", scheint mir mir wirklich in Deinem Fall keine Selbsttäuschung."Dazu zu passen nämlich hat sie dann auch weiter, in jeder der ihr aufgesparten Lebenslagen, verstanden: denn als ihr nun im fremden Lande plötz­lich der Gatte stirbt, die ausgebrochene Geisteskrankheit des Bruders sie zunächst vorübergehend nach Europa zurückruft, da weiß

das angeborene organisatorische Element in ihr, und diesmal für so viel Höhere geistigen Dinge, sich sofort wieder das Feld zu schaffen. Das Lebenswerk Nietzsches, das unter dem Blitzschlag des Wahn­sinns erstarrt nun findet sie es also als einen ungeheuren Torso vor: ein paar fertige Druckwerke zwar, einzelne Manuskripte gerade beim Verleger, aber daneben nach ein schier unübersehbarer Reichtum an Entwürfen, Studien, Bruchstücken, und dazu die Handschriften, die Briefe, seine Bücher, mit den wichtigen Randbemerkungen, aus die verschiedensten Orte seiner Pilgerfahrt verstreut! Aus Paraguay endgültig 1893 zurückgekehrt, gründet sie schon 1894 in Verbindung mit nur wenigen Freunden, wie Erwin Rohde lind Dr. Fritz Kögel (wieviele Gelehrte aber versagten ihr damals, vollständig ahnungs­los noch, jede Mithilfe!) das erste Nietzsche-Archiv in Naumburg, im Hause der damals noch lebenden Mutter, um es erst nach deren Tode, 1897, nach Weimar zu verlegen. Heute beherbergt es nicht weniger als 17 Druckmanuskripte, an 30 mit losen Blättern gefüllte Mappen, 160 Hefte, Notiz- und Taschenbücher, gegen 1500 eigen­händige Briefe Nietzsches, die Antwortbriefe darauf, darunter Briefe von Richard und Cosima Wagner, Franz Liszt, Taine u. a. an Nietzsche, sämtliche Erstdrucke der von ihm selbst noch besorgten Ausgabe kurz,das handschriftliche Material liegt in einer Lückenlosigkeit vor wie sonst vielleicht, Goethe ausgenommen, bei keinem zweiten Denker".

lind so konnten denn bald auch mehrere, je nach verschiedenen Gesichtspunkten unternommenen Gesamtausgaben der Werke Nietzsches die größte und vollständigste bisher brachte neben den noch von Nietzsche selbst herausgegebenen 8 Bänden nicht weniger als weiters 8 aus den bisher ungdruckten Schriften, Briefen, Ent­würfen, Aphorismen bestehend, wozu schließlich noch drei weitere BändePhilologica" tragen von dem unermüdlichen Forscher­fleißes und dem Organisationsgeist Frau Förster-Nietzsches Zeugnis ablegen. Aber, so wird man vielleicht doch fragen wollen, ge­hörte nicht schließlich zur Vollendung des Riesenwerkes außer der angespanntesten Willenskraft und der unvergleichlichsten innigsten Hingabe und Versenkung immer noch der philosophische Geist des Titanen selber? Nun, wir fühlen, hier stehen wir an den Grenzen des Menschlichen überhaupt, und unser Dank darf immer schon voll und uneingeschränkt sein, wenn wir nur die Aufgabe, die solch ein Geist an jegliche Generation, vor allem aber an uns selbst und jeden einzelnen stellt, rein und unversehrt aus der sorglichsten Hand empfangen. Hier aber könnenLiteraturarchive" als solche, wie sie z. B. auch der Philosoph Dilthey einmal als allgemeine Forderung ausspricht, vor allem eng anschließend an das noch persönlich mit­erlebte Wirken der Größeren errichtet, geradezu Vorbildliches leisten und in dieser immer noch fast einzige» Tat ist Frau Förster- Nietzsche einfach vorangegangen! Dieseeinzige Tat" besteht näm­lich' was heute vergessen werden könnte zuerst immer auch in einem einzigartigen Erkennen: der Erkenntnis von der wahr­haftigen Zukünftigke'it und Ewigkeit eines Objektes, dem bedingungs­losen unerschütterlichen Glaccben daran, auch schon zu einer Zeit und Stunde, wo alle Welt ihm noch blind und taub gegenüber« zustehen pflegt! Dereinsame Nietzsche der Sils-Maria-Zeit mar ja aber schon eine furchtbare Mahnung an alle, und gehört hat schließlich diese Mahnung doch nur ... die Schwester. Gewiß war und ist Frau Elisabeth Förster-Nietzsche nie selbst eine Denkerin, Philosophin gewesen (man müßte sie eher als ein Genie des Han­delns, der aktiven Tat bezeichnen), und so lag und liegt allerdings z>i jeder Zeit in ihrer eigenen unwillkürlichen Stellungnahme auch zu den tiefsten Problemen ihres Bruders leicht die Gefahr einer gewissen Verwirrung vor: wie sie denn z. B. in kritischer Zeit NietzschesWillen zur Macht" eine so äußerliche Interpretation gab, daß der Philosoph für viele Menschen im Ausland geradezu unter die intellektuellen Urheber des letzten Krieges zählte. Anderer- seits aber doch eben auch nur diese Schwester an ihrer lebens­langen Liebe und begleitenden Berehrung für den Bruder das erste, feinste und wichtigste Organ überhaupt für deffen Werk und Be­deutung: und leitet sie uns so seit 30 Jahren durch das Archiv die Schätze seines Geistes unermüdlich zu, so ist schon damit fraglos jedem die Möglichkeit gegeben, sie auch richtig zu verwerten!

Aber, wie wir leider in letzter Stunde hören: selbst dieses kost­barste Kulturgut, das uns ein einzelner da mit unerhörter Willens­kraft aus den Wirbeln der Zeit noch gerettet zu haben schien, ist in Gefahr zu versinken! Auch das Unterhaltungskapital des Nietzsche- Archivs, so lange aus den privaten Mitteln der Schwester und edler Gönner und Freunde gespeist, ist von der Inflation fast völlig auf­gezehrt. Pflicht der Nation wäre es und dies dünkt uns allerdings das einzig angemesfene Geburtstagsgeschenk für Frau Förster- Nietzsche zu [ein!, ihr Werk aus staatlichen Mitteln dauernd zu erhalten!